Im Glück und anderswo von Robert Gernhardt, 2001, S. Fischer

Robert Gernhardt

Rede vom Glück
(aus: Im Glück und anderswo, Gedichte, 2001, S. Fischer)

Wie übers Glück reden?
Wenn das einmal glückte:
Wäre das nicht Glück?

Mir glückte es nie,
das Glück zu beschwören
ohne Unglücksgrundierung.

Als ob das Glück,
um zu glücken, bedürfte
der Folie des Unglücks.

Braucht nicht das Unglück
vielmehr das Glück,
das Mißglücken das Glücken?

Der Wortstamm ist: Glücken.
Mißglücken, Nichtglücken:
Verunglückte Zweige,

Glücklose Triebe
auf glückhaft wurzelndem
Grundglück.

Vor allem Unglück
war Glück. Vor allem
Mißglücken glückte es.

Ihr glücklichen Tage!
Nur wen ihr beglückt,
der kennt glücklose Nächte.

Wir glücklichen Menschen!
Vor unserem Glück erst
erstrahlt hell euer Unglück.

Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © S. Fischer