Mensch Engel von Gunther Geltinger, 2008, Schöffling

Gunther Geltinger

Mensch Engel
(Leseprobe aus: Mensch Engel, Roman, 2008, Schöffling&Co.).

Engel schreibt: Als er wegging über den Fluss, war er gerade neunzehn geworden und hatte Abitur gemacht. Er war in der Welt, genauer gesagt in Europa, schon ein wenig herumgekommen und hatte sich erst kürzlich, das zu nennen scheint Engel an dieser Stelle am wichtigsten, in Marius verliebt, den braun gelockten Jungen mit dem trotzigen und wie mit einem braunroten Federstrich konturierten Lippenschwung, der zu Beginn des Abiturjahres in seine Stufe gekommen war. Gegen seine Vergangenheit hatte Engel noch keine Einwände, in der Gegenwart ein berauschendes Gefühl von Unendlichkeit und für die Zukunft so eine Idee mit Film, Regie führen oder Drehbuch schreiben oder womöglich beides. Er stand am Ende einer Kindheit, am Anfang eines Lebens und, so erinnert er sich jetzt, am Ufer des Flusses Main, der am Fuße fränkischer Weinberge in einer weit geschwungenen Schleife sein Heimatdorf Storchenau umfließt, in dem Engel nie einen Storch, geschweige denn eine von Storchen besiedelte Au entdeckt hatte.
Allein die trägen, schwarzen, stinkenden Wasser des Mainflusses hatten jahrein, jahraus die endlosen Nachmittage seiner Kindheit auf den zirpenden, von Pferdebremsen durchsirrten Schwemmwiesen, die durchqualmten, durchzechten und durchquatschten Nächte seiner Rebellenjahre auf den moderigen Sandbänken und die einsamen Spaziergänge über die in brusthohem Gras verborgenen Ufertrampelpfade umspült, auf denen Engel, in düstere Gedanken und zornige Selbstgespräche versunken, die üblichen Kämpfe gegen verständnislose Eltern, ungerechte Lehrer, hinterhältige Klassenkameraden und eine erwachende, sich zum anderen Ufer, wie man landläufig sagt, hinüberneigende Sexualität ausgefochten hatte, und er muss grinsen angesichts der Doppelbödigkeit seines Ausdrucks, fürchtet aber dann, dass dieser gar nicht so doppelbödig, ja womöglich sogar ziemlich platt sei, will daraufhin die ganze Passage wieder streichen, lässt sie dann doch, eher aus einem Gefühl von Gleichgültigkeit als in Ermangelung einer Alternative, stehen und fährt fort:
Es war an einem Abend Ende Mai, der grüne Monat war, wie fast jedes Jahr, kühl und verregnet gewesen, seit einigen Tagen aber kam der Sommer endlich in Schwung und machte mit Kurzehosenwetter, langen, blauen Abendstunden und opalisierenden Sonnenuntergängen, deren Licht von den zerflockenden Kondensstreifen der Flugzeuge in alle Himmelsrichtungen gestreut wurde, wieder wett, was er in den trüben und lichtarmen Wochen zuvor den Ruhelosen und Heißblütigen, die einem Sommer voller Pläne und Träume entgegendrängten, vorenthalten hatte, schreibt Engel und meint damit die frisch verliebten, hormontrunkenen Paare, für die die Binsen der Schwemmwiesen noch nicht hoch genug und die Sandbänke noch zu feucht und die Abende noch zu kalt und die Zeiten für die Verwirklichung ihrer sommerlichen Pläne und Träume also noch nicht gekommen waren.
An jenem Maiabend waren Engel und Marius, wie so oft in den langweiligen und leeren Wochen nach den Abiturprüfungen, ein wenig mit dem Auto herumgefahren, hatten hier ein Eis gegessen, dort eine Cola getrunken und zwischen Eis und Cola viel Unausgesprochenes gedacht und Ausgesprochenes nicht so gemeint, wie sie es gesagt hatten. Nur ihre sich gegenseitig abtastenden Blicke sprachen eine eindeutige Sprache auf diesen stundenlangen und ziellosen Autofahrten, für die sich Engel das Cabrio seiner Mutter auslieh.
