Ein Regenschirm für
diesen Tag
(aus: Ein Regenschirm für
diesen Tag, 2001, Hanser)
Zwei Schüler stehen
vor einer Litfaß-Säule und spucken auf ein Plakat. Dann lachen sie über die Spucke,
die die Litfaß-Säule herunterrinnt. Ich gehe ein wenig schneller; früher war ich
solchen Vorkommnissen gegenüber viel duldsamer. Ich bedaure, daß ich neuerdings so
schnell abgestoßen bin. Wieder fliegen ein paar Schwalben durch die
Fußgänger-Unterführung. Sie stürzen die U-Bahn-Station hinab und stoßen acht oder
neun Sekunden später durch den gegenüberliegenden Ausgang wieder nach oben. Ich würde
gerne selber die Fußgänger-Unterführung durchqueren und mich dabei seitlich von den
rasenden Schwalben überholen lassen. Aber diesen Fehler darf ich nicht noch einmal
machen. Vor etwa zwei Wochen habe ich diese Unterführung zum letzten Mal benutzt. Die
Schwalben flitzten an mir vorüber, es dauerte leider nur zwei oder drei Sekunden. Dann
entdeckte ich die nassen Tauben, die ich zunächst nicht gesehen hatte. Sie saßen
zusammengedrängt in einer gekachelten Ecke. Zwei am Boden liegende Obdachlose versuchten,
mit den Tauben Kontakt aufzunehmen. Weil die Vögel auf ihre Laute und Gesten nicht
reagierten, verhöhnten die Obdachlosen die Tiere. Kurz danach sah ich auf meiner rechten
Schuhspitze einen eingetrockneten Ketchup-Fleck. Ich wußte nicht, wie der Fleck dorthin
geraten war, ich wußte nicht einmal, wie es möglich war, daß ich erst jetzt auf ihn
aufmerksam wurde. Nie mehr gehst du durch diese Unterführung, sagte ich unernst zu mir
selber. Auf der anderen Seite der Unterführung sehe ich Gunhild. Ich fürchte mich ein
wenig vor Frauen, die Gunhild, Gerhild, Mechthild oder Brunhild heißen. Gunhild geht
durch ihr Leben und macht kaum eigene Beobachtungen. Ich bin blind, sagt sie oft; sie sagt
es scherzhaft, meint es aber ernst. Man muß ihr sagen, was sie sich anschauen könnte,
dann ist sie zufrieden. Im Augenblick habe ich kein Bedürfnis nach einer Begegnung mit
Gunhild. Ich weiche ihr aus, indem ich kurz in die Herderstraße zurücktrete. Wenn
Gunhild ihre Augen öffnen würde, dann wüßte sie vielleicht, daß ich vor ihr fliehe,
jedenfalls manchmal.
Schon zwei Minuten später bereue ich, daß Gunhild nicht bei mir ist. Denn Gunhild hat
dieselben Augenwimpern wie Dagmar, die ich mit sechzehn geliebt habe, damals im Freibad,
auf der Bügeldecke meiner Mutter. Wo andere Frauen nur eine Wimper haben, sprossen bei
Dagmar gleich zwei oder drei oder sogar vier hervor, ja, ich kann sagen, Dagmars Augen
waren büschelweise mit Wimpern umsäumt. Dieselbe Art von Augenwimpern hat Gunhild. Wenn
ich sie ein wenig länger anschaue, habe ich plötzlich das Gefühl, ich sitze wieder
neben Dagmar auf der Bügeldecke. Ich glaube, es sind nicht Erlebnisse, die uns andere
Menschen unvergeßlich machen, sondern solche körperlichen Details, die uns erst richtig
auffallen, wenn wir die Personen schon lange nicht mehr kennen. Ich will heute allerdings
nicht an Dagmar erinnert werden, obwohl ich bereits minutenlang an sie denke und mir jetzt
sogar die Farbe ihres Badeanzugs einfällt. Unsere Kinderliebe nahm damals ein
unerfreuliches Ende. Ein Jahr später erschien Dagmar mit einer Taucherbrille im Freibad.
