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Alles über Sally
(Leseprobe aus:
Alles über Sally, Roman, 2010, Hanser).
»Ich habe heute Nacht von Nilpferden geträumt.«
Alfred war aufgewacht, weil Sally ihm die Nase zugehalten
hatte. Sie saß neben ihm auf den Fersen und schaute
neugierig auf ihn herab aus ihrem offenen, sympathischen
Gesicht.
»Ich mag deine Haut«, sagte sie fröhlich. »Sie ist so zart
und doch fühlt man die Spannung.«
Den Morgenruf des Muezzins hatte Alfred glücklich
verschlafen, jetzt schien die Sonne direkt aufs Bett, der
blecherne
Wecker auf der alten Munitionskiste zeigte auf
Viertel nach sieben. Die Fliegen, die nachts ruhig an den
Wänden geblieben waren, kamen auf ihn herunter und
umschwirrten ihn. Er versuchte sie mit der Hand zu verscheuchen,
eine setzte sich auf Sallys Oberschenkel.
»Du bist so weich«, sagte sie.
»Mir kommt es wie ein Wunder vor, dass eine Frau
schon in der Früh gute Laune hat«, brummte Alfred erleichtert.
»Alle Frauen, mit denen ich bisher zusammen
war, mussten zuerst unter die Dusche.«
»Ich muss ebenfalls unter die Dusche«, sagte sie.
»Aber nicht, um mich zu mögen, sondern nur damit du
nicht stinkst.«
Er seufzte behaglich und schmiegte sich mit leisen Kehllauten
zurück in die Kissen, er war müde wegen der Probleme,
die ihm seine Gallenblase machte, zu viel Kaffee, zu
viele Zigaretten, zu viele Süßigkeiten. Jetzt fiel ihm ein,
dass dies der Tag war, an dem das Röntgen gemacht werden
sollte. Die nächtlichen Vorbereitungen hatte er erfolgreich
überstanden, am Abend um zwanzig Uhr ein leichtes
Essen, um vierundzwanzig Uhr diverse Pillen, jetzt musste
er lediglich noch bis zum Mittag durchhalten und nüchtern
bleiben. Sein durch Arbeit und Sex geprägter Lebenswandel
hatte den ersten Röntgentermin vor einer Woche vermasselt,
er war schon um zehn eingeschlafen und erst um
vier wieder aufgewacht, zu spät für die Medikamente.
Diesmal hatte er sich mit der Reinschrift des Amulettkästchen-
Artikels für Stuttgart wach gehalten. Sally längst im
Bett, er in der Küche am heftigen Tippen, das Farbband
gab nicht mehr viel her, Klingeln der Randglocke. Später
war ihm das Einschlafen schwergefallen, die mantelknopfgroßen
Pillen hätte er beinahe nicht hinuntergebracht,
dazu die Grübelei wegen seiner finanziellen Situation, er
sackte immer weiter ab. Ehe die Museen in Wien und Berlin
ihre Außenstände beglichen, war er längst gepfändet.
Im Halbschlaf hatten ihn Zahlen geritten, er hatte imaginäre
Briefe an seine Tanten und seine Großmutter verfasst,
in denen er ihnen in die Geldbörsen schielte. Unglücklicherweise
bezweifelten die dörflichen Damen die Ehrbarkeit
seiner Kairoer Arbeit und glaubten, er bringe sein Geld
mit Drogen durch. Wie es aussah, war er gezwungen, Sally
zu bitten, ihm aus der Klemme zu helfen, seines Wissens
war sie ebenfalls blank.
»Kommst du?« fragte sie. Sie küsste ihn auf den Nacken,
ihre Brüste streiften über seinen Rücken. Dann ging
sie zum Fenster und öffnete es, um die vom Schlaf ver
brauchte Luft zu erneuern. Vom Delta kamen frische Fuhren
mit einer leichten Brise heran, der intime Hauch des
Nahen Ostens strich über Sallys Gesicht. Und der Verkehr
schrie: Ich auch! Ich auch! Das Jaulen, Röhren und Kreischen
sprang sie an, und mit den Geräuschen frische Gerüche
von Brot, Dung, Holzfeuern und aromatisierten
Wasserpfeifen.
Einen Moment lang blieb Sally im offenen Fenster stehen,
sie spürte die erste Sonnenwärme und kriegte Lust,
vor Glück zu schreien. Es war nicht schwer, sich in dieser
Stadt wohl zu fühlen. In Wien liebte Sally ihre Freunde und
noch anderthalb Menschen. Hier liebte sie das Leben.
Es war Anfang 1977, Sally befand sich in ihrem einundzwanzigsten,
Alfred in seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr.
Er wohnte im Stadtteil Aguza in einer wenig befahrenen
Seitengasse der Sharia al-Nil, wo vom Balkon aus
zur linken Seite ein Stück des Nils schimmerte und dem
Hausbesitzer mit wechselnden Flussfarben erhöhte Mietgewinne
sicherte. Die Wohnung war schön gelegen, für
hiesige Verhältnisse nicht übertrieben laut, mit nur der üblichen
Menge an ägyptischem Staub und ziemlich vielen
Fliegen. Aus einem Lüftungsgitter unterhalb des Balkons
dampfte schon am Morgen die Abluft einer Restaurantküche
und verbreitete Essensgeruch. Das zog die Fliegen
an. Leider war das nicht das größte Problem in der Wohnung.
Als sehr viel lästiger als die Fliegen erwies sich der
undichte Abfluss der Dusche. Unter dem Bad lag das Zimmer
des Hausmeisters, das Wasser ging durch die Decke
und tropfte genau auf sein Bett.
(...)
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