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Die Aussetzung
(Leseprobe aus: Die
Aussetzung, Roman, 1996, Amman)
Scherenschnittgenau stand der tellerblaue Morgenhimmel über dem Bergkamm,
jede Tanne davor ausgespart. Die noch länglichen Schatten bildeten die
Unebenheiten der Abhänge nach. Aus der Schlucht stiegen Dampfschwaden vom
Nachtregen auf. Der Junimorgen leuchtete wie schon seit Tagen nicht mehr, das
Licht war hochgolden, die Umrisse scharf, ein Tag voll Erwartungen und sich
öffnenden Weiten.
Über das Fenstersims hinuntergebeugt konnte man mit den Kieselsteinen vor dem
Haus spielen und zugleich drinnen mit den Füßen auf dem Holz des Fußbodens
scharren. Im Hintergrund stampfte der Bauer umher und die Kühe rasselten an den
Ketten im Stall während die beiden Töchter sie versorgten. Seitlich vom
Wohnraum, hinter einer dünnen Holzplanke, lag der Stall unter niedrigen
Deckenbalken, waagrechte Tannenstämme, vielleicht vor langer Zeit am Abhang im
Rauschen des Sonnenmorgens gestanden. Die Knollen und Ansätze der Äste standen
dunkelbraun heraus. Vor genau hundert Jahren, 1844, waren die Balken eingesetzt
worden.
An diesem Morgen sollten sie beide, der Bauer und der Knabe, Mist fahren und er
hatte sich schon vorgestellt, wie die eingesackte überkrustete hartgrau
gewordene Oberfläche reißen würde mit der warmbraunen, durchhalmten Masse
darunter.
Er ließ die Arme baumeln und hinter ihm lag der längliche holzgetäfelte Raum,
stand der runde Tisch am Fenster mit dem rotkarierten Wachstuch. An der Wand
hinter die Monstranz unter einer Glashaube und auf dem Bord der Radioapparat. Im
ganzen Haus waren es die einzigen glattglänzenden Gegenstände, sonst war alles
rauh, hart, hölzern, abgeschabt von altem Gebrauch, die Tonteller
blasenüberzogen. Im Schrank der Bäuerin lag ein seidenes Tuch, über welches
sie manchmal mit der Hand strich, als wolle sie auch Regelmäßiges, Glattes,
Sanftes fühlen.
Der Radioapparat war aus braunlackiertem Holz, in der Mitte eine runde
stoffüberspannte Öffnung mit Goldfäden durchwoben. Wenn man leise mit dem
Finger darauf trommelte, durchzuckte die Leere dahinter den Körper. Zum
Radiohören lehnte sich der Bauer an die Holzwand mit dem Bord in Kopfhöhe, er
hörte das Schweizer Radio, Radio Sottens, Radio London und Radio Paris, den
Sender des verratenen Frankreichs, da sprachen immer mit krächzenden, heiseren
Stimmen die Kollaborateuere, von denen der Knabe, obgleich er doch Deutscher war
und noch ein Kind, wußte, daß sie sich nur aus Feigheit dem Nazisieger
ausgeliefert hatten.
Am liebsten hörte er Radio London, zur vollen Stunde, die von einem
motorradähnlichen Geknatter immer wieder überdeckt wurde, er wußte, daß da
Freunde sprachen und jedesmal, wenn die breite, ein wenig belegte und belustigte
Männerstimme den Singsang: »Radio Paris ment, Radio Paris ment, Radio Paris
est allemand« anstimmte, fühlte er sich wohl.
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