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Der Passagier
(Leseprobe aus: Über
Wasser, Passagen,
2003, Ammann)
Nein – ich erblickte die Statue der Freiheitsgöttin nicht wie in einem plötzlich
stärker gewordenen Sonnenlicht, und um ihre Gestalt wehten nicht die freien Lüfte:
sondern schmierige, bräunliche Nebel, und die wehten nicht; schwebten nicht
einmal; hingen bestenfalls und verschleierten die Gestalt, und nichts ragte
empor und schon gar nicht wie neuerdings. Eine verwahrloste Person in einem schäbigen
Mantel; ein Gespenst im dreckigen Dunst, bodenlos, dessen Umrisse sich im
Fernglas erst allmählich abzeichneten, ein Schemen – ein Un-Kenntliches:
kennte man’s nicht – und dahinter: finstere Klötze, klobige Schatten,
in luftigem Schmutz. Wie auf einer alten, ja uralten, schier gänzlich
verblichenen Daguerreotypie, oder wie von Anselm Kiefer.
Ohne Fernglas nur Smog, von Regenschlieren verschmiert.
Um sechs Uhr früh hatte mich der Kapitän übers Bordtelephon auf die Brücke
gerufen: Haben Sie nicht verschlafen? Es gibt frischen Kaffee.
Seit fünf war ich auf den Beinen. Die Lichter hatten mich geweckt, plötzlich
Lichter am Himmel, weiße und rote, und eins nach dem andern, die Lichter
landender Flugzeuge: als wollten die alle, alle Flugzeuge der Welt, und schon in
aller Frühe, hier landen. Ja, wo denn? Wo kommen die her, so urplötzlich?
Warum landen ... ausgerechnet ... hier?! Lichter einer Landzunge im Bullauge,
steuerbord. Ein Schiff! beleuchtet wie ’n schwimmender Christbaum ... ist ja
typisch! It’s the law, mutmaßlich ... und noch eins. So ist es wohl Zeit. Höchste
Zeit, an Deck zu gehen – denn ein Bullauge bietet der Natur gemäß nur beschränkt
Ausblick.
Achtern die Lichter der Lotsen-Station – dafür brauchen die hier ein
schwimmendes Haus?! – und ein kleines Schnellboot, das eilig zu der schier
wohnlich leuchtenden pilot station zurückfuhr. Der Lotse also schon an Bord.
Und – es regnete! und in Strömen.
Sprechfunkverkehr auf der verdunkelten Brücke; knisternde Stimmen;
Schattengestalten. Ein wuchtiger Lotse und von der spaßigen, polternden Art;
der erste Ami an Bord; ich würde mich wieder an diese Kaugummi-Sprache gewöhnen
müssen. Ich verstand nur die Befehle: Dead slow, Sir. Dead slow, quittierte der
Kapitän. Stop the engine, Sir. Stop the engine, quittierte Herr Rossmann,
geduckt vor Beflissenheit, Befehlsempfänger urplötzlich, ein beflissenes
Häschen.
Am Handsteuer hinter den beiden Sesseln, das ich noch nie wahrgenommen hatte –
kein Wunder: ein halbes Rad, wie in Spielsalons –, stand der zierlichste der
Filipinos, ein schier ausgezehrter Junge, mutmaßlich nicht mehr ganz jung.
Diese kleine, feine Person im Rücken dieser amerikanischen Wucht: eine böse,
vietnamesische Assoziation. Fragte mich nur, wie der ältere Herr, mit seinem
ganzen Körpergewicht, bei der Größe!, in Jackett und Krawatte, eine halbe
Brille auf der Nase, über die Strickleiter an Bord zu kommen im Stande gewesen
war. Denn – kein anderes An-Bord-Kommen ist dem Lotsen vergönnt, egal
welchem, und: niemals.
Ein Lotse, ein amerikanischer gar, nimmt einen Passagier, einen europäischen
womöglich, im Dunkel einer Kommandobrücke, auch wenn seine Aufgabe
offensichtlich erfüllt ist, gewiß nicht zur Kenntnis. Polterte dahin und
dorthin, während wir auf den längst überfälligen Schlepper zu warten hatten,
der den Hafen-Lotsen an Bord bringen sollte.
Oder es war einfach die mir inzwischen vertraute, ja allgemein notorische
amerikanische Unhöflichkeit, nicht etwa Lotsen-Art.
Wartende Schiffe; kreuzende Schiffe; Autoverfrachtungsschiffe, von Übersee,
nach Übersee: monströse Autofähren, der Form nach – nachdem wir unter dem
doppelstöckigen Auto-Fließband der anscheinend berühmten Verrazzano-Bridge
durch waren. Autos und Flugzeuge ... ’n polternder Ami ohne Manieren ... ’n
Christbaum als Schiff, die Freiheitsstatue als Gespenst im Smog ... nicht die
geringste Lust, an Land zu gehen: schon gar nicht hier. Wozu auch? Im strömenden
Regen ...
Jedes Schiff, das den Ozean quert, egal welchen, fährt im Prinzip in die
Ewigkeit und kommt von dort her. Ich kannte das Steuerhaus nur bei Tag, aus
Scheu, nachts zu stören. Ohne Gerede, ohne Unruhe, ohne jeden
Sprechfunkverkehr. Ruhig – noch wenn’s tobt. Die drei Götter: Volcanus,
Herr über die titanischen Kräfte der Tiefe, ein Mecklenburger, von der
windigen Gestalt: zum Wegblasen; der »Chief«, Kumpel für alle, für alles –
beide rücklings an den Handlauf unter den Fenstern gelehnt. Herr Rossmann auf
seinem schäbigen, von all den beflissenen Kapitänen zerschlissenen
Sessel: den Ellbogen auf die Armlehne gestützt, die Finger locker am Kinn, die
Kimm fest im Blick – was dort los ist! –, lächelnd; schier elegant; souverän.
