|
|
In guten wie
in schlechten Tagen
(Leseprobe aus: Paare,
Ein Reigen in vier Novellen, 2007, Dörlemann
- Übertragung Miriam Mandelkow)
Die baltische Tante lächelte verschmitzt und berichtete, sie, der Gärtner und
der Schuster hätten den Deutschen ein Pferdgestohlen und es den Partisanen in
die Berge gebracht. Ihre Schwester, die alte Fürstin, saß kerzengerade da,
verblüht, apart, mit einer prächtigen Perlenkette, und legte noch eine
Patience. »Sieh dich vor, Liza«, sagte sie, als empfehle sie, an einem
Regentag einen Schirm zu benutzen. Der alte Fürst, in einem dicht an das
billige Radio gerückten Sessel, hielt die Hand ans Ohr und lauschte der Musik.
Alles, was aus dem Radio kam, klang mittlerweile deutsch – laut und
bombastisch. Carmen schrillte durch den kalten Salon. Der französische Cousin,
der überhaupt nur als vierte Person beim Bridge in Erscheinung trat, stand
beinahe im Kamin, in dem kleine Scheite spuckten, und sagte: »Die Amerikaner
kommen.« Niemand hörte auf den Comte d’Arenville, und außer dem behauptete
er das schon seit Monaten.
Kitty betrachtete ihren Mann, den jungen Fürsten – der gar nicht mehr jung
war, keiner von ihnen war mehr jung, dazu lebten sie schon zu lange auf diesem
Schloß. Andrea trank seinen Gerstenkaffee, als leerte er einen Gifttrunk, an
dem er zu sterben hoffte. Seine schmale, feingliedrige Hand zitterte, als er
sich durchs Haar fuhr, mit einer Bewegung, die Kitty fürchtete. Die Familie kam
ihr heute abend nicht schlimmer vor als sonst. Das Wort, der Blick mußten ihr
entgangen sein, die Andrea in diesem Augenblick aufgebracht hatten. Seit
vierzehn Jahren beobachtete sie ihren Mann, horchte auf die beiläufigen
verletzenden Worte der Familie, beschwichtigte alle und wirkte auf sie ein, um
Szenen zu verhindern.
Wie sie wohl aussahen? Kitty konnte sich kein Bild von ihren Landsleuten machen,
von diesen Amerikanern, die Cousin Raoul so beharrlich ankündigte. Sie war bemüht,
sich für diesen Krieg zu interessieren, aber er war bloß Kulisse, bloß
Atmosphäre, ein weiterer Hintergrund zu dem fortwährenden Krieg zwischen dem
alten und dem jungen Fürsten. Wenn sie nicht mal eine Schlacht für ihren Mann
entscheiden konnte, wie sollte sie da in einem Krieg, der draußen immer weiter
um sich griff und den sie nicht verstand, von Nutzen sein? Zumindest wußte sie,
worum es in dem Ringen zwischen Vater und Sohn ging: um Grund und Boden. Der Tod
des Vaters war Andreas einzige Hoffnung auf Sieg. Aber der Vater weigerte sich
zu sterben; Ferentinos lebten in der Regel ewig.
Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © Dörlemann