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Wartende Frauen
(Leseprobe aus: Götter,Gatten und
Geliebte, Roman, 2001, Kunstmann - Übertragung
Maja Pflug)
Wenn du jemanden liebst, mußt du vor allem
wissen, was
du dir von ihm – oder ihr – erwartest, denkt Irene, während
sie langsam ihrer Wohnung entgegenschwebt.
Was sie von Renato erwarten kann, weiß Irene genau. Er
wird zu spät kommen, ihr keine Blumen mitbringen, sie nicht
küssen und das Abendessen kritisieren.
Lieber Gegner, denkt sie zufrieden, ich habe alle deine
Schachzüge vorhergesehen. Sie hat ihn für halb neun bestellt,
damit er gegen viertel nach neun da ist. Die Blumen hat sie sich
selbst gekauft, einen entzückenden Strauß aus Tulpen und Freesien.
Was das Abendessen betrifft, denkt sie kichernd, wird sich
Renato schwertun, ein triftiges Argument gegen ihre foie gras zu
finden. Es ist sein Lieblingsgericht, hat er letztes Mal gestanden,
und Irene hat es sich gemerkt. Nebenbei gesagt, kostet das Zeug
ungefähr soviel wie das Kleid, das sie heute abend anziehen will,
aber Renato wird es bestimmt mehr zu schätzen wissen als ihr
Outfit.
Er macht niemals Komplimente. Dazu ist er von Natur aus
unfähig, der Ärmste. Er kann nichts dafür, es wäre, als verlangte
man von einem Tiger, er solle schnurren. Zum Glück gehört sie
nicht zu den Frauen, die von den Komplimenten und Aufmerksamkeiten
eines Mannes abhängig sind, denkt sie mit einem
prüfenden Blick in den Spiegel des Aufzugs und rückt ihren Seidenschal
zurecht, der sich in einem Ohrring verfangen hat.
Diese Ohrringe hat sie vor einer halben Stunde in einem Schaufenster
gesehen und mußte sie sofort haben. Es sind Silbergehänge
mit dunklen Steinen, die zu ihren Augen passen. Total
süß, wie für sie gemacht. Renato wird das nie merken, das ist
klar, aber was macht das schon?
Nein, überlegt sie dann, während sie sich langsam zur Tür
umdreht. Daß Renato nichts merkt, stimmt nicht; er registriert,
kontrolliert und beobachtet alles stumm mit seinen wunderbaren,
ruhigen, kalten grauen Augen, die dich auf Distanz halten.
Aber er verausgabt sich nicht mit Kommentaren.
Er ist verschlossen wie ein Panzerschrank, nein, wie eine
Auster. Irene stellt sich vor, wie sie sich als Perlenfischerin nackt
ins Meer stürzt, in dessen Tiefe es von Haien wimmelt, um
atemlos mit ihrer kostbaren Beute, ihrem Auster-Mann wieder
aufzutauchen. Der dann, ist er erst der Einsamkeit der Abgründe
entrissen, mit List und Geduld spielerisch besänftigt und
dazu gebracht werden muß, sich zu öffnen und seine Perle
preiszugeben.
Kein leichtes Spiel allerdings. Aber wann hat Irene je leichte
Sachen geliebt?
Und er ist so launisch, auf perverse Art ungreifbar selbst in
seiner Vorhersehbarkeit.
Beim letzten Mal, zum Beispiel, war er beinahe rührend. Sie
hat sich richtig Sorgen gemacht und ihn provoziert, bis er wieder
er selbst wurde. Zuletzt haben sie zum Glück gestritten.
Danach hat er zwei Wochen nichts von sich hören lassen. Als
ob das genügte, um sie zu entmutigen.
Der Aufzug hält im vierten Stock, und beim Anblick des
glänzenden Schildchens mit ihrem kursiv eingravierten Namen,
Irene Russo, möchte sie plötzlich am liebsten laut zu singen anfangen
vor Glück.
Sie hat keine Angst. Alles wird gutgehen. Inzwischen kennt
sie Renato. Er gehört zu ihrem Leben. Auch weil es in ihrem
Leben immer einen Renato gegeben hat, schon lange vor diesem
Renato. Seit Irene sich erinnern kann, hat es immer einen faszinierenden
und unerträglichen Mann gegeben, der weder küssen
kann noch sagen: Ich liebe dich. Der einzige Unterschied zwischen
Renato und seinen Vorgängern besteht darin, daß er die
absolute Vollkommenheit dieser Gattung verkörpert, den Endpunkt
der Evolution. Er ist der Schönste, der Eleganteste, der
Klügste, der Gemeinste. Mehr kann man von einem Mann nicht
verlangen.
Lieber Renato, denkt sie, während sie den Schlüssel aus der
Tasche zieht.