Im Cabrio der Mutter hatte er Marius zum ersten Mal zum Kino abgeholt, im Cabrio der Mutter hatte Marius nach einer Party, auf der er sich hemmungslos betrunken hatte, ins Seitenfach gekotzt, weil er, als Engel mit einer Vollbremsung am Straßenrand angehalten hatte, statt am Türöffner am Verstellknopf für den Außenspiegel herumgefingert hatte, und im Cabrio der Mutter hatten sie auf einer jener schweigsamen und bedeutungsschweren Spazierfahrten durch ein sommerlich explodierendes Frankenland endlich das erste Mal miteinander geschlafen.
Engel hatte kurz vor dem Ortsschild des Dorfes, wo Marius wohnte, den Blinker gesetzt und den Wagen auf einen Feldweg gelenkt. Beide hatten sie eine Weile über das hellgrüne Meer des unreifen Getreides geblickt, und Engel hatte das Blut in seinem Kopf dröhnen gehört und rotfleckige Wangen bekommen. Dann hatten sie, wie auf Kommando, die Gesichter zueinandergedreht, die Hände nacheinander ausgestreckt, die verschwitzten Oberkörper aneinandergepresst und die Lippen aufeinandergelegt. Das Verdeck des Cabrios hatte wegen der Hitze offen gestanden, und während sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib zerrten, tauchten die Pferdebremsen schwarmweise in ihr siedendes Blut. Marius’ braune Locken waren weich wie ein Kaschmirschal und rochen nach Kokosshampoo, ein noch weicherer, noch duftigerer Haarflaum bedeckte seine Brust, und sein Schwanz, erinnert sich Engel und kann es kaum glauben, dass ihn diese Erinnerung nach zehn Jahren noch immer erregt, stand genauso trotzig hervor wie seine Lippen und hatte sogar die gleiche braunrote Kontur, und weiter unten duftete Marius irgendwie nach Sommer, und weil Engel hineinstürzen wollte in diesen Geruch nach aufplatzenden Ähren, lichtdurchfluteten Schwemmwiesen und langen, blauen Nächten auf moderigen Sandbänken, zog er Marius rittlings zu sich auf den Fahrersitz und versuchte ungeschickt und mit viel zu wenig Spucke in dieses Sommerparadies hineinzustoßen, bis Marius laut aufschrie vor Schreck oder Lust oder beidem.
Da hatte die Frau, die plötzlich am Wegesrand aufgetaucht war und ihren Hund am Sackgassenschild seinen Haufen hatte machen lassen, das karmesinrote Cabrio im Meer der grellgrün wogenden Gräser wohl verdächtig gefunden und dem Hund mehr Leine gegeben und sich neugierig herangepirscht und sich mit geweiteten Augen auf der Hacke umgedreht und das Tier am Sackgassenschild ohne Wendemöglichkeit vorbei durch seinen eigenen Scheißhaufen gezerrt, wobei sich der Hund an einer Stelle, wo gar kein Haufen war, mit den Vorderpfoten in den Schotter gestemmt und mit den Hinterbeinen so lange den Kies aufgescharrt hatte, bis ihm vom Zug der Leine die Augen aus den Höhlen und die Zunge aus dem Maul gequollen waren.
All das konnte Engel im Auto natürlich nicht sehen, weil er statt der wogenden Felder den eckig auf und ab wippenden Rücken von Marius vor Augen hatte, doch stellt sich Engel noch heute so oder ähnlich den Grund vor, warum Marius schnell von ihm herunterrutschte und die Hose hochzog und Scheiße sagte und im selben Atemzug hinzufügte, dass die Frau mit dem Hund eine Freundin seiner Mutter sei. Der braunrote Federstrich um den Mund wirkte jetzt verwischt, seine Lippen hingen schlaff und feige nach unten, und sein Blick, den Engel wie ein Messer in sich hineinfahren spürte, war beschämt und irgendwie vorwurfsvoll.
