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Die Normalen
(Leseprobe aus: Die
Normalen, Roman, 2004, Bloomsbury/2005, Eichborn)
Die mageren Floskeln bleiben sich immer gleich. Sally
… ich gehe … Billy. Keine wirkliche Überraschung. Kein
Drama. Kein Herzeleid. Schließlich zieht Sally nächste Woche weg, nach
Cambridge immerhin, zum Studium an der Business School mit dem widerwärtigen Kürzel
HBS. Billy macht sich einfach davon, na ja, er kommt ihr zuvor. Daß er es ohne
Formalitäten und Hinterlassung einer Nachsendeadresse tut, wird sie wohl
verzeihen, höchstens den Wegfall seiner Verpackungskünste bejammern. Also
mach's gut. Aber seine Handschrift treibt ihn zum Wahnsinn, sie schwankt
zwischen Druck- und Schreibschrift, läppert sich über die Seite und quetscht
sich am unteren Rand zusammen wie von epileptischen Krämpfen geschüttelt.
Billy will Kalligraphie sehen, nicht dieses Hilfsschulgekritzel. Ein neues Blatt
her! Noch eins! Liebe Sally klingt falsch, zu gewunden, zu förmlich. Leider
sieht schief aus. Er tauscht die Stifte. Filz, Kugelschreiber. Vielleicht
Bleistift? Hilft alles nichts. Einen Füller müßte man haben. Er gibt sich
geschlagen, häuft die verschiedenen Anläufe zu einem hübschen kleinen Stapel
und pappt einen Sticker drauf - Ich bin voll des Jammers -, den er
zweimal neu schreibt.
Lächerlich, denkt Billy.
Aber es ist geschafft.
Ein Blick zurück auf das Koch-Wohn-Eß-Lese-Gäste-Mediencenter, auf fünfundvierzig
Quadratmeter durchgekoppelten Raum und verschwendete Zeit. Die meisten Sachen
hat er gestern schon zusammengepackt, adressiert und an seine Eltern in Ohio
geschickt. Sieben aufgestapelte Kartons, ein Frankensteinmonster aus Pappe. Das
wird eine schöne Überraschung. Über Jahre kein Besuch, und plötzlich kommt
das Monster angekrochen, in Gestalt von Schmutzwäsche. Hi, Dad, wie geht's
Mom? Sieben Kartons ohne ein Wort des Grußes. Die gesammelten Werke von
Billy Schine. Der Rest der Wohnung, Möbel, Geschirr, Fernseher und Stereoanlage
gehört seiner Freundin Sally Hu, einer Wertpapieranalystin aus Brooklyn. Billy
kennt sie vom College, ihre Beziehung hat sich ganz allmählich entwickelt: von
Zufallsbegegnungen im ersten Jahr über eine sittsame Kumpelei nach dem Examen,
eine Wohnnachbarschaft in New York, eine recht nette Freundschaft nach
schmerzhafter Trennung (ihrerseits), ein Mitwohnverhältnis nach
Mietenexplosion, eine Was-machen-wir-uns-heute-zuessen- Gemeinschaft, eine
gelangweilte Rückenschrubbpartnerschaft, sexuelle Lückenbüßerakte und allfällige
Wiederholungstaten - bis hin zur Pärchenbildung aus Mangel an Alternativen.
Fast ein Jahr lang haben sie Tittenfick gemacht. Liebe bezeichnet Sally als
Exchange von Körperflüssigkeiten, Geschlechtsverkehr als Körperschaftsfusion,
Orgasmen sind für sie eine Doppelausschüttung. Blasen ist immer fifty-fifty,
Sixty-nine die bevorzugte Zustellmethode. Gegenseitige Masturbation ist die
Mindesteinlage, abartiger Sex, bizarre Phantasien, erotische Hilfsmittel sind
Sicherungsgeschäfte gegen die sexuelle Inflation, wenn nämlich Liebe, Ehe und
Kinder derartige Transaktionen in langfristige Festanlagen verwandeln. "Als
würden wir Insidergeschäfte machen ", sagte Sally einmal zu ihm, ganz
vernarrt in ihren Bankerjargon. "Bitte!" erwiderte Billy zwischen
ihren Beinen.
"Als würden wir den Sex outsourcen."
"Okay, es reicht."
"Eine Marktpenetrierung."
"Ich will deine Muschi vernaschen, nicht die asiatischen Märkte."
"Du Schwein."
So haben sie oft miteinander geredet.