*
Einen Handschuh zwischen den Zähnen, die Arme voller Tüten
und Päckchen, öffnet sie die Tür. Drinnen ist es warm, und die
Pflanzen in der Diele stehen stramm wie Zinnsoldaten, grün
und glänzend, zu neu, um schon zu welken. Alles ist neu in der
Wohnung, auch die leeren Stellen, die noch auf Möbel warten;
ein vager Geruch nach lackiertem Holz und Verpackungsmaterial
durchzieht die Zimmer und den Flur.
Diese Wohnung verdankt sie im Grund genommen ihm,
denkt sie, während sie die Schuhe abschüttelt und den grünen
Kunstpelz aufhängt – wie ein übriggebliebener Christbaum sehe
sie darin aus, hat Renato galant bemerkt.
Vor anderthalb Jahren, als sie ihm begegnet ist, lebte Irene
noch bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Das Wort ›lebte‹
ist allerdings übertrieben: Sie schlief dort, kam spät abends
nach Hause, auf Zehenspitzen, und nicht jede Nacht. Bequem
war es schon, die schmutzigen Kleider in den Wäschekorb zu
werfen und morgens den Kaffee fertig vorzufinden, aber es
hatte auch seinen Preis: die ständige, nervige Anwesenheit ihrer
Mutter, die die Wohnung mit ihrem Lavendelduft und ihrer
Angst erfüllte.
Eines Abends hat Renato mit seinem sarkastischen Lächeln
zu ihr gesagt: Du tust immer so selbstbewußt, bist aber offenbar
doch nicht erwachsen, sonst hättest du längst das Bedürfnis gehabt,
dich von deiner Familie zu emanzipieren. Mich von meiner
Familie emanzipieren? hat Irene gelacht. Ich kann zu Hause
tun und lassen, was ich will, keiner kontrolliert mich! Aber in
der Nacht hat sie vor Betroffenheit kein Auge zugetan, hielt Re-
nato sie wirklich für so kindisch und unsicher? Am nächsten
Morgen hat sie schmollend, aber resolut ein halbes Dutzend Anzeigen
in der Zeitung angestrichen und sich auf die Jagd gemacht.
Die damit endete, daß sie sich in diese Wohnung verliebt
und sie gekauft hat.
Nun steckt sie zwar bis zum Hals in Schulden bei ihrer Mutter,
aber es hat sich gelohnt. Renato hatte recht. Außerdem hat
er sie schlicht nie zu sich nach Hause eingeladen, und irgendwo
müssen sie sich ja sehen. Die Hotelzimmer haben nach den ersten
aufregenden Begegnungen bald ihre Nachteile offenbart:
staubige Teppichböden, Handtücher, die nach Desinfektionsmittel
riechen, altbackene Kartoffelchips in der Minibar. Sich in
einem Hotelzimmer zu lieben hat etwas brutal Funktionales, so
ähnlich wie Kaffee aus Plastikbechern zu trinken, und Irene benutzt
keine Plastikbecher, nicht mal im Büro.
Aber vielleicht ist die eigentliche Wahrheit eine andere, denkt
Irene, als sie barfuß über das Parkett und dann über die nachtblauen
Kacheln in der Küche geht. Die Wahrheit, das befürchtet
sie schon längst, ist nämlich, daß sich in ihrem Innersten, hinter
all ihrer quirligen Aktivität und Hektik, eine ungeheure Trägheit
verbirgt, die niemand je vermuten würde. Sie ist wie ein
Wirbelsturm, der alles mitreißt, wo er vorbeikommt, aber im
Zentrum einen toten Punkt hat. Und nur die Renatos dieser
Welt haben die Macht, sie vom Fluch dieser Trägheit zu erlösen.
Ihnen verdankt sie alle wichtigen Entscheidungen ihres Lebens.
Irgendwie ist das ungerecht, überlegt Irene, denn die Renatos
dieser Welt machen sich sehr wenig aus ihr. Stimmt das, fragt sie
sich in einem plötzlichen Stimmungsumschwung, und betrachtet
sich im Badezimmerspiegel, während hinter ihr das Wasser in die
Wanne rauscht. Ja, leider: So sehr sie sie auch lieben – ganz sicher
haben einige von ihnen sie geliebt, und vielleicht liebt sogar
Renato sie –, an ihrem Leben würden sie ihretwegen nicht das
Geringste ändern. Also machen sie sich letztendlich nichts aus
ihr. Weder aus ihr noch aus sonst irgendwem außer sich selbst.
