Hass von André Glucksmann, 2005, Nagel&Kimche

André Glucksmann

Hass
(Leseprobe aus: Hass, Die Rückkehr einer elementaren Gewalt, 2005, Nagel & Kimche - Übertragung Bernd Wilczek und Ulla Varchmin)

Grenzenloser Hass geht um in der Welt: mal glühend und schonungslos, mal schleichend und kalt. Hartnäckig und verbohrt richtet er in privaten Beziehungen und im öffentlichen Leben Zerstörungen an. Jedes Mal, wenn er aufkommt, fällt man aus allen Wolken, oder man tut so als ob. Ein nicht vorhersehbarer Ausbruch von Aggressionen:

Die waren doch dicke Freunde, bevor sie sich zerfleischten. Einst haben sie sich so sehr geliebt, sind sie so zärtlich miteinander umgegangen, und jetzt gehen sie mit unvorstellbarer Grausamkeit aufeinander los! Eine unglaubliche Zerstörungswut vernichtet eine Familie, die ein Leben lang durch Arbeit und Gefühle eng verbunden war. Fassungslos erlebt eine Stadt, die Hilfe beim Wiederaufbau erhielt, das Aufflammen neuer Gewalt ... Und jeder regt sich auf, wenn ruchbar wird, dass die Stadtverwaltungen, Schulen und Polizeikommissariate die Konflikte im Treppenhaus der Wohnsilos nicht in den Griff bekommen. Nicht anders ergeht es der UNO, die sich kläglich damit abplagt, mit Hilfe sakrosankter internationaler Gesetze einen von der ganzen Welt ersehnten Frieden zu schaffen, von dem alle träumen und der doch ständig zerbombt wird. Die Kurzsichtigkeit hält an und jene, die um jeden Preis als Idioten sterben wollen, stimmen die alte Leier an: "Wie ist das im 20. Jahrhundert möglich?", wahlweise ergänzt durch: "Wie ist es im 21. Jahrhundert möglich?"

Der Anspruch, ein neues Kapitel aufgeschlagen zu haben, beherrscht die Kommentare. Haben wir nicht den kollektiven Hass in die Geschichtsbücher verbannt und die individuelle Bosheit an die Psychologen delegiert? Die Warnungen, die die zahllosen schrecklichen Vorfälle des Tagesgeschehens uns entgegenschleudern, bleiben ohne Wirkung. Die moderne Euphorie geht darüber hinweg und bemüht wissenschaftliche Erklärungen, um diese Dementis zu widerlegen. Für alles findet man eine Erklärung, für alles bringt man Verständnis auf, alles wird entschuldigt. Der Pädophile ist Opfer einer unglücklichen Kindheit, der Mörder alter Damen macht akute Finanznot geltend, die Vergewaltiger in den Vorstädten sind Produkt der hohen Arbeitslosigkeit und die verwahrlosten Jugendlichen in den Kellern der Wohnsilos, die 15-jährige Mädchen stundenlang vergewaltigen, offenbaren den Mangel an sozialen Einrichtungen. Bin Laden hat seinen Auftritt als edler Held oder Rächer aller Gedemütigten und Entrechteten dieser Erde. Es wäre dumm, ihn für krank zu erklären, kontraproduktiv, ihn unter Beschuss zu nehmen, und deplatziert, die terroristische Gefahr zu überhöhen, mit der er und seine Anhänger drohen. Millionen von Optimisten empfehlen den traumatisierten, überängstlichen Amerikanern den Gebrauch von Beruhigungsmitteln. Unsere Pharmazeuten halten für alles ein Heilmittel bereit.

Die mehrheitlich und mit den besten Absichten vertretene These lautet: Hass als solches, als eine Konstante des Denkens und Handelns, gibt es nicht. Wer ihn ständig im Mund führt, verkennt die wahren Probleme. Wer glaubt, ihn "zu empfinden" und in seinem Namen spricht, ist Opfer eines Trugbilds. Der Hass, den er empfindet und zur Schau trägt, ist notwendigerweise das Ergebnis äußerer Faktoren: Unglück, ungünstige Umstände, Elend, Frustrationen, Demütigungen und Verletzungen. So denken die "Möchtegernspezialisten" der Seele. Der Hass ist nur die üble Folge fehlender Erziehung. Einer Erziehung, die beansprucht auszumerzen, was nicht existiert. Allgemeiner Freispruch, einmütige Umarmungen. Die von mir vertretene These lautet: Es gibt Hass, wir haben ihn alle kennen gelernt. In kleinstem Maßstab bei jedem Einzelnen wie im Herzen großer Gemeinschaften. Die Leidenschaft des Angriffs und der Vernichtung lässt sich durch die Magie des Wortes nicht auslöschen. Die Ursachen, mit denen man sie begründet, sind mehr oder weniger günstige Umstände, Zufälle, an denen es nie mangelt, die als Auslöser des Willens zur Zerstörung um ihrer selbst willen dienen. Der Hass existiert, La Fontaines Fabel liefert den Beweis.

Die Schulkinder früherer Zeiten mussten sie auswendig aufsagen, eine Übung, die man ihnen heute vom Standpunkt moderner Erziehung erspart, denn stockend im Chor aufgesagte böse Gefühle können der Gesundheit unserer Kleinen schaden. Vorsicht ist angesagt. "Ein wütendes Tier", "ein grausames Tier", der Wolf steht für den puren Hass, der unter dem Deckmantel der traditionellen Attribute daherkommt, Zorn, Wut, Bestialität, Wildheit, das ganze Arsenal wird aufgeboten. Der Hass klagt an ohne Kenntnis der Fakten. Der Hass urteilt, ohne begreifen zu wollen. Der Hass verurteilt willkürlich. Er hat vor nichts Respekt, er sieht sich als Objekt einer universellen Verschwörung. Am Ende, erfüllt vom Ressentiment, gegen alle Argumente gefeit, zieht er eigenmächtig und großspurig einen Schlussstrich, indem er zubeißt. Ich hasse, also bin ich.

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