aus: Rosa
1Rosa geht über die Brücke. Sie könnte, wenn sie den Kopf zur Seite wendete, links ihre Wohnung und rechts den Park sehen. Niemand ist jetzt in der Wohnung, aber in spätestens zwei Stunden kommen Tom, Moritz und Rosas Mutter vom Park zurück. Leise werden sie die Wohnung betreten, um Rosa nicht zu wecken. Vielleicht werden sie Kaffee trinken und Kuchen essen und sich eine Weile unterhalten. Aber dann werden sie es bemerken. Sie werden merken, dass Rosa gar nicht mehr da ist, weil Rosa in zwei Stunden schon fast in Berlin sein wird.
Rosa dreht sich nicht um. Sie hat es eilig. In zwanzig Minuten fährt der Zug und alles dauert länger als erwartet. Es dauerte lange, bis die anderen zu einem Spaziergang aufbrachen. Zu einem Spaziergang ohne Rosa, weil sie dringend schlafen wollte. Es dauerte lange, den Ausweis zu finden und die Unordnung im Wohnzimmer zu beseitigen, die durch das hektische Zusammensuchen und Packen entstanden war. Es dauerte lange, aus der Wohnung zu kommen, denn die Nachbarin fegte die Treppe und wischte die Treppe und unterhielt sich anschließend mit Herrn Wagner vom Erdgeschoss. Und auch der Weg zum Bahnhof, dieser sonst so kurze Weg zum Bahnhof, nimmt mehr Zeit als gewöhnlich. Ein Schritt strengt an wie zehn Schritte und was wie ein gemütliches Tempo wirkt, ist der schnellste Gang, den Rosa ihrem Körper zutraut.
Rosa überquert zwei Kreuzungen, das Warten an den roten Ampeln schien so ewig, aber nur nichts riskieren. Bloß nicht aus lauter Unachtsamkeit und Hektik vor ein Auto laufen. Dann wäre alles vorbei. Selbst wenn sie sich bei einem Zusammenprall nur das Bein bräche oder einfach unter Schock stünde. Dann wäre der Zug weg und alles vorbei.
Mit gesenktem Kopf geht Rosa auf den Bahnhof zu und hat doch alles genau im Blick. Kein Mensch entgeht ihr und kein Mensch darf ihr entgehen, weil niemand sie hier sehen darf. Es ist Sonntag Nachmittag und nicht viele sind unterwegs. Die meisten werden beim Baden sein oder spazieren wie ihre Mutter, Tom und Moritz. Aber wer sich doch zum Bahnhof begibt, könnte sie in dieser überschaubaren Gegend sehr leicht erkennen.
»Nach Berlin mit Bahncard, bitte.« Rosa nimmt die Fahrkarte, bezahlt, hievt sich die Reisetasche wieder auf die eine Schulter, den Rucksack auf die andere. Gerade, als sie die Treppe zu den Gleisen hinaufgehen will, erkennt sie zwei, die ihr entgegenkommen. Maria und Tobias. Ihre Kommilitonen Maria und Tobias mit Gepäck. Die kommen an. Die kommen ausgerechnet jetzt an. Die dürfen sie nicht sehen. Rosa dreht sich um, geht so schnell sie kann zur Schalterhalle, hört »Rosa, Rosa«. Die haben sie erkannt. Aber das geht nicht. Sie kann nicht hin zu ihnen. Was sollte sie ihnen denn sagen. Rosa rutscht in den Sandalen, rutscht über den glatten Boden der Schalterhalle. Sie rennt bis zum gegenüberliegenden Ausgang, biegt um die Ecke und wartet dort. Ihr ist schwindelig, sie ist außer Atem, von diesem kurzen Weg und diesem Schreck ganz außer Atem. Vorsichtig lugt Rosa um die Ecke, ein Mann schaut ihr interessiert zu. Aber soll der denken, was er will. Rosa muss jetzt den Überblick behalten. Sie sieht, wie Maria und Tobias zum Bahnhofsausgang gehen. Die beiden drehen die Köpfe nicht nach links, nicht zur Schalterhalle. Sie gehen geradeaus, unterhalten sich und denken vielleicht, dass es doch nicht Rosa war, die da wegrannte. Hoffentlich denken sie, dass es doch nicht Rosa war.