Aber sie können nichts dafür, sie sind einfach so. Sie verstehen
nichts von Liebe, das gehört zum Mann-Sein, es ist angeboren
wie die Haare auf der Brust und der Adamsapfel, beschwichtigt
sich Irene, während sie sich mit der Pinzette eine
Braue auszupft. Das darf man nicht als persönliche Beleidigung
nehmen. Zärtlichkeit, Zuneigung, Gefühle, Lebensfreude – lauter
Fremdwörter in der Sprache der Renatos. Auch wenn sie so
tun, als wären sie ihnen geläufig, setzen sie den falschen Akzent.
Man soll in ihnen nicht suchen, was sie nicht geben können,
ganz einfach.
Übrigens hat sie für Zuneigung und Zärtlichkeit ja Nora. Bei
Nora kann sie hemmungslos reden, lachen oder weinen, wann
immer sie Lust hat, Nora kann sie alles erzählen. Na ja, fast
alles. Am Anfang hat sie versucht, mit ihr über Renato zu sprechen,
ohne auf Einzelheiten einzugehen; sie hat nur angedeutet,
es gebe da diesen wunderbaren Mann, in den sie sich verliebt
habe, aber Nora hat abgewinkt: Sei mir nicht böse, aber ich
möchte lieber nichts davon hören.
Nora versteht das nicht, denkt Irene und beißt die Zähne zusammen,
während sie mit der Pinzette heftig an den Brauen zupft,
sie kann es nicht verstehen, weil sie zu anders ist. Nora ist der
liebste, sanfteste Mensch auf der Welt, Irene vergöttert sie, aber
um zu wachsen braucht sie die Härte eines Renato, die Wohnung
ist der Beweis. Nora hätte sie nie zu diesem Kauf gedrängt,
wozu auch, sie hat Irene von Anfang an zu sich eingeladen, vernünftig,
wie sie ist. Aber Renato kennt keine Vernunft, er ist
ausufernd, genial, maßlos. Er ist großartig, wie es in dem alten
Schlager von Mina heißt: »grande, grande, grande come te / ci
sei solo tu«. So sind die Renatos, denkt Irene und lächelt sich im
Spiegel zu.
Apropos Wohnungen, wer weiß, in welchem Zustand
Noras Wohnung ist. Und ihr Kühlschrank! Irene wagt gar
nicht, daran zu denken. Als sie ihn das letzte Mal sauber gemacht
hat, herrschte gähnende Leere, mal abgesehen von einer
Tüte saurer Milch, drei verschrumpelten Karotten und dem inzwischen
verschimmelten Kaviar, den sie ihr voriges Jahr zu
Weihnachten geschenkt hatte.
Armes Bärchen, um diese Zeit verteilt sie bestimmt noch Antibiotika
auf ihrem Kreuzweg der Hausbesuche. Hoffentlich
kommt sie nicht zu spät heim und denkt daran, noch was zu
essen, bevor sie mit einem ihrer grauenhaften Krimis ins Bett
geht.
Gleich morgen wird Irene im Feinkostgeschäft Obst und
Gemüse für Nora einkaufen und ihr Kühlschrank und Speisekammer
mit Leckerbissen und vor allem mit Fertiggerichten füllen.
Dieser Plan beschwingt sie, wie alles, was praktisch und
machbar ist. Trällernd, auf Zehenspitzen zum Spiegel geneigt,
zupft sie sich rasch die letzten Härchen von der Nasenwurzel.
*
Die Wanne ist fast voll. Irene kippt ein
Fläschchen Melissenöl
hinein. Der Spiegel ist beschlagen, die Temperatur im Badezimmer
ist tropisch; Irene läßt das Badetuch zu Boden gleiten, dreht
den Hahn zu, taucht den großen Zeh ins Wasser und schreit auf.
Zu heiß.
Während sie wartet, daß es etwas abkühlt, räumt sie die
Küche auf.
Die Küche ist der einzige fertig eingerichtete Raum der Wohnung,
und darauf ist Irene stolz wie eine Mutter auf ihr Wunderkind.
Ist meine Küche nicht phantastisch, hat sie letztes Mal
zu Renato gesagt und sich vor Begeisterung mit ausgebreiteten
Armen um sich selbst gedreht.
Es ist eine Küche, hat Renato gesagt.
Und du bist gräßlich, hat sie erwidert.
Sind es nicht etwas zu viele Farben? hat er kritisch bemerkt.
Blaue Kacheln, grüner Kühlschrank und das gelb-lila Ding da . . .
Das Ding ist ein Wasserkocher, hat Irene erklärt, und ich
mag es gern bunt, ich liebe Farben, sie machen mich glücklich.
Er hat sein schiefes Lächeln aufgesetzt. Die Farbe Blau paßt
nicht zum Essen, hat er gesagt. Es gibt keine blauen Speisen.
