aus: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman
Mit siebzehn
trudelte ich ohne besondere Absicht in ein Doppelleben hinein. Kurz zuvor war
ich vom Gymnasium geflogen und sollte, auf Drängen meiner Eltern, eine
Lehrstelle annehmen. Ich selbst wußte damals nicht, welchen Beruf ich »ergreifen«
könnte. Ich war ratlos, wollte aber meine erschrockenen Eltern beschwichtigen.
Eine Lehre wollte ich nicht beginnen, aber schließlich gab ich dem Druck nach
und ließ mich von der Mutter in verschiedenen Personalbüros vorstellen. Die
Bewerbungsgespräche verliefen in einer gedrückten und peinigenden Atmosphäre.
Jedesmal, wenn ich hinter meiner Mutter ein Chefzimmer betrat, fühlte ich mich
von neuem eingeschüchtert. Anstatt einen guten Eindruck zu machen, hörte ich
bloß zu und schaute mich um. Die Chefs gefielen mir nicht, ich gefiel den Chefs
nicht. An diesem Morgen lief es besonders schlecht. Wir saßen dem Chef einer
Großgärtnerei gegenüber. Er hielt mein Abschlußzeugnis in Händen und
unterdrückte seine Bedenken nicht. Auch die Allgemeinbildung eines Gärtners muß
überdurchschnittlich sein, sagte der Chef und sah mir direkt ins Gesicht. Ich
traute mich nicht zu sprechen, meine Mutter gab die Antworten für mich. Sie
suchte nach immer neuen Erklärungen für meine schlechten Noten. Eben sagte
sie, daß auch der Chirurg Ferdinand Sauerbruch ein sehr schlechter Schüler war
und dann doch ein weltberühmter Chirurg geworden ist. Der Chef und ich waren
verblüfft. Beide betrachteten wir meine Mutter. Wie kam sie nur dazu, mein
elendes kleines Schülerleben mit Ferdinand Sauerbruch in Verbindung
zu bringen? Der Geschäftsführer wollte wahrscheinlich hören, ob ich überhaupt
sprechen und ob ich zusammenhängende Sätze bilden konnte. Ich blieb verstockt,
ich brachte die Lippen nicht auseinander. Ich sah dem Chef ins Gesicht und doch
an seinem Gesicht vorbei nach draußen. Hinter ihm gab es ein großes Fenster,
das den Blick auf eine belebte Straße freigab. In diesen Augenblicken begann
draußen ein Mann, ein neues Plakat auf eine Werbewand zu kleben. Es war ein
riesiges buntes Plakat für eine neue Halbbitter?Schokolade. Es dauerte keine
halbe Minute, dann war ich in das Wort halbbitter vertieft. Ich begriff, daß
ich mich selbst in einer halbbitteren Situation befand und daß mir das Plakat
half, meine Lage zu verstehen. Über diese unerwartete Hilfe empfand ich plötzlich
Dankbarkeit. Ich wollte mir das Wort am liebsten aufschreiben, aber das ging im
Augenblick nicht, also merkte ich mir das Wort. Die Wahrheit ist, daß ich seit
meinem fünfzehnten Lebensjahr fast täglich mit Literatur beschäftigt war. Ich
las und schrieb und schrieb und las. Ich brachte kleine Skizzen und
Kurzgeschichten hervor, die ich wahllos an Redaktionen von Zeitungen und
Zeitschriften schickte. Das Spektrum reichte von einer Wochenschrift mit dem
Titel Lukullus, einer sogenannten Kundenzeitschrift, die damals in der Metzgerei
auslag, in der wir einkauften, bis hin zum Münchner Simplicissimus, einer
Satire?Zeitschrift mit berühmter Vergangenheit, von der ich damals freilich
nichts wußte. Nach weiteren zwei Minuten signalisierte uns der Chef, daß das
halbbittere Vorstellungsgespräch, kurz bevor es ganz bitter wurde, beendet war
und daß wir gehen sollten. Mutter schob mein letztes Schulzeugnis zurück in
ihre Handtasche. Es war klar, daß ich kein Gärtner werden mußte, und ich war
nicht böse drum. Es tat mir leid, daß Mutter meinetwegen betrübt war. Auch in
der Straßenbahn, während der Heimfahrt, löste sich die Beklemmung nicht. Ich
hoffte, daß mir Mutter keine Vorwürfe machen würde. Tatsächlich blieb sie
still. Wenigstens dafür wollte ich ihr danken, aber ich brachte auch jetzt den
Mund nicht auf. Draußen schnippte ein junger Mann seine Kippe gegen die Straßenbahn,
in der wir saßen. Dummerweise mußte ich darüber kurz lachen. Sofort sah
Mutter zu mir herüber. Sie verstand nicht, wie ich nach diesem enttäuschenden
Tag kichern konnte, wenn auch nur kurz. Ich verstand es selbst nicht. Aus Verärgerung
schaute Mutter mit absichtlicher und größtmöglicher Fremdheit an mir vorbei.
Ich behielt für mich, daß ich diesen aufgespaltenen Blick (nicht angeschaut
werden, aber doch gemeint sein) noch weniger verstand als mein Lachen.
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