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Ernster als Liebe
(Leseprobe aus:
Ernster als Liebe, Roman, 2011, Deuticke
- Übertragung Susanne Costa).
Erstes Trimester
1
Penola Highschool, Cameron Street, Klasse 1 A, Februar
1964, unser zweiter Schultag. Sie kommt in unsere Klasse
und in unser Leben mit den abgehackten Trippelschritten
einer Marionette. Liegt das an den absurd hohen Absätzen?
Selbst auf diesen Stelzen ist sie winzig, kleiner als die meisten
von uns und wahrscheinlich nicht viel älter. Nicht dass
sie jemand für eine Schülerin halten könnte. Ein enger roter
Rollkragenpulli modelliert die kleinen symmetrischen
Brüste darunter; ihre enge schwarze Hose wird durch eine
Art Steigbügel unter ihren Füßen im Inneren dieser gefährlichen
Schuhe noch enger gespannt.
»Eine Skihose«, flüstert Anne Hunter über den Zwischengang
hinweg, voll Bewunderung.
Alle sind wir voll Bewunderung. Sie ist die kleinste Frau,
die wir je gesehen haben, doch sie ist so perfekt proportioniert,
dass sie eher einer Puppe gleicht als einem Menschen.
Ist sie überhaupt ein Mensch? Ich frage mich. Hat sie einen
Nabel? Der Nabel ist der Beweis, nach einer der letzten
phantastischen Geschichten. Ihr dunkles Haar ist nach hinten
zu einer Rolle gestrafft, die so hart ist wie eine Handgranate
und ihren schlanken Hals und ihr elfenartiges Gesicht
betont: ein Gesicht, das ganz sicher zu zart ist, um so riesige
Augen und so hohe Wangenknochen zu umrahmen. Doch
dieses winzige, perfekte Gesicht ist ausdruckslos, so ungerührt
wie die Maske eines Roboters. Ich halte nach weiteren
Beweisen Ausschau: Wird sie – wird er – blinzeln?
»Audrey Hepburn«, flüstert Anne Hunter.
»Ein Cyborg-Duplikat«, flüstere ich zurück.
Anne lächelt unsicher, sie lächelt bei allem, was ich sage,
besonders wenn sie es nicht versteht.
»Ein Roboter, Dummkopf.«
Ein Roboter mit Lampenfieber. Ein halbes Lächeln ist
auf seinem Gesicht eingefroren; er leckt seine Lippen, öffnet
den Mund, als ob er etwas sagen wolle, schließt ihn wieder.
Leckt wieder. Wir warten, hypnotisiert. Jemand kichert
nervös, dann noch jemand; vielleicht ich. Wird der Roboter
denn überhaupt sprechen? Er blickt hilfesuchend um
sich, ergreift dann ein Stück Kreide und klickt mit großer
Willensanstrengung und ziemlicher Heftigkeit die Worte
MISS PEACH an die Tafel. Nachdem er zwei Worte mit
der Hand hervorgebracht hat, scheint er nun in der Lage zu
sein, noch ein paar mit dem Mund zu produzieren: »Guten
Morgen, 1 A.«
Ein Chor unzusammenhängendes Gemurmel: »Guten
Morgen, Miss Peach.«
Das fixierte halbe Lächeln wird zu einem Dreiviertellächeln
und fast menschlich.
»Das ist eure erste Woche in der High School, 1 A – aber
auch für mich. Also wenn ihr ein bisschen nervös seid, dann
denkt auch an mich.«
Oft geprobte Roboterworte, doch einige der Mädchen
lächeln ermutigend zurück; ihr eigenes Lächeln (ja, ihres –
jetzt ist es definitiv menschlich) wird darauf hin noch breiter.
»Versuchen wir alle, noch einmal Guten Morgen zu sagen.
Noch einmal, mit Gefühl?«
Was das heißen soll, ist uns zu hoch; sie schwenkt ihr
Kreidestück wie einen Stab: »Fertig? Guten Morgen, 1 A.«
Ein paar Stimmen mehr geben die richtige Antwort, in
der richtigen Lautstärke. Meine ist nicht darunter.