Rosa lehnt sich kurz an die Wand, atmet tief durch, um das Kreiseln aus dem Kopf zu bekommen, und geht wieder zurück. Der Zug steht bereits da. Rosa steigt in den ersten Waggon, bleibt beim Einsteigen mit der Reisetasche hängen und hört, kurz nachdem sie den Zug betreten hat, die Durchsage zur Abfahrt. Rosa geht durch zwei Waggons, immer schauend, immer suchend. Die Waggons sind nicht voll besetzt. Ein paar Rentner, ein paar Soldaten, einige Familien, kein bekanntes Gesicht. Im dritten Waggon stellt Rosa ihr Gepäck ab und setzt sich ans Fenster. Sie holt den Rucksack auf den Platz neben sich und schließt die Augen, während der Zug den Bahnhof verlässt.
Rosa fühlt sich müde und aufgewühlt. Der Schreck von vorhin, der Schreck über die Begegnung mit Maria und Tobias, breitet sich erst jetzt in ihr aus. Rosas Hände zittern. Sie greift in den Rucksack, nimmt sich einen Müsliriegel und eine Flasche Wasser. Der Müsliriegel fällt auf den Boden, als Rosa die Verpackung aufreißen will. Das Wasser spritzt laut zischend beim Öffnen der Flasche und macht Rosas Hose nass. Rosa spürt den Blick der Frau, die rechts von ihr auf der anderen Seite des Gangs am Fenster sitzt, und lächelt sie kurz entschuldigend an. Dann wischt sie die Wasserspuren mit der Sandale auf dem Fußboden breit, trinkt, isst und lehnt sich zurück, als wäre es eine ganz normale Zugfahrt.
Die Sonne knallt durch die Fenster, sie rötet Rosas linke Wange und treibt ihr, obwohl der Waggon kühl ist, kleine Schweißperlen auf Stirn und Nase. Es ist, als wollte die Sonne Rosa wach halten. Aber Rosa zieht einen Pullover aus der Reisetasche und legt ihn sich über das Gesicht. Sie legt die Beine über den Rucksack und versucht, sich auf die Müdigkeit zu konzentrieren. Sie will die Reise nicht mitbekommen, sie will da sein, in Berlin sein.
Nach einer halben Stunde fällt Rosa in einen kurzen Schlaf. Sie träumt von gelben Kühen. Die Kühe stehen auf Gummiwiesen und da ist ein chinesischer Bauer, der die Kühe zu einem Tanz führt. Der Bauer schwingt eine Peitsche, die Kühe stellen sich auf ihre Hinterbeine, zeigen ihre prallen Euter und beginnen einen Cancan. Hoch die Beine, die Euter schwingen, der Bauer lacht und treibt die Kühe von links nach rechts und in einer Linie wieder zurück über die Weide. Die Kühe muhen laut und kreischend, sie prallen beim Tanzen aneinander und lassen die Vorderbeine auf das Gras plumpsen, als der Bauer die Peitsche senkt. Der Bauer führt seine erschöpften Kühe in den Stall, wo sie sich glücklich von ihm melken lassen. Aber statt Milch geben diese Kühe Perlen. Es sind Glasperlen, und sie fallen laut auf den Boden. Sie fallen immer lauter, werden immer größer und schwerer. So schwer, dass plötzlich eine dieser großen Kugeln auf dem Stallboden zerschellt. So laut zerschellt, dass Rosa wach wird.
Rosa ist aus dem Schlaf gerissen. Sie ist verklebt von der Hitze und überrascht von der Umgebung. Es ist ihr unbehaglich, inmitten fremder Leute in fremder Umgebung zu erwachen. Alles ist unbequem, der Sitz zu hart, die Sonne zu heiß, der Hosenbund zu eng. Rosa hat Hunger und kommt sich beobachtet vor. Als sie sich vorsichtig umschaut, ist da niemand, der zu ihr hinsieht. Dennoch möchte Rosa sich am liebsten verstecken. Für den Rest der Zugfahrt in einer Gepäcknische verstecken. Verborgen vor den Blicken der anderen, verborgen vor den Gedanken der anderen. Niemand soll über sie nachdenken.