Engel fühlte sich auf einmal schrecklich entblößt und verletzt und verlassen, und eigentlich, so glaubt er heute zu wissen, war es diese seltsame Kälte gegenüber Marius, die nun in seiner Brust schmerzte, und nicht die Peinlichkeit des Ertapptwordenseins, warum er Marius schweigend nach Hause fuhr und drei Tage lang nicht ans Telefon ging und den gerade erst beginnenden Sommer auf endlosen Spaziergängen über die Uferpfade so lange zergrübelte, bis dieser Sommer nicht mehr lichtdurchflutet über den Schwemmwiesen und blau durchnachtet über den Sandbänken lag, sondern kalt und grau und in bleischwere Wolken gehüllt im schwarzen Wasser eines Flusses versank, an dessen schlammigen Ufern er am Abend jenes Tages im Mai zum ersten Mal das Gefühl gehabt hatte, dass mit ihm etwas Grundsätzliches nicht stimmt.
Engel hebt den Kopf und schaut über die Felder vor seinem Fenster. Er stellt fest, dass es schon wieder Mai draußen ist, immer dann Mai draußen ist, wenn es besonders schlimm wird mit diesem Problem. Er wendet den Blick von den schon wieder grellgrün wogenden Maifeldern ab und hin zum weiß gleißenden Monitor seines Computers, auf dem er bereits einige Seiten geschrieben hat, ohne sich auch nur im Geringsten diesem Problem genähert zu haben, einem elementaren, lebensgrundlegenden und gleichzeitig Lebensgrund raubenden Problem, das nicht etwa, wie man jetzt vermuten könnte, darin bestand, dass er offensichtlich nun doch schwul war, nein, das ein viel tiefer greifendes ist, eines, das sein ganzes Leben erfüllt und gleichzeitig alles Lebendige darin vergiftet und vernichtet, indem es alles Empfinden, alle Wahrnehmung, alles als echt und wahrhaftig Erkannte in dem Moment, da er, Engel, es empfindet und wahrnimmt und als echt und wahrhaftig erkennt, ins Absurde und Groteske verzerrt, ins Perverse, Obszöne und Fratzenhafte, ins Paradoxe und Sinnlose, ja, ins eigentlich Unlebbare und sogar Undenkbare und deshalb auch nicht an dieser Stelle Beschreibbare, ins Gegenteil, nein, in die Tilgung, auch falsch, in ein fühlloses, lebloses, weltloses Vakuum, in dem alles gerade noch Empfundene, Wahrgenommene und als echt und wahrhaftig Erkannte spurlos verschwindet.
Engel setzt ab, liest sich das gerade Geschriebene noch einmal durch und hat zusätzlich zu seinem Lebensproblem jetzt auch noch ein Verständnisproblem, und er will das Problem, das erste, noch einmal anschaulicher beschreiben, das, setzt er neu an, also darin besteht, dass alles Leben, das sich ihm wie die schweren, reifen Früchte eines sommerlichen Baumes voll und prall und lockend entgegenstreckt, in dem Moment, da er es gierig und freudig und dankbar pflückt, in seinen Händen verfault und kalt und nichtig darin liegt, als sei es nie zuvor volles, pralles, verlockendes Leben, als sei es schon immer vergiftet, schon immer tot, schon immer ein Nichts gewesen.
Es ist, muss er zugeben, also vollkommen sinnlos, dass er hier in endlosen, mäandrierenden Sätzen und mit über die Ufer tretenden Sommermetaphern versucht, sich dieser Sache zu stellen. Vollkommen sinnlos und töricht, hier eine wahre Geschichte aus seinem Leben erzählen zu wollen, die nicht nur auf dem Papier, sondern auch tatsächlich, also im wahren Leben, um den eigentlichen Kern des Problems herumeiert, weil der Kern dieses Problems ja des Problems ureigene Kernlosigkeit ist.
