Die Aussetzung von Georges-Arthur Goldschmidt, 1996, Ammann

Georges-Arthur Goldschmidt

Die Aussetzung
(Leseprobe aus:
Die Aussetzung, Roman, 1996, Amman)

Scherenschnittgenau stand der tellerblaue Morgenhimmel über dem Bergkamm, jede Tanne davor ausgespart. Die noch länglichen Schatten bildeten die Unebenheiten der Abhänge nach. Aus der Schlucht stiegen Dampfschwaden vom Nachtregen auf. Der Junimorgen leuchtete wie schon seit Tagen nicht mehr, das Licht war hochgolden, die Umrisse scharf, ein Tag voll Erwartungen und sich öffnenden Weiten.
Über das Fenstersims hinuntergebeugt konnte man mit den Kieselsteinen vor dem Haus spielen und zugleich drinnen mit den Füßen auf dem Holz des Fußbodens scharren. Im Hintergrund stampfte der Bauer umher und die Kühe rasselten an den Ketten im Stall während die beiden Töchter sie versorgten. Seitlich vom Wohnraum, hinter einer dünnen Holzplanke, lag der Stall unter niedrigen Deckenbalken, waagrechte Tannenstämme, vielleicht vor langer Zeit am Abhang im Rauschen des Sonnenmorgens gestanden. Die Knollen und Ansätze der Äste standen dunkelbraun heraus. Vor genau hundert Jahren, 1844, waren die Balken eingesetzt worden.
An diesem Morgen sollten sie beide, der Bauer und der Knabe, Mist fahren und er hatte sich schon vorgestellt, wie die eingesackte überkrustete hartgrau gewordene Oberfläche reißen würde mit der warmbraunen, durchhalmten Masse darunter.
Er ließ die Arme baumeln und hinter ihm lag der längliche holzgetäfelte Raum, stand der runde Tisch am Fenster mit dem rotkarierten Wachstuch. An der Wand hinter die Monstranz unter einer Glashaube und auf dem Bord der Radioapparat. Im ganzen Haus waren es die einzigen glattglänzenden Gegenstände, sonst war alles rauh, hart, hölzern, abgeschabt von altem Gebrauch, die Tonteller blasenüberzogen. Im Schrank der Bäuerin lag ein seidenes Tuch, über welches sie manchmal mit der Hand strich, als wolle sie auch Regelmäßiges, Glattes, Sanftes fühlen.
Der Radioapparat war aus braunlackiertem Holz, in der Mitte eine runde stoffüberspannte Öffnung mit Goldfäden durchwoben. Wenn man leise mit dem Finger darauf trommelte, durchzuckte die Leere dahinter den Körper. Zum Radiohören lehnte sich der Bauer an die Holzwand mit dem Bord in Kopfhöhe, er hörte das Schweizer Radio, Radio Sottens, Radio London und Radio Paris, den Sender des verratenen Frankreichs, da sprachen immer mit krächzenden, heiseren Stimmen die Kollaborateuere, von denen der Knabe, obgleich er doch Deutscher war und noch ein Kind, wußte, daß sie sich nur aus Feigheit dem Nazisieger ausgeliefert hatten.
Am liebsten hörte er Radio London, zur vollen Stunde, die von einem motorradähnlichen Geknatter immer wieder überdeckt wurde, er wußte, daß da Freunde sprachen und jedesmal, wenn die breite, ein wenig belegte und belustigte Männerstimme den Singsang: »Radio Paris ment, Radio Paris ment, Radio Paris est allemand« anstimmte, fühlte er sich wohl.

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