Holzschnitte für Frauen von Dagoberto Gilb, 2002, FVADagoberto Gilb

Holzschnitte für Frauen
(Leseprobe aus:
Holzschnitte von Frauen, Erzählungen, 2002, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung Werner Schmitz).

Als ich in der Flughafenbar von Albuquerque - Pueblo-Türkis und Sandstein - auf meine Freundin wartete, lud eine Frau mich zu einem Drink ein. Sie sah besser aus als nur gut. Wir nahmen jeder eine Margarita, tranken uns zu, salud, und dann brachte ich sie höflich zu ihrem Gate; sie gab mir zum Abschied einen Kuss auf die Lippen und erreichte ihren Flug - sie reiste erster Klasse - in allerletzter Minute. Ich ging an die Bar zurück und bestellte mir einen Schnaps und noch eine Margarita. In weniger als fünfzehn Minuten sollte das Flugzeug mit meiner Freundin landen. Es war einer dieser Tage, an denen ich mich als Mann fühlte. Mein Schädel brummte, als jemand in gestärktem weißen Hemd und Krawatte, das Jackett lässig über die Schulter geworfen, auf mich zutrat.
"George", sagte er. Er sprach zaghaft und ein wenig zu förmlich. Ich wurde aus solchen Anzugtypen einfach nicht schlau. "Kennst du mich nicht mehr? Aus El Paso. Austin Highschool?"
Ich brauchte ein paar Sekunden, dann hatte ich's. "Ibánez?"
Volltreffer. Ich stand auf und drückte seine Hand kräftiger als er meine. "Wie geht's, Daniel?" Ich sprach seinen Vornamen spanisch aus, nicht amerikanisiert. Das wurde mir sofort bewusst, und ich dachte, bestimmt erinnert er sich, dass ich der Junge war, der es schon damals nicht mochte, wenn die Anglo-Trainer oder Lehrer einen Namen auf ihre Weise aussprachen, als ob sie Recht hätten und der andere nicht. Ich war immer noch derselbe, auch wenn mein korrekter Name Jorge war; so hatten schon mein Vater und Großvater geheißen. Nur dass ich eben meinen Namen auf Spanisch nicht leiden konnte. Ich fand George besser. Und genau darum war es mir immer gegangen: Es ist unsere Entscheidung, nicht die der anderen. Danny und ich hatten vor hundert Jahren zusammen die Austin Highschool besucht, aber kaum mal gemeinsam was unternommen. Er war ein besserer Schüler als ich, und vermutlich waren wir deshalb nie in derselben Klasse. Aber wir hatten zusammen auf der Grundschule angefangen, in Crockett, und das reichte, einander nie zu vergessen. Es muss im sechsten oder siebten Schuljahr gewesen sein, als wir getrennt wurden. Eine Saison spielten wir zusammen in einer Mannschaft der Little League. Er war Leftfielder, manchmal Third-Baseman. Ich war Shortstop und Pitcher. Er war schnell, ich war stark. Wir hatten in diesem Jahr die Play-offs der Stadtmannschaften erreicht.
"Du kommst noch oft nach El Paso?", fragte ich.
"Ich lebe dort", sagte er.
"Tatsächlich?" Jeder, der in El Paso großgeworden war, hasste die Stadt und verließ sie, wenn es irgend ging, so schnell wie möglich. Es gab hier nichts zu tun, keine Jobs und erst recht keine, die gut bezahlt wurden. Wenn man dort aufgewachsen war, kam einem jede andere Stadt besser vor. Das ahnte man, selbst wenn man noch nie von dort weggekommen war, und wenn dann doch, wusste man es. Das Beste an El Paso war, dass die Leute einen für einen coolen und harten Typen hielten, wenn man von dort stammte.
"Deswegen bin ich hier. Ich fliege zurück nach El Paso."
"Tatsächlich?" Wer El Paso verließ, tat es für immer. Dass jemand zurückkehrte, kam praktisch nie vor. Es gab zwei mögliche Erklärungen. Entweder blieb einem keine Wahl - weil man finanziell völlig am Ende war -, oder die Eltern, die natürlich immer noch dort lebten, waren alt, und jemand musste sich um sie kümmern. Das gehörte zu unserer Kultur und war das Beste an El Paso. "Du hast wirklich einen Job in El Chuco? Pues, ¿qué haces hay?"
"Ich bin Zeitungsredakteur."
"Reporter?"
"Nein. Als Reporter habe ich früher mal gearbeitet, in Dallas, dann in L.A. In El Paso bin ich der Chefredakteur." Er sah mich aufmerksam an, als frage er sich, ob mir bewusst sei, wie viel sein Anzug gekostet hatte. "Ich war der erste Hispano, der den Job bekommen hat."
"Der erste Hispano, ach ja?"
