Die Ringeltaube von André Gide, 2006, DVA

André Gide

Die Ringeltaube
(Leseprobe aus: Die Ringeltaube, Erzählung, 1920, Privatdruck/2006, DVA - Übertragung Andrea Spingler)

An diesem Tag (28. Juli 1907), dem Tag der Wahlen
zum Bezirksrat, war in Fronton, der Kreisstadt,
gerade Volksfest. Eug[ène] hatte konkurrenzlos
und haushoch gewonnen. Musik, Festbeleuchtung,
Raketen, alles schien zu seinen Ehren da
zu sein. Nach der Auszählung der Stimmen
seiner Kommune waren wir mit dem Gastwirt
Lafage, dem Doktor Coulon und Fabre, dem
Beigeordneten, in Fronton zum Essen gegangen.
Man servierte uns Schnecken und Kutteln, ich
tat nur so, als würde ich davon essen; dann ein
dürftiges Huhn. Doch nach der erdrückenden
Hitze des Tages hatte man mehr Durst als Hunger,
und die vorzüglichen Weine flossen reichlich.
Am Nebentisch speisten mit Raymond, dem
Chauffeur, die drei Fahrradboten, die R[ouart]
eigens ausgeschickt hatte und die das glückliche
Ergebnis der Wahlen aus den anderen Kommunen
berichteten. Es waren Baptiste, sein Bruder
Ferdinand und ein Dritter, Belangloserer, den ich
noch nie gesehen hatte. Durch Zufall kam ich
in Ferdinands Nähe; wir saßen fast Rücken an
Rücken. Als zu der Musik auf dem Platz Raketen
losgingen, konnte ich mich, ohne daß es allzu
unnatürlich aussah, zu ihm hinüberbeugen und
mich dabei mit einer Hand auf sein Knie stützen.
Zweifellos spürte er, daß ich es mit einer gewissen
Absicht tat, denn ich glaube wohl, er lächelte
mir zu. Das Essen zog sich in die Länge; ich
sehnte mich danach, mit ihnen ins Fest einzutauchen.
Der Doktor, der Beigeordnete und der
Gastwirt ließen sich mit meinem Freund auf
eine politische Diskussion ein, ich stahl mich
davon, beinahe ohne daß sie es merkten. Der
kleine Coulon, der Sohn des Doktors, der um
uns herumstrich, folgte mir. Ich fürchtete ein
wenig, diesen Knaben verstimmt zu haben, da
ich ihn acht Tage zuvor bei einer Fahrt im Automobil
ein wenig bedrängt hatte. Er war im Gegenteil
aber sehr zuvorkommend und erbot sich,
mich zu führen. Die Hauptstraße des Dorfes war
recht hübsch illuminiert. Dort drängte sich das
Volk, und auf einem kleinen Platz spielte ein
bescheidenes Orchester die Art Musik, die man
zum Tanzen braucht. Der kleine Coulon, der sich
ganz gelöst an mich lehnte, schien mir äußerst
liebenswürdig; und sicher wäre er, hätte ich ihn
umworben, nicht mehr so zurückhaltend gewesen
wie neulich.