Doch, hat sie erwidert, Heidelbeeren sind blau. Und außerdem
ist dieses Blau so warm, so tief wie die Dämmerung, wie
Sommerabende, siehst du das nicht? Wenn ich dieses Blau anschaue,
fühle ich mich frei. Als könnte ich fliegen.
Manchmal bist du wirklich wie ein Kind, hat er lächelnd gesagt,
und sie ist wirbelnd in seinen Armen gelandet. Welche
Farbe hat deine Küche? hat sie in der Glückssekunde der Umarmung
gefragt.
Schwarz, hat er geantwortet und sich losgemacht. Ihhh, hat
sie gesagt, das ist ja makaber! Ich mag gar nicht dran denken.
Eine glatte Lüge, denn sie will nicht nur dran denken, sondern
würde sie gern sehen, seine Küche, sein Schlafzimmer, sein Bad,
alles, was ihm gehört. Am liebsten würde sie seine Wohnung bis
in alle Winkel durchsuchen, die Schubladen umdrehen auf der
Suche nach doppelten Böden, die Hand in die Falten seiner
Hemden schieben. Sein Zuhause ist die einzige unerforschte
Insel der Welt für Irene.
Sie wickelt die Päckchen aus dem Feinkostgeschäft aus. Die
foie gras kommt in den Kühlschrank, die Crêpes mit Pilzen in
den Backofen, zum Aufwärmen bereit, der schon geputzte und
gewaschene Salat in die Kristallschüssel. Heute abend hat sie
nur Sachen gekauft, die er mag. Ihr hätten Pizza, Mixed Pickles
und Eis genügt, aber sie macht sich sowieso nicht viel aus Essen,
ihr ist alles recht, Hauptsache, es hat jemand anders gekocht.
Renato dagegen ist sehr heikel und kennt sich natürlich bestens
aus. Beim Thema Essen taut er auf. Irene hört gierig zu,
wie immer, wenn er redet, aber ohne ihn zu unterbrechen, da sie
in diesem Bereich gänzlich unbewandert ist. Sie beschränkt sich
auf gelegentliche Nachfragen, die mit gutmütiger Herablassung
beantwortet werden. Eine neue, wundersame Welt tut sich vor
ihr auf, das märchenhafte Reich der Köche, die geheimnisvolle
magische Handlungen wie Blanchieren, Pürieren und Dekantieren
vornehmen, eine Welt, bevölkert von phantastischen Wesen
wie der bastardella, was keine sexistische Beleidigung ist, sondern
ein Küchengerät, und caciucco, was Irene an Kautschuk erinnert,
aber der Name einer Fischsuppe ist. Nach einer Weile
schweift sie gedanklich ab, hört aber weiter lächelnd mit aufgerissenen
Augen zu, ohne etwas zu verstehen, als redete er in einer
Fremdsprache. Er begeistert sich so sehr, der Ärmste, es wäre eine
Sünde, ihn abzublocken. Wenn er mit solchen Adjektiven, mit
solchen leuchtenden Augen von einer Frau spräche, bekäme Irene
einen Anfall von mörderischer Eifersucht. Aber er redet von
einem Perlhuhn. Schwärmt romantisch von einem Wildschweingulasch,
ist gerührt bei der Erinnerung an einen Camembert. Sie
läßt ihn reden und betrachtet ihn. Ein Genuß! Köstliche Augenblicke,
in denen sie mit ihm zusammen, aber doch allein ist und
denken kann, was sie will, während sie ihn mit den Augen streichelt.
Blitzartig überlegt sie dann manchmal, wie es sich wohl anfühlte,
wenn sie verheiratet wären, wenn seine Stimme, sein
Duft, sein Gesicht ihr nach jahrelanger Nähe vertraut geworden
wären und ihr nicht mehr diesen seltsamen Schauer verursachten,
als ob ihr jemand auf den Nacken hauchte. Aber solche Gedanken
sind verboten, sie führen in den dunklen Wald, in die
Schmerzensstadt, aus der es kein Zurück gibt, die Ehe.
Schon als kleines Mädchen war Irene ganz sicher, daß sie nie
heiraten wird. Nicht in diesem Leben. Ihr wird schlecht, wenn
sie bloß daran denkt, ihr dreht sich der Magen um, wie sie Nora
einmal gestanden hat; dann, als ihr einfiel, daß Nora fünfzehn
Jahre lang verheiratet war, hat sie rasch eingelenkt. Bestimmt
gibt es auch erträgliche Ehen, hat sie gesagt, vielleicht sogar
glückliche, genau wie es Volltreffer im Lotto gibt, aber warum
sollte ausgerechnet ich das große Los ziehen? Verstehst du?
Vollkommen, hat Nora gesagt und sie mit ihren graublauen
Augen fixiert, die Renatos Augen manchmal beeindruckend
ähnlich sind.
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