Im Glück und anderswo von Robert Gernhardt, 2001, S. Fischer

Robert Gernhardt

Im Glück und anderswo
(aus: Im Glück und anderswo, 2001, S. Fischer)

Rede vom GlückWie übers Glück reden?Wenn das einmal glückte:Wäre das nicht Glück?Mir glückte es nie,das Glück zu beschwörenohne Unglücksgrundierung.Als ob das Glück,um zu glücken, bedürfteder Folie des Unglücks.Braucht nicht das Unglückvielmehr das Glück,das Mißglücken das Glücken?Der Wortstamm ist: Glücken.Mißglücken, Nichtglücken:Verunglückte Zweige,Glücklose Triebeauf glückhaft wurzelndemGrundglück.Vor allem Unglückwar Glück. Vor allemMißglücken glückte es.Ihr glücklichen Tage!Nur wen ihr beglückt,der kennt glücklose Nächte.Wir glücklichen Menschen!Vor unserem Glück erst erstrahlt hell euer Unglück.Hunde und BilderDie Toskana ist voll von Hunden.Die Hunde sind voll von Gebelle.Es gibt in der ganzen Toskana keinehalbwegs ruhige Stelle.Die Toskana ist voll von Bildern.Auf manchen finden sich Hunde.Die sind gemalt und schauen daherdankenswert stumm in die Runde.Die Toskana ist voll von Fremden.Wegen der Bilder, nicht wegen Tieren.Doch gehn Bilder manchmal am Arsch vorbeiund die Hunde voll an die Nieren.Der »Klassiker« Deutschland-Hollandam 18. November 199800:00Deutschland in WeißHolland in RotRasen in GrünWeißwein imBlick.10:00Holland bestichtMöller versiebtBierhoff verziehtWeißwein verlockt.20:00Reiziger trifftStand null zu einsHolland erfreutWeißwein entkorkt.30:00Basler vergeigtMöller verspieltBierhoff verfehltWeißwein verschönt.40:00Holland entzücktDeutschland enttäuschtChance vertanWeißwein tut not.50:00Rehmer kommt reinMarschall staubt abStand eins zu einsWeißwein auf ex.60:00Spielzeit verrinntDeutschland versagtUnmut nimmt zuWeißwein nimmt ab.70:00Möller sieht GelbBasler geht rausZickler kommt reinWeißwein muß sein.80:00Seedorf versuchtMarschall verfluchtSpielfluß verflachtWeißwein versiegt.90:00Möller baut abSchiri pfeift abRibbeck wägt abTrinker winkt ab:Weißspiel!Marleens SommerEs ist Sommer undMarleen fährt ans Meer.Sie aalt sich im Sandund zeigt alles her.Sie gibt der Sonnereichlich zu schaun. - Aber irgendwie wird ihr Bauch nicht braun.Eine Woche ist um,und Marleen weiß mehr.Sie hat sich erholtund macht mächtig was her.Die Männer schaun gierigund giftig die Fraun - Aber irgendwie wird ihr Bauch nicht braun.Zwei Wochen. Jetztbraucht Marleen einen Kick.Als der Typ sie anmacht,lehnt sie sich zurückund denkt im stillen:Mach zu, du Clown - Aber irgendwie wird ihr Bauch nicht braun.Drei Wochen. Mehrist leider nicht drin.Noch einmal hältsie den Körper hin.Der Sonne zuerst,sodann ihrem Faun - Aber irgendwie wird ihr Bauch nicht braun.Das wars. Im Bürofragt die Freundin: Na?Na ja, sagt Marleen,es war alles da.Ich habe gepflegtauf den Pudding gehaun - aber irgendwieaber irgendwieaber irgendwie wurde mein Bauch nicht braun.Sorge Dich nicht, borgeMein Gott, war das wieder ein Streß im Büro!Als ich den Laden verließ, war ich stehend k.o.Kaum zu Hause, da dacht ich: Was pfeif ich mir rein?Im Kühlschrank, da muß doch noch Stein-Wein sein!Schon ist er zur Hand, jetzt den Korkzieher her - Die Schublade auf, doch die Lade ist leer!Gestern war er noch da, heute ist er nicht drin - Wo ist denn nur dieser Korkzieher hin?Moment! Hab ich den nicht verborgt?Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt.Aber wem? Da fällt es mir siedendheiß ein:Gestern abend, da schneite die Nachbarin reinUnd bat mich: »Herr Nachbar, so borgen Sie mir,Ihrer Nachbarin, rasch Ihren Korkenziehr.Ich bin grad dabei, meinen Chef zu verführn,Und in dessen Hose, da will sich nichts rührn.Nun habe ich einen Eins-a-Côtes du Rhône,Ein geiles Getränk, das regelt das schon.Doch die Flasche ist leider verkorkt!«Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt.Ich also rüber, ich klopf an die Tür:»Frau Nachbarin, bitte öffnen Sie mir!«Da schaut sie schon raus: »Ach Sie - kommse rein!Wo liegt Ihr Problem?« »Ich tränke gern Wein,Doch die Flasche ist zu und mein Korkenziehr« - »Ach der! Tut mir leid, der ist nicht mehr hier:Mein Chef hat ihn mitsamt der Flasche entsteißt,Weil nichts lief - « Da schrei ich sie an: »Das heißt,Sie hab'n das Geborgte verborgt?!«Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt.Da faßt mich die Nachbarin zart unters Kinn:»Hat mein Nachbar denn nichts als Korken im Sinn?Ihr Korkenzieher bleibt leider verliehn,Doch wir könnten ja auch an was anderem ziehn,An Gürteln und Schleifen, an Bändern und Stoffen,Und dem, was wir drunter zu finden hoffen,Sei's der Mann bei der Frau, sei's die Frau bei dem Mann:Es gibt viel zu ziehn. Also packen wirs an!«Und dann hat sie's mir tierisch besorgt:Der Mensch wird zum Gott, wenn er borgt.

Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © S. Fischer