Rosa steht auf, nimmt ihren Rucksack und geht in Richtung des Zugrestaurants, um einen Tee zu trinken. Schön wäre es, nacheinander alle Zugtüren zu öffnen, durch alle Waggons zu gehen, immer schneller zu gehen bis zur letzten Tür, bis zum Ende des Zuges. Fast schon zu rennen und dann die letzte Tür zu öffnen, auf die Gleise zu fallen, sachte auf die Gleise zu fallen. Kurz ein wenig benommen sein, aber dann weiterlaufen, immer weiterlaufen. Schnell laufen, weil sie da etwas erwartet. Es müsste eine unbekannte Gegend sein, durch die sie läuft. Eine Gegend, die keine Erinnerungen aufrufen könnte. Rosa würde niemandem begegnen, niemanden kennen. Sie würde nur laufen, laufen, ohne Ablenkung, ohne Schreck. Laufen, dem Ziel entgegen, und wenn sie ankäme, fiele sie in einen so tiefen und langen Schlaf, dass beim Aufwachen alle Erinnerungen an das alte Leben ausgelöscht wären.
Rosa blickt auf den Boden, wenn sie durch die Großraumabteile geht, sie blickt aus dem Fenster, wenn sich eine Waggontür hinter ihr schließt und die nächste noch nicht offen ist. Wahrscheinlich sind sie jetzt vom Spaziergang zurück. Bestimmt sind sie zurück, und bestimmt haben sie bemerkt, dass Rosa nicht mehr da ist. Aber dieser Gedanke soll sich nicht festsetzen. Rosa will sich nicht ausmalen, was die anderen jetzt vermuten oder fürchten oder ahnen könnten. Sie will nur, dass dieser Zug so schnell wie möglich ankommt. Dann wird sie sich einen Platz suchen, einen Platz zum Schlafen, einen Platz zum Bleiben, einen Platz für sich allein.
Ein Mann drängt mit einem großen Koffer an Rosa vorbei. Rosa war in Gedanken, sie sah ihn nicht kommen, sie spürt nur plötzlich einen harten Schlag mit der Kofferkante gegen ihr rechtes Knie. Sie bemerkt den Schmerz, bemerkt ihr Wanken, sie klammert sich an einem Sitz fest. Sie hört, wie der Mann sich entschuldigt, sie lächelt ihn an, sagte: »Schon gut.« Aber es ist nicht gut, denn es ist, als fiele sie gleich, als hätte jemand den Waggon umgekippt. Das Obere zur Seite, den Boden als Wand. Es ist, als sackte sie innerlich zusammen, als sammelten sich ihre Organe kurz über dem Schritt, um sich dann von tief unten in ihr in einem Brocken ausspeien zu lassen. Der Mann mit dem Koffer schaut erschrocken und fragend. Rosa sagt noch einmal: »Schon gut.« Sagt: »Es geht.« Aber ihre Stimme klingt so fern, so blechern, so ungewohnt brüchig.
Rosa ist bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Sie hält sich an den Kopfstützen der Sitze fest, der Zug schwankt, ihre Schritte formen eine Schlangenlinie. Ein paar Reisende schauen zu ihr her. Vielleicht, weil sie immer schauen, wenn jemand den Wagen durchquert. Oder sie schauen, weil Rosas Übelkeit offensichtlich ist. Rosa geht so schnell sie kann. Sie taumelt gegen die Abteiltür, die sich nicht schnell genug öffnet. Es ist alles in Ordnung, will Rosa rufen, damit niemand einen falschen Eindruck bekommt. Ich bin reisekrank, will sie zu der Rentnerin sagen, die Rosa ihre Hand helfend entgegenstreckt. Aber da hat sich etwas in ihrem Hals verschnürt, da kommt kein Wort heraus, da kommt kaum Luft herein. Da kommt nur ein Röcheln, so ein schleifendes Röcheln. Rosa entdeckt ein Klo, aber das Klo ist besetzt. Sie stürzt weiter, denkt, dass jeder ihr Röcheln hören muss, denkt, dass es doch nicht sein kann, wie sie so plötzlich von ihrem Körper überrollt wird.
Das nächste Klo ist frei. Es stinkt, es ist schmutzig, aber das ist egal. Rosa stellt ihren Rucksack ab und verflucht die automatische Tür, die sich langsam und geduldig schließt. Rosa beugt sich über die Kloschüssel und muss würgen. Sie will diese Übelkeit loswerden, dieses Gefühl der in der Körpermitte zusammengeklumpten Organe. Rosa will die Enge aus dem Hals treiben, die den Körper so schwach macht, so schwer macht. Sie kniet vor dem Klo, ein Krampf schwingt sich aus dem Magen über die Speiseröhre in die Kehle, in den Mund. Aber da kommt nichts außer Magensäure.