Aber das ist jetzt vorbei.
Billy geht ans Fenster, sucht die Straße nach Trenchcoats ab, obwohl es draußen
heiß ist. Aber was da unten rumläuft, sind die normalen Leute von der Lower
East Side. Von Ragnar keine Spur. Der Wahrheit zuliebe sei gesagt, Billy hat ihn
nie gesehen, aber eine bestimmte, wenn auch vielleicht etwas klischeehafte
Vorstellung von dem Mann: Ragnar als hartnäckiger Verfolger, Billy als Täter
auf der Flucht - wie Javert und Jean Valjean ohne die eingängige Filmmelodie.
Billy genießt diese Vorstellung und zwinkert verwegen seinem Spiegelbild im
Fenster zu, als wäre es ein Filmplakat. Von der Straße aus könnte man denken,
er sei Schauspieler. Gutaussehend, so groß wie die meisten kleinwüchsigen
Stars; sein Lächeln dürfte im Ausland antiamerikanische Proteststürme
entfachen. Mit seinem Gesicht hat es eine merkwürdige Bewandtnis - keine
Narben, Muttermale, Pocken, Poren, möchte man schwören -, es erinnert an eine
forensische Rekonstruktion, bei der man Ton auf einen Schädel aufträgt, um
eine langvermißte Person zu identifizieren. Bei Neonlicht kann er erschreckend
anonym aussehen. Jahre der Ungewißheit haben tiefe Furchen in seine Stirn
gegraben, sie verleihen ihm einen Ausdruck, der oft als Sarkasmus mißdeutet
wird, aber im Zusammenwirken mit dem bereits erwähnten Lächeln auch als
abgrundtiefe Verdatterung durchgehen könnte. Ohne ein einziges Wort
hervorzubringen, können seine Lippen tausend Fäuste mobilisieren. In
Gesellschaft kämpft er gegen diesen ersten Eindruck an - Ich bin besser, als
ich wirke, viel netter, viel intelligenter, glaubt mir! - und windet sich
wie in Krämpfen, wenn er sich mit jemandem bekanntmachen soll. In schwachen
Momenten schiebt er es auf die Astrologie. Oder auf die astrologische Typologie.
Billy ist Krebs, cancer, crab - ein Sternzeichen, das nicht nur an
eine schreckliche Krankheit gemahnt, sondern auch an Filzläuse. Seine Geburt
scheint mit den Höhen und Niederungen menschlichen Leids zusammenzufallen. Kein
Wunder, daß Krebse notorisch übersensibel sind. Vielleicht bleibt Billy aus
diesem Grund gern zu Hause und schützt Krankheiten vor, macht Schnupfen zu
Grippe, Kopfschmerzen zu Migräne. Manch einer würde das als Hypochondrie
bezeichnen, aber für Billy ist es eher eine Philie. Er liebt das Kranksein, er
liebt den Gedanken an Bettruhe und Rekonvaleszenz. Wer sich einen Autounfall
vorstellt, mit Knochenbrüchen und Monaten der Genesung, und sich dabei auch nur
einen Moment lang an der Vorstellung der Fürsorge und Pflege weidet, dem
Spannungsbogen der Heilung, der hat etwas mit Billy gemein und war vermutlich
nie ernstlich verletzt oder krank. Aber tapfer sehr wohl! Ein Überlebenskünstler
gar. Unfallopfer im Fernsehen wirken immer dankbar für ihr Leid, erzählen der
zu Tränen gerührten Reporterin, daß sie nichts, aber auch gar nichts davon
missen möchten. Hier stehe ich und kann nicht anders. Oft wird beim nächsten
künstlichen Schluchzer ein höherer Zweck benannt. Ja, es ist ein Segen, daß
es so gekommen ist. Billy beneidet sie um ihre Einfälle.
Klar ist das furchtbar.
Er sollte dankbar sein für seine Gesundheit.
Schließlich ist seine Gesundheit alles, was er hat.
Seine Gesundheit könnte ihm noch mal das Leben retten.
Das Telefon klingelt seinen herzbeklemmenden Angst- und Schreckenston. Die
Rufnummer sagt ihm nichts. Ragnar? Nein.
Sally? Nein. Auch nicht die Zeitarbeitsfirma, um zu fragen, wo er verdammt noch
mal steckt. Also nimmt er ab, zaghaft, auf alles gefaßt, vielleicht stammelt
sein Vater in irgendeinem Krankenhaus in irgendeinen Hörer.
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