Wilhelm Gössmann

Bilker Straße - Bolker Straße

Um die Mittagszeit fällt an hellen Tagen längs durch die Häuserfronten, von keinem Baum schattig aufgehalten, das Sonnenlicht. Ich weiß nicht, ob ich lieber der Sonne entgegengehe oder mit meinem Schatten vor mir die Sonne im Rücken. Noch immer ist mir diese Straße vertraut: die Bilker Straße und nicht weniger die Bolker Straße, sozusagen wegen Heine, den man zu der Zeit, als ich diesen Straßen verpflichtet wurde, in Düsseldorf noch kennenlernen mußte.
Zwischen beiden Denkwegen, direkt der Bolker Straße vorgelagert, breitet sich der Rathausplatz mit der kolossalen Reuterstatue aus, berühmt durch die Ideen des verzauberten jungen Heine. Wenn ich die Innenansicht Düsseldorfs vor Augen habe, dann sind es diese beiden Straßen, wo Heine von einer liebevoll strengen jüdischen Mutter geboren wurde und wo er mit dem Kaiserschnitt der Wissenschaft immer neu das Licht der Welt erblicken soll: Geburtshaus und Heine-Institut, in der Gefahrenzone der Kneipen oder der Museen und Antiquitäten-Geschäfte.
Zwei Kulturstraßen, die eine für Sauf- und Trinkgelage, die andere für Vortragsveranstaltungen und Konzerte zum geistigen Wachwerden, früher Abend, nächtlicher Abend. So war es noch zu meiner Zeit, als ich Heine lieben lernte und vermitteln wollte, als es die Rheinpromenade noch nicht gab, nicht die Kö-Galerie und ihr Ähnliches.
Ein kleiner Raum der Heine-Gesellschaft, Planungsort für die Logistik: Heine-
Universität, polemische Positionsbestimmung, Literaturtouren, internationale Korrespondenz - Beschäftigung ehrenamtlich ansteigend. Unweit das begehbare moderne Heine-Monument. Es entstand gerade. Wen führten wir nicht alle durch die Bilker Straße zu Heine? Prominenz und bloße Liebhaber.
Gegenüber dem Heine-Institut, das in einem Patrizierhaus aus Heines Geburtszeit eingerichtet wurde, das vom Innenhof erreichbare, neu aufgebaute Palais Wittgenstein. Im Empfangsraum die jugendstilartige Theke eines Metzgerladens, umfunktioniert zu einer Cafeteria. So mauserte sich die Bilker Straße mit Galerien, Instituten, ohne zu einer banalen Geschäftsstraße zu werden, vom Schwanenspiegel bis zum Karlplatz, dem Markt für Blumen und frisches Gemüse. Hier erhole ich mich, erlebe Zeit und Jahreszeiten, ein bäuerliches Quadrat in der Großstadt.
In der Häuserfront war ein vom Krieg zerstörtes Haus noch nicht wieder aufgebaut. Ich hoffte, daß dieses Kriegsloch als Erinnerung bleiben würde. Trümmerblumen, Holundersträucher in dem ausgebrannten, eingestürzten Haus. Keine Coca-Cola-
Dosen, keine Kartons, keine Asche und kein ausgekippter Müll, keine Plakate an den Wänden, keine angemalten Sprüche, auch nicht solche für Frieden und Abrüstung. Die Verweigerung ohne irgendeine Konzession erschien mir Widerstand und Trauer genug. Nun ist die Häuserfront doch geschlossen, als wäre es immer so gewesen.
Direkt daneben wohnten einmal Robert und Clara Schumann. Eine Tafel erinnert daran, läßt Vorbeigehende sie lesen und nachdenklich werden. Das Marionetten-
Theater im Hinterhof, besucht von Kindern und Erwachsenen, mit den Stimmen bekannter Schauspieler, macht uns selbst zu Marionetten, daß wir, die Düsseldorfer, noch einmal vom Baum der Erkenntnis essen und aus der Herzmitte schwingen und leben. Künstlerische Verwandlung, hier und hinter den vielen Fenstern und Türen.
Und dann die Bolker Straße. Ich liebe das Leben auf der Straße, auf dieser Straße. Man sieht sich, man grüßt sich, trinkt ein paar Gläser Alt an einer der sich aneinanderreihenden Theken. Hier war es möglich, den Trommler Le Grand auftreten zu lassen. Ihm folgte auf einem Karren das rote Sefchen. So lernte man die Figuren Heines kennen. Vor dem Geburtshaus, damals noch eine Bäckerei und nicht das so schwer aussprechbare Schnabelewopski, blieben sie stehen. Er trommelte, zertrommelte bekannte Märsche, sie ließ die roten Haare fallen, zeigte das Richtschwert, sang ihr altes Volkslied, und ich las ihren Heine vor, wurde statt seiner von ihr umarmt und geküßt. »Ich küßte sie nicht bloß aus zärtlicher Neigung, sondern auch aus Hohn gegen die alte Gesellschaft und alle ihre dunklen Vorurteile, und in diesem Augenblick loderten in mir auf die ersten Flammen jener zwei Passionen, welchen mein späteres Leben gewidmet blieb: die Liebe für schöne Frauen und die Liebe für die französische Revolution.« Die Leute standen und klatschten, die, die eigens gekommen waren oder zufällig flanierten. Wir verteilten Apfeltörtchen, gespendet vom Besitzer der Heine-Stuben, die man gewöhnlich für Heines Geburtshaus hielt. Darin der Loreley-Brunnen und an den Wänden aufgereiht die Werke Heines und alle Neuerscheinungen über ihn. Jetzt verkommt das Haus, erst halb wieder restauriert. Heine-Freunde, wenn ich sie mitbrachte, konnten hier kostenlos französisch speisen mit entsprechendem Wein.
In der Neanderkirche, mit dem bekannten Komponisten an der Orgel, befriedige ich, als guter Katholik, noch immer meine protestantischen Bedürfnisse. So glaubt man mir mein Kulturchristentum, meine Vorliebe für alte Kirchen und gute Lokale. Nun spricht man lieber vom großen 97er Heine-Spektakel. Jeder glaubt, Heine zu kennen, duzt sich mit ihm und klaut ihm seine besten Zitate, schreibt sie sogar auf das Straßenpflaster. Mein Text wäre gewesen: »Und wenn ich sage nach Hause gehn, so meine ich die Bolker Straße und das Haus, worin ich geboren bin.« Jetzt gehört dieses Haus der Stadt, und sie prunkt mit einem harmlosen Hinweisschild. Mir weist es noch immer die Richtung, wohin ich zu gehen habe. Kommt mit und hört Lieder, Lyrik, Liebes und Liederliches! Studenten entdecken hier ihren Heine und schreiben ihre Examensarbeiten über ihn. Schön, wenn es so wäre. Und eine Gegenstimme: Es ist doch so.
Nicht auf der Kö, nicht auf der Promenade am Rhein, auf der Bolker Straße schläft der Ruhm, schlägt das Herz der trunkenen eitlen Stadt Düsseldorf. Sorgen wir dafür, daß die Kneipen und Gaststätten voll bleiben, keine sterilen Nachtlokale, eine Straße, wo auch das Kleingeld noch etwas gilt.
Ich verjubele mein Lob am besten mit Versen, die ich, Heine nachpilgernd, in Paris schrieb. In Düsseldorf kann ich sie nachempfinden:

Straßen - Menschen werden gut
Haus drückt Haus schon ein
und da ist die Glut
mitten in der Welt zu sein

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