Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger, 2011, Hanser

Arno Geiger

Der alte König in seinem Exil
(Leseprobe aus: Der alte König in seinem Exil, Roman, 2011, Hanser).

Das gemeinschaftliche Versagen am Anfang lag

hinter uns, und die unangenehmen Erinnerungen verloren

rasch an Schärfe, denn wir gingen jetzt behutsamer

mit dem Vater um, außerdem hielt uns der Alltag mit immer

neuen Überraschungen auf Trab. Wir schauten damals

wenig zurück und viel nach vorn, denn die Krankheit

stellte uns vor ständig neue Herausforderungen. Wir

waren Neulinge und versuchten die ohnehin unsichere

Herrschaft über unser aller Leben aufrechtzuerhalten –

auf der Grundlage von fehlendem Wissen und fehlender

Kompetenz.

Der Vater ging viel auf Wanderschaft, meistens zu meinem

älteren Bruder Peter, der schräg vis-à-vis wohnt und

drei Töchter hat. Doch immer öfter gingen die Ausflüge

über den gewohnten Radius hinaus, manchmal mitten in

der Nacht, nur unzureichend bekleidet, ängstlicher Blick.

Zwischendurch war der Vater nicht auffindbar, weil er sich

in eines der Kinderzimmer verirrt und dort in ein Bett gelegt

hatte, manchmal stöberte er in den Schränken und

wunderte sich, wenn ihm Werners Hosen nicht passten.

Irgendwann beschrifteten wir seine Tür mit August und

sperrten die Zimmer daneben zu.

Oft war sein Schädel blutig oder er kam mit aufgeschlagenen

Knien zurück, weil er auf dem Weg hinunter zu

seinem Elternhaus über den steilen und stellenweise ver

wachsenen Bühel gestürzt war. Einmal drang er in sein

Elternhaus ein und stand plötzlich bei der Schwägerin im

ersten Stock und erkundigte sich nach dem Bruder Erich.

Noch in meiner Kindheit war der Riegel an der Tür durch

ein Loch im Holz, in das man den Zeigefinger führte, leicht

zu öffnen gewesen. Der Vater hatte es bestimmt mehrfach

probiert, nicht wissend, dass der Mechanismus nicht mehr

griff. Die Vergeblichkeit seiner Versuche muss ihn vollends

verunsichert haben, so dass er sich entschloss, die Tür aufzubrechen.

Meine Schwester erinnert sich, dass er ständig Telefonate

entgegennahm, eine Minute später aber nicht mehr wusste,

wer was gewollt hatte. Und natürlich waren es immer

die anderen, die etwas weggenommen oder geklaut hatten.

Darauf angesprochen, wusste er von nichts und reagierte

empört, wenn wir ihn mit dem Verschwinden von etwas

in Verbindung brachten. Sein Rasierapparat, den wir verzweifelt

gesucht hatten, tauchte in der Mikrowelle wieder

auf. Bei seinem Haustürschlüssel, den er in regelmäßigen

Abständen verlor, endete es damit, dass meine Mutter ihm

den Schlüssel nicht mehr nur an die Hose band, sondern

ihn dort annähte. Das war ihm dann auch nicht geheuer,

und er zerrte daran herum.

Es tauchten fixe Ideen auf. Am hartnäckigsten beschäftigte

ihn eine nahe zum Haus stehende Birke, die der Orkan

Lothar in deutlicher Schieflage zurückgelassen hatte.

Jeden Tag kam dutzende Male die Frage, ob die Birke dem

nächsten Sturm standhalten oder aufs Haus fallen werde,

der Vater fragte mit dem Hinweis auf den immer weiter ins

Riesenhafte aufschießenden Baum oder mit Blick auf heranziehende

Wolken. Ein anderes Thema, das sich beharrlich

in seinem Kopf behauptete, war der Zählerkasten, in

den er mit manischer Besessenheit hineinschaute. Noch

heute habe ich das ständig schnappende Geräusch des

Magnetverschlusses beim Öffnen und Schließen im Ohr.

Wenn im Winter in der Früh das Haus vor Kälte klirrte,

wussten wir, dass der Vater an einem Schalter herumgespielt

hatte. Schuld? Natürlich die anderen.

Der Dätt, der Strominkassant, sei ebenfalls sehr aufs

Stromsparen ausgewesen. Wenn er beim Frühstück hinzugekommen

sei und gefunden habe, es sei bereits hell

genug, habe er das Licht gelöscht und gesagt:

»Das Maul werdet ihr schon finden.«

So kleine Geschichten.

Bei den Fenstern habe der Dätt streng darauf geachtet,

dass die Vorhänge nicht ins Fenster hängen, er habe sie

immer ganz zur Seite geschoben, um mehr Licht einzulassen.

Er sei sehr sparsam gewesen – die einzige Eigenschaft,

die sich bruchlos auf seine Kinder übertragen hat.

Der Vater war jetzt ebenfalls dauernd mit dem Stromverbrauch

beschäftigt. Sein Gehirn glich zu dieser Zeit einer

Drehorgel, die gleiche Leier jeden Tag.

Doch irgendwann verschwanden die fixen Ideen, es war

ein wenig gespensterhaft, und der Vater fing an, kreativ zu

werden.

Lange hatten wir es mit Vergesslichkeit und dem Verlust

von Fähigkeiten zu tun gehabt, jetzt begann die Krankheit,

neue Fähigkeiten hervorzubringen. Der Vater, der

immer ein ehrlicher Mensch gewesen war, entwickelte

ein herausragendes Talent für Ausreden. Er fand schneller

eine Ausrede als eine Maus ein Loch. Seine Art zu sprechen

veränderte sich und zeigte mit einmal eine spontane

Eleganz, die mir an ihm nie aufgefallen war. Schließlich

gelangte er auch inhaltlich zu einer Privatlogik, die so

frappierend war, dass wir zunächst nicht wussten, sollten

wir lachen, staunen oder weinen.

»Was für ein schönes Wetter!«, sagte ich, als wir neben

dem Haus standen mit Blick auf den Gebhardsberg und

das über der Bregenzer Ache sich dahinschwingende

Känzele.

Der Vater schaute sich um, dachte nach über das, was ich

gesagt hatte, und erwiderte:

»Von zu Hause konnte ich das Wetter zuverlässig vorhersagen,

von hier aus geht das aber nicht. Dadurch, dass

ich nicht mehr zu Hause bin, ist mir das unmöglich geworden.«

»Die Situation hier ist doch praktisch dieselbe wie dort

unten«, sagte ich überrascht, denn unser Haus steht neben

seinem Elternhaus, fünfzig Meter entfernt oben auf

dem Bühel.

»Ja, eben, da siehst du, was so ein Unterschied ausmacht!«

Er überlegte einen Augenblick und fügte hinzu:

»Außerdem wirkt es sich ungünstig aus, dass ihr mir ständig

ins Wetter pfuscht.«

(...)

Rezension I Buchbestellung I home 0I11 LYRIKwelt © Hanser