»Viel besser, 1 A. Setzen bitte, ich werde euch aufrufen.«
Was folgt, ist weniger der Vorsatz einer Klasse voll Jungs
als der Instinkt eines Piranhaschwarmes, der mit einem Gehirn
agiert. Der Lärm, als wir uns hinsetzen, ist ohrenbetäubend:
ein absichtliches, in die Länge gezogenes Klappern
und Scharren von nach vor und zurück gerückten metallenen
Stuhlbeinen auf dem Holzboden, wobei die Beine meines
Stuhls am lautesten sind.
Anne Hunter dreht sich zu mir, voll Entsetzen. »Aber sie
ist doch so schön, Robbie!«
Eher Erstaunen als Entsetzen in Miss Peachs Elfengesicht.
»Ich denke, wir sollten das noch einmal machen, 1 A.«
Noch ein vorsichtiges Lächeln. »Noch einmal – mit weniger
Gefühl. Alle aufstehen, bitte.«
Als wir aufstehen, ist das Klappern noch ohrenbetäubender
als beim Hinsetzen. Da ich einen Kopf und eine Schulterpartie
größer bin als meine Klassenkameraden, beobachte
ich, wie sie zusammenzuckt, als wäre sie geschlagen
worden, und dann wieder starr dasteht. Weinen Roboter?
Asimov sagt nichts über dieses Thema, doch Tränen könnten
ein weiterer Beweis sein. Blut ist es sicher, und ich kann
das Blut im Wasser riechen. Irgendetwas in diesem wunderschönen
perfekten Wesen bettelt darum, zu etwas Hässlichem
gemacht zu werden. Oder etwas Verletzliches bettelt
darum, verletzt zu werden.
Sie gibt sich Mühe, nicht so verletzlich zu sein. »Ihr seid
jetzt Schüler der High-School. Außerdem seid ihr im ersten
Zug.« Ihr Tänzerinnengesicht ist komisch ernst, ihre Empörung
gezwungen – noch eine Seite mit Schauspielertext, der
noch nicht richtig geprobt wurde. »Doch wenn ihr euch unbedingt
wie Kleinkinder benehmen wollt, dann kann ich
euch gerne wie Kleinkinder behandeln. Also: Wir machen
das jetzt noch einmal. Die Jungen bleiben stehen. Die Mädchen
– alle zusammen setzen.«
Die Stühle der Mädchen könnten dahinschwebende
Luftkissenboote sein. Als sie sich setzen, klingt das wie eine
Brise, die durch die Blätter raschelt.
»Ich hoffe, ihr habt aufgepasst, Jungs. Denn nun seid ihr
dran. Wartet!« Ein paar Stühle scharren bereits. »Ihr werdet
das anders machen. Jeder von euch sagt mir seinen Namen,
einer nach dem anderen. Dann, und nur dann, setzt ihr
euch hin. Name?«
»Brian Bell, Miss.«
»Setz dich bitte, Brian.«
Eine glückliche erste Wahl. »Tinker« Bell, der Sohn des
Direktors und Streber der Klasse, setzt sich so ruhig hin wie
das Mädchen, das er halb ist. Erleichtert stöckelt Miss Peach
den ersten Zwischengang hinunter und jeder Rüpel folgt
brav seinem Beispiel.
»Name?«
»Robert Burns, Miss.«
Ein Funke des Interesses, als sie herauf in meine Augen
blickt. »Ach ja. Der Karnickelmann.« Ein Lächeln. »Wie der
Dichter. Du hast einen berühmten Namen, Robert.«
Ich habe vor, ihn berühmt zu machen, sage ich fast zu
ihr. Berühmt wegen mir. Sie sieht noch jünger und kleiner
aus, als sie so aus der Nähe zu mir heraufblickt. Wenigstens
heiße ich nicht wie ein berühmtes Obst, möchte ich sagen.
Im Gegensatz zu jeder anderen Frau in der Stadt trägt sie
kein Make-up außer Lippenstift; so könnte ihr ungepudertes
Gesicht doch das Gesicht einer Schülerin sein. Ich fühle
den Drang, ihr einen Stoß zu geben, sie auf diesen hohen,
erwachsenen Absätzen aus der Balance zu bringen.
»Schreibst du auch Gedichte, Robert?«
(...)
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