Rosa schaut auf die schmierigen Tropfen im Becken. Sie wartet auf ein Speien, das Erleichterung verschaffte, das Organe wieder an den richtigen Platz schöbe. Die rechte hat Rosa auf den Bauch gelegt, die linke Hand hält die aus dem Gesicht. Rosa kann sich nicht an eine solche erinnern, sie will sich zum Wohlsein zwingen. Einreden, dass das alles nicht so schlimm sei, dass sie eben nur brauche, aber sie kann sich nicht erheben. Etwas hält fest am Zugkloboden. Sie fürchtet diese Schwäche, fürchtet, es nicht bis Berlin zu schaffen.
Und das macht Rosa wütend. Denn sie muss es schaffen, sie will es schaffen. Es muss sein. Ein Zurück ist unmöglich. Es ist unmöglich, denn jetzt ist es zu spät, sich heimlich die Wohnung zurückzuschleichen, ins Bett zu legen und so tun, als wäre sie nicht gegangen. Atmen, ruhig atmen, befiehlt sich Rosa. Zusammenreißen, nur noch für diese kurze Weile. In siebzig Minuten kommt der Zug an. So lange erst mal zusammenreißen.
Nach einer Weile, die Rosa wie eine Ewigkeit erscheint, das Atmen schon leichter. Der Hals ist nicht mehr so eng. Wanken hat sich in ein sanfteres Drehen gewandelt, in Rosa sich leichter zurechtfindet. Langsam richtet sie sich auf, stützt sich auf das Waschbecken und schaut in den Spiegel. Kopf ist rot und ein paar Haare kleben an der Stirn. Rosa krank aus. So wie sie aussieht, gehört sie nicht in diesen Zug. Schlafen sollte Rosa. Schlafen und gepflegt werden. Doch geht um Durchhalten. Und es geht um Ankommen. lächelt ihr Spiegelbild an. Müde sieht es aus. Aber das nicht, denn Rosa muss jetzt funktionieren. Deshalb sich Rosa das Gesicht, streicht die Haare in Form, ihren Rucksack und verlässt das Klo.
Rosa geht zurück in ihr Abteil. Sie will keinen Tee mehr. dort sitzen, wo auch ihr Gepäck ist. Lieber dort sitzen, dem Fenster sehen und den Körper ausruhen bis zur des Zuges.
Während Rosas Abwesenheit ist eine Frau zugestiegen. sitzt so, dass Rosa ihr Gesicht in der Scheibe gespiegelt kann. Die Frau hat ungekämmte Haare und einen Blick. Verwahrlost sieht sie aus. Armselig sieht sie aus. denkt, dass diese Frau Mitleid erweckt, und denkt im Augenblick an ihr eigenes Spiegelbild, das nicht anders aussah. Verwahrlost und armselig, und das macht sie nervös. Schnell schaut Rosa weg. Sie möchte nicht den Blick der treffen, sie möchte nicht, dass die Frau in ihr dieselben mit sich entdeckt. Rosa kaut auf einem Fingernagel. Wie gut es jetzt täte, allein sein zu können. Wie es täte, völlig entspannt frische Luft zu haben. Rosa hält Kopf so dicht an die Scheibe, dass sich kein Spiegelbild vor den Blick nach draußen schiebt. Der Himmel ist großer weißer Haufenwolken. Nicht eine von ihnen sieht wie ein Schaf.