Sie zog sie jedesmal über, wenn sie mit mir ins Wasser ging. Das bedeutete, daß ich
plötzlich nicht mehr ihre Augenwimpernbüschel sehen konnte, die im Wasser und in der
Sonne besonders schön waren, weil sie dann glänzten und glitzerten wie kleine
Zuckerkörner. Ich wagte damals nicht, Dagmar den Grund meines Rückzugs einzugestehen.
Noch heute spüre ich einen kleinen lächerlichen Schmerz, wenn ich leise vor mich hin
sage: Dagmar, es war die Taucherbrille.
An der Nikolai-Kirche, wo zur Zeit ein kleiner Zirkus gastiert, fragt mich eine junge
Frau, ob ich eine Weile auf ihren Koffer aufpassen kann. Ja, sage ich, warum nicht. In
zehn Minuten bin ich wieder da, sagt die Frau. Sie stellt ihren Koffer neben mir ab, macht
eine freundliche Geste und geht weiter. Immer wieder wundere ich mich darüber, warum mir
Fremde ein solches Vertrauen entgegenbringen. Der Koffer ist klein und hat vermutlich
schon viele Reisen hinter sich. Schon schauen mich Leute an und machen sich Gedanken
darüber, ob der Koffer und ich zusammengehören oder nicht. Nein, wir gehören nicht
zusammen. Früher habe ich angenommen, Menschen schauen einander an, weil sie sich immerzu
vor dem Eintreffen schlimmer Nachrichten fürchten. Dann glaubte ich, indem sie sich
anschauen, suchen sie nach Worten für die Merkwürdigkeit des Lebens. Denn in den Blicken
der Leute schwirrt diese Merkwürdigkeit unablässig hin und her, ohne sich doch je
anschauen zu lassen. Heute denke ich kaum noch etwas, ich schaue nur umher. Wie man sieht,
bin ich dabei ins Lügen verfallen. Denn es ist nicht möglich, in den Straßen
umherzugehen, ohne etwas zu denken. Im Augenblick denke ich gerade, wie schön ich es
fände, wenn die Menschen plötzlich wieder arm wären. Und zwar alle, und alle auf
einmal. Wie schön es wäre, wenn ich sie ohne ihre Sonnenbrillen sehen könnte, ohne ihre
Handtaschen, Sturzhelme, Rennräder, ohne ihre Rassehunde, Rollschuhe, Funkuhren. Sie
sollten nichts am Leib haben als die paar Fetzen, die sie schon vor Jahren am Leib hatten,
wenigstens eine halbe Stunde lang.
Ich kann mir nicht erklären, warum ich jetzt ein wenig verstimmt bin. Seit dem frühen
Morgen bin ich voller Verständnis für jede Art von Armut. Zwei stinkende Männer kommen
an mir vorüber, ich habe sofort Nachsicht mit ihnen. Es sind Wohnungslose, sie haben kein
Bad und keine Empfindlichkeit mehr, man muß ihr Elend hinnehmen, wie man das Elend immer
hingenommen hat. Es ist sehr schön, in der Gegend zu stehen und nicht sagen zu können,
wem der Koffer gehört, auf den man aufpaßt. Am Rand des Zirkusgeländes führt eine
junge Frau ein Pferd zur Seite und beginnt, es zu bürsten. Sie zieht die Bürste in
klaren festen Linien über den Rücken des Tieres. Ihr Gesicht ist nahe am Fell. Das Tier
hebt ein Bein und stößt mit dem Huf auf das Pflaster, wobei ein schönes Klirren
entsteht. Fast gleichzeitig schiebt sich das Geschlecht des Tieres hervor. Schon bleiben
in einiger Entfernung ein paar Zuschauer stehen. Es ist eine Weile nicht klar, was die
Zuschauer von dem Pferd sehen wollen. Am Keifen zweier Männer kann ich dann doch
erkennen, daß sie gar nichts sehen wollen, sondern etwas erwarten. Sie warten auf den
Augenblick, in dem die Frau plötzlich das Geschlecht des Tieres entdeckt. Warum tritt sie
nicht einen Schritt zurück und schaut wie zufällig unter den Leib des Tieres? Die Frau
ahnt nicht, daß es ein paar Zuschauer gibt, die auf einen Zwischenfall des Sehens warten.
Sie hält ihr Gesicht wie abwesend nahe am Rücken des Tieres. Jetzt! Ein kleiner Schritt
zur Seite würde genügen, und der Zwischenfall wäre da.
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