Wenn wir Tiere wären
(Leseprobe aus:
Wenn wir Tiere wären,
Roman, 2011,
Hanser).
2
Am Tag der Beerdigung von Michael Autz kam es zu
einer kurzen, bösartigen Auseinandersetzung mit Maria.
Sie sagte, ich solle meine Schuhe putzen, ehe ich losgehe.
Ich antwortete, eine Beerdigung ist eine Beerdigung und
keine Konfirmation und auch keine Verlobung. Maria verstand
die Bemerkung nicht, was sie auch zugab. Es ist ein
Gebot der Höflichkeit, sagte Maria, bei der Beerdigung
eines Freundes mit geputzten Schuhen zu erscheinen. Autz
war nicht mein Freund, antwortete ich. Trotzdem, sagte
Maria. Ich wollte ihr nicht erklären, dass es ein angenehmer
metaphysischer Zustand ist, Schuhe bei ihrer fortlaufenden
Selbsteinschmutzung zu beobachten. In Wahrheit
waren meine Schuhe nicht einmal schmutzig, sondern nur
staubig. Maria unterschied zwischen diesen beiden Möglichkeiten
nicht. Ich versuchte, ihr die Differenz zu erklären.
Staubig wird etwas von selbst, sagte ich, durch Teilhabe
an dem großen Staub, in dem wir alle leben müssen.
Schmutz hingegen ist ein selbständiges Eintauchen in ein
Konzentrat von Ausscheidungen, das durch die ständige
Umwandlung der Natur entsteht. Schmutzig werde ich,
wenn ich eine Baustelle durchquere oder einen Kohlenkeller
aufräume. Die letzten Sätze sprach ich schon zu mir selber
hin. Es war aussichtslos, Maria mit diesen Inhalten zu
konfrontieren. Ärgerlich wurde ich kurz vor Verlassen der
Wohnung. Maria nahm ein Papiertaschentuch, ging vor
mir in die Knie und wischte mit dem Taschentuch über
meine beiden staubigen Schuhe. Ich schaute gegen die
Wand und schwieg. Wenn du schon in deinem alten Anzug
erscheinst, müssen wenigstens die Schuhe glänzen, sagte
Maria. Auch darauf sagte ich nichts.
Der Tag war hell und warm. Feldlerchen ließen sich auf
den Wegen des Friedhofs nieder, wippten kurz mit dem
Schwanz und flogen über die Gräber davon. Ich sah einzelne
Trauergäste, die ich nicht kannte. Der erste, den ich
wiedererkannte, war Erlenbach, einer der beiden Eigentümer
des Architektenbüros, für das ich in den letzten Jahren
hauptsächlich gearbeitet hatte und vielleicht weiterarbeiten
würde. Ich schwankte, ob ich Erlenbach über die Grabsteine
hinweg grüßen sollte oder nicht. Dann merkte ich,
dass er mich nicht erkannte, obwohl ich ihm in seinem Büro
hin und wieder begegnet war; aber was heißt das schon,
Erlenbach hatte viele freie Mitarbeiter. Der Hauptweg des
Friedhofs führte zu einer kleinen Kapelle, auf deren Dach
jetzt ein helles Glöcklein ertönte. Ein richtiges Sterbeglöckchen!
Ich war nicht sicher, ob ich wirklich um Autz trauerte,
vermutlich nicht. Ich hatte nur eine gewisse traurige
Stimmung, aber die ging eher auf die Umgebung zurück. In
der Kapelle traf ich Angestellte des Architektenbüros, ich
gab ihnen die Hand, wobei mich ein seltsam unangemessenes
ritterliches Gefühl beschlich. Die große Mehrheit der
Trauergäste gehörte der Familie an, der ich nie zuvor begegnet
war. Karin hatte ich noch immer nicht gesehen. Vermutlich
saß sie ganz vorne, und ich würde erst später, am
Grab, auf sie treffen. Erlenbach gab sich Mühe, so wenig
Leute wie möglich anzuschauen. Vorne, am Altar, war der
Sarg aufgebahrt. Ein Pfarrer erschien und hielt eine kurze,
konventionelle Beerdigungsrede, ich hörte nicht zu.
(...)
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