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Über
die Flüsse
(Vorwort aus: La traversée des
fleuves/Über
die Flüsse,
Autobiografischer Roman, 1999/2000, Ammann)
Möglicherweise
weiß doch der Autor am besten, was und wie er es meinte, er versteht den Text,
so wie er ihn im Entstehen in sich fühlte; jedenfalls, wenn er das Glück hat,
»zweisprachig« und selber Übersetzer zu sein, weiß er genau, wie und ob er
seinen Text in der anderen Sprache erkennen würde. Er weiß, wie seine Inbilder
aussehen, wie sie liegen, und es kommt darauf an, daß diese Inbilder auch für
ihn in der anderen Sprache die gleichen sind, daß sie erkennbar bleiben, in ihm
so stehen, wie er sie empfand. Es geht darum, daß es derselbe Text bleibt. Es
geht auch darum, daß der Text nicht von der anderen Sprache umgestaltet wird.
Deshalb wurde so genau, so wortgetreu wie nur möglich übersetzt, ohne vom Text
abzuweichen. Die seltenen Fälle, wo es geschehen ist, werden durch eine Fußnote
gekennzeichnet. Der Autor-Übersetzer wurde immer von dem Hintergedanken der möglichen
Rückübersetzung geleitet. Es galt dem Ursprungstext so nahe zu bleiben wie nur
möglich, ohne hineinzuinterpretieren, ohne den Text der Zielsprache mehr als nötig
anzupassen. Und doch, durch den anderen Sprachklang, durch die anderen
Sprachvorstellungen ist es ein anderer Text geworden.
Gerade der Übergang von einer Sprache in die andere ist das interessante
Problem. Wie bei jeder Übersetzung aber bleibt ein Rest hängen, es ist
derselbe Text, dennoch wird er ganz anders, da die Zielsprache eine ganz andere
ist. Über den Rand der Sprache kommt man nie in die andere, und der Rand bleibt
hinten. Die eine Sprache läßt man liegen mit allem, was sie ausmacht, und
versetzt seinen Stoff in eine völlig andere Sprache. Gerade dies ist das Rätsel
des Übersetzens, das Risiko, dem sich jeder Übersetzer ausliefert.
Das Erlebte, das »leibliche Emp&Mac222;nden«, soll von der Lebenssprache
(das Französische) in die Muttersprache (das Deutsche) übertragen werden, ohne
umgefärbt zu werden. Wie kann man, immer wieder stellt sich diese Frage, bei
jedem Satz, der geschrieben wird, in die Sprache zurück&Mac222;nden, aus
der man ausgeschlossen wurde? Meine Muttersprache war mir verboten worden, und
doch verwechselte ich sie nie mit den Verbrechen, die mittels ihrer begangen
wurden. Menschen zu beseitigen, nur weil sie geboren waren.
Vor allem soll gezeigt werden, daß keiner die Sprache eines anderen bestimmen
kann im Namen irgendwelcher sogenannter Zugehörigkeit. Jede Sprache gehört
jedem. Mir aber wurde von den Hitlerbarbaren die deutsche Sprache verboten, ich
wurde als zehnjähriger Junge aus ihr verstoßen. Mir wurde bestellt, ich löge,
wenn ich ein deutsches Wort in den Mund nähme, ich sei nicht zum Deutschen
berechtigt. In der deutschen Sprache wurden auch alle Vorkehrungen erdacht und
getroffen, um meinesgleichen abzuschaffen. Das Deutsche wurde die Sprache des
Verbrechens und des Mordens, die Sprache wurde geschändet und verdorben wie
sonst keine andere, Paul Celan hat es in Bremen gesagt: »Sie ging hindurch und
gab keine Worte her für das, was geschah«, aber, wie er auch sagte: »Sie, die
Sprache, blieb unverloren, ja trotz allem«, und mir, trotz allem, wurde sie zurückgeschenkt,
bewahrt geblieben.
Das Französische, die Sprache der Befreiung und des Widerstands, hat mir das
Deutsche zurückgeschenkt, wieder verfügbar und wie unversehrt. Die Sprache
blieb erhalten, gerettet, wieder brauchbar gemacht wurde sie durch die andere
Sprache, die Sprache der Aufnahme und der Rettung, die auch das Menschenbild
bewahren konnte. Daher aus derselben Hand die deutsche Fassung des französischen
Textes.
Auch soll versucht werden, denselben Text von einer Sprache des »Understatements«,
des Auslassens, des Überspringens, der Andeutung und des Einvernehmens in eine
Sprache zu bringen, die eben nichts verschweigt, alles analysiert und darlegt,
die den ganzen Weg beschreibt, wo das Französische nur das entfernte Ziel im
Auge hat. Die Schwierigkeit besteht darin, von einer Sprache, in der das
Psychologische, die Beziehungen der Menschen zueinander besonders ausgearbeitet
und ausgeprägt sind, das Französische, in eine viel sachlichere, mehr auf
materielle, auf räumliche Genauigkeit gerichtete Sprache, das Deutsche, zu
kommen. Im Buch Als Freud das Meer sah wurde versucht, solche Differenzen zu
erklären, die hier bei der Übersetzung angegangen worden sind. Es geht um die
Übermittelbarkeit des Erlebten, welches zwischen den Sprachen liegt, aber sich
nur in der Sprache verwirklicht. Auch braucht der Übersetzer-Autor das Übersetzen
als Bestätigung der dargestellten Inwelt, und dabei merkt man, daß man doch
nur aus einem stummen Vortext, der schon immer da war, übersetzt hat. Hat man
nun wirklich das Glück gehabt, von diesem Vortext als vom eigenen Unbewußten
geleitet worden zu sein, kann man dann selber, soweit man sie beherrscht, den
Text in alle Sprachen der Welt übertragen, denn das Sprachliche überhaupt ist
doch das Allermenschlichste an sich.
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