Kernlosigkeit, was für ein Schwachsinn, denkt Engel und schreibt den Schwachsinn auf und setzt neu an und schreibt, dass er also das Problem, das an sich ja kernlose, dennoch bei den Hörnern zu packen versuche, indem er hier die pfadfinderschweißige Pubertätsgeschichte einer Sommerverliebtheit mit ersten Geh- bzw. Stehversuchen in Mutters Cabrio erzählt, eine Geschichte, die an sich kitschig und peinlich ist und eher für einen schwulen Lore-Roman oder besser noch für eine jener einhändig zu lesenden Textgattungen taugt, markierte sie nicht gleichzeitig, zumindest in seiner Erinnerung, den Anfang oder das erste Auftreten dieses allumfassenden Lebensproblems und wäre deshalb vielleicht nicht gerade der Grund, wohl aber der in seiner Biographie deutlich hervorstechende und auf den Tag genau datierbare Auslöser dafür, warum er damals, an jenem Abend im Mai, weggegangen ist über den Fluss – was er, so fügt er noch hinzu, im Folgenden nun beschreiben wolle.
Engel macht einen Punkt und liest noch einmal zurück: Erinnerung-Anfang-Problem-Biographie-Auslöser-weggegangen-über-den-Fluss liest er und hebt den Blick und sieht vor seinem Fenster die Maiwiesen giftgrün und saftend vor Leben dem Sommer entgegengrellen und senkt den Blick und sieht den Bildschirm kaltweiß und gleichgültig sein inneres Dunkel erhellen, und Engel schreibt:
An besagtem Maiabend, der selbst dann noch leuchtend über den Schwemmwiesen lag, als die Kondensstreifen das Licht der untergehenden Sonne schon längst über alle Horizonte zerstreut hatten, stand er mit Marius am Ufer des Flusses. Wenige Stunden zuvor hatte er ihn unangekündigt abgeholt; er hatte dieses schmerzhafte Leeregefühl, das seit ihrem mehr oder weniger missglückten ersten Mal in seiner Brust rumorte, einfach nicht mehr ausgehalten und sich in das Cabrio der Mutter gesetzt. Marius hatte mit frisch gewaschenem Haar und einer über die Schulter geworfenen Jeansjacke in der Tür gestanden, als hätte er drei Tage lang nichts anderes getan, als darauf zu warten, dass Engel mit quietschenden Reifen vorfuhr und ihn endlich abholte.
Sie waren dann wie üblich von Eis zu Cola und von Cola zum Fluss gefahren, hatten noch mehr Unausgesprochenes als sonst gedacht und noch weniger Ausgesprochenes so gemeint, wie sie es gesagt hatten. Die Luft wurde immer lauer und der Abend immer blauer, die Schwemmwiesen zirpten wie noch nie, und das Gras am Ufertrampelpfad hatte die ¬maximale Höhe erreicht und kitzelte sie stellenweise in der Nase. Schweigend und mit gesenkten Köpfen bahnten sie sich ihren Weg durch die Wiese und nahmen ihre Hände nur aus den Hosentaschen, um die Pferdebremsen zu verscheuchen, die über ihrem nach Worten und Taten drängenden Blut kämpferische Kreise zogen.
Engel ging voraus, Marius trottete hinterher, der Abstand zwischen ihnen wurde immer größer, und Engel starrte angestrengt auf den fetten Klee, den er beim jeweils nächsten Schritt unter seinen Sohlen zermalmen sollte, und wusste nicht mehr, was eigentlich der Grund war für ihre Sprachlosigkeit und Betretenheit, die ihm mit einem Mal kindisch und hochmütig vorkam. Mehrfach schon hatte er seinen Schritt verlangsamt und angesetzt, etwas zu sagen, ganz egal, was, hatte er dabei gedacht und nur das Schweigen brechen und die Panzerglaswand einreißen wollen, die sich zwischen ihn und Marius schob und dicker wurde mit jedem Schritt, mit dem er sich von ihm entfernte. Doch als hätten ihn die knisternden Grashalme, die seinen Körper streichelten, in eiserne Ketten gelegt, wurde sein Impuls, sich umzudrehen, jedes Mal im Ansatz von einer Art Betäubung oder Lähmung erstickt, und der Schmerz in seiner Brust schwoll an und ließ seinen Atem flach und seine Kehle eng und seine Zunge schwer werden und ihn immer starrer und leerer auf den Klee schauen, der unter seinen Sohlen klebrigen Saft verspritzte, und als er sich dann endlich doch noch nach Marius umwandte, wobei ihm zumute war, als drehte er die ganze Erdkugel mit bloßer Muskelkraft einmal um ihre Achse, so massiv und widerständig erschien ihm jetzt sein Körper, empfand er den schönen jungen Mann, der mit gesenktem Kopf hinter ihm durchs Gras stapfte, als Unbekannten, als Fremden, sogar als Feind, dem es zu misstrauen, ja, den es fortan zu bekämpfen galt.
Da schreckte Engel zurück und ging weiter geradeaus, und die schier übermenschliche Anstrengung, mit der er sich noch eben nach Marius umgedreht hatte, blieb nur eine flüchtige Geste der Kontrolle, ein kurzes, aus den Augenwinkeln erfolgtes Zurückschauen, ob Marius noch immer hinter ihm ging. Doch gleichzeitig war für ihn dieses Sichumblicken, das Marius wahrscheinlich nicht einmal bemerkt hatte, ein letztes verzweifeltes Greifen nach einem seit Kindertagen vertrauten Bild, das sich nun in Luft aufzulösen begann, ein letztes Flehen seines Körpers nach einer haltenden Hand vor dem Sinken in einen Abgrund, von dem er, Leonard Engel, heute neunundzwanzig Jahre alt und Kellner in einer Kölner Kneipe, bis zu jenem Abend im Mai niemals geglaubt hätte, dass er sich in einem menschlichen Dasein auftun könne.
Als Engel aus dem Ufergras auf eine von Modder umgluckste Sandbank trat, durchbrach der Schmerz in der Brust das Brustbein. Du bist komisch, sagte Marius und trat neben ihn. Du bist komisch, sagte Engel und schaute über den Fluss zur anderen Seite, auf der die gleichen Schwemmwiesen, die gleichen Sandbänke, die gleichen Maifelder und mainfränkischen Dörfer lagen wie diesseits des Flusses. Ich hab’s meinen Eltern gesagt. Marius sah ihn mit einem solch dramatischen Gesichtsausdruck an, als hätte er gerade vor dem Weltgericht gestanden, dass er in Wirklichkeit nicht Marius Raab aus Kleinwelderstadt, sondern Judas aus Palästina sei und Jesus geküsst habe, aber nicht, weil er ihn habe verraten wollen, sondern weil er einfach scharf auf ihn gewesen sei, und dann habe die Katastrophe eben ihren Lauf genommen.
Engel zögert und berührt schon die Löschtaste und lässt den Judas-Vergleich dann doch stehen, obwohl dieser so oder ähnlich in anderen Zusammenhängen schon oft bemüht worden ist und daher auf wackligen, nein, eher auf Klumpfüßen steht, denn im Grunde ist es ihm, Engel, doch völlig egal, ob die Füße wacklig oder klumpig sind oder ob da überhaupt Füße sind, was gehen ihn denn die Füße seiner Sprachbilder an, denkt er, ihn gehen ja nicht einmal seine eigenen Füße etwas an, deren Nägel er, hat er heute Morgen beim Duschen festgestellt, bestimmt schon seit zwei Monaten nicht mehr geschnitten hat, aber nicht, weil er ein Schmutzfink oder sogar ein Penner ist, nein, er duscht jeden Tag, manchmal sogar zweimal, und ist aufs Peinlichste darauf bedacht, zumindest nach außen hin, gepflegt und zivilisiert auszusehen, und seine Fußnägel wachsen und wuchern aus dem einfachen Grund vor sich hin, weil seine Füße zu weit weg sind vom ihm. Fingernägel schafft er noch. Fußnägel nicht. Doch er schweift ab.
Und, wie war’s? fragte Engel Marius und spürte unter seinen Füßen schon den Fluss gurgeln, der ihn weder lockte noch betörte noch zu sich befahl, der einfach träge, schwarz und stinkend abfloss in die hereinbrechende Nacht und das Leuchten des Himmels schluckte. Die Kondensstreifen waren zerflockt. Schwer brach die blaue Stunde durchs Ufergehölz. In den Schwemmwiesen hob das Gezirpe zum ersten Sommernachtskonzert des Jahres an. Marius trat noch einen Schritt heran. Ein Duft nach Sommernacht und Sommersex brach über Engel zusammen. Es erregte ihn.