Rosa trinkt Wasser. Wenigstens scheint die größte gewichen. Sie schließt die Augen und stellt sich ihr Leben vor. Kompromisslos soll es sein. Fliegend. Rosa sich einen Film herbei, in dem sie die Hauptrolle spielt. Szenen sind es. Rosa, wie sie in einem Auto laut durch das Brandenburger Tor fährt. Rosa, wie sie einer Sektflasche in der einen und einem gut Mann an der anderen Hand um die Siegessäule rennt. Rosa, wie sie morgens aufsteht und sich mit einer Tasse und einem Buch auf ihren Hinterhofbalkon setzt. Rosa sich ihre Wohnung aus. Eine Wohnung mit vielen Zimmern, hohen, farbig gestrichenen Wänden. Eine Wohnung, in ihre neuen Freunde sie besuchen kommen werden, mit denen Rosa in ihrem großen Wohnzimmer tanzen, später und lachend, tanzend, trinkend in den nächsten Morgen wird. Rosa erträumt sich ein Schlafzimmer mit einem grünen Bett. Urlaube, Kurzreisen an die Ostsee. sieht sich inmitten ihrer zurechtgeträumten Freunde, die ungemein schätzen. Weil Rosa witzig ist, vor Leben sprüht, immer ein offenes Ohr hat. Die rechte Mischung aus und Ernsthaftigkeit. Rosa denkt sich einen besten aus. Einen, zu dem sie immer kommen, den sie auch anrufen kann, bei dem sie sich ausweinen kann. Rosa zappelig vor Aufregung. Sie lächelt und würde am jemandem von dieser Vorfreude erzählen. Jemand sollte jetzt zuhören und sich begeistern lassen von Rosas Leben. Aber Rosa weiß, dass sie nicht erzählen darf, dann kämen Fragen, Fragen nach ihrer Vergangenheit. selbst wenn diese Fragen nicht kämen, wäre doch die vor ihnen. Also schweigen.
Rosa steht wieder auf und geht noch einmal zum Klo. will sich im Spiegel ansehen. Sie will sich anlachen. Sie jemanden ansehen, der sich aus denselben Gründen freut sie. Ein wenig schwankt Rosa noch immer. Das Schwanken nicht stark. Es ist nur so eine kleine Schwäche.
Rosa schließt sich im Zugklo ein und kann es kaum erwarten, ihr neues Leben in Berlin endlich beginnen zu lassen. vorgeträumten Berliner Momente kreisen durch Rosas und lassen ihr Herz heftig schlagen. Rosa lehnt sich an Tür, um sich zu beruhigen. Ihre Hände und Knie zittern wenig. Rosa muss ihren Körper schonen, sie muss denken, alles auf sich zukommen lassen. Sie darf sich mitreißen lassen von dieser fliegenden Euphorie. Rosa ihr Spiegelbild an und schließt dann die Augen. Sie legt die Hände auf den Bauch und lässt sich an der Tür nach unten gleiten. All die Aufregung kommt, weil nicht klar ist, was werden wird, wenn Rosa erst angekommen ist. Alles ist möglich. So viel Schönes ist möglich, aber nichts steht fest.
Rosa sitzt auf dem schmutzigen Zugboden und will gern wie ein Mädchen fühlen. Wie ein abenteuerlustiges Mädchen, das einfach in einen Zug steigt, um eine andere auszuprobieren. Ein unbedarftes Mädchen wäre Rosa gern, denn dann könnte niemand sie ernsthaft beschuldigen, alles, was sie hier tut, nur ein großer Fehler wäre.
Aber gerade scheint es, als hätte Rosa ein Stück verloren. Da ist nichts Albernes, Belangloses, Unbeschwertes. Nichts kann Rosa in sich finden, das sich nach Mädchen anfühlt. Nur die Vorfreude malte das Bild eines Mädchens.
Rosa streicht sich über die Arme. »Wird schon«, flüstert sie. Sie streicht sich über den Bauch, um ihren Körper zu entspannen. Die unbekümmerte Zeit wird wiederkommen, denkt sie, während sie ihr T-Shirt glatt zieht. Sie zieht es sich straff über den Bauch und schaut auf die Wölbung. Sie wird machen, was ihr gefällt, wenn sie in Berlin ist. Da wird es keine Armseligkeit mehr in ihrem Blick geben. Es wird wie eine Auferstehung sein. Nach ein paar Tagen Erholung wird Rosa wieder die sein, die früher das Leben so einfach und spannend fand. Und während Rosa sich das erträumt, spürt sie einen Druck in der Brust, und sie schaut auf die Brust und da ist ein Fleck. Ein Fleck auf jeder Brust. Zwei nasse Flecken auf dem T-Shirt. Rosa weiß, was das ist, aber was soll das jetzt. Zwei nasse Flecken malen ihre Brustwarzen auf das weiße Shirt, und nichts ist mit Mädchen. Von wegen. Die Flecken sind Milchflecken. Rosa ist kein Mädchen mehr. Rosa ist Mutter.
