So viel Zeit
(Leseprobe aus: So viel Zeit, Roman,
2007, Eichborn)
Im Sommer 1982 waren sie davon überzeugt, dass
sie niemals sterben würden.
Fünfundzwanzig Jahre später würde einer der vier verlassen auf einer
Baustelle sitzen und der vermeintlichen Liebe seines Lebens nachtrauern, der
Zweite würde Vater von Zwillingen sein, aber keine Frau mehr haben, der Dritte
in alten Unterhosen auf einem Bett in einem billigen Loch sechshundert Kilometer
weiter östlich liegen, und der Vierte könnte nachts nicht mehr schlafen. Außerdem
würden sie zu fünft sein, denn fünf war die magische Zahl, um die Welt aus
den Angeln zu heben und das eigene Leben zu retten, aber das konnten sie damals
noch nicht wissen.
1982 waren sie zu viert, und die Sonne stand tief. Es war eine staubige,
dunstige Sonne, die jenseits der zwei Kirchtürme am anderen Ende der Stadt
unterging. Sie saßen auf dem Bürgersteig und ließen die Flasche kreisen.
Konni wischte die Öffnung mit dem Ärmel ab und nippte nur, Rainer hatte die
Augen geschlossen, Bulle trommelte einen vertrackten Rhythmus auf seinen
Oberschenkeln, und Ole drehte sich unendlich langsam eine Zigarette.
Sie hatten sich hier zum »Vorglühen« getroffen, um nicht nüchtern auf ihrer
Abiturfeier zu erscheinen. Die Brücke über die Eisenbahnschienen am Lohring
lag nicht gerade auf dem Weg zur Schule, wo in der Pausenhalle bereits der Großteil
der Stufe versammelt war, aber Konni wohnte hier in der Nähe, und sie waren
noch nicht in der Stimmung, sich ins Getümmel zu stürzen.
Rotwein als Grundlage, später würde Bier dazukommen, auch härtere Sachen.
Noch vor Mitternacht würden sie betrunken sein. Außer vielleicht Konni, der
sich meist etwas zurückhielt. Außerdem interessierte er sich für Michaela
Borgfeld und wollte eine gute Figur machen. Die Party heute war die letzte
Gelegenheit.
»Sag mal«, meinte Rainer zu Ole, »willst du das Ding irgendwann mal rauchen
oder im Museum ausstellen?«
»Eine Zigarette ist wie ein guter Freund«, erwiderte Ole, »man sollte sich füreinander
Zeit nehmen.«
»Ich möchte nicht zwischen deinen dürren Fingern stundenlang hin und her
gedreht werden«, sagte Bulle.
»Ich kann nicht mehr sitzen«, sagte Konni, erhob sich und stampfte mit dem
rechten Fuß auf. »Mein Bein ist eingeschlafen.«
Er ging ein paarmal auf und ab, blieb dann vor dem Metallzaun stehen, der
potentielle Selbstmörder davon abhalten sollte, sich ausgerechnet hier auf die
Gleise zu werfen, und schaute in Richtung Stadt.
»Findet ihr das eigentlich schön?«, fragte er, ohne sich zu den anderen
umzudrehen.
Bulle stand auf und stellte sich neben ihn. »Schön ist nicht das richtige
Wort.«
Rainer kam dazu und sagte: »Wenn man sich dran gewöhnt hat, kann man fast
alles schön finden.«
Ole blieb sitzen und schwieg, zündete sich aber endlich seine kunstvoll
gedrehte Zigarette an.
Nach ein paar Minuten der Stille sagte Konni: »Ist das nicht der Moment, in dem
wir uns feierlich ewige Freundschaft schwören müssen? In dem wir uns
gegenseitig sagen, dass wir uns in fünfundzwanzig Jahren hier wiedertreffen
wollen, um zu sehen, was aus uns geworden ist?«
Fünfundzwanzig Jahre – das war mehr als die Ewigkeit. Sie hatten gerade mal
neunzehn Jahre hinter sich, und an die ersten konnten sie sich nicht mehr
erinnern. Die Zukunft war der heutige Abend und der anschließende Sommer. Ole
und Bulle würden ihren Zivildienst antreten, Konni und Rainer hatten sich für
den Bund entschieden.
»Lasst uns gehen«, sagte Ole und stand auf.
Bulle, Rainer und Konni rissen sich von dem Anblick ihrer Heimatstadt los und
folgten ihm zum Wagen. Ole hatte sich für den heutigen Abend den Ford Granada
seines Onkels ausgeliehen. Rainer und Konni saßen hinten, Bulle auf dem
Beifahrersitz. Ole schob die Kassette in den Recorder und Applaus brandete auf.
Dann die ersten Töne dieses wunderbaren Orgelmotivs. Allen vieren jagte es
einen Schauer über den Rücken. Child in time von der nicht zu überbietenden
Made in Japan. Es waren immer die Live-Platten, die einen umhauten.
Dieses Gefühl, dabei zu sein, wirklich das zu kriegen, was man hörte. Und
diese unglaubliche Kraft. Wieso sahen Väter und Mütter nicht ein, dass man das
nicht leise spielen konnte? Ole fuhr auf dem Ring noch zwei- oder dreimal
um die ganze Innenstadt herum, bis die zwölf Minuten, die das Stück dauerte,
um waren. Dann bog er in die Straße zur Schule ein. In acht Ohren klingelte
jene Stille, die man nur genießen kann, wenn man die Nummer zuvor besonders
laut gehört hat. Neun Jahre, Morgen für Morgen. Das war jetzt vorbei. Sie
parkten hinten, an der Turnhalle.
Es wurde bereits getanzt, wenn auch verhalten. Peter Oehlke war für die Musik
zuständig, und deshalb gab es Chartfutter, Dutzendware. Gerade lief Hurra,
hurra, die Schule brennt. Ole, Bulle, Konni und Rainer sahen sich an:
Kindergartenmusik. Wieso nicht gleich Andrea Jürgens? Musik mit deutschen
Texten – das ging gar nicht. Aber sie hatten Punk überstanden, sie hatten
Disco überlebt – sie würden auch die Neue deutsche Welle überleben. Sie
waren schon jetzt unmodern, und sie wussten es.
Rezension I Buchbestellung III07 LYRIKwelt © Eichborn-Verlag