Alles im Griff! – auch mich, blitzschnell, wenn ich – statt mich
festzuhalten am Handlauf! – fassungslos meinen Kapitän anstarrte, der mir
eigenthümlich nach Steuerbord wegzukippen schien.
Ein siedender Horizont; züngelnd, gegen den Himmel; Derwische aus Gischt, die
in blinder Wut gegeneinander rasten, statt gegen den Gegenstand ihrer Wut –
verblasen! Verblasene Wut. Der Ozean geiferte. Wind elf, See zehn, a developing
storm. Hagelschlag plötzlich. Das ist wie Sandstrahl für meine Container! Das
Vorschiff tauchte gewaltig. Sie legte sich mächtig ins Zeug! Der Ozean spie –
spie sie an, spie sie aus, spie vor Wut. So kurz vor der Haustür erwischt’s
einen! Dabei hatte Herr Rossmann, kaum hatten wir die Säulen des Herkules
passiert, noch das Wetter gelobt; den Engel gelobt: Tja, wenn Engel reisen! Doch
man soll auch den Engel nicht vor dem Abend loben, Herr Rossmann; und
vielleicht, Herr Rossmann, bei allem Gespür, denn: der Seemann hat ein feines
Gespür, sagen Sie!, spürt ja das Völkchen – und es ist ein Völkchen,
neunzehn Seelen (ohne mich) – den Teufel nie ...
Der Wal war schlicht zu schmal. Ein zierliches Jungtier, das sich mir zeigte,
backbord – um seinen Schuß loszuwerden: eine elegante Fontäne – um Luft zu
holen, mein’ ich –, wie all die Ewigkeiten, als wär’s, um zu sagen: wir
sind noch da!
Eine Stunde Verspätung; wegen der Dünung von steuerbord; dem Golfstrom von
backbord; all den Tiefs, die alle (sieben!) tief über den Wassern vor unserer
Nase nach Halifax zogen, dem Hagel!, den Blitzen!, dem immerhin sich
entwickelnden Sturm, dieser Wut! – läppisch.
Eine Stunde früher oder später ... keine Eile. Nein. Nicht die geringste.
Dem Vorgang dieser Landung beiwohnen, warum nicht?, als wär’s irgendeine
Landung, an irgendeinem Global Marine Terminal – und nicht final –,
zuschauen, mein’ ich, vom Schiff aus, im Trocknen, im Dunkel des
Zuschauerraumes, das Knistern des Sprechfunkverkehres im Ohr, ohne verstehen zu
müssen, bei frischem Kaffee und im Hintergrund. Ja, ich hielt mich im
Hintergrund, um den Vorgang nicht zu stören, an den Kaffee aus der Maschine und
an den »Chief«, den sogenannten Ersten Nautischen Offizier, diesen
Kumpel, zuständig für alles inzwischen; für die Kaffeemaschine im Moment;
nicht nur für die Nautik im übrigen, nein, auch für die Ladung, die
Sicherheit, das Personal, bei der rasanten Rationalisierung im Schiffsverkehr
– am Ende gar für die (schier) allseitige Betreuung des allfälligen
Passagiers.
Warum die Betreuer verlassen? die treuherzigen? mit denen man treuherzig glatt
von Ewigkeit zu Ewigkeit schiffte –––
Und Amen?
Von Bord gehn? Nur – um wieder essen und trinken zu können, was man will,
wann man will? Wozu denn? Eine Flasche Whisk-ey und/oder -y ist immer vorrätig,
und Zigaretten; Schokolade: Toblerone vornehmlich, für die philip- und/oder
fili-pinische Mannschaft vornehmlich. Drei warme Mahlzeiten am Tag, um halb
acht, halb zwölf und halb sechs, man könnte die Uhr danach richten; womöglich
dreimal am Tag Fleisch oder Fisch; einmal die Woche ein Curry-Huhn, ein ganz
scharfes; deutsches Abendbrot plus (ph)fili(p)pinischem Huhn samt griechischem
Salat quasi, und: um halb sechs.
Man könnte, sage ich? Nein: man richtet die Uhr danach – die Uhr ist quasi
danach gerichtet – denn: jedes Schiff hat seine Zeit. Seine eigene; die nur
ihm eigen ist und keinem andern, es sei denn, ein anderes führe zur gleichen
Zeit auf identischem Kurs, nähme, genauer gesagt, zum gleichen Zeitpunkt die
gleiche, identische Position ein, und das könnte, im Prinzip, nur ein
Begleit-Flugzeug sein: und wär’, also, kein Schiff – es wär’ ja eine
Kollision, eine Havarie gar: und nur das nicht. Fährt man westwärts, und wir
waren ja ein im Prinzip kontinuierlich westwärts Fahrendes, verlangsamt sich
die Zeit kontinuierlich. Bruchlos sich verlangsamende Zeit: Zeiger, die sich
unmerklich immer langsamer bewegen, ihre Bewegung freilich nicht immer gleichmäßig
verlangsamend, denn die Verlangsamung der Zeit ist selbstverständlich auch abhängig
von der Geschwindigkeit unseres Schiffes, neunzehn Knoten im Maximum, von der Dünung
also, von der Strömung, dem Wind, von den Ausweichmanövern auch unter Umständen,
denn einem Tief, wenn man’s zeitig sieht: tief über den Wassern, kann man, süd-
oder nordwärts, ausweichen; das Tief, tief überm Wasser wie schwebend –
dieses graue Gebilde aus Wasser; Dunst; Hauch –, quasi umschiffen. Dann
verlangsamt sich die Zeit der Natur gemäß langsamer; quasi kaum mehr; aber, im
Prinzip, noch immer.
