Pink Moon von Frank Goosen, 2005, Eichborn-VerlagFrank Goosen

Ich sah meinen Vater erstmals neunzehn Jahre nach seinem Tod
(Leseprobe aus: Pink Moon, Roman, 2005, Eichborn)

Ich sah meinen Vater erstmals neunzehn Jahre nach seinem Tod. Ich erkannte ihn gleich wieder, auch wenn er mehr als dreißig Jahre älter war als auf dem einzigen Foto, das meine Mutter von ihm aufbewahrt hatte: ein gutaussehender, glattrasierter Mittzwanziger mit Fassonschnitt in einer Prager Seitenstraße, während hinter ihm der Frühling durch die Straßen floh.

Auch jetzt noch sah er gut aus mit seinem kurzen, grauen Haar, der hellen Hose, dem dunklen Jackett und dem gestreiften Hemd, an dem die obersten drei Knöpfe offen standen. Seine Brust war glatt und unbehaart, die Haut hatte den attraktiven Teint natürlicher Bräune, und seine Augen waren von jenem klaren Blau, das meine Mutter um den Verstand gebracht hatte. Sie hat mir nicht viel über ihn erzählt, aber wenn sie es doch tat, endete sie so: "Seine blauen Augen haben mich um den Verstand gebracht. Er war ein Held und toller Tänzer!" Keiner von den Vätern, die sie zwischendurch an mir ausprobierte, erfüllte diese Kriterien.

Mein Vater stand an einer Straßenecke und stritt sich mit einer Frau. Ich drückte mich in einen Hauseingang und sah zu den beiden hinüber. Die Frau rauchte und kaute an den Fingernägeln. Mein Vater redete auf sie ein und machte beruhigende Handbewegungen: so, als wolle er etwas zu Boden drücken. Die Frau schüttelte den Kopf.

Bestimmt eine Viertelstunde betrachtete ich die beiden und fragte mich, wie lange sie da schon standen. Als die Frau sich mit dem Handballen durch die Augen fuhr, wusste ich, dass sie weinte. Mein Vater berührte sie an der Schulter, aber sie schüttelte ihn ab. Er machte einen Schritt zur Seite und wollte an ihr vorbeigehen, sie stellte sich ihm in den Weg. Das ging ein paar Mal hin und her. Dann sagte mein Vater etwas und ließ sie stehen.

Er kam auf mich zu. Ohne nachzudenken, drückte ich auf die zweite Klingel von oben. Der Summer ertönte, und ich trat in den Hausflur. Durch die Rauglasscheibe sah ich einen Schatten vorbeigehen. Ich zählte bis zehn und folgte ihm.

Mein Vater ging Richtung Innenstadt. Ich wechselte ein paar Mal die Straßenseite, ließ mich zurückfallen und holte wieder auf, wenn er um eine Ecke bog. In der Fußgängerzone war es etwas schwieriger, ihm zu folgen. Samstagmittag, die Stadt war voll. Ich zog meine Jacke aus und hielt sie in der Hand. Es war Anfang September, noch immer mehr als zwanzig Grad und blauer Himmel. Bevor in ein oder zwei Wochen unwiderruflich der Herbst kam, wollten die Leute noch ein paar Mal ihre kurzen Röcke, die knappen T-Shirts und die offenen Schuhe und Sandalen ausführen. Sie saßen vor den Eisdielen und den Szene-Cafés, löffelten bunte Becher und betrachteten glücklich kühle Getränke in beschlagenen Gläsern, an denen Wassertropfen herabperlten. Kinder pusteten durch ihre Strohhalme Luft in Apfelschorlen, und ihre Eltern hatten die Welt im Griff, weil sie Sonnenbrillen trugen und niemand ihnen in die Augen sehen konnte.

Mein Vater blieb vor einem chinesischen Restaurant stehen und warf einen Blick auf die Speisekarte, die in einem roten, von einem kleinen Pagodendach gekrönten Schaukasten hing. Er sah durch eines der Fenster und ging weiter.

Als wir zum Bahnhof kamen, fürchtete ich, er würde einen Zug nehmen, aber er ging durch die Halle hindurch, nahm den Südausgang und wandte sich nach rechts. An der Ausfallstraße, die zur Universität hinausführte, lag das Kelo, eine auf drei versetzten Ebenen angeordnete Mischung aus Café, Restaurant und Bar mit Backsteinwänden und Tischen aus Tropenholz, benannt nach einer Nummer von Miles Davis. Ich mochte keinen Jazz. Mein Vater ging hinein, und ich wartete ein paar Minuten, bevor ich ihm folgte.

Caroline saß auf der Empore, zu der links vom Tresen eine kleine Treppe hinaufführte. Mein Vater hatte auf der rechten Seite am Fenster Platz genommen. Ich nickte Caroline zu und setzte mich auf einen Barhocker. Im Spiegel hinter dem Tresen konnte ich trotz der davor aufgereihten Spirituosen meinen Vater beobachten. Ein junger Mann ganz in Schwarz, mit knöchellanger weißer Schürze und dunklen Haaren voller Gel, sah mich fragend an, und ich bestellte einen Kaffee. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Caroline von der Empore kam und sich neben mich setzte. Ihr Haar und ihre cremefarbene Bluse rochen nach kaltem Rauch, ihre Augen waren gerötet und ihr Gesicht ein wenig aufgeschwemmt. Es schien eine lange Nacht gewesen zu sein. Als ich sie darauf ansprach, schüttelte sie den Kopf. Ich fragte sie, ob das eine neue Bluse sei,was sie noch mehr verärgerte.

"Das ist keine nette Frage", sagte sie. Ihrer Stimme war die letzte Nacht noch anzuhören. "Es ist die gleiche Bluse wie gestern. Ich hatte noch keine Gelegenheit, die Sachen zu wechseln. Sie ist zerknittert und riecht nach mir anstatt wie üblich nach teurem Parfüm und Reinigung. Deine Bemerkung war also nicht besonders charmant."

Ungefähr so war seinerzeit der Irrtum unserer Annäherung verlaufen. Äußere Reize, gemeinsame berufliche Interessen und funktionierender Small Talk hatten eine Dynamik in Gang gesetzt, die ein gemeinsames Essen und einen Kuss vor ihrer Haustür nach sich gezogen hatte. Doch schon beim zweiten Treffen waren viele Scherze ins Leere gegangen, und wir hatten beide nur gelacht, um nicht unhöflich zu sein.

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