Rosa will nicht sehen, was sie sieht. Was soll diese Milch jetzt. Sie hatte es doch genau ausgerechnet. Vier Stunden. Es ging genau auf. Vier Stunden zwischen letztem Stillen und Ankunft. Es ging genau auf. Aber jetzt sind kaum mehr als zwei Stunden vergangen und Rosa hat nasse Male auf dem Hemd. Jeder erkennt solche Flecken, und wie soll Rosa aus dem Zugklo kommen, zu ihrem Platz, zu ihrem Pullover, ohne dass gleich jeder weiß, was mit ihr los ist. Rosa zieht sich das T-Shirt über den Kopf, reibt mit Papier an den Flecken herum, aber das macht nichts besser. Die Milch drängt aus ihr heraus. Die kann keine Sekunde länger bleiben. So prall sind Rosas Brüste, und das ist nicht auszuhalten. Weil es weh tut. Und weil diese Milch ihren Zweck nicht mehr erfüllen wird. Nie wieder wird Moritz an ihren Brüsten saugen. Nie wieder. Rosa legt das T-Shirt ab, zieht den BH aus und reibt mit Papiertüchern an ihren Brüsten. Aber das reicht nicht. Reiben, tupfen, das Rausgespritzte aufsaugen reicht nicht. Rosa nimmt ihre linke Brust in die Hand, beugt sich über das Waschbecken, sie beginnt, die Milch aus der Brust zu pressen. Als Rosa die Milch ins Becken spritzt, ist es, als schriee all das zu ihr, was sie glaubte, in Leipzig gelassen zu haben. Verlieben schreit es, und Rosa sieht Tom. Sie sieht Tom, wie er vorhin das Baby nach dem Stillen von ihrer Brust nahm. Wie er es wickelte und anzog. Wie er sie vor dem Spaziergang auf die Stirn küsste und »Schlaf gut« sagte. Schwanger schreit es, und Baby schreit es, und es vermischt sich mit den Schreien von Moritz, die Rosa noch deutlich hören kann. Die Schreie der letzten Nacht, in der Moritz ständig trinken wollte, an ihr saugen wollte und doch nicht einschlief. Und Mutter schreit es. Mutter, Mutter, Mutter. Rosa kriegt dieses Wort nicht aus dem Ohr. Sie presst die Milch aus den Brüsten und sagt sich, dass es alles so sein muss, wie es jetzt ist. Dass es richtig ist, dass sie nach Berlin fährt. Ganz allein nach Berlin fährt. Sie sieht Tom, wie er sie vorgestern aus dem Krankenhaus holte, und sie sieht sich ankommen in der Wohnung. Familie schreit es, und dann soll es schreien. Nichts macht das anders. Soll es eben schreien. Es war doch alles längst beschlossen. Es geht nicht mehr zurück. Es wird keine Rosa-Moritz-Tom-Familie geben. Und vielleicht wird aus Rosa auch kein Mädchen mehr. Aber dann ist das eben der Preis, den Rosa zahlen muss, um keine Mutter zu sein.
Wie kam es dazu. Wie hat sich das Gefühl verändert. Hat Rosa die Freude über das Baby irgendwann einfach vergessen. Wie kam es, dass da auf einmal soviel Hass war. Und Angst. Wie kam es, dass Rosa ihre Faust in den Bauch bohrte, den sie danach entschuldigend streichelte. Wie kam es, dass sie weinte, wenn sie allein war. Dass sie nichts sagte, wenn sie mit ihrer Mutter telefonierte oder wenn Tom bei ihr war. Dass sie nicht mehr über das Baby reden wollte. Dass sie die Ultraschallbilder von der Wand riss, um sie Tom in kleinen Schnipseln aufs Bett zu streuen. Tom nahm Rosa in den Arm. Er nahm sie wieder und wieder in den Arm, aber Rosa wurde immer steifer, und dabei wollte sie diesen Bauch endlich lieb haben. Und sie wollte in Toms Armen heulen. Und sie wollte gestern, nachdem Tom ihre Mutter vom Bahnhof abgeholt hatte, endlich reden. Sie wollte ihrer Mutter erzählen, dass sie nicht weiterwisse. Dass sie keine glückliche Mutter sei. Dass es sich auch nicht so anfühle, als könnte sie je eine werden. Aber Rosa hat nichts davon getan. Sie hat sich einfach nur an ihren Entschluss geklammert, heimlich geplant und sich vor zwei Stunden aus dem Staub gemacht.