Das ist natürlich unpraktisch; unnötig auch. Wir müssen ja bloß wissen,
wann’s unser Curry-Huhn gibt, samt deutschem Abendbrot und griechischem Salat,
damit wir alle, alle siebzehn Mann (samt mir) zeit-gleich die Mannschafts-
respektive Offiziers-Messe stürmen, sonst bekommen Steward und Cook ein
Problem mit dem Timing und: nie Feierabend (dem Wachhabenden wird, zu seiner
Zeit, in der Wach-Messe separat aufgetischt). Heißt: Sind die Säulen des
Herkules einmal passiert – ist der Rand der wohnlichen Welt, um’s so zu
sagen, mal depassiert –, so hängt beinah jeden Abend, aber nur beinah!, neben
der Tür zur Einrichtung des ersten Aufbaudecks das Schild mit dem lachenden,
asiatischen Gesicht, lachend aus Vorfreude auf den längeren Schlaf, die verlängerte
Nacht, den Zeitgewinn. One hour retard, heißt es. Ob es uns lacht oder nicht,
da hängt oder nicht hängt, bestimmt – ja, wer wohl? – der Chief, dieser
Kumpel: so Handgelenk mal Pi entscheidet er, ob’s hängen & lachen soll;
übern Daumen gepeilt quasi; wenn’s ihm nun auch gar zu lang hell zu bleiben
scheint, und: so, daß es zum Schluß aufgeht. Sechs Stunden verteilt auf (nicht
regelrecht geteilt durch!) zehn Tage ...
Doch mit der Zeit ist nicht zu spaßen, absolut nicht! Ging sie zu Bruch nämlich
– ich meine: gingen alle Uhren zu Bruch; fielen alle
Navigationsinstrumente aus; fiel die Zeit aus! –, gingen wir alle,
zwanzig heillose Seelen, in die Ewigkeit ein ... schifften wir über jeden Rand
hinaus, mein’ ich, von Horizont zu Horizont schifften wir, von Ewigkeit zu
Ewigkeit: und verlören uns dort. Richtungslos, positionslos. Und so gäb’s
bald schon kein Curry-Huhn mehr und kein Abendbrot. Kein rohes Rübchen mehr für
unseren Kapitän, von wegen Diät, kein einziges. Kein »Morning has broken«,
gesungen vom Chief, dieser Frohnatur (schon beim Frühstück), und keine »switt
driims« vom Steward am Abend: Have switt driims, Sir! – nein. Nur diesen
ewigen Horizont, ringsum, und: diesen grauen Hauch über den Wassern, tief. Von
Tief zu Tief schifften wir und vermöchten’s nicht mehr zu umschiffen, nichts
vermöchten wir mehr: und – das lachende Gesicht lachte uns täglich? So ...
ostasiatisch, buddhistisch sozusagen, oder sphingisch ...
Switt driims? Ach – der Kapitän, von Zollisten geplagt, vom Charterer gedrängt,
von der Reederei gedrückt, winkte bloß ab: Was hat der gesagt?!
Die absolute Zeit – Greenwich-Time, in den Kartentisch eingelassen, unter
bruchsicherem Glas, auf der Brücke: ich hielt’s zunächst für den Kompaß
– dient nicht der Tageseinteilung, sondern der Navigation; dem Funkverkehr;
dem Verkehr mit dem Festland; der Orientierung kurzum: für den Notfall; wenn
die Zeit zu Bruch geht, die eigene, dann dient Greenwich der Rettung: vor der
Ewigkeit, dieser Verdammnis. Denn – jedes Ding unter dem Himmel hat seine
Zeit: fast täglich ein wenig mehr, vom Chief geschenkt quasi, und: alles hat
seine Stunde. Der Morgenspaziergang, bis zum Bug: wenn’s nur der Seegang
erlaubt, der Jodkur halber; der prometheischen Ankerketten wegen; und: mit dem Lächeln
der Lemuren. Der Mittagsschlaf hat seine Stunde, Seegang oder nicht. Der
Nachmittagsspaziergang über die fünf Aufbaudecks bis aufs Peildeck, wenn’s
der Wind uns gestattet, die Ganzkörper-Massage im Heck: der Rückblick auf die
Spur, die man zieht, diese schäumenden Strudel, beim Einnachten. Der letzte nächtliche
Weg: um zu schaun, wie voll der Mond sei und wo der Bär grad steht und wie’s
den Wolken über den Wassern so geht; ob wir’s nun mit einem Wolkenpanorama zu
tun haben, mit ’nem Wolkensack oder ’nem wolkigen Tier, und: mit welchem.
Der Elf-Uhr-Whisky, für den Passagier!, hat seine Zeit, und der Vier-Uhr-Whisky
hat eine ganze Stunde Zeit. Und der Abend hat seine Beschäftigungen, bei einer
Flasche Rotwein, wenn die Lampe freundlich brennt, bis man sich hinlegt; um
Mitternacht; pünktlich: wie ’n Mönch.
