Im Glück und anderswo von Robert Gernhardt, 2001, S. Fischer

Robert Gernhardt

Sorge dich nicht, borge
(aus: Im Glück und anderswo, Gedichte, 2001, S. Fischer)

Mein Gott, war das wieder ein Streß im Büro!
Als ich den Laden verließ, war ich stehend k.o.
Kaum zu Hause, da dacht ich: Was pfeif ich mir rein?
Im Kühlschrank, da muß doch noch Stein-Wein sein!
Schon ist er zur Hand, jetzt den Korkzieher her -
Die Schublade auf, doch die Lade ist leer!
Gestern war er noch da, heute ist er nicht drin -
Wo ist denn nur dieser Korkzieher hin?
Moment! Hab ich den nicht verborgt?
Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt.

Aber wem? Da fällt es mir siedendheiß ein:
Gestern abend, da schneite die Nachbarin rein
Und bat mich: »Herr Nachbar, so borgen Sie mir,
Ihrer Nachbarin, rasch Ihren Korkenziehr.
Ich bin grad dabei, meinen Chef zu verführn,
Und in dessen Hose, da will sich nichts rührn.
Nun habe ich einen Eins-a-Côtes du Rhône,
Ein geiles Getränk, das regelt das schon.
Doch die Flasche ist leider verkorkt!«
Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt.

Ich also rüber, ich klopf an die Tür:
»Frau Nachbarin, bitte öffnen Sie mir!«
Da schaut sie schon raus: »Ach Sie - kommse rein!
Wo liegt Ihr Problem?« »Ich tränke gern Wein,
Doch die Flasche ist zu und mein Korkenziehr« -
»Ach der! Tut mir leid, der ist nicht mehr hier:
Mein Chef hat ihn mitsamt der Flasche entsteißt,
Weil nichts lief - « Da schrei ich sie an: »Das heißt,
Sie hab'n das Geborgte verborgt?!«
Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt.

Da faßt mich die Nachbarin zart unters Kinn:
»Hat mein Nachbar denn nichts als Korken im Sinn?
Ihr Korkenzieher bleibt leider verliehn,
Doch wir könnten ja auch an was anderem ziehn,
An Gürteln und Schleifen, an Bändern und Stoffen,
Und dem, was wir drunter zu finden hoffen,
Sei's der Mann bei der Frau, sei's die Frau bei dem Mann:
Es gibt viel zu ziehn. Also packen wirs an!«
Und dann hat sie's mir tierisch besorgt:
Der Mensch wird zum Gott, wenn er borgt.

Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © S. Fischer