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Wasserblau
(Leseprobe aus:
Wasserblau, Roman, 2010,
Dörlemann).
Seit Ellen denken konnte, war die Mutter eine Schwimmerin
gewesen, eine Ehrgeizige, die sich nicht mit Brustzügen begnügte, sondern
kräftig kraulte, Rücken schwamm, hin und wieder auch Delfin. Ihr Haar wurde
davon strohig, der Rücken breit, an den Armen und Schienbeinen bildeten sich
kleine, weiße Schüppchen. Aber sie schwamm so oft es ging, am liebsten täglich,
in Hallen- und Freibädern, zwanzig, dreißig Bahnen hintereinander.
Als Ellen klein war, begleitete sie ihre Mutter ins Schwimmbad. Sie stieg die
geriffelte Treppe ins Nichtschwimmerbecken hinab, legte den Kopf mit der
geblümten Badekappe in den Nacken und paddelte los, mit breit geöffneten Armen
und Beinen. Wenn sie müde wurde, strampelte sie zum Beckenrand. Dort zog sie
sich Meter für Meter entlang bis zu der locker gespannten, gummierten Schnur in
der Mitte, wo der Boden in einer kurzen, blaugekachelten Schräge zwei Meter tief
abfiel.
Das kleine Nichtschwimmerbecken öffnete sich den Schwimmern, hier zogen die
Erwachsenen ihre Bahnen, auch die Mutter. Ellen löste sich vom Rand und griff
mit beiden Händen
nach der Schnur. Für einen Moment fühlte es sich an, als böte das glatte, rote
Gummi in ihren Händen Halt. Aber Ellen wusste, dass es nicht so war. Eine
falsche Bewegung, eine Verschiebung des Körperschwerpunkts, und der Oberkörper
kippte nach hinten weg. Sie kannte das schon: Dann rutschten die Beine nach
oben, Chlorwasser schlug ins Gesicht, es summte in den Ohren.
Ellen balancierte den Körper in die Waagerechte.
Bäuchlings lag sie jetzt im Wasser, die Hände an der Schnur, den Blick nach
drüben gerichtet. Die Mutter glitt flach unter der Wasseroberfläche auf sie zu,
kraftvoll, schnell, eine schmale Silhouette, wie sie es Ellen beizubringen
versuchte: Mach dich lang. Schau unter dich. Rein mit dem Gesicht. Ausatmen, bis
du leer bist. Dann holst du Luft. Regelmäßig tauchte ihr Gesicht mit dem
geöffneten Mund und der Schwimmbrille vor Ellen auf. Ellen wusste, dass die
Mutter ganz leer von Luft war, bevor sie einatmete und zu einer Wenderolle
unter Wasser ansetzte, die sie weit weg führte, in langen, schäumenden Zügen.
Manchmal übte Ellen dieses Luftanhalten, eine Armlänge vom Beckenrand entfernt.
Sie übte so lange, bis der Druck auf der Brust unerträglich wurde und sie
einfach atmen musste, es ging nicht anders, obwohl sie nicht wollte. Vom
Startblock machte die Mutter ein Zeichen mit der Hand, es war diese kleine
Bewegung, auf die Ellen gewartet hatte. Am Beckenrand entlang schob sie sich
zurück zur Treppe, die Zähne schlugen aufeinander, obwohl sie die Lippen fest
zusammenpresste.
Sie stieg aus dem Wasser, schlitterte auf dem Kachelboden des Schwimmbads zur
Bank mit den Handtüchern und der Badetasche und trocknete sich ab. Kurz darauf
stand die Mutter vor ihr. Alles an ihr troff, der braune Badeanzug mit der
Raffung über der Brust war verrutscht und Ellen bemerkte, dass die Augen der
Mutter gerötet waren, trotz Schwimmbrille. Sie rubbelte den Rücken der Mutter
mit dem Handtuch trocken. Unebenheiten, braune Flecken, ein Rücken, wie ihn
Ellen nie würde haben wollen. Die Mutter hatte den Kopf vornüber geneigt. Das
Wasser tropfte aus ihren Haaren auf den weißen Boden. Ihr Rücken bebte, erst nur
ein wenig, dann heftiger, es konnte die Kälte sein, Ellen legte das Handtuch
über die Schultern der Mutter, so, dass es den Oberkörper ganz umhüllte, hoch
den Nacken hinauf bis unter die nassen, braunen Haare.
– Was hast du denn?
Die Mutter schüttelte den Kopf.
– Was ist?, fragte Ellen.
– Nichts. Die Mutter warf das Handtuch ab.
– Komm weg hier, sagte sie, leiser als gewohnt, dann ging sie Ellen voraus zu
den Duschen.
Sie duschte nackt, ein eckiger Körper.
Rezension I Buchbestellung I home IV10 LYRIKwelt © Dörlemann