Über dei Flüsse von Georges-Arthur Goldschmit, 2001, Ammann

Georges-Arthur Goldschmidt

Über die Flüsse
(Vorwort aus:
La traversée des fleuves/Über die Flüsse, Autobiografischer Roman, 1999/2000, Ammann)

Möglicherweise weiß doch der Autor am besten, was und wie er es meinte, er versteht den Text, so wie er ihn im Entstehen in sich fühlte; jedenfalls, wenn er das Glück hat, »zweisprachig« und selber Übersetzer zu sein, weiß er genau, wie und ob er seinen Text in der anderen Sprache erkennen würde. Er weiß, wie seine Inbilder aussehen, wie sie liegen, und es kommt darauf an, daß diese Inbilder auch für ihn in der anderen Sprache die gleichen sind, daß sie erkennbar bleiben, in ihm so stehen, wie er sie empfand. Es geht darum, daß es derselbe Text bleibt. Es geht auch darum, daß der Text nicht von der anderen Sprache umgestaltet wird. Deshalb wurde so genau, so wortgetreu wie nur möglich übersetzt, ohne vom Text abzuweichen. Die seltenen Fälle, wo es geschehen ist, werden durch eine Fußnote gekennzeichnet. Der Autor-Übersetzer wurde immer von dem Hintergedanken der möglichen Rückübersetzung geleitet. Es galt dem Ursprungstext so nahe zu bleiben wie nur möglich, ohne hineinzuinterpretieren, ohne den Text der Zielsprache mehr als nötig anzupassen. Und doch, durch den anderen Sprachklang, durch die anderen Sprachvorstellungen ist es ein anderer Text geworden.

Gerade der Übergang von einer Sprache in die andere ist das interessante Problem. Wie bei jeder Übersetzung aber bleibt ein Rest hängen, es ist derselbe Text, dennoch wird er ganz anders, da die Zielsprache eine ganz andere ist. Über den Rand der Sprache kommt man nie in die andere, und der Rand bleibt hinten. Die eine Sprache läßt man liegen mit allem, was sie ausmacht, und versetzt seinen Stoff in eine völlig andere Sprache. Gerade dies ist das Rätsel des Übersetzens, das Risiko, dem sich jeder Übersetzer ausliefert.

Das Erlebte, das »leibliche Emp&Mac222;nden«, soll von der Lebenssprache (das Französische) in die Muttersprache (das Deutsche) übertragen werden, ohne umgefärbt zu werden. Wie kann man, immer wieder stellt sich diese Frage, bei jedem Satz, der geschrieben wird, in die Sprache zurück&Mac222;nden, aus der man ausgeschlossen wurde? Meine Muttersprache war mir verboten worden, und doch verwechselte ich sie nie mit den Verbrechen, die mittels ihrer begangen wurden. Menschen zu beseitigen, nur weil sie geboren waren.

Vor allem soll gezeigt werden, daß keiner die Sprache eines anderen bestimmen kann im Namen irgendwelcher sogenannter Zugehörigkeit. Jede Sprache gehört jedem. Mir aber wurde von den Hitlerbarbaren die deutsche Sprache verboten, ich wurde als zehnjähriger Junge aus ihr verstoßen. Mir wurde bestellt, ich löge, wenn ich ein deutsches Wort in den Mund nähme, ich sei nicht zum Deutschen berechtigt. In der deutschen Sprache wurden auch alle Vorkehrungen erdacht und getroffen, um meinesgleichen abzuschaffen. Das Deutsche wurde die Sprache des Verbrechens und des Mordens, die Sprache wurde geschändet und verdorben wie sonst keine andere, Paul Celan hat es in Bremen gesagt: »Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah«, aber, wie er auch sagte: »Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja trotz allem«, und mir, trotz allem, wurde sie zurückgeschenkt, bewahrt geblieben.

Das Französische, die Sprache der Befreiung und des Widerstands, hat mir das Deutsche zurückgeschenkt, wieder verfügbar und wie unversehrt. Die Sprache blieb erhalten, gerettet, wieder brauchbar gemacht wurde sie durch die andere Sprache, die Sprache der Aufnahme und der Rettung, die auch das Menschenbild bewahren konnte. Daher aus derselben Hand die deutsche Fassung des französischen Textes.

Auch soll versucht werden, denselben Text von einer Sprache des »Understatements«, des Auslassens, des Überspringens, der Andeutung und des Einvernehmens in eine Sprache zu bringen, die eben nichts verschweigt, alles analysiert und darlegt, die den ganzen Weg beschreibt, wo das Französische nur das entfernte Ziel im Auge hat. Die Schwierigkeit besteht darin, von einer Sprache, in der das Psychologische, die Beziehungen der Menschen zueinander besonders ausgearbeitet und ausgeprägt sind, das Französische, in eine viel sachlichere, mehr auf materielle, auf räumliche Genauigkeit gerichtete Sprache, das Deutsche, zu kommen. Im Buch Als Freud das Meer sah wurde versucht, solche Differenzen zu erklären, die hier bei der Übersetzung angegangen worden sind. Es geht um die Übermittelbarkeit des Erlebten, welches zwischen den Sprachen liegt, aber sich nur in der Sprache verwirklicht. Auch braucht der Übersetzer-Autor das Übersetzen als Bestätigung der dargestellten Inwelt, und dabei merkt man, daß man doch nur aus einem stummen Vortext, der schon immer da war, übersetzt hat. Hat man nun wirklich das Glück gehabt, von diesem Vortext als vom eigenen Unbewußten geleitet worden zu sein, kann man dann selber, soweit man sie beherrscht, den Text in alle Sprachen der Welt übertragen, denn das Sprachliche überhaupt ist doch das Allermenschlichste an sich.

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