Er war es sogar, der mich etwas später am
Abend fortzog und sich, abseits von der Menge
und im Schatten, unter dem Vorwand der Müdigkeit
beim ersten Wink ganz nah zu mir auf
die Stufen einer Treppe setzte; an jedem anderen
Abend hätte mir diese Freude genügt.
Doch die Menge lockte, und bald trafen wir
wieder auf die Gruppe der vier jungen Leute vom
Abendessen. Raymond, von ebenmäßiger Schönheit
und allzu sehr dafür geschaffen, den Frauen
zu gefallen, ließ mich kalt; nicht so Baptiste und
noch weniger Ferdinand.
[Durchgestrichen: Er war ein Jahr jünger als
sein Bruder, ich hatte ihn auf dem Hof nicht
richtig gesehen oder nicht richtig angeschaut.
Ich erkannte ihn kaum. Gewiß, die Freude und
der Wein waren uns allen zu Kopf gestiegen;
machte ihn das wirklich schöner, oder kam es
mir nur so vor?]
Baptiste war sechzehn, Ferdinand ein Jahr
jünger als sein Bruder. Auf dem Hof hatte ich
ihn kaum bemerkt; der Überschwang des Festes
verwandelte ihn. Doch da ich meine Vorliebe
nicht zu früh offenbaren wollte, plauderte ich
mit allen vieren gleichermaßen, animierte sie
zum Tanzen, bot an, für sie Weiber, wie sie es
nannten, aufzufordern. Ferdinand trug eine bauschige
Leinenhose, die an den Fesseln mit den
Riemen der Sandalen zusammengebunden war, so
daß er aussah wie ein Mameluck. Die engsitzende
leichte Jacke betonte seine Schlankheit. Den
Hut, den er aufhatte, sehe ich nicht mehr vor
mir, aber ich erinnere mich, daß ihm die halblangen
Haare ungeordnet in die Stirn hingen. Sein
Hemd, das unter der offenen Jacke hervorschaute,
war, wie auf dem Land üblich, dunkelblau.
Ich ging am Arm bald des einen, bald des anderen;
im Schutz der Menge und der Nacht wagte
ich mehr. Und alles, was ich wagte, schienen
sie zu erwarten, so bereitwillig gaben sie sich zu
dem her, was schon mehr als Kühnheit war.
Vater Coulon, der Doktor, scheuchte mich
auf. Er klopft mir plötzlich auf die Schulter:
»Ach, Sie wollen sich verdrücken! – Kommen Sie
doch mit.« Und so weiter. Ich tue, als folgte ich
ihm, und ergreife die Flucht.
An der Biegung der Straßen sehe ich im Halbschatten,
wie sich Raymond und Ferdinand, die
das bestimmt verabredet hatten, treffen und in
die Nacht davonlaufen. Einen Augenblick war
meine Freude von der Sorge getrübt: Wo sind
sie? Was machen sie?

Erst sehr viel später brachte mich der kleine
Coulon auf den Gedanken, sie beim Automobil
zu suchen. Dieses war im Schuppen des Doktors
abgestellt worden. Tatsächlich, da sind Raymond
und Ferdinand damit beschäftigt, es wieder in
Gang zu setzen. Ich nehme Ferdinand beiseite,
frage ihn, was er mit Raymond gemacht habe,
kann jedoch nichts aus ihm herausbringen. Aber
ich bin nicht abweisend und liebkose ihn, während
ich ihn befrage, mit der Hand, mit dem
Lächeln und mit der Stimme.
Wir fahren ab. Gern blieb ich noch; doch warum?
Ferdinand folgt uns. Ich befürchte, daß das
Auto zu schnell ist, daß er nicht Schritt halten
kann; doch nein; tapfer legt er sich ins Zeug und
gewinnt an den Steigungen sogar einen Vorsprung
vor uns.
Unterdessen erzähle ich R[ouart] meinen
Tag: die Begegnung mit Jean Coulon am Ufer der
Garonne. Seine Bemerkung, sobald ich angefangen
habe: »Der kleine Touja wollte es gerade mit
mir treiben.« (François Touja ist der, dem wir wegen
seines gebräunten Gesichts den Spitznamen
»Aprikose« gegeben hatten; er ist der jüngste in
R[ouart]s Herde.) Jean Coulon ist trotz seiner
Bereitwilligkeit zu unreif und erregt nur mein
Gehirn; trotzdem habe ich bei ihm große Lust
empfunden. Noch unreifer und dennoch fabelhaft
entwickelt, der kleine Lazare, Jeans Bruder,
den ich mir im Vorbeigehen auf einer Gartenbank
schnappe, hingestreckt wie zur Siesta, aber sein
Blick begehrlich, lüstern und verschlagen, drei
Tage mußte ich ihm hinterherlaufen. Was hätte
ich nicht alles zu sagen über diesen Nichtsnutz!

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