Nur: den rötlichen Tee der Offiziere zum Frühstück – schlicht
Hagebuttentee! –, English breakfast tea zum Abendbrot: diese Verkehrung der
Zeit mußte man abschaffen, korrigieren.
Von Bord gehn? So vorzeitig? Das ganze Gepäck wieder schleppen, über die
unsichere Gangway, diese schmale, schwankende Verbindung zum Kai – ist’s
endlich, endlich verstaut auf dem Schiff, vertäut: für die Ewigkeit quasi, für
den Sturm, der von dort kommt – nur weil da plötzlich eine pilot station im
Weg ist? Lichter; eine Land-Zunge; ein Land gar; diese Hektik! mitten im Ozean,
dieser Ewigkeit. Und – neblig; verregnet.
Von Bord gehn?
Jetzt wollnwer aber mit niemandem mehr reden – soviel verstand ich. Der Lotse
stellte den Sprechfunkverkehr ab, kramte in Papieren, probierte Regenmäntel an
– ja, wo er die herzauberte? aus seinem Herren-Handtäschchen gar? –, als gälte
es, eine Modeschau zu veranstalten, pausenlos redend übrigens, wovon ich dann
wieder nichts verstand, mutmaßlich mit niemandem – nur mal zum Chief, der untätig
herumstand: Na, junger Mann, Papi im Regen stehn lassen? – soviel verstand ich
wieder; und nur soviel –, dann wollte er Kaffee trinken; doch den Kaffee hatte
ich ausgetrunken! ätsch bätsch! so mußte er, seine pausenlose Rede an mich
richtend! ätsch bätsch! erklären, das sei ihm vollkommen egal – während
der Kapitän und der Hafenlotse, ein wortkarger, massiv übergewichtiger Junge,
an der Außensteuerung steuerbord, als merkten sie nicht, wie naß sie wurden
– der Kapitän würde eine Dusche nehmen müssen, sagte der Lotse, was ich
auch wiederum verstand: mit Blick auf die Hosenbeine unseres Kapitäns – ätsch!
bätsch! –, das Schiff an den Kai manövrierten: ohne Ruck, ohne Zuck! ohne
Geräusch; Feinarbeit, zentimetergenau.
Dann bewegte sich nichts mehr. Präzise und – beinahe – pünktlich.
Auch die Verhandlungen mit den Hafenbehörden, in der Einrichtung des fünften
Aufbaudecks, am ovalen Tisch des Captain’s Office, mit den Herren vom Zoll,
die pausenlos mit ihren Handys zugang waren, und dem Herrn von der
Einwanderungsbehörde, verliefen schier reibungslos. No animals, no plants, no
living organism. Jahrelang war ich nicht auf ’ner Farm gewesen, ich fürcht’
mich doch vor Hofhunden. Keine kontrollierten Substanzen! Nur Zigaretten zu
deklarieren und personal belongings, summarisch, sonst nichts. Das Ponstan
meiner fürsorglichen Zahnärztin, das sie mir vorsorglich mitgegeben hatte,
gegen allfällig urplötzlich unerträglichen Zahnschmerz, in einem womöglich
Verdacht erregenden neutralen weißen Papiersäckchen, nur der Produktname und
die Dosierung waren angeschrieben, in der beherzten Handschrift Besagter, nicht
die Substanz!, hatte ich – ebenso vorsorglich – auf meinem letzten nächtlichen
Weg, diesem ozeanischen Abschied, den mutmaßlich vorhandenen Haifischen
überlassen, die einzige Spezies übrigens, von den fabelhaften Spezies, meine
ich – diesen mythischen Bewohnern der Ewig-
keit –, die sich mir nicht gezeigt hatte: diese Spezis! Ich stand auf dem
Hauptdeck, im Halbdunkel unter den ersten Containern der Ladung, diskret, um
nicht beobachtet zu werden bei diesem mutmaßlich ungesetzlichen Akt von Gewässerverschmutzung,
ich hatte mich eben abgewandt von der Reling, nachdem ich mich vergewissert
hatte, daß das kleine Weißliche in den Strudeln unserer schäumenden Spur
verschwand, als aus dem Bullauge irgendeiner Einrichtung, ich habe mir das
Aufbaudeck absichtlich nicht gemerkt, ein anderes kleines Weißliches, einen
Augenblick aufleuchtend wie ’n Meteor, auf weiter Bahn, in die alles
schluckende, alles verzeihende, allem Menschlichen gegenüber, der Natur gemäß,
vollkommen gleichgültige, gnädige ozeanische Finsternis flog. Ein Säckchen?
