Ein Mensch ertrinkt
(aus: Ein Mensch ertrinkt,
Roman, 1988, Wallstein-Verlag)
Die Verzweiflung
reißt Marie den Mund auf. Unvermittelt, beinahe unbewußt fängt sie zu schreien an. Es
ist der Schrei aller Verzweifelten in dieser Stadt, der Schrei, den viele nicht zu
schreien wagen, aus Furcht vor sich selbst und vor den Nachbarn.
Marie sieht durch das Fenster hinaus in die schwarze Nachtlandschaft der Kamine und
erbricht die Qual, die sie würgt, als Schrei. Wenn der Schrei lautlos wäre, würde sich
niemand um ihn kümmern. Aber so stört er die Ruhe des Hauses. Der am Ende des Flures
wohnende Hausdiener, der noch wach ist, stürzt an Maries Tür und öffnet sie mit einem
Nachschlüssel.
»Was ist denn los, was ist denn passiert?« fragt er. »Sie wecken ja das ganze Haus
auf!« Er stellt sich zwischen Marie und die schwarze Nacht. Maries Augen kommen langsam
zu sich, auch die Ohren, durch die das Hallelujah der Gasse in das bedrückte Gehirn
geglitten war, und ihr Mund, das Ventil, durch das die Verzweiflung einen Ausweg suchte.
Plötzlich zum Schweigen gebracht, richtet sie den unnatürlich steifen Blick auf den
Eindringling. Der spürt, daß er den Kummer des Mädchens ausbeuten kann. Er hält den
Moment für gekommen, in dem er sich für die erlittene Abfuhr von damals rächen kann.
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