Der Stern des Bundes von Stefan George, 2007, Lyrikedition 2000Stefan George

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(Leseprobe aus: Der Stern des Bundes, Gedichte, 1914/2007, Lyrikedition 2000)

DU stets noch anfang uns und end und mitte
Auf deine bahn hienieden · Herr der Wende ·
Dringt unser preis hinan zu deinem sterne.
Damals lag weites dunkel überm land
Der tempel wankte und des Innern flamme
Schlug nicht mehr hoch uns noch von andrem fiebern
Erschlafft als dem der väter · nach der Heitren
Der Starken Leichten unerreichten thronen
Wo bestes blut uns sog die sucht der ferne . . .
Da kamst du spross aus unsrem eignen stamm
Schön wie kein bild und greifbar wie kein traum
Im nackten glanz des gottes uns entgegen:
Da troff erfüllung aus geweihten händen
Da ward es licht und alles sehnen schwieg.

DER du uns aus der qual der zweiheit löstest
Uns die verschmelzung fleischgeworden brachtest
Eines zugleich und Andres · Rausch und Helle:
Du warst der beter zu den wolkenthronen
Der mit dem geiste rang bis er ihn griff
Und sich zum opfer bot an seinem tage . .
Und warst zugleich der freund der frühlingswelle
Der schlank und blank sich ihrem schmeicheln gab
Und warst der süsse schläfer in den fluren
Zu dem ein Himmlischer sich niederliess.
Wir schmückten dich mit palmen und mit rosen
Und huldigten vor deiner doppel-schöne
Doch wussten nicht dass wir vorm leibe knieten
In dem geburt des gottes sich vollzog.

IHR wisst nicht wer ich bin . . nur dies vernehmt:
Noch nicht begann ich wort und tat der erde
Was mich zum menschen macht . . nun naht das jahr
In dem ich meine neue form bestimme.
Ich wandle mich doch wahre gleiches wesen
Ich werde nie wie ihr: schon fiel die wahl.
So bringt die frommen zweige und die kränze
Von veilchenfarbenen von todesblumen
Und tragt die reine flamme vor: lebt wohl!
Schon ist der schritt getan auf andre bahn
Schon ward ich was ich will. Euch bleibt beim scheiden
Die gabe die nur gibt wer ist wie ich:
Mein anhauch der euch mut und kraft belebe
Mein kuss der tief in eure seelen brenne.

DER strom geht hoch . . da folgt dies wilde herz
Worin ein brand sich wälzt von tausendjahren
Den es verbreiten möcht in licht und tiefe
Und nicht entladen kann - den spiegelungen.
Es seufzt den wellen nach als soviel wesen
Die ihm entrinnen ihm entronnen sind
Und weiss nicht rat eh die paar tropfen bluts
Verströmt sind in die endlos laute fülle . .
Da tauchst du Gott vor mir empor ans land
Dass ich von dir ergriffen dich nur schaue ·
Dein erdenleib dies enge heiligtum
Die spanne kaum für eines arms umfassen
Fängt alle sternenflüchtigen gedanken
Und bannt mich in den tag für den ich bin.

WAR wieder zeiten-fülle? Welche glut
»Als wollte eine welt sich neu gebären?«
Hell-lichte mittage wo schemen liefen . .
Die nächte mit dem tanz um offne feuer . .
Die roten fackelhalter und die weissen
Kranz-trägerinnen . . geller ton der pfeifen
Und aller einung im gemischten kuss.
Dann wenn es dämmerte griff uns der geist
Von ihm besessen quoll im wechsel rede
Entzückte uns zu schwur und todesweihe
Bis jeder lezte schauer bat: o komme
Du halt du klang in unsren tollen wirbeln
Du unsrer feier heiligung und krone
In unsrem dunklen träumen du der strahl!

SCHON war der raum gefüllt mit stolzen schatten
Die funken sprühten in gewundnen dämpfen
Es zuckten die gewesnen widerscheine
Bei edlen holden die urnächtig frühen.
Ihr zittern huschte auf metallnen glänzen
Begierig suchten sie sich zu verdichten
Umringten quälend uns und wurden bleicher . .
So sassen machtlos wir im kreis mit ihnen . . .
Wo ist des herdes heisse erdenflamme
Wo ist das reine blut um uns zu tränken?
Neblige dünste ballet euch zu formen!
Taucht silberfüsse aus der purpurwelle!
So drang durch unser brünstiges beschwören
Der wehe schrei nach dem lebendigen kerne.

ERGEBEN steh ich vor des rätsels macht
Wie er mein kind ich meines kindes kind . .
Wie sein gesetz ist dass aus erdenstoff
Der Hohe wird und eh ihn tat versehrt
Mit schmerz und lächeln seinen heimweg nimmt.
Wie sein gesetz ist dass sich der erfüllt
Der sich und allen sich zum opfer gibt
Und dann die tat mit seinem tod gebiert.
Die tiefste wurzel ruht in ewiger nacht . .
Die ihr mir folgt und fragend mich umringt
Mehr deutet nicht! ihr habt nur mich durch ihn!
Ich war verfallen als ich neu gedieh . .
Lasst was verhüllt ist: senkt das haupt mit mir:
»O Retter« in des dunklen grauens wind.

NUN wachs ich mit dir rückwärts in die jahre
Vertrauter dir in heimlicherem bund.
Du strahlst mir aus erlauchter ahnen werke
Entzückten fehden und berauschten fahrten
Und wesest wach wie schamvoll auch verhüllt
Im weisesten im frömmsten seher-spruch.
Was über noch so stolzen nachbarn fürstet -
Im blut ein uralt unerschöpftes erbe:
Du wirfst in fristen fruchtend in das all
Ein zuckend lohen eine goldne flut.
Wie muss der tag erst sein · gewähr und hoffen ·
Wo du erschienen bist als schleierloser
Als herz der runde als geburt als bild
Du geist der heiligen jugend unsres volks!

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