ein Päckchen? ’n Papierknäuelchen? Weiß Gott, was da flog, in
elegantem Bogen, zeitig entsorgt ... Wir wußten ja alle, daß wir’s, in ein
paar Stunden, mit klinisch manifesten Hysterikern zu tun bekämen – der
Steward desinfizierte schon einen ganzen Feierabend lang Küche &
Pantry –, eine besondere Form der Hysterie, pietistischen Ursprungs im Grund,
besonders gemeingefährlich in dieser säkularisierten Form. Wir hatten die
gnadenlosen Plakate des Eigners ja gar nicht übersehen können – an allen Türen,
die zu den Einrichtungen der Aufbaudecks führten: WARNING! gnadenlose
Zusammenarbeit mit jedweder Drogen-Behörde androhend, für den Fall auch nur
des geringsten Verdachts. You’re warned! Selber schuld also – wer sich
erwischen läßt. Selber schuld – und verantwortlich für alle Folgen – wer
das Gesetz kennt und es nicht befolgt. Darum muß es geschrieben stehen! und
schier alles! und womöglich dreimal! (Nur niemals als schlichter Hinweis, in
der U-Bahn zum Beispiel, denn dafür bedarf es des Fingerzeigs Gottes: und der
wird nur den Auserwählten zuteil.) Reine Fiktion im Grund ... Es soll mir doch
niemand weismachen wollen, dachte ich, nachdem ich mein Ponstan den unsichtbaren
Haifischen übergeben, dem anderen unidentified flying object (Cannabinol
für den lustigen Delphin?) ein Augenzwinkern mitgegeben hatte, mit
Hagebuttentee (der Ascorbinsäure wegen), Toblerone (der Kompensation halber)
und Beck’s Bier (für ’n Rest) allein seien neun ununterbrochene Monate auf
See, bei härtestem, niedrigem Dienst, meine ich – putzen! und noch einmal
putzen! ein Schiff muß man ja ständig, und in vielfältigster Weise, putzen
– neun Monate Verdammnis im Grund, von Horizont zu Horizont, von Curry-Huhn zu
Curry-Huhn, von Puff zu Puff eventuell, weiß nicht, von sweet dream zu wet
dream mutmaßlich, von sweatshop zu sweaty dream quasi, schadlos zu überstehen
– sündlos quasi – und die ilipinische Mannschaft zumindest (das F nämlich
ist den Filipinos unaussprechlich) leistet neun Monate am Stück.
Und so wäre das Gesetz im Grund auch nur von Auserwählten zu erfüllen, es sei
denn, man behandle es als reine Fiktion, und mit einigem Geschick, zumindest im
Umgang mit der Kunst der Ballistik: und eben dies, und nichts anderes, wäre der
Fingerzeig Gottes?
Es gibt erlösende Wörter; wir wissen es alle; da treffen sich Pietismus und
Katholizismus, jüdisches Morgengebet und islamisches Mittagsgebet mit
schlichter heidnischer Zauberei. Zauberwörter! Paßwörter.
Reibungslos, sagte ich: aber nur schier.
What are you writing, Sir?
Die einzige kleine Verlegenheit, in den Verhandlungen mit dem Herrn von der
Einwanderungsbehörde, einem höflichen Menschen von nahezu britischer Förmlichkeit,
ergab sich im Zusammenhang mit dem Grund meines Aufenthaltes, meinem Auftrag
quasi, meiner Mission sozusagen: meiner Tätigkeit kurzum. Denn – alles muß
begründet, ja deklariert sein, als wär’s dangerous cargo. Und: the truth muß
es sein, und kein anderes Ding, nothing but the truth!, sonst begeht man fraud
und wird deportiert wie ’n Truthahn zur Schlachtung. In meinem
computerlesbaren Visum im Paß, mit dem ebenso computerlesbaren Fahndungsphoto,
steht – computerlesbar – als Begründung des Visums: »unpaid intern.
writership«. Ship, soviel weiß ich inzwischen, ist hier ein Zauberwort, nimmt
nur irgendein Wort es ins Schlepptau, doch der writer ist deswegen hier – ganz
im Gegensatz etwa zum écrivain in Frankreich – noch lange kein Zauberer;
sondern u.U. ein gemeiner Schreibknecht, der die Journaille bedient; ein
Korrespondent womöglich; ein Reporter gar – der die Wahrheit schreibt und
nichts als die Wahrheit! – und das darf ich nicht und unter keinen Umständen,
sonst ergeht’s mir wie dem Truthahn, dem besagten; da bräucht’ ich nämlich
ein Journalisten-Visum, und: fünf Jahre gültig!
In den jämmerlichen sechs Monaten, die mir mit meinem jämmerlichen B1
zugestanden werden können, bestenfalls!, ist doch die Wahrheit, und nichts als
die Wahrheit, die ganze womöglich!, nicht zu bewältigen, niemals!
Literature – ich hatte es in dem Augenblick ganz vergessen, etwas ermüdet
vielleicht von den Vorgängen vorgängiger Landung, und: nur für ’n
Augenblick! – literature versteht doch kein Mensch.
Nicht etwa, daß der Herr von der Einwanderungsbehörde, ein höflicher Junge,
ich sagte es doch, nun irgendeinen Einwand gegen meine Antwort geäußert hätte;
oder gar das Sendschreiben meiner Behörde einzusehen verlangt hätte, diesen
magistralen, ja gouvernementalen Schutzbrief: to whom it may concern. Keine Rückfrage,
keine Bitte um Präzisierung, auch kein Zeichen des Mißtrauens eigentlich gegen
den Wahrheitsgehalt meiner Aussage – gar nichts äußerte der junge Mann,
blickte mich nur so unglücklich an, wie die Angelsachsen, die Briten
vornehmlich, die förmlicheren unter ihnen, einen anblicken, spricht man ein
unverkennbar englisches Wort aus, das sie – zumindest so ausgesprochen
und/oder in diesem Kontext – beim allerbesten Willen nicht verstehen; als heiße
es nichts! – ja, was soll denn das heißen? – als bedeute es nichts, oder
eben ––– alles!