Er bemerkte meinen Tonfall, wie vorhin schon, als ich seinen Namen ausgesprochen hatte. Das ist eine uralte Diskussion und immer wieder neu - wer wir sind, woher wir kommen. Wie die Bezeichnung "spanisch", so hat man uns früher genannt, lässt auch dieser Ausdruck an die hellhäutigen Bewohner der Iberischen Halbinsel denken. Niemand, den ich jemals in El Paso, Tejas, gekannt habe, ob dunkel oder güero, hatte einen einzigen Verwandten im pinche Spanien. Mit solchen Formulierungen vermied man zu sagen, dass man mexikanischer Herkunft war, dass Mexiko etwas Minderwertiges war. Ich kam mir vor, als sei ich der Letzte, der noch von sich behauptete, ein Chicano zu sein, auch wenn es aus der Mode gekommen war. Vielleicht war das Thema für die meisten nur ein totes Überbleibsel aus alten Zeiten, aber nicht für mich. "Gratuliere", sagte ich und legte los. "Das ist großartig. Ich wette, El Paso besteht inzwischen zu neunzig Prozent aus uns Mexikanern. Que duro, diese Stadt. Ja, das wurde aber auch wirklich Zeit, dass die uns da endlich bemerkt haben. Toll. Du bist bestimmt sehr stolz darauf. Solltest du jedenfalls sein."
Ich hatte ihn glücklich gemacht.
"Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Zeitung Berichte über Leute aus der Gegend bringt", fuhr ich fort.
"Hat's das jemals gegeben?"
"Na ja, nur Schlechtes. Über Banden und Sprayer. Und ab und zu ein Artikel, wie man tamales zubereitet."
Auch das sagte er sehr nüchtern, viel zu trocken.
"Und jetzt zeigst du's ihnen. Find ich großartig, Daniel."
"Das habe ich getan." Er hielt inne und sah weg.
"Tatsächlich", sagte ich. Die Pause war laut. Ich erzählte ihm von meiner Kunst.
"Und was machst du hier?", fragte er.
"Mi locura", sagte ich. "Ich bin pleite, aber ich habe eine Freundin..."
"Ich hab sie gesehen", sagte er.
"Du hast sie gesehen?"
"Ja, du bist zu beneiden."
"Ach, du meinst diese Frau an der Bar?"
"War ja nicht zu übersehen."
"Das ist sie nicht, Mann. Meine Kleine ist noch gar nicht aus dem Flieger gestiegen."
Er lachte. "Und ich kann keine finden."
"Sie kommt jetzt aus Denver, und ich warte hier auf ihr Flugzeug."
"Und die andere? Die hast du gerade hier kennengelernt?"
"Sie lebt in New York und war hier angeblich für eine Fotosession. Kannst du das glauben? Sie sagt, sie sei Model. Hat sich einfach neben mich gesetzt und mir was vorgequatscht."
"Hast du ein Glück. Ich an deiner Stelle würde sofort losziehen und mir einen Stapel Lottoscheine kaufen. So ein Glück wie heute hast du vielleicht dein ganzes Leben lang nicht mehr."
"Sabés que, Daniel, tienes razón, danke für den klugen geschäftlichen Rat."
Wir schüttelten grinsend die Köpfe. Hinter den Fenstern fuhr die glänzende 747 mit meiner Freundin an Bord in die Halteposition. Die Bar war direkt gegenüber.
"Also, wie hast du das gemeint?", fragte ich. "Hat man dich gefeuert oder was?"
Er seufzte, anscheinend überrascht von dem, was ich seinem Tonfall abgelauscht hatte.
"Na ja, ich habe gekündigt. Habe beschlossen weiterzuziehen."
Ich hielt nach meiner Freundin Ausschau.
"Ich bräuchte den Job dringend", sagte ich. "Also, ¿qué te pasó? Hast du von El Paso die Schnauze voll?"
"El Paso ist in Ordnung. Nicht so gut wie Albuquerque, aber es wird langsam besser. Besuch mich doch mal. Du kannst bei mir wohnen." Er hielt jetzt auch nach meiner Freundin Ausschau. "Nein, es war eine Frau. Eine Liebesgeschichte."
Er schien sich nicht sicher, ob ich zuhörte, und ich hörte auch nicht zu. "Deshalb habe ich gekündigt."
"Hay viene", sagte ich.
"Das ist sie?"
"Ja."
"Du bist wirklich ein Glückspilz. Du findest gleich zwei, und ich kann nicht mal eine halten."
"¿Bien fea, verdad?"
"Du bist ein Glückspilz."
"Ja, ich weiß. Pues, también ist sie verheiratet."
Jetzt schüttelte er den Kopf wie vorhin ich, als er auf mich zugekommen war. "Ich geb dir meine Nummer, bevor du verschwindest", sagte er. "Kannst mich jederzeit besuchen. Besonders jetzt."
"Du weißt nicht, was du mir da anbietest, Mann. Kann sein, dass ich schon nächste Woche bei dir auf der Couch schlafe. No traes una Visitenkarte oder so was?"
"Die ist überholt..." Er klopfte auf das Mäppchen in seiner Gesäßtasche, tastete in seinem Jackett nach einem Kuli und starrte meine Freundin an, die etwas entfernt von uns stehen geblieben war. "Willst du sie nicht holen?"
Ich folgte ihrem Blick, als sie sich langsam im Kreis drehte und mich in dem langen, gut beleuchteten Gang vor der dunklen Flughafenbar suchte. "Warte, gleich sieht sie mich, pass auf."
"Du bist unmöglich." Er zückte die Brieftasche und kritzelte etwas auf die Rückseite einer Karte.
Ich schob sie gerade in die Tasche, als sie mich erspähte. Sie schloss die Augen, hob das Gesicht zur Decke, ihre ganze Haltung sagte Nein. Aber dann grinste sie breit und kam auf mich zu.

Keinen Monat später war ich in seiner Wohnung.

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