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Anna nicht
vergessen
(Leseprobe aus:
Anna nicht
vergessen, Roman, 2007, Hanser)
Es rührt sich nichts
Es ist niederschmetternd, wie sehr die Anrufe immer spärlicher
werden. Der Mittagsanruf erst um 13.10. Als ich deswegen eine
Bemerkung machte, reagierte Jenny mit schon gewohntem
Unverständnis. Es gab Streitereien. Jetzt darf ich in der Firma nicht
mehr anrufen, und von zu Hause aus haben wir nur, wenn überhaupt,
zweimal Kontakt: um 7.00 in der Früh und vor dem Schlafengehen.
Dabei hat sie mich noch gestern ganz lieb gebeten, nächstes
Wochenende schon früher zu ihr zu kommen, worüber ich mich sehr
gefreut hatte. Doch nach 20.30 war dann nichts mehr, nur ihr AB.
Heute ab 8.00 versuchte ich vorsichtig zu wecken, doch bis jetzt
10.05 nur wieder der AB. Natürlich ist mir bekannt, daß sie mit Birgit
Windisch zum Brunchen fährt, aber daß sie mich nicht anruft
beziehungsweise auch jetzt nicht da ist, kann ich mir nicht erklären.
Ich frage mich, ist sie nach unserem Telefonat noch weggefahren und
über Nacht nicht nach Hause gekommen oder ist jemand bei ihr.
Jedenfalls habe ich dadurch wieder einen beschissenen Sonntag.
Nicht einen einzigen Millimeter kommt mir Jenny entgegen. Ein
kleines Hallo-hier-bin-ich! würde genügen, ich wäre ein anderer
Mensch. Aber die Aktion von gestern, kein Gute Nacht, und heute
einfach nichts, das macht mich fertig. Mir kommt vor, Jenny bricht
den Kontakt förmlich ab. Meine E-Mails beantwortet sie nicht mehr,
dabei weiß ich, daß sie mit Bekannten und Freunden stundenlang
telefoniert und ihnen seitenlange E-Mails schreibt. Ich möchte das
mit keiner Silbe erwähnen, sonst ist sie nur wieder böse und erzählt
mir, wie wichtig ihre Freunde für sie sind. Aber die Frage, was
eigentlich ich für sie bin, drängt sich irgendwie auf. Wo sie mich so
behandelt. Da fehlt mir komplett der Durchblick. Wenn wir einmal
im Monat miteinander schlafen, wirkt sie abwesend und gähnt. Es ist
schon lang her, daß sie nach mir gefaßt oder mich aus eigenem
Antrieb geküßt hat. Bei jedem zweiten Wort von mir sagt sie, ich sei
blöd. Und beim Geld ist sie furchtbar leichtsinnig, und ständig ist sie
abgebrannt. Ich habe schon zweimal ihr Konto ausgeglichen,
trotzdem ist es schon wieder hoffnungslos überzogen, und wenn ich
ihr nicht wieder unter die Arme greife, dreht man ihr das Licht ab
oder, noch schlimmer, das Telefon. Mittlerweile habe ich locker 7000
Euro in sie investiert. Es liegt mir fern, dieses Geld zu thematisieren,
aber es ist für Jenny anscheinend so, als hätte ich nichts für sie getan.
Heute hat sie mir erzählt, daß ihre Freundin Natalie genauso
veranlagt sei. Na, bitte. Am liebsten würde ich auf der Stelle mit
Natalie Kontakt aufnehmen und versuchen, das Problem großräumig
in den Griff zu bekommen. Aber auch das ist nur Wunschdenken,
denn wenn Jenny davon Wind bekäme, wäre alles aus. Dabei hätte
ich so gerne, daß ihre Freundinnen ihr etwas ins Gewissen reden,
damit sie ein wenig auf mich zugeht. Auch zu meinen eigenen
Freunden und Bekannten habe ich fast keine Kontakte mehr, denn die
führen ihr eigenes Leben und sind nicht neugierig auf einen wie
mich. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so traurige und
einsame Zeiten erlebt wie das letzte halbe Jahr. Es ist schier zum
Verzweifeln. Wenn ich mit meinen Sorgen wenigstens bei Jenny
Verständnis finden würde. Aber da darf ich nichts davon erwähnen,
sonst geht sie an die Decke. Vielleicht können wir uns nächste
Woche wieder etwas annähern.
Heute löst Jenny bei Walli das Raclette-Essen ein, das Walli ihr zum
28. Geburtstag versprochen hat. Wir hatten nur zweimal
telefonischen Kontakt, morgens um 8.20 und mittags um 12.55.
Zwischendurch ist sie immer wieder verschollen. Ich habe keine
Ahnung, wo sie die ganze Zeit steckt. Das verschafft mir 24 Stunden
ununterbrochene Krise. Wenn ich nicht zusehe, daß ich gefühlsmäßig
wieder etwas lockerer werde, ist das mein Untergang. Das alles zieht
mich fürchterlich hinunter. Hoffentlich ruft Jenny bald an.
Ab heute nacht haben wir wieder Winterzeit, also eine Stunde länger
schlafen.
Am Abend um 22.00 hat Jenny am Telefon gesagt, daß sie mich in
der Früh anruft. Um 9.00 habe ich’s das erste Mal versucht. Sie war
nicht zu Hause. Erst das dritte Mal, um halb 11, hat sie abgehoben
und mir gleich Vorwürfe gemacht, daß ich sie ständig kontrollieren
würde. Mittlerweile ist unser Telefonkontakt definitiv auf zweimal
pro Tag geschrumpft, es gibt auch am Morgen keinen Anruf mehr.
Da entwickelt sich etwas in die falsche Richtung. Außerdem glaube
ich, daß Jenny mich belügt. Bestimmt gibt es einen zweiten Mann,
anders kann ich mir nicht erklären, weshalb sie so oft nicht zu
erreichen ist. Wenn man bedenkt, wie das alles noch vor zwei
Monaten war. Dagegen jetzt. Ich fühle mich, als würde ich jeden
Moment einen Herzinfarkt bekommen.
Für Mittag koche ich mir ein Paprikahenderl mit Nudeln, es brutzelt
schon im Kelomat. Um 11.10 ruft Jenny an und verkündet, daß sie
Drachensteigenlassen geht. Ihre Waage ist mal wieder auf die
friedliche Seite gekippt. Ich habe ein gutes Gefühl.
Am Nachmittag war ich im 1. Bezirk spazieren. Ein sonniger Tag,
viele Menschen unterwegs. Vor dem Casino saß ein slowakischer
Gitarrist und spielte. Ich habe über eine Stunde zugehört und eine CD
gekauft. 15 Euro. Gerade jetzt spiele ich die CD in Jennys CD-Player.
Leider kommt mir wieder diese verfluchte Traurigkeit hoch, ich kann
absolut nichts dagegen tun, egal wie ich’s anstelle.
Um 8.00 hat Jenny angerufen. Sie geht noch in die Schwingkiste,
dann muß sie am Flughafen Birgit Windisch abholen. Bin gespannt,
ob ich tagsüber etwas von ihr höre, glaube aber nicht, weil sie sich
bis zum Abend verab schiedet hat. Sie war auch wieder etwas
mürrisch und hat wegen meiner Wettergeschichten geschimpft. Ich
schau doch am Morgen immer TW1, und da hab ich gesehen, daß es
in ihrer Gegend nur 1 Grad hat. Na ja, ich werd vom Wetter nicht
mehr sprechen so wie von der Liebe, das ist ihr beides zu dumm und
zu oberflächlich. Nun werd ich zu meinem Bruder und zu Mama
fahren, da bin ich zum Mittagessen eingeladen, und am Nachmittag
geht’s zu den Friedhöfen, nach Neulengbach zum Vati und nach
Tulln zu den Großeltern. Anschließend gibt’s bei Susitante das
obligatorische Allerheiligentreffen. Ob mich Magda anruft wegen der
Geldübergabe? Sie wußte noch nicht, ob es sich ausgeht. Na ja, ich
glaube, sie will mich auch nicht mehr sehen. So leb ich halt einsam
und allein in den Tag und vor allem in die Nacht hinein und weiß
nicht, was ich tun soll in diesem Zustand. Leider sind meine Freunde
von früher alle weit weg und rufen mich auch nicht mehr an.
Aufdrängen möchte ich mich nicht, außerdem weiß ich, daß es die
Tesars waren, die Magda alles über mich und Jenny erzählt haben.
Ich glaube, deshalb ist Magda seit einiger Zeit so abweisend.
Jetzt ist es 9.45, ich werde losfahren. Ich möchte in Auhof noch mein
Auto waschen.
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