Der
Pfeifenfilterschächtelchensammler
Der alte Mann war müde, er kam von einer Vernissage zurück, von seiner eigenen,
er war Maler. Es war ununterscheidbar wie immer gewesen, wie bei seinen letzten
Vernissagen in Schlenzhausen, Mühlauen, Knollen, Chrampflingen, nur wenige Leute
kamen, eine Laudatio wurde von irgendeinem leicht bedepperten
Kulturvereinsbeamten heruntergeschloddert, die Leute tranken Wein und bissen auf
Cracker, mutvoll, modisch und selbstbewusst. Von seiner Malerei verstanden die
Vernissagebesucher nichts, sie wollten stets nur von sich selbst tratschen und
andere Menschen durchhecheln. Der alte Maler näherte sich in seinen Bildern
einem schier abstrakten phantastischen Realismus, was aber all die blöd
herumstehenden dummen Schwätzer und Gaffer nicht kapierten.
Seit langer, langer Zeit verlegte der alte Maler seine Konzentration darauf,
Pfeifenfilterschächtelchen zu sammeln. Der alte Maler war ein leidenschaftlicher
Pfeifenraucher, und seit Jahren reute es ihn, die leeren
Pfeifenfilterschächtelchen fortzuwerfen. Da sagte er sich eines schönen Nachts,
ich kann dies ändern, also werde ich es ändern, und fortan legte er jedes leere
Pfeifenfilterschächtelchen auf ein Bücherbrett seiner grossen Bibliothek, zu
Füssen von André Gides Gesamtwerk. Mit der Zeit hatte es dort keinen Platz mehr,
und der alte Maler legte seine leeren Pfeifenfilterschächtelchen zu Füssen von
Henry Millers Gesamtwerk, dann zu Füssen von Jean Cocteau, Anais Nin, Simone de
Beauvoir, Edgar Allen Poe, Vladimir Nabokov. Mit der Zeit verschwand seine ganze
Bibliothek hinter seinen leeren Pfeifenfilterschächtelchen.
Bei seiner nächsten Vernissage stellte der alte Maler nichts als seine unzählig
vielen leeren Pfeifenfilterschächtelchen aus. Und siehe da: Die Kunstwelt war
entzückt, der bedepperte Kulturvereinsbeamte, der eine Rede halten sollte, war
sprachlos vor Glück, die Vernissagebesucher waren verrückt vor Begeisterung, sie
konnten sich nicht sattsehen, vergassen für ein paar Minuten zu tratschen und zu
ratschen und auf die Cracker zu beissen, sie betrachteten fasziniert die leeren
Pfeifenfilterschächtelchen. Die Ausstellung musste verlängert werden, weltweit
strömten Menschen herbei, die leeren Pfeifenfilterschächtelchen zu bewundern.
Vergnügt zündete der alte Maler eine Pfeife an. Das leere
Pfeifenfilterschächtelchen warf er in den Papierkorb.
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