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Der Honig
(aus: Der Honig, Roman,
Roman, dtv - Übertragung Sabine
Hübner)
Ruhiya trat aus dem Steinhaus und
hielt ihren Schleier in der sanften Brise, die ihr entgegenwehte, fest. Sie
machte sich daran, ihr Haar zurückzubinden, ließ es dann aber bleiben. Die
Nacht würde sie verbergen, der Schlaf für sie Wache halten. Trotzig schlang
sie sich ihren hijab um die Hüfte. Es war schon Jahre her, dass sie den Wind im
Nacken gespürt hatte, den kühlenden Hauch, der die sommerlichen Schweißperlen
auflöste. Sie zog die Füße durch den warmen Sand. Das Haus von al-Ashkar
stand auf der anderen Seite des Dorfes. Der Wind hatte aufgefrischt und wiegte
die hohen Palmen mit leisem Raunen. Wie ihre Mutter es versprochen hatte, tat
sich ein neuer Weg vor ihr auf. Sie wandte sich um und lief auf die Moschee zu,
geleitet von den flammenden Bougainvillea-Sträuchern und den Reihen blühenden
Jasmins. Ruhiya sah zum Himmel hinauf und zu den leuchtenden Punkten darin. Sie
bildeten eine wirbelnde Krone für die gelbe Moschee. Sie lugten durch die
beiden Monde, die in die Steinmauer der Moschee gehauen waren, der zu- und der
abnehmende Mond. Die Tür stand weit offen wie immer, die Stufen zum Minarett
lagen direkt dahinter. Die Treppe schien zu schmal für die stämmige Gestalt
ihres Vaters, zu dunkel. Ruhiya sah sein eingefallenes Gesicht vor sich. Seine
Augen blinzelten einmal, dann war er verschwunden. Ruhiyas Füße trugen sie die
Stufen hinauf. Sein Moschusgeruch war überall. Hätte der Gesang ihres Vaters
melancholischer sein können? Vom ersten Tag an war man sich einig gewesen, dass
die sehnsuchtsvolle Stimme des jungen Radwan ihresgleichen suchte. Und im Lauf
der Jahre war sie immer ergreifender geworden. Die Dorfbewohner sagten: »Hört
nur, der Muezzin wird immer sehnsüchtiger.« Mit der Zeit wurden auch sie von
dieser Sehnsucht mitgerissen, und in den Stunden der Dämmerung, bei
Sonnenaufgang und Sonnenuntergang trieb ihnen sein Gebetsruf Tränen in die
Augen.
Sie stand oben auf dem Minarett, allein auf dem runden Balkon. Hier wehte ein kühlerer
Wind und das Raunen war verstummt. Sie sah sich um und erblickte zum ersten Mal
die Hausdächer von al-Ahmar. Die Bäume reckten ihre Äste als geisterhafte
Schatten in den Himmel. Der Gesang in Ruhiyas Kehle war angeschwollen wie ein
Abszess, der Schweiß brach ihr aus. Sie zog ihren Schleier bis zu den Schultern
hoch und wischte sich das Gesicht damit ab. Sie dachte an Umm Kulthum, die ägyptische
Diva, deren Gesang die Macht besaß, eine ganze Nation verstummen zu lassen.
Warum war denn die Stimme dieser Frau nicht awra? Ruhiyas Großmutter hatte ihr
erzählt, dass selbst in Jerusalem ganze Stadtviertel still wurden, wenn Umm
Kulthum im Radio kam, von Ras al-Amud bis zum orthodoxen Viertel in der
Altstadt, alte Männer saßen da und lauschten ihren Balladen, während sie
nachdenklich ihre Schnurrbärte zwirbelten und ihre Wasserpfeifen drehten. Sie
erzählte Ruhiya, dass jedermann verträumt die Augen schloss, wenn ihre Lieder
erklangen, in den Wechselstuben und Friseurläden der Salaheddin-Straße ebenso
wie in den Universitäten von Bethlehem und Birzeit. Und dass es nie Ärger mit
den Soldaten gab, wenn Umm Kulthum sang. Denn ihre Lieder kamen aus dem Herzen.
In wenigen Augenblicken war es Zeit für das Morgengebet. Kühl taute der Himmel
auf, die Sonne wartete hinter dem Horizont. Ruhiya schloss die Augen und
durchquerte die Wüste bis zu einem glitzernden Meer. Es hatte eine Zeit
gegeben, als das Sprechen verboten war, und es schien so lange her.
»In diesem Augenblick quelle ich fast über von der Liebe, die Gott mir
erwiesen hat. Aber es hat sich nichts geändert; ich bin einfach nur dort, wo
ich sein soll, halte einen kühnen Moment lang den Atem an und frage den Morgen,
ob er mir gehören will. Mir zur Seite stehen will, wenn ich Seine Herrlichkeit
preise.«
»Allaahu Akbar!« Ihr Körper war steif. Der Schrei war ihr entwichen. Sie
stand unerschütterlich wie ein Vulkan und spie glühende Lava, schleuderte
Worte wie Asche hinaus. Sie kostete sie aus wie Konfekt, das auf der Zunge
zergeht. Am Schluss, eingedenk der Worte Yehyas, machte sie die korrekte Pause:
»La Ilaaha Illa Allah …« Es gibt keinen Gott außer Allah.
Ruhiya öffnete die Augen und legte die Hand auf ihr Herz. Sie blickte hinab.
Ein kleines Mädchen stand unten vor dem Minarett und sah zu ihr empor. Es war
Asrar, die Tochter des heiligen Mannes und Heilers al-Ashkar. Ruhiya hatte sie
gar nicht bemerkt, doch jetzt verflochten sich ihre Blicke voll Liebe und
Dankbarkeit. Ruhiya presste die Hand auf die Lippen, als untersuche sie eine
frische Wunde. Ihr Mund trug keine Spur der Schande, trotz des leichten Zitterns
und des Kribbelns unter ihrer Haut. Mit Bedacht drehte sie sich um und ging
hinein, dann rannte sie die Stufen des Minaretts hinunter und wieder aus der
Moschee hinaus. Sie ging auf das kleine Mädchen zu und kniete sich hin, so dass
ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. Die beiden – eine, die bald eine Frau
sein würde, die andere, die sich gerade so spektakulär von den Beschränkungen
befreit hatte, die den Frauen auferlegt sind – starrten einander an wie Katzen
verschiedener Rassen. Ruhiya sprach als Erste.
»Asrar, du darfst nicht weitersagen, was du gesehen hast. Du musst es für dich
behalten. Leg die Hand auf dein Herz und schwöre auf den Koran, dass du es für
dich behalten wirst!«
»Ich würde auf den Koran, das Kreuz, die Thora schwören. Ich würde ja schwören,
aber es haben dich schon alle gehört, Ruhiya.«
Ruhiya lächelte. Sie sagte sanft: »Einschließlich Gott?«
Asrar betrachtete die vor ihr kniende junge Frau, ohne zu antworten. Sie wusste,
dass sie gerade etwas Bedeutsames miterlebt hatte, begriff aber nicht ganz den
Grund für die Panik, die in Ruhiyas Augen stand.
»Gott vergib mir! Du musst mein Geheimnis bewahren, Asrar!«
Asrar zögerte nicht. »Du bist das Geheimnis, Ruhiya.« Denn wenn Asrar eins
erkannte, dann waren es Geheimnisse.
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