Wenn wir Tiere wären von Wilhelm Genazino, 2011, HanserWilhelm Genazino

Wenn wir Tiere wären
(Leseprobe aus: Wenn wir Tiere wären, Roman, 2011, Hanser).

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Am Tag der Beerdigung von Michael Autz kam es zu

einer kurzen, bösartigen Auseinandersetzung mit Maria.

Sie sagte, ich solle meine Schuhe putzen, ehe ich losgehe.

Ich antwortete, eine Beerdigung ist eine Beerdigung und

keine Konfirmation und auch keine Verlobung. Maria verstand

die Bemerkung nicht, was sie auch zugab. Es ist ein

Gebot der Höflichkeit, sagte Maria, bei der Beerdigung

eines Freundes mit geputzten Schuhen zu erscheinen. Autz

war nicht mein Freund, antwortete ich. Trotzdem, sagte

Maria. Ich wollte ihr nicht erklären, dass es ein angenehmer

metaphysischer Zustand ist, Schuhe bei ihrer fortlaufenden

Selbsteinschmutzung zu beobachten. In Wahrheit

waren meine Schuhe nicht einmal schmutzig, sondern nur

staubig. Maria unterschied zwischen diesen beiden Möglichkeiten

nicht. Ich versuchte, ihr die Differenz zu erklären.

Staubig wird etwas von selbst, sagte ich, durch Teilhabe

an dem großen Staub, in dem wir alle leben müssen.

Schmutz hingegen ist ein selbständiges Eintauchen in ein

Konzentrat von Ausscheidungen, das durch die ständige

Umwandlung der Natur entsteht. Schmutzig werde ich,

wenn ich eine Baustelle durchquere oder einen Kohlenkeller

aufräume. Die letzten Sätze sprach ich schon zu mir selber

hin. Es war aussichtslos, Maria mit diesen Inhalten zu

konfrontieren. Ärgerlich wurde ich kurz vor Verlassen der

Wohnung. Maria nahm ein Papiertaschentuch, ging vor

mir in die Knie und wischte mit dem Taschentuch über

meine beiden staubigen Schuhe. Ich schaute gegen die

Wand und schwieg. Wenn du schon in deinem alten Anzug

erscheinst, müssen wenigstens die Schuhe glänzen, sagte

Maria. Auch darauf sagte ich nichts.

Der Tag war hell und warm. Feldlerchen ließen sich auf

den Wegen des Friedhofs nieder, wippten kurz mit dem

Schwanz und flogen über die Gräber davon. Ich sah einzelne

Trauergäste, die ich nicht kannte. Der erste, den ich

wiedererkannte, war Erlenbach, einer der beiden Eigentümer

des Architektenbüros, für das ich in den letzten Jahren

hauptsächlich gearbeitet hatte und vielleicht weiterarbeiten

würde. Ich schwankte, ob ich Erlenbach über die Grabsteine

hinweg grüßen sollte oder nicht. Dann merkte ich,

dass er mich nicht erkannte, obwohl ich ihm in seinem Büro

hin und wieder begegnet war; aber was heißt das schon,

Erlenbach hatte viele freie Mitarbeiter. Der Hauptweg des

Friedhofs führte zu einer kleinen Kapelle, auf deren Dach

jetzt ein helles Glöcklein ertönte. Ein richtiges Sterbeglöckchen!

Ich war nicht sicher, ob ich wirklich um Autz trauerte,

vermutlich nicht. Ich hatte nur eine gewisse traurige

Stimmung, aber die ging eher auf die Umgebung zurück. In

der Kapelle traf ich Angestellte des Architektenbüros, ich

gab ihnen die Hand, wobei mich ein seltsam unangemessenes

ritterliches Gefühl beschlich. Die große Mehrheit der

Trauergäste gehörte der Familie an, der ich nie zuvor begegnet

war. Karin hatte ich noch immer nicht gesehen. Vermutlich

saß sie ganz vorne, und ich würde erst später, am

Grab, auf sie treffen. Erlenbach gab sich Mühe, so wenig

Leute wie möglich anzuschauen. Vorne, am Altar, war der

Sarg aufgebahrt. Ein Pfarrer erschien und hielt eine kurze,

konventionelle Beerdigungsrede, ich hörte nicht zu.

(...)

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