|
|
Der Name der
Mutter
(Leseprobe aus: Heimweh nach
Nirgendwo, 2005, Deuticke -
Übertragung Miriam Mandelkow)
In den achtziger Jahren, als junge
Braut, nannte ich mich Vesna Bjelogrliç-Goldsworthy. Auf dem Papier wirkt der
Name länger als seine neun Silben. Der sperrige Doppellader war ein Kompromiß
zwischen Patriotismus, dem reflexartigen Feminismus einer Belgrader Prinzessin
und jenem romantisch-unterwürfigen Impuls, der Frauen wie mich – zwei Drittel
Simone de Beauvoir, ein Drittel Tammy Wynette – dazu veranlaßt, Gehorsam zu
geloben, bis daß der Tod uns scheidet. Den Namen zu buchstabieren, wurde
allerdings bald sehr lästig. Meine serbischen Landsleute, die nicht gewillt
waren, Goldsworthy auch nur in Erwägung zu ziehen, bevorzugten Goldsvorti,
Golsforti, Golzuordi und sogar Golsvorti, in Anlehnung an den Schriftsteller
John Galsworthy, dessen hohes literarisches Ansehen in Serbien dadurch
dokumentiert wird, daß im Norden Belgrads eine Straße nach ihm benannt ist.
Selten machte ich mir die Mühe, dort irgend jemanden zu korrigieren, wie ich
auch in England niemanden je verbessert habe, der sein Erstaunen über den
serbischen Namen Vanessa zum Ausdruck bringt. Immer noch besser als Vesta oder
Vespa. Vanessa ist, namenskundlich betrachtet, meine Tarnkappe.
Bjelogrliç, Bjelogerlitsch ausgesprochen, entpuppte sich für die Engländer
bald als Hindernislauf. Dabei handelt es sich um ein zünftiges slawisches »Itsch«,
wie Evelyn Waugh einst bemerkte, und wer Ivlin Vo heißt, kennt sich aus mit
zünftigen Namen. Bjelogrliç bedeutet »Sohn der weißen Kehle«, was
zugegebenermaßen eher an einen Sioux-Häuptling denken läßt, auf Serbisch
jedoch völlig harmlos klingt, sogar einen Hauch distinguiert. An meinem
Hochzeitstag im November 1986 holte der Standesbeamte in Hammersmith jedesmal
tief Luft, wenn er sich dem Namen näherte, und brachte es tatsächlich fertig,
ihn kein einziges Mal zu bewältigen. Der arme Mann tat mir leid. Die Braut, der
Bräutigam und die beiden Trauzeugen (somit die gesamte Hochzeitsgesellschaft)
schnappten gemeinschaftlich nach Luft, wann immer er zum B. kam. Was für eine
Strapaze!
Seitdem haben wenige beherzte Zeitgenossen das Experiment gewagt. Blog-litch war
das übliche Ergebnis. Nach einiger Zeit ließ ich den Namen fallen. Ich bewies
mir nichts mit den endlosen, ermüdenden Wiederholungen – B wie Beat, J wie
Jesus, E wie England, L wie Lust, O wie O Gott – und ihren Varianten. Ich
hatte zu viele Namen, um an einem so sehr zu hängen. Selbst Goldsworthy ist
mehr, als man seinen Mitmenschen normalerweise zumuten sollte. Gelegentlich
jedoch – heute, zum Beispiel – packt mich jäh das Bedürfnis, der ganzen
Welt beizubringen, wie man Bjelogrliç richtig ausspricht.
Der erste Bjelogrliç war tatsächlich – oder angeblich tatsächlich – der
Sohn einer »weißen Kehle«. Das gehört zur matriarchalischen Geschichte
meiner Patriarchen. Im frühen neunzehnten Jahrhundert floh meine Urmutter mit
zwei kleinen Söhnen vor einer fast vergessenen montenegrinischen Blutfehde in
die osmanische Herzegowina und weigerte sich fortan, ihren Namen preiszugeben.
Sie ließ sich in Lipnik nieder, einem Bergdorf, das gerade mal einen Steinwurf
vom Land ihrer Vorväter entfernt war, aber jenseits der Stammesgrenze lag, die
sie von einem unverständlichen Streit trennte, der das Leben ihrer Söhne
bedrohte. Die Kleider der jungen montenegrinischen Witwe zeigten mehr Hals als
jene ihrer orthodoxen herzegowinischen Schwestern, deren Bekleidung sich kaum
von der Kopf-bis-Fuß-Bedeckung muslimischer Frauen unterschied. Die bevorzugte
Farbe war Schwarz: ideal für Trauer und Tarnung. Dies war keine Welt, in der
Schönheit nur Ärger brachte.
