Paul Gisi

Der Pfeifenfilterschächtelchensammler

Der alte Mann war müde, er kam von einer Vernissage zurück, von seiner eigenen, er war Maler. Es war ununterscheidbar wie immer gewesen, wie bei seinen letzten Vernissagen in Schlenzhausen, Mühlauen, Knollen, Chrampflingen, nur wenige Leute kamen, eine Laudatio wurde von irgendeinem leicht bedepperten Kulturvereinsbeamten heruntergeschloddert, die Leute tranken Wein und bissen auf Cracker, mutvoll, modisch und selbstbewusst. Von seiner Malerei verstanden die Vernissagebesucher nichts, sie wollten stets nur von sich selbst tratschen und andere Menschen durchhecheln. Der alte Maler näherte sich in seinen Bildern einem schier abstrakten phantastischen Realismus, was aber all die blöd herumstehenden dummen Schwätzer und Gaffer nicht kapierten.

Seit langer, langer Zeit verlegte der alte Maler seine Konzentration darauf, Pfeifenfilterschächtelchen zu sammeln. Der alte Maler war ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, und seit Jahren reute es ihn, die leeren Pfeifenfilterschächtelchen fortzuwerfen. Da sagte er sich eines schönen Nachts, ich kann dies ändern, also werde ich es ändern, und fortan legte er jedes leere Pfeifenfilterschächtelchen auf ein Bücherbrett seiner grossen Bibliothek, zu Füssen von André Gides Gesamtwerk. Mit der Zeit hatte es dort keinen Platz mehr, und der alte Maler legte seine leeren Pfeifenfilterschächtelchen zu Füssen von Henry Millers Gesamtwerk, dann zu Füssen von Jean Cocteau, Anais Nin, Simone de Beauvoir, Edgar Allen Poe, Vladimir Nabokov. Mit der Zeit verschwand seine ganze Bibliothek hinter seinen leeren Pfeifenfilterschächtelchen.

Bei seiner nächsten Vernissage stellte der alte Maler nichts als seine unzählig vielen leeren Pfeifenfilterschächtelchen aus. Und siehe da: Die Kunstwelt war entzückt, der bedepperte Kulturvereinsbeamte, der eine Rede halten sollte, war sprachlos vor Glück, die Vernissagebesucher waren verrückt vor Begeisterung, sie konnten sich nicht sattsehen, vergassen für ein paar Minuten zu tratschen und zu ratschen und auf die Cracker zu beissen, sie betrachteten fasziniert die leeren Pfeifenfilterschächtelchen. Die Ausstellung musste verlängert werden, weltweit strömten Menschen herbei, die leeren Pfeifenfilterschächtelchen zu bewundern.

Vergnügt zündete der alte Maler eine Pfeife an. Das leere Pfeifenfilterschächtelchen warf er in den Papierkorb.

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