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Es geht uns gut
(Leseprobe aus:
Es
geht uns gut, Roman, 2005, Hanser)
Weiter dringt Richard in seiner Lektüre
nicht vor, weil ein offener Steyr-Wagen in die Auffahrt biegt. Der Wagen rollt
aus und kommt kiesknirschend vor Ottos Tretauto zum Stehen. Crobath, ein
Studienkollege, den Richard seit Jahren nicht gesehen hat, steigt aus dem Wagen.
Er trägt Uniform, dazu eine dieser adrett gescheitelten Frisuren. Und Richard?
Mit Haaren, die von der Kapitänsmütze und dem Schlaf hinten kreuzquer verlegen
sind, im Hemd und in ausgetretenen Segeltuchschuhen. Auf Crobath zustrebend, vom
warmen Grasgeruch in den Kiesstaub, nimmt Richard sich vor, Alma zu bitten, ihm
neue Schuhe von derselben Art zu besorgen, am besten gleich zwei Paar.
– Man hat mir gesagt, daß ich Sie zu Hause antreffe.
Crobath redet ein wenig durch die Nase, auf die gut wienerische Art, was Richard
dran denken läßt, daß Crobath, als sie gemeinsam bei den akademischen
Naturfreunden waren, sich als Eislauflehrer am Heumarkt verdingte, um seine
magere Menage aufzubessern. Damals hinkte Crobath in allem nach, ein Mensch mit
einem nichtssagenden Gesicht, den Richard immer ein wenig verachtete. Doch wenn
Richard ihn sich jetzt ansieht, muß er zugeben, daß sein Gegenüber in seiner
Kantigkeit vitaler und um Jahre jünger wirkt als er selbst.
Haben sie einander damals gedutzt?
– Ich hoffe, ich störe nicht, sagt Crobath.
– Ich bitte Sie. Was kann ich für Sie tun?
Er legt Crobath wie prüfend die Hand auf die gepolsterte Uniformschulter. Nach
weiteren Höflichkeitsfloskeln für Alma, wendet Crobath sich wieder an Richard
mit der Bitte um ein Gespräch unter vier Augen.
– Ist es etwas Wichtiges? fragt Alma, die Arme gekreuzt, eigenwillig noch
darin.
– Es ist keine große Sache, sagt Crobath. Aber es klingt wie das Gegenteil.
– Bitte sorg dafür, daß wir nicht gestört werden. Frieda soll Kaffee
bringen.
Gleichzeitig rätselt Richard, welchem Anlaß der Besuch zu verdanken ist, ob es
mit dem vortägigen Treffen in Ratzersdorf zu tun hat. Er mustert Crobath, was
der bloß wollen kann. Das beste wird sein, sich mit Reden zurückzuhalten, wo
es geht. Einen ruhigen Eindruck will er erwecken. Bloß keine Unsicherheit
zeigen. Doch tritt er voraus in die Pergola, wo verandaseitig der Sommertisch
steht, sogar mit Blumen darauf, zu steif, er bewegt sich zu steif, mit zurückgeschmissenen
Schultern, als müsse er Haltung demonstrieren. Die Männer setzen sich. Richard
rechnet damit, daß Crobath zur Einstimmung an entlegener Stelle beginnen und
ein paar Geschichten aus der Studienzeit hervorkramen wird, um sich dann dem
eigentlichen Gegenstand zu nähern. Doch nach kurzen Bemerkungen über Otto, den
sie aus der Pergola vertrieben haben (wie ähnlich der Bub Richard sehe, das
halte die Familie zusammen), und über ein Thema von allgemeinem Interesse (wie
grundlegend und vorteilhaft sich die Lage in den vergangenen Wochen verändert
habe), steuert Crobath auf den Punkt zu: Die anhängige Klage gegen die Wach-
und Schließgesellschaft sei eine lächerliche Sache, wenn man die äußeren
Umstände bedenke. Denn, wie Crobath fortfährt:
– Es müssen alle mit ins Rad greifen.
Vor Antritt seiner Dienstreise hat Richard über einen ihm bekannten
Rechtsanwalt bei der Wach- und Schließgesellschaft eine Schadensersatzzahlung
anmahnen lassen. Für den Fall weiterer Säumigkeit wurde mit Klage gedroht,
diese ist aber keineswegs, wie Crobaths Äußerung vermuten ließe, bereits
eingereicht.
– Wieso lächerlich? fragt Richard: Die Wach- und Schließgesellschaft hat
bisher nur mit Manövern von sich hören lassen, Ausflüchte versucht oder auf
Anfragen erst gar nicht reagiert. Laut Vertrag ist ein Schaden, wenn sich keine
Einigung erzielen läßt, binnen sechs Monaten gerichtlich einzufordern. Dieser
Schritt ist angebahnt. Ich sehe darin einen normalen Vorgang in Anbetracht der
Signale, daß die Wach- und Schließgesellschaft alle Möglichkeiten ausschöpfen
will, sich vor der Zahlung zu drücken.
Crobath hält Richard einen fünfminütigen Vortrag über erhebliche Veränderungen,
vor denen man stehe, anhaltende Hochstimmung in der Stadt und darüber, daß
Richards Verhalten ein ungünstiges Licht auf seine politische Einstellung
werfe.
Als Crobath in einem Resümee Anzeichen erkennen läßt, wieder von vorne
beginnen zu wollen, indem er verkündet, daß von jedermann Opfer verlangt würden,
wendet Richard vorsichtig ein:
– Ich hätte nicht angenommen, daß es sich hier um eine politische
Angelegenheit handelt.
– Dann denken Sie die falschen Gedanken, entgegnet Crobath in einer
Gelassenheit, die bewirkt, daß Richard sich auf eine Erwiderung nicht einlassen
mag.
Richard horcht auf dünne Sandalenschritte, die sich hinter ihm über den Rasen
nähern. Es ist Frieda, die Kaffee und eine Schale mit Brombeeren bringt. Beim
Verrücken der Blumenvase beugt Frieda sich über Richards Schulter. Richard
meint den nachgiebigen Druck einer ihrer Brüste zu spüren, er nimmt an, daß
Absicht dahintersteckt, vielleicht um an die vergangene Nacht zu erinnern. Den Körper
schräg zur Seite geneigt, verteilt Frieda Tassen und Schalen mit etwas sanft
Schleppendem in ihren Bewegungen, das Richard ebenfalls auf sich bezieht. Er
riecht den vertraut parfümierten Körper, der einen stärkeren Geruch ausströmt
als die Brombeeren am Tisch. Auch Crobath heftet seine Augen auf das Mädchen,
und Richard fällt ein, daß ein Teil der verschossenen Wäsche, die indirekt
Gegenstand des Gesprächs ist, von Frieda getragen wird. Alma hat die passenden
Stücke mit nach Hause gebracht aus der Überlegung heraus, daß man diese Stücke
im Falle einer juristischen Auseinandersetzung weiterhin als Beweismittel
vorlegen könnte.
Während Frieda Kaffee einschenkt, ruft Richard sich die einzelnen Vorgänge ins
Gedächