Später Spagat von Robert Gernhardt, 2006, S. Fischer

Robert Gernhardt

Michaela am heissesten Tag des Jahres
(Leseprobe aus: Später Spagat, Gedichte, 2006, S. Fischer).

Ich hatte gar nicht mit ihr gerechnet,

doch pünktlich um zehn stand sie vor der Haustür.

Ich sag, daß wir kommen, und rufe Bella,

die bricht sich treppab beinahe die Haxen.

Sie wittert den Jerry. Ich folge gelassen,

obwohl auch ich auf das Treffen gespannt bin.

Nur noch paar Stufen, und ich erfahr es:

Was trägt

Michaela am heißesten Tag des Jahres?

Da steht sie in langen, weißen Hosen.

Darüber ein T-Shirt, nabelfrei, blau.

Auf dem Kopf eine ebenfalls weiße Kappe,

beschriftet mit »Reebok«. »Du machst ja Reklame!«

sag ich und erfahre: »Das ist ein Geschenk

von Andres Mutter.« »Andre?« »Na, mein Freund.«

»Der Typ, dem du zweimal eine geschallert?«

Alles still. Nur von ferne Gezänk eines Stares.

Was denkt

Michaela am heißesten Tag des Jahres?

Sie denkt nicht, sie klagt. Sie sei unausgeschlafen

vom Streit gestern Abend mit ihrer Mutter.

Die habe gesagt, sie verblöde langsam.

»Was ja auch stimmt. Ich sollte mehr lesen.

Aber jetzt, wo’s so heiß ist – Jerry bei Fuß!

Sehn Sie den Dackel? Ich nicht, ohne Brille.

Das ist nicht mein Tag. Ich hab meine Tägchen.

Sie als Mann habens leicht. Daran ist was Wahres« –:

So schwatzt

Michaela am heißesten Tag des Jahres.

Wir schlagen den üblichen Weg ein. Die Hunde,

sonst lärmend und kregel, folgen uns lustlos.

Sie wolle ja lesen, sie werde auch lesen.

Sie habe bereits ein Buch im picture:

»›Die Wüstenblume‹, das werd ich mir ausleihn,

da geht’s um ein afrikanisches Model,

das wurde beschnitten und vergewaltigt« –

Und sie zieht genervt am Blond ihres Haares –

Was fühlt

Michaela am heißesten Tag des Jahres?

Das bleibt ihr Geheimnis. Wir schlendern schweigend

und machen früh kehrt, da sie tonlos hervorbringt,

sie sei unheimlich müde. Ich mime Verständnis

und male mir aus, wie es wär, dieser Krabbe

ausgeliefert zu sein. Jäher Schauder

mildert das Leuchten des Körpers in Blüte,

dimmt zumindest ein wenig den Glanz

seiner grade mal fünfzehn Jahre. Das war es:

Das war

Lolita am heißesten Tag des Jahres.

Rezension I Buchbestellung III06 LYRIKwelt © S. Fischer