War ’ne Katastrophe, sagte Marius. Engel hörte seine Stimme so weit hinter sich, dass er sich am liebsten zur Sandbank umgedreht hätte, auf der er Marius zurückgelassen zu haben glaubte. Die hab ich noch vor mir, sagte er, lächelte Marius an und brauchte sich gar nicht um dieses kleine Lächeln zu bemühen, brauchte es gar nicht zu mimen, denn es war tatsächlich da, trotz des Flusses, der nun schon fast zur Hälfte überwunden war und sich mit seinen öligen Wassern zwischen ihn und Marius drängte, trotz der Fremdheit und Kälte und Gleichgültigkeit, die er, draußen auf dem Fluss, gegenüber Marius empfand, trotz dieses Schmerzes, der sein Blut aus dem Brustloch heraus in das Wasser pumpte.
Über allem und in allem war eine melancholische, fast schon ironische Heiterkeit und Distanziertheit, mit der Engel nun vom Fluss aus sich selbst beobachtete, wie er drüben
auf der Sandbank Marius’ Duft einatmete und sich dabei vorstellte, ihn in den Modder zu werfen und bis in die Morgenstunden zu vögeln, während er aber gleichzeitig schon fast das andere, nein, das gegenüberliegende Ufer erreicht hatte, das unwegsame, feindliche und allein von ihm zu bewohnende. Es war eine betäubende, fast schwindelerregende Leichtigkeit, die selbst das Leeregefühl in seiner Brust und die dort hineinströmende Kälte durchzog. Sie machte alles unwirklich, traumartig, dramatisch inszeniert, fast opernhaft, den schwarzen Fluss, die blaue Nacht, den sich an ihn herandrängenden Schatten von Marius, selbst seine eigene Erregung empfand er nur, als ob er erregt wäre, und noch heute ist es, schreibt Engel atemlos, diese schwerelose und unerbittliche Distanz, die er an jenem Abend, als er wegging über den Fluss, gegenüber allem und jedem und vor allem zu sich selbst eingenommen hat, die die ganze Sache erträglich und ein Leben damit erst möglich und gleichzeitig alles zur Katastrophe macht.
Eine Pferdebremse umkreiste seinen Kopf, landete in seinem Nacken, hob gleich wieder ab und ließ sich schließlich auf seinem Unterarm nieder. Er beobachtete, wie sich das Insekt die weichste Hautstelle an seinem Arm aussuchte. Sekunden vergingen. Dann stach es zu. Dicht neben sich spürte er Marius, der ihn, wohl wegen des Lächelns, das noch immer auf seinen Lippen lag, erleichtert, ja sogar dankbar von der Seite anblickte, und unter sich wusste er das lautlose Wasser des Flusses, der nicht näher gekommen, der nur schwärzer geworden, der noch immer der Fluss seiner Heimat war, wie er ihn kannte: zu Tode gestaut, stinkend und tief.
Die Bremse hob ab und flog davon. Das Jucken, das augenblicklich einsetzte, empfand Engel wie an einer Verlängerung seines Körpers, an einem fast schon von ihm abgekoppelten Glied, das, wie zum Beweis seiner körperlichen Existenz, noch bei Marius auf der Sandbank geblieben war. Ich glaube, ich bin verliebt in dich, sagte Marius und streckte seine Hand aus, um Engel zu berühren, ließ sie aber, weil der nicht reagierte, wieder fallen. Das Jucken steigerte sich zum Pochen und Klopfen, stimmte mit ein in den Puls, mit dem sein Blut aus dem Brustloch hinausströmte in den Fluss und die Kälte des Flusses hinein.