Lipnik lag im Hoheitsgebiet des Smail Aga Cengic, eines für seine
Blutrünstigkeit berüchtigten Feudalherrn, von dem ein kroatisches Versepos aus
dem neunzehnten Jahrhundert erzählt. Auch meine Vorfahren, inzwischen
Paradeexemplare der christlichen rajas, der Untertanen des glorreichen
türkischen Reiches, sollten darin bald eine Rolle spielen – mit
ausgestreckten Händen »Brot, Herr, Brot« bettelnd, bevor sie sich dem
heldenhaften Aufstand anschlossen, in dem Smail Aga (englisch Smile Aga
ausgesprochen) brutal ermordet wurde. Das war wohl nicht mehr und sicher nicht
weniger, als er verdient hatte.
Der Bericht von Smail Agas Enthauptung – zufällig durch die Hand der
Stammesbrüder meiner montenegrinischen Großmutter – war und blieb eine ihrer
liebsten Gutenachtgeschichten. Über die Jahre hatte Großmama, einer
christlich-orthodoxen Scheherezade gleich, zwei Schelmenroman-Varianten
desselben Vorgangs ersonnen. Eine große Schlachtfeldszene, in der nach dem
kräftigen Schwung eines montenegrinischen Schwerts ein Kopf mit Turban wie ein
vom Schläger getroffener Kricketball durch die Luft fliegt. Und eine insgesamt
saftigere, aber unwahrscheinlichere Version, in der Smail von tanzenden
Montenegrinerinnen und der Aussicht auf Musik und Leckereien von den Truppen
weggelockt wird. Das Ende ist dasselbe.
Der Kopf des »Türken« wurde dem Fürstbischof am montenegrinischen Hof bei
Cetinje als Geschenk dargebracht und derart auf einem Gestell befestigt, daß er
sich jedesmal, wenn der Herrscher die Tür öffnete, vor ihm verneigte. Wenn
seine Untergebenen auch nur entfernte Ähnlichkeit mit meiner Großmutter
hatten, dann dürfte der Fürst, ein Dichter und Mönch, kaum gewagt haben, sich
über dieses Geschenk zu beschweren.
»Mama«, beschwor meine Mutter sie, »das ist doch keine Geschichte für
Kinder. Sie werden die ganze Nacht nicht einschlafen können.« Ihrem Bemühen,
ihre Töchter vor diesen ausgesprochen unbürgerlichen Versionen der
Balkangeschichte zu bewahren, war niemals ungetrübter Erfolg beschieden.
Viele Jahre später regte sich Mutter erneut entsetzlich auf, als Großmama
meinen englischen Gatten darüber aufklärte, wie man Menschenköpfe
konserviert. Ihre Diskussion, bei der ich als Dolmetscherin fungierte, kreiste
um die Vorteile des Pökelns gegenüber dem Salzen des abgetrennten Hauptes,
eine erfrischende Variante von »Omas Lieblingsrezept«. Selbstredend hatte
Großmama keine Erfahrung mit der Kopfjagd, ahnte aber, was mein Mann, der vor
kurzem sein Studium der Geschichte des Balkans abgeschlossen hatte, hören
wollte, außerdem fand sie, daß eine klitzekleine Drohung ihren exotischen
Schwiegerenkel zur Achtsamkeit anhalten würde.
Sie verbreitete ihre Ansichten mit mädchenhaftem Blinzeln und einem
ausholenden, köpfenden Schwung ihrer runzligen Hand, während sie sich damit
brüstete, daß ihr wilder Stamm als ultimative Auszeichnung von seinen
türkischen Feinden als »Hurensöhne« bezeichnet worden sei. Für eine Frau,
die mit kaum zehn Jahren in eine feine, elegante Stadt des einstigen
österreichisch-ungarischen Reiches übersiedelt war, schien mir ihre Verbindung
zum osmanischen Balkan des neunzehnten Jahrhunderts doch erstaunlich lebendig zu
sein, so als wäre nichts von dem, was sich im gesamten zwanzigsten Jahrhundert
zugetragen hat, so recht mit der triumphalen Bezwingung des Sultans
vergleichbar, bei der ihr eigener Großvater eine kleine Rolle gespielt hatte.
Rezension I Buchbestellung I home IV05 LYRIKwelt © Deuticke