Keine Milch kommt mehr. Rosa hat alles aus ihren Brüsten gepresst. Ruhe heißt das. Ruhe für die nächsten wenigen Stunden. Das ist kein Trost. Denn während Rosa ihre Brüste wäscht, würde sie am liebsten an ihnen reißen. Die Brüste abreißen, zertreten und wegwerfen. Und nichts wäre mehr mit Milch und Mutter. Nichts wäre mehr. Aber die Brüste zwingen Rosa zu sanften Berührungen. Sie schmerzen, Moritz hat die Warzen wund gesaugt. Mit seinem gierigen schreienden Mund hat er Rosas Brüste verletzt. Rosa will nicht länger daran denken. Der Schmerz und die Bilder sind Vorwürfe, die Rosa sagen wollen, dass sie nicht hierher gehört. Der Schmerz und die Bilder kosten zuviel Kraft. Kraft, die Rosa braucht, um gut anzukommen.
Rosa drückt Klopapier auf das T-Shirt, um die Flecken zu trocknen. Die Flecken werden nicht blasser. Draußen hat jemand schon zum zweiten Mal an die Tür geklopft. Länger kann Rosa hier nicht bleiben. Rosa nimmt ihr T-Shirt, dreht das Wasser auf und verbindet die Flecken, indem sie eine Linie aus Wassertropfen von links nach rechts auf den Stoff tropfen lässt. Rosa streift das T-Shirt über, die Vorderseite nach hinten. Es sitzt nicht gut und seltsam sieht der nasse Balken auf dem Rücken aus. Dann nimmt sie den BH, stopft ihn in die Hosentasche. Niemand wird jetzt noch erraten können, warum Rosa so lange auf dem Klo war.
Rosa blickt noch einmal prüfend in den Spiegel, kontrolliert, ob auch keine Milchtropfen mehr im Waschbecken sind und entriegelt dann das Klo. Draußen stehen ein älterer Mann und der Schaffner. »Geht es Ihnen nicht gut?«, fragt der Schaffner. »Doch«, sagt Rosa, »mir geht es gut.« Der Schaffner blickt skeptisch und sagt dann, dass der Herr gesehen habe, wie Rosa auf das Klo ging und lange nicht herauskam, und da habe der Herr sich Sorgen gemacht und ihn angesprochen. Rosa bedankt sich flüchtig und erklärt, dass das nicht nötig gewesen wäre. »Mir wird immer etwas übel vom Zugfahren.« Rosa will gerade weitergehen, als der Schaffner sie nach der Fahrkarte fragt. »Die ist auf meinem Platz«, sagt Rosa, sieht den Schaffner kurz an, aber wendet sich dann zum Gehen, weil er nichts dazu sagt.
Rosa ärgert sich über den nassen Balken auf ihrem Rücken, aber ärgerlicher sind die Brüste, denen Rosa nicht mehr trauen kann. Sie legt sich den Pullover über Brüste und Bauch. Unauffällig zieht sie den BH aus der Hosentasche und stopft ihn in den Rucksack. Ängstlich lauert sie auf eine Regung, sie wartet auf das Gefühl einschießender Milch, aber dann beruhigt sie sich. Denn Rosa hat die Brüste so leer gepresst, wie es eben ging. Wenigstens zwei Stunden wird sie Ruhe haben. Und wenigstens zwei Stunden ist genug, denn in ungefähr dreißig Minuten wird Rosa angekommen sein.
Rosa schließt noch einmal die Augen. Vielleicht war es gut, dass die Milch jetzt kam. Es hätte auch unmittelbar nach der Ankunft passieren können, und dann wären viel mehr Menschen da gewesen, um die Milch zu sehen. Rosa wäre mit schmerzenden, auslaufenden Brüsten auf dem Bahnhof herumgeirrt. Wer weiß, wie lange es gedauert hätte, ein Klo zu finden. Wer weiß, wie lange sie hätte anstehen müssen. Eigentlich hat sie Glück gehabt. Rosa holt sich noch einmal die Bilder von vorhin zurück. Sie denkt sich erneut das Kommende zurecht. Sie sieht sich wieder in fröhlichen Farben an schönen Plätzen und öffnet die Augen erst, als die Durchsage Berlin-Charlottenburg ankündigt.
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