Ja. Innert Bruchteilen von Sekunden fiel das ganze Unglück über mich
her, im Captain’s Office, während der Kapitän mit einem halben Ohr &
Blick, etwas besorgt oder fürsorglich, wie mir schien, den Gang unserer
Verhandlungen verfolgte und die Herren vom Zoll noch immer pausenlos mit ihren
Handys zugang waren – das Unglück, meine ich, das unser aller lieber Wladimir
Iljitsch mit seiner Forderung nach Parteilichkeit der Literatur über uns
gebracht hat, denken Sie nur an die Mühen, die es uns gekostet hat, den
Bitterfelder Weg zu beschreiten, und es waren nur noch die Mühen der Ebenen –
von Truth-Hennen gesäumt; von Truthähnen geradezu übervölkert! –, wo doch
unser aller lieber, ja geliebter Wladimir Iljitsch nur die Presse gemeint haben
kann, wie gewisse Exegeten vornehmlich eurokommunistischer Couleur zu versichern
nie müde geworden sind, weil Literatur auf Russisch auch Presse heißt ...
Augenwischerei, werte Genossen! Nichts als Augenwischerei. Ersetzen Sie, Werte!,
nur mal den gängigen Begriff Deutsche Literatur durch den, aus gewissen Gründen,
nicht mehr so gängigen Begriff Deutsches Schrifttum ... und schon wird Ihnen,
werte Genossen!, ein schlichter Redakteur, unter der (Schreib-)Hand quasi und
unter gewissen Umständen, womöglich zum Schriftleiter. Und schon sind Sie ein
Truthuhn, und kein -Hahn kräht mehr nach Ihnen ... Wollen Sie denn, Werteste!,
beispielshalber einen Buffon aus der französischen Literatur des achtzehnten
Jahrhunderts ausschließen, denn er hätte die Wahrheit gesucht? die Wahrheit zu
schreiben versucht? und nichts als die Wahrheit? Wollen Sie hingegen, Werteste!,
unser Aller wertesten Herrn Karl zur deutschsprachigen Literatur des neunzehnten
Jahrhunderts zählen, denn er wär’ doch im Grund ein Belle-trist? Und was
machen wir denn, werte Genossinnen und Genossen!, mit unserem liebwerten
Professor Hegel, diesem Welt-Geist? Was machen wir mit unserem nicht gar so
beliebten Herrn Fritz quasi? Der gehört doch unbestreitbar ... in die Klapsmühle
gehört der! ... allein schon wegen diesem blöd-sinnigen Zarathustra ... ich
meine: Welches Formular der Verwertungsgesellschaft Wort – um Himmels willen!
– müßten die nun alle ausfüllen, zur Anmeldung ihrer Werke, zwecks
Reprographie-Entschädigung? Das Formular für literarische Werke oder für
wissenschaftliche Werke ... oder ... ja, welches Visum, um Gottes willen, für
den Eintritt in Gottes eigenes Land, wollten die eintreten, bräuchten denn die?
Ein schlichtes B 1?, denn sie wären irgendwie busy, und quasi auf der
niedrigsten Stufe, für höchstens sechs Monate, und es ging ihnen nicht um ...
die Wahrheit? Ein Exchange Visitor, und das Zauberwort hieße dann Fellowship,
und so wären’s im Grund nichts als ... fellows? Und nehmen wir jetzt mal an,
all die – all die vorerwähnten, etwas zufällig nur beispielshalber erwählten
fellows – schrieben Pornographie. Obszöne Pornographie. Härteste
Pornographie! Genauer gesagt: Was sie schrieben, egal was, gälte grad als
pornographisch, obszön, hart; oder als verletzend; Gefühle verletzend; religiöse
Gefühle womöglich; als Persönlichkeitsrechte verletzend gar! als Persönlichkeiten
verletzend, und in deren tiefstem Innern!, egal welche und wie: vermöchten sie
denn, die, unsere fellows, meine ich, und gegebenenfalls: welche von ihnen?, vor
ihren Richtern, vor dem Gesetz!, den Kunst-Vorbehalt zumindest geltend zu
machen? um von Gesetzes wegen gerechtfertigt Persönlichkeiten, egal welche, in
ihrem tiefsten Inneren, egal wie, verletzen zu dürfen, weil’s Belletristen wären:
die’s nicht könnten, und: niemals? Clown schöööööön? Und so müßten
wir denn – strittigenfalls quasi – in der Einrichtung des fünften
Aufbaudecks, am ovalen Tisch im Captain’s Office, mit dem Herrn von der
Einwanderungsbehörde, diesem überaus höflichen, aber für ’n Augenblick mal
unglücklichen jungen Mann, einen Ästhetik-Diskurs führen? Nicht Pilatus,
nein, nein, nix Biblisches, nö – sondern: Was ist schön? Denn uns ging’s
ja jetzt um die Schönheit der Le-Tristik, der Lettres, der Lettern, jeder
einzelnen! – und um nichts als die Schönheit! womöglich die ganze: und ganz
und gar nicht zu verletzen und niemals! um die schier diplomatische Immunität
und/oder körperliche Integrität der Schönheit ging’s uns – und so blickte
unser Kapitän allmählich nur noch besorgt, und unser personifiziertes
Unglück da nähm seinen Lauf: ergriffe womöglich die Flucht schlicht – und
so gäb’s gar keine Aufenthaltsgenehmigung, sondern eine Deportation, eine Rückschaffung
sozusagen ganz ohne Ausschiffung, eine Verfrachtung unseres Truthuhns gäb’s,
auf dem Seeweg, ganz egal ob nun Hahn oder Henne, ob Schnee- oder Perl-, ob
Auer- – -Ochs? – oder Sumpf-, ob Curry- am Ende! ob Truth-! oder wat?! –
und so wär’s eigentlich doch viel einfacher, praktikabler quasi, einfach
summarisch zu sagen: alles nicht wahr! ätsch bätsch! April, April! alles
erfunden. Erlogen! Erstunken. Reine
Fiktion. FICTION! – innert Sekunden, sage ich Ihnen, nein: innerhalb von
Sekundenbruchteilen fiel mir das Rettende ein, das erlösende Paßwort:
und es erzeugte ein erleuchtetes, ja leuchtendes: Aahaa! Den Stempel-Druck
erzeugte es, sogleich, und das beherzte, geradezu paß-be-schädigend energische
Klick! der Heftklammern. Good luck! – Take care! – Have a nice stay!, wünschte
mir der Herr von der Behörde, nahezu un-förmlich.
Für den Rest allerdings bedurfte es förmlich der Hilfe Gottes; kein Wunder, in
God’s own country; der barmherzigen Hilfe der Männer Gottes, mein’ ich,
bedurfte es. Die waren schon da, kaum warn wir gelandet, und aßen ein
Curry-Huhn mit der filipinischen Mannschaft und der eine sprach
Schweizerdeutsch; wenn auch mit starkem Akzent; der andere gar nichts: eine
pastoral schweigende Anwesenheit. Denn – müssen Sie wissen – diese Global
Marine Terminals liegen, wie alle derartigen Ein- und Ausschiffungs-,
Verladungs- und Verfrachtungs-Stationen – Industrieanlagen im Grund –, weiß
Gott wo, im Regen, unauffindbar, unzugänglich jedem nicht eigens
autorisierten Verkehr.
Mann, haben Sie Steine geladen?, fragte der Pastor aus Winterthur, als er meinen
Koffer in den geräumigen Wagen der Kirche zu laden versuchte. Unter der
Windschutzscheibe das Schild: CLERGY EMERGENCY.
Ein klerikaler Notfall sozusagen, oder eine kirchliche Dringlichkeit eher, denn
die Männer Gottes waren durchaus nicht klerikal im eigentlichen Sinn, sondern
evangelisch; reformiert irgendwie; lutheranisch mutmaßlich; Deutsche
Seemannsmission. Der Bahnhofsmission, wie wir sie kennen, gewiß irgendwie
vergleichbar, doch, der Natur der Sache gemäß, nicht vordringlich dazu
berufen, sich um einen allenfalls zufällig vorhandenen einzigen Passagier im
Zustande der Hilflosigkeit, ich meine: hilf-los nicht zu bewältigender
Ausschiffung, zu kümmern, sondern um die Seelen der Seeleute; neunzehn an der
Zahl; um ihr Heil, ihre Not, um ihr Wohl, ihr Befinden. So galt die
vordringliche Sorge der Seelsorger, Passagier samt Sack und Pack schon geladen,
der Beschaffung eines Rasierapparates für unseren Kapitän, denn Herrn Rossmann
waren die Rasierklingen ausgegangen. Gillette Sensor, beschloß der Pastor aus
Winterthur: das derzeit beste Produkt auf dem Markt, der Apparat sei zwar
billig, doch das Geschäft machten sie mit den Ersatzklingen. Nur zwei liefern
sie mit dem Apparat. Wie lang bleibt der Kapitän noch auf See?
Als gehörte ich doch beinahe schon zur Mannschaft; zur Besatzung zumindest; zum
Inventar quasi, zu Mann und Maus, zu dieser Seelengemeinschaft irgendwie – wußte
ich es sogar. In La Spezia geht’s dann nachhaus! Heimaturlaub – bevor Herr
Rossmann zu seiner letzten Reise aufbräche, nach Australien hoffentlich, dahin
möcht’ ich noch mal!, der Rest wär’ dann ein Radfahren an Land. Denn: ich
bin ein Bewegungsmensch! Und ein Erlernen der italienischen Sprache, denn: ich
liebe das Italiänische! Und was, um Himmels willen, soll ich, mit erst
siebenundfünfzig, für den Rest meines Lebens, nach zweiundvierzig Jahren auf
See, in einer deutschen Kleinstadt?!
Zwei Wochen lang, beschloß der Mann Gottes, kommt man mit zwei Rasierklingen
aus.
Doch wo – beim Barte des Propheten! – findet man in Bayone N.J.,
diesem Kaff, Gillette Sensor?
Schlicht überall; hat man nur, bei beschlagener Scheibe und im strömenden
Regen, ein Geschäft gefunden, das Rasierzeug verkauft, was im Prinzip jedes
Geschäft kann, egal welches, nicht aber jedes Geschäft tut.
Die schweigende Anwesenheit Gottes hatte, auf Geheiß unseres Steuermannes, die
rechte Straßenseite im Auge zu behalten, ich, den Männern Gottes im Nacken, am
Kräglein, dem weißen, die linke.
Als käme man selbst mit Gottes Hilfe – und der Genehmigung des Herrn von der
Einwanderungsbehörde – nicht so ohne weiteres weg vom Schiff, im Gegenteil:
als wäre es eigentlich denkbar, immer wieder zurückzukommen aufs Schiff; ans
Schiff zumindest, und ganz nah heran!, kamen wir noch einmal zum Schiff zurück.
Geschützt vorm strömenden Regen – während unser fürsorglicher Steuermann
Gottes selbstlos aufbrach zu seiner letzten seelsorgerischen Mission auf dem
Schiff, unbeschirmt, meine ich, als wär’s ein demütiger Bußgang – hätte
ich eigentlich gern noch einmal meine Wohnung der letzten Wochen kontempliert;
vom Heck her; den Wohnturm, in dem ich gewohnt, Einrichtung des 4.Aufbaudecks,
steuerbord, Kammer des Elektriker-Anwärters, Ausblick seitlich; die
Aufbaudecks, auf denen ich die Spuren meiner nächtlichen Wege hinterlassen,
denn man hinterläßt Spuren im Schlick aus Wasser, Salz, Ruß, denen man am
Morgen dann wieder begegnet, ist man der einzige, erste und letzte, unermüdlich
auf den Decks unterwegs; das Hauptdeck, 245 Meter nach vorne zum Bug, unter
tausend Containern, die knarren und ächzen – und: jetzt entladen wurden. Das
Heck – auch ein Aussichtspunkt! – hoch aufragend, Metallwände hinter
Regenschlieren, abweisend, unzugänglich für mich: für immer?! Doch keine Zeit
jetzt für Kontemplationen, Meditationen; für Rückblenden; für ozeanische
Miniaturen im Geiste: Flashbacks, wie nach einem schweren Trip – denn – die
schweigende Anwesenheit offenbarte sich plötzlich; hüllte sich aus ihrem
Schweigen; entpuppte sich quasi: als spanisches Bibellexikon kolumbianischen
Ursprunges; ein Lebenswerk; streng wissenschaftlich; alterslos für uns, der
kolumbianischen Natur gemäß; persönlich bekannt mit allen
lateinamerikanischen Literaturnobelpreisträgern. Als Smalltalk und Namedropping
entpuppte sich die Enthüllung des Schweigens, die An-Wesenheit als theologische
Berühmtheit mutmaßlich – glauben Sie’s mir? klingt’s nicht schier
unglaublich? – da sitzt man, in der Sintflut; als Fiction deklariert,
angeschrieben als Clergy Emergency; der Urflut entsprungen, der Ewigkeit
entronnen! entlassen von ihr; verstoßen; ausgespuckt schier! Steine geladen im
Rücken. Im Nacken der personifizierten Theologie sitzt man – als wär’
sie am Kräglein zu packen! – zum Zuhören verurteilt, und artig, sitzt man
fest; am Global Marine Terminal, und in Bayone diesem Kaff, während man ja
eigentlich nur darauf wartet, daß dieser Pastor aus Winterthur diesem Kapitän
aus Lübeck diesen Gillette Sensor endlich ... und man sich doch eigentlich,
quasi angelegentlich, ein wenig fragen sollte, wollte man’s nur! und wollte
man nicht vielmehr, im Grund des Herzens: zurück! aufs Schiff! zur See!, ja,
was erwartet uns denn hier zuland? zuhaus?
Eine Katz! mit sechs Krallen an jeder Tatz! nur soviel wüßte man, und’s wär’
am Ende die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit? Ja, die Wirklichkeit gar ...
realty oder reality?
Keine Zeit, sich’s zu fragen; denn – die Seemannsmission war erfüllt, und
die letzte Mission wär’ es bald; als Clergy Emergency, als wär’s mit
Blaulicht und Sirene, durch den lustig quietschenden Verkehr – denn, glauben
Sie mir, da ist ein großes Quietschen in der Welt, und: ein Großes
Quietschendes! und man erkennt es an dem Quietschen, denn siehe: es ist das Große
Quietschende!, mitunter knurrend und schon wieder lustig quietschend, mit lustig
lachenden Feuerwehrleuten bestückt, als hätten sie Spaß an ihrem Großen
Quietschenden – Spaß an dem Quietschen, an dem Knur-
ren! – Spaß für den jungen Europäer! Gewiß! Mit Sack und Pack; verborgner
Fracht; als dangerous cargo quasi ab-geliefert, abgeladen kurzum, in der Sintflut,
vor der Haustür unserer Kultur-Päpstin, dieser Johanna.
Als wären’s Felsbrocken, wahrhaftig! ’n Stein am Bein; ’n Mühlstein am
Hals; ’n Joch im Nacken, das Rucksäcklein samt Schreibmaschine geschultert
– als wär’ ich tatsächlich der junge Europäer, der Spaß hätt’ an dem
allem! und Spaß suchte! und’s wär’ nichts als Spaß, das alles?!
Auf die Straße gesetzt; ausgesetzt von den Männern Gottes, denen kein
Verweilen gegönnt war, gezogen von ihrer nächsten Mission, gestoßen von all
dem Quietschenden hinten – stehen gelassen in der reality! Vor der Red House
Realty?
Don’t open this door! No trespassing! No knifes, no screwdrivers! Don’t
break this door! No Thai menues inside! People who break in will be persecuted!
Don’t open – don’t open! – don’t open this door!
Zettelchens Alptraum. Hanneles Himmelfahrt?
Eine schwarze Feuerleiter rings um das rötliche Haus; vergitterte Fenster; bröckelnder
Verputz. Und keine Päpstin, die sich zeigte; keine Johanna, und wär’s auch
die Wahnsinnige; nicht einmal ein gutbärnisches Hanneli.
Wo bin ich gelandet?
Das darf doch nicht wahr sein!
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