Pokorny lacht von Frank Goosen, 2003, Eichborn-VerlagFrank Goosen

Pokorny lacht
(Leseprobe aus: Pokorny lacht, Roman, 2003, Eichborn)

Zu Hause riss er zuerst die Fenster auf. Die Luft war abgestanden und muffig, wie immer, wenn er drei Wochen auf Tournee gewesen war. Die dicke Frau Sander, seine Putzfrau, hatte hier zwar einmal in der Woche nach dem Rechten gesehen, dabei aber wieder nicht gelüftet. Er ging in die Küche und machte sich einen doppelten Espresso. Sein Blick fiel auf den Haufen Post, den Frau Sander auf dem Tisch deponiert hatte. Das hatte Zeit. Das waren sowieso nur Rechnungen, Programme von Kleinkunsttheatern und Veranstaltern, die seinen Agenten umgehen wollten, weil sie glaubten, dann kriegten sie Friedrich Pokorny billiger. Mit der Tasse in der Hand ging er nach draußen.

Der Garten war in einem schlimmen Zustand. In den nächsten Tagen würde er Maus anrufen müssen, den pensionierten Gärtner, der ihm das Grünzeug in Ordnung hielt.

Er zog seine Schuhe aus und ging über den Rasen. Er liebte das. Manchmal erwischte er sich dabei, wie er schon im Zug, zwei Stunden vor der Ankunft am heimischen Bahnhof, diesem Moment entgegenfieberte.

Er trank den Espresso im Stehen und dachte an nichts. Dann ging er wieder hinein und packte seinen Koffer aus. Im Keller warf er die Leibwäsche in die Waschmaschine und stopfte den Rest in den großen Stoffsack, den die Reinigung am nächsten Morgen abholen würde.

Jetzt wäre Zeit für die Post gewesen, aber ihm ging nun die Stille im Haus ein wenig an die Nerven. Das passierte meistens eine bis anderthalb Stunden, nachdem er von einer Reise zurückgekommen war. Er legte A Man Alone von 1969 in den CD-Player, die Platte, die Rod McKuen eigens für Sinatra komponiert hatte. Wahre Fans hielten nicht viel von dieser Schaffensphase des Meisters. Zu viele sentimentale Balladen, kein Biss, kein Swing. Friedrich fand, es war die richtige Musik für einen einsamen Mann, der gern heimlich in Selbstmitleid versank.

Er wollte gerade in die Küche gehen und sich endlich der Post zuwenden, als das Telefon klingelte. Es war sein Vater.
"Bist du wieder zu Hause?"
Sag bloß nicht Guten Tag, alter Mann, dir könnte die Zunge im Maul verdorren.
"Hallo Papa, wie geht es dir?"
"Ach, wie soll es mir gehen ..." Pause.
So war das immer. Sein Vater rief an, beklagte sich und wartete darauf, dass sein Sohn das Gespräch bestritt. Friedrich tat ihm den Gefallen.
"Was macht der Rücken?"
"Ach, was soll mein Rücken schon machen ..."
"Soll ich heute Abend mal vorbeikommen?"
"Tja, wenn du meinst..."
"Möchtest du, dass ich vorbeikomme?"
"Also, wenn es dein Terminplan erlaubt..."
"Er erlaubt es."
"Tja, wenn du einen Teil deiner kostbaren Freizeit mit deinem alten Vater verbringen möchtest..."
Friedrich atmete hörbar aus. Konnte sein Vater überhaupt noch einen Satz sagen, der nicht in drei Punkten endete?
"Also, wenn dir das alles zu viel wird", sagte der alte Pokorny, "dann bleib lieber zu Hause."
"Ich komme am frühen Abend vorbei."
"Sehr genaue Zeitangabe!"
"Gegen sieben."
"Gegen sieben? Na ja, dein alter Vater hat ja nichts mehr vor. Der sitzt nur blöd rum und wartet darauf, dass der Herr Sohn mal vorbeikommt."
"Ich bin um Punkt sieben bei dir. Zufrieden?"
"Ich weiß nicht. Hört sich an, als wäre es eine enorme Überwindung für dich." "Das stimmt nicht. Also um sieben?" "Tja, wenn du meinst..."
Sie legten auf.

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