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Hass
(Leseprobe aus:
Hass, Die Rückkehr einer
elementaren Gewalt, 2005, Nagel
& Kimche - Übertragung Bernd Wilczek und Ulla Varchmin)
Grenzenloser Hass geht um in der
Welt: mal glühend und schonungslos, mal schleichend und kalt. Hartnäckig und
verbohrt richtet er in privaten Beziehungen und im öffentlichen Leben Zerstörungen
an. Jedes Mal, wenn er aufkommt, fällt man aus allen Wolken, oder man tut so
als ob. Ein nicht vorhersehbarer Ausbruch von Aggressionen:
Die waren doch dicke Freunde, bevor sie sich zerfleischten. Einst haben sie sich
so sehr geliebt, sind sie so zärtlich
miteinander umgegangen, und jetzt gehen sie mit unvorstellbarer Grausamkeit
aufeinander los! Eine unglaubliche
Zerstörungswut vernichtet eine Familie, die ein Leben lang durch Arbeit und Gefühle
eng verbunden war. Fassungslos erlebt eine Stadt, die Hilfe beim Wiederaufbau
erhielt, das Aufflammen neuer Gewalt ...
Und jeder regt sich auf, wenn ruchbar wird, dass die Stadtverwaltungen, Schulen
und Polizeikommissariate
die Konflikte im Treppenhaus der Wohnsilos nicht in den Griff bekommen. Nicht
anders ergeht es der UNO, die
sich kläglich damit abplagt, mit Hilfe sakrosankter internationaler Gesetze
einen von der ganzen Welt ersehnten
Frieden zu schaffen, von dem alle träumen und der doch ständig zerbombt wird.
Die Kurzsichtigkeit hält an
und jene, die um jeden Preis als Idioten sterben wollen, stimmen die alte Leier
an: "Wie ist das im 20. Jahrhundert
möglich?", wahlweise ergänzt durch: "Wie ist es im 21. Jahrhundert möglich?"
Der Anspruch, ein neues Kapitel aufgeschlagen zu haben, beherrscht die
Kommentare. Haben wir nicht den kollektiven Hass in die Geschichtsbücher
verbannt und die individuelle Bosheit an die Psychologen delegiert? Die
Warnungen, die die zahllosen schrecklichen Vorfälle des Tagesgeschehens uns
entgegenschleudern, bleiben ohne Wirkung. Die moderne Euphorie geht darüber
hinweg und bemüht wissenschaftliche Erklärungen, um diese Dementis zu
widerlegen. Für alles findet man eine Erklärung, für alles bringt man Verständnis
auf, alles wird entschuldigt. Der Pädophile ist Opfer einer unglücklichen
Kindheit, der Mörder alter Damen macht akute Finanznot geltend, die
Vergewaltiger in den Vorstädten sind Produkt der hohen Arbeitslosigkeit und die
verwahrlosten Jugendlichen in den Kellern der Wohnsilos, die 15-jährige Mädchen
stundenlang vergewaltigen, offenbaren den Mangel an sozialen Einrichtungen. Bin
Laden hat seinen Auftritt als edler Held oder Rächer aller Gedemütigten und
Entrechteten dieser Erde. Es wäre dumm, ihn für krank zu erklären,
kontraproduktiv, ihn unter Beschuss zu nehmen,
und deplatziert, die terroristische Gefahr zu überhöhen, mit der er und seine
Anhänger drohen. Millionen von
Optimisten empfehlen den traumatisierten, überängstlichen Amerikanern den
Gebrauch von Beruhigungsmitteln. Unsere Pharmazeuten halten für alles ein Heilmittel bereit.
Die mehrheitlich und mit den besten Absichten vertretene These lautet: Hass als
solches, als eine Konstante des Denkens und Handelns, gibt es nicht. Wer ihn ständig
im Mund führt, verkennt die wahren Probleme. Wer glaubt,
ihn "zu empfinden" und in seinem Namen spricht, ist Opfer eines
Trugbilds. Der Hass, den er empfindet und zur
Schau trägt, ist notwendigerweise das Ergebnis äußerer Faktoren: Unglück,
ungünstige Umstände, Elend, Frustrationen, Demütigungen und Verletzungen. So
denken die "Möchtegernspezialisten" der Seele. Der Hass ist nur die
üble Folge fehlender Erziehung. Einer Erziehung, die beansprucht auszumerzen,
was nicht existiert. Allgemeiner
Freispruch, einmütige Umarmungen. Die von mir vertretene These lautet: Es gibt
Hass, wir haben ihn alle kennen gelernt. In kleinstem Maßstab bei jedem
Einzelnen wie im Herzen großer Gemeinschaften. Die Leidenschaft des Angriffs
und der Vernichtung lässt sich durch die Magie des Wortes nicht auslöschen.
Die Ursachen, mit denen man sie begründet, sind mehr oder weniger günstige
Umstände, Zufälle, an denen es nie mangelt, die als Auslöser des Willens zur
Zerstörung um ihrer selbst willen dienen. Der Hass existiert, La Fontaines
Fabel liefert den Beweis.
Die Schulkinder früherer Zeiten mussten sie auswendig aufsagen, eine Übung,
die man ihnen heute vom Standpunkt moderner Erziehung erspart, denn stockend im
Chor aufgesagte böse Gefühle können der Gesundheit unserer Kleinen schaden.
Vorsicht ist angesagt. "Ein wütendes Tier", "ein grausames
Tier", der Wolf steht für den puren Hass, der unter dem Deckmantel der
traditionellen Attribute daherkommt, Zorn, Wut, Bestialität, Wildheit, das
ganze Arsenal wird aufgeboten. Der Hass klagt an ohne Kenntnis der Fakten. Der
Hass urteilt, ohne begreifen zu wollen. Der Hass verurteilt willkürlich. Er hat
vor nichts Respekt, er sieht sich als Objekt einer universellen Verschwörung.
Am Ende, erfüllt vom Ressentiment, gegen alle Argumente gefeit, zieht er eigenmächtig
und großspurig einen Schlussstrich, indem er zubeißt. Ich hasse, also bin ich.
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