Hier draußen auf dem Wasser, wenige Meter von der anderen Seite entfernt, war es ein qualvoller Todeskampf, den er nur verlieren konnte, dort, auf der Sandbank, dicht neben Marius und gehüllt in den Duft seines Körpers, war es nur ein kleiner und vertrauter Sommerschmerz, der ihn nun an alle Sommer seines bisherigen Lebens erinnerte: an das leidvolle Ausharren in irgendeinem verdorrten Busch beim Ballwegschießen-Spiel zum Beispiel, in dessen Dornengestrüpp er die Bremsenattacken tapfer erduldet hatte, um nicht derjenige sein zu müssen, der als Erster vom Ballhüter entdeckt wurde und den Ball wegschießen musste; oder an die klebrig-kalte Fenistilsalbe, die die Mutter ihm auf die taubeneiergroßen, rot glühenden Bremsenbuckel geschmiert hatte und die man, wenn sie getrocknet war, abziehen konnte wie Tesafilm und zusammenrollen zu künstlichen Popeln, mit denen sich die kreischende kleine Schwester so schön durchs Haus hatte jagen lassen; oder – diese Erinnerung war ihm noch am lebendigsten – an die Sommernächte, in denen er, nachdem die Stiche schon längst wieder abgeschwollen waren, von erneuten Juckattacken aus wirren Träumen gerissen wurde und die zwickenden Hautstellen so lange mit Spucke einrieb, bis sie tatsächlich wieder taubeneiergroß waren und noch mehr juckten als zuvor und er schließlich zum Schlafzimmer der Mutter schlich, hinter dessen Tür die rettende Salbe verborgen lag, in der Kommode mit der Hausapotheke, aus der er Jahre später, als Erwachsener, schreibt Engel, die Schlaftabletten stehlen sollte, die die Mutter in den Nächten nahm, in denen ihre Kopfschmerzen, unter denen sie seit Engels Geburt fast täglich litt, so unerträglich wurden, dass sie sich in ihr nachtkühles, abgedunkeltes Zimmer zurückzog, während im Haus nur noch geflüstert wurde und der Vater die strenge, stets Kopfnüsse verteilende Großmutter aus der nahe gelegenen Stadt holte, damit sie das Mittagessen bereitete, das Haus in Ordnung brachte und die Kinder beaufsichtigte, die sich von der Mutter fernhalten mussten, nicht im Haus spielen durften und auf dem Weg in ihre Betten an der Schlafzimmertür vorüberschlichen, hinter der die Mutter in ihren Kissen lag, nicht ansprechbar, bleiern schlafend, hermetisch abgeschirmt von ihren Kopfschmerzen, die sich Engel, seit die Mutter einmal zu ihm gesagt hatte, sie seien wie ein Raubtier im Kopf, immer als bissige Bluthunde hinter der Tür vorgestellt hatte, wenn er als kleiner Junge in jenen Sommernächten, an die er sich nun, hier draußen auf dem Fluss, weit weg von Marius, so gut erinnerte, als sei es gestern gewesen, vor dem Schlafzimmer der Mutter ausgeharrt hatte, frierend, mit der Hand auf der Klinke und in der Angst, ihre Qualen durch seine Störung noch zu verschlimmern, so dass er schließlich wieder ins Bett zurückgekrochen war und die Zähne in die Beulen geschlagen und seine Arme blutig gebissen hatte und über dem Brennen der Wunden endlich eingeschlafen war.
Engel blickt von seinen Aufzeichnungen hoch. War es wirklich der Bremsenstich, fragt er sich, der ihm damals, an besagtem Maiabend am Ufer des Flusses, das Gefühl gab, seine Kindheit, ja, sein ganzes Leben zöge noch einmal, wie es vom Sterben heißt, vor seinem inneren Auge vorüber? War es tatsächlich dieses harmlose Jucken, das er wie die letzte Verbindung zu seinem bisherigen Leben empfand? Gibt er der Bremse an dieser Stelle nicht zu viel Bedeutung? Macht er Bremse und Stich nicht zu einer unterm Gewicht ihrer Bedeutung zusammenbrechenden Metapher, die noch viel mehr als ein Bremsenbuckel juckt und zwackt und mit großem Gebrumm über seine Unfähigkeit hinwegtäuschen soll, in konkreten und klaren Worten zu beschreiben, was mit ihm damals, beim Überschreiten des Flusses, wirklich passiert ist? Aber ist denn damals überhaupt etwas passiert? Etwas, das über das verklemmte Liebesgebaren zweier mit ihrer erwachenden Homosexualität kämpfenden Teenager hinausgeht? Etwas wirklich Einschneidendes und daher an dieser Stelle Erwähnens- und Erzählenswertes?

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