Die Normalen von David Gilbert, 2005, Eichborn

David Gilbert

Die Normalen
(Leseprobe aus: Die Normalen, Roman, 2004, Bloomsbury/2005, Eichborn)

Die mageren Floskeln bleiben sich immer gleich. Sally ich gehe Billy. Keine wirkliche Überraschung. Kein Drama. Kein Herzeleid. Schließlich zieht Sally nächste Woche weg, nach Cambridge immerhin, zum Studium an der Business School mit dem widerwärtigen Kürzel HBS. Billy macht sich einfach davon, na ja, er kommt ihr zuvor. Daß er es ohne Formalitäten und Hinterlassung einer Nachsendeadresse tut, wird sie wohl verzeihen, höchstens den Wegfall seiner Verpackungskünste bejammern. Also mach's gut. Aber seine Handschrift treibt ihn zum Wahnsinn, sie schwankt zwischen Druck- und Schreibschrift, läppert sich über die Seite und quetscht sich am unteren Rand zusammen wie von epileptischen Krämpfen geschüttelt. Billy will Kalligraphie sehen, nicht dieses Hilfsschulgekritzel. Ein neues Blatt her! Noch eins! Liebe Sally klingt falsch, zu gewunden, zu förmlich. Leider sieht schief aus. Er tauscht die Stifte. Filz, Kugelschreiber. Vielleicht Bleistift? Hilft alles nichts. Einen Füller müßte man haben. Er gibt sich geschlagen, häuft die verschiedenen Anläufe zu einem hübschen kleinen Stapel und pappt einen Sticker drauf - Ich bin voll des Jammers -, den er zweimal neu schreibt.
Lächerlich, denkt Billy.
Aber es ist geschafft.
Ein Blick zurück auf das Koch-Wohn-Eß-Lese-Gäste-Mediencenter, auf fünfundvierzig Quadratmeter durchgekoppelten Raum und verschwendete Zeit. Die meisten Sachen hat er gestern schon zusammengepackt, adressiert und an seine Eltern in Ohio geschickt. Sieben aufgestapelte Kartons, ein Frankensteinmonster aus Pappe. Das wird eine schöne Überraschung. Über Jahre kein Besuch, und plötzlich kommt das Monster angekrochen, in Gestalt von Schmutzwäsche. Hi, Dad, wie geht's Mom? Sieben Kartons ohne ein Wort des Grußes. Die gesammelten Werke von Billy Schine. Der Rest der Wohnung, Möbel, Geschirr, Fernseher und Stereoanlage gehört seiner Freundin Sally Hu, einer Wertpapieranalystin aus Brooklyn. Billy kennt sie vom College, ihre Beziehung hat sich ganz allmählich entwickelt: von Zufallsbegegnungen im ersten Jahr über eine sittsame Kumpelei nach dem Examen, eine Wohnnachbarschaft in New York, eine recht nette Freundschaft nach schmerzhafter Trennung (ihrerseits), ein Mitwohnverhältnis nach Mietenexplosion, eine Was-machen-wir-uns-heute-zuessen- Gemeinschaft, eine gelangweilte Rückenschrubbpartnerschaft, sexuelle Lückenbüßerakte und allfällige Wiederholungstaten - bis hin zur Pärchenbildung aus Mangel an Alternativen. Fast ein Jahr lang haben sie Tittenfick gemacht. Liebe bezeichnet Sally als Exchange von Körperflüssigkeiten, Geschlechtsverkehr als Körperschaftsfusion, Orgasmen sind für sie eine Doppelausschüttung. Blasen ist immer fifty-fifty, Sixty-nine die bevorzugte Zustellmethode. Gegenseitige Masturbation ist die Mindesteinlage, abartiger Sex, bizarre Phantasien, erotische Hilfsmittel sind Sicherungsgeschäfte gegen die sexuelle Inflation, wenn nämlich Liebe, Ehe und Kinder derartige Transaktionen in langfristige Festanlagen verwandeln. "Als würden wir Insidergeschäfte machen ", sagte Sally einmal zu ihm, ganz vernarrt in ihren Bankerjargon. "Bitte!" erwiderte Billy zwischen ihren Beinen.
"Als würden wir den Sex outsourcen."
"Okay, es reicht."
"Eine Marktpenetrierung."
"Ich will deine Muschi vernaschen, nicht die asiatischen Märkte."
"Du Schwein."
So haben sie oft miteinander geredet.
Aber das ist jetzt vorbei.
Billy geht ans Fenster, sucht die Straße nach Trenchcoats ab, obwohl es draußen heiß ist. Aber was da unten rumläuft, sind die normalen Leute von der Lower East Side. Von Ragnar keine Spur. Der Wahrheit zuliebe sei gesagt, Billy hat ihn nie gesehen, aber eine bestimmte, wenn auch vielleicht etwas klischeehafte Vorstellung von dem Mann: Ragnar als hartnäckiger Verfolger, Billy als Täter auf der Flucht - wie Javert und Jean Valjean ohne die eingängige Filmmelodie. Billy genießt diese Vorstellung und zwinkert verwegen seinem Spiegelbild im Fenster zu, als wäre es ein Filmplakat. Von der Straße aus könnte man denken, er sei Schauspieler. Gutaussehend, so groß wie die meisten kleinwüchsigen Stars; sein Lächeln dürfte im Ausland antiamerikanische Proteststürme entfachen. Mit seinem Gesicht hat es eine merkwürdige Bewandtnis - keine Narben, Muttermale, Pocken, Poren, möchte man schwören -, es erinnert an eine forensische Rekonstruktion, bei der man Ton auf einen Schädel aufträgt, um eine langvermißte Person zu identifizieren. Bei Neonlicht kann er erschreckend anonym aussehen. Jahre der Ungewißheit haben tiefe Furchen in seine Stirn gegraben, sie verleihen ihm einen Ausdruck, der oft als Sarkasmus mißdeutet wird, aber im Zusammenwirken mit dem bereits erwähnten Lächeln auch als abgrundtiefe Verdatterung durchgehen könnte. Ohne ein einziges Wort hervorzubringen, können seine Lippen tausend Fäuste mobilisieren. In Gesellschaft kämpft er gegen diesen ersten Eindruck an - Ich bin besser, als ich wirke, viel netter, viel intelligenter, glaubt mir! - und windet sich wie in Krämpfen, wenn er sich mit jemandem bekanntmachen soll. In schwachen Momenten schiebt er es auf die Astrologie. Oder auf die astrologische Typologie. Billy ist Krebs, cancer, crab - ein Sternzeichen, das nicht nur an eine schreckliche Krankheit gemahnt, sondern auch an Filzläuse. Seine Geburt scheint mit den Höhen und Niederungen menschlichen Leids zusammenzufallen. Kein Wunder, daß Krebse notorisch übersensibel sind. Vielleicht bleibt Billy aus diesem Grund gern zu Hause und schützt Krankheiten vor, macht Schnupfen zu Grippe, Kopfschmerzen zu Migräne. Manch einer würde das als Hypochondrie bezeichnen, aber für Billy ist es eher eine Philie. Er liebt das Kranksein, er liebt den Gedanken an Bettruhe und Rekonvaleszenz. Wer sich einen Autounfall vorstellt, mit Knochenbrüchen und Monaten der Genesung, und sich dabei auch nur einen Moment lang an der Vorstellung der Fürsorge und Pflege weidet, dem Spannungsbogen der Heilung, der hat etwas mit Billy gemein und war vermutlich nie ernstlich verletzt oder krank. Aber tapfer sehr wohl! Ein Überlebenskünstler gar. Unfallopfer im Fernsehen wirken immer dankbar für ihr Leid, erzählen der zu Tränen gerührten Reporterin, daß sie nichts, aber auch gar nichts davon missen möchten. Hier stehe ich und kann nicht anders. Oft wird beim nächsten künstlichen Schluchzer ein höherer Zweck benannt. Ja, es ist ein Segen, daß es so gekommen ist. Billy beneidet sie um ihre Einfälle.
Klar ist das furchtbar.
Er sollte dankbar sein für seine Gesundheit.
Schließlich ist seine Gesundheit alles, was er hat.
Seine Gesundheit könnte ihm noch mal das Leben retten.
Das Telefon klingelt seinen herzbeklemmenden Angst- und Schreckenston. Die Rufnummer sagt ihm nichts. Ragnar? Nein.
Sally? Nein. Auch nicht die Zeitarbeitsfirma, um zu fragen, wo er verdammt noch mal steckt. Also nimmt er ab, zaghaft, auf alles gefaßt, vielleicht stammelt sein Vater in irgendeinem Krankenhaus in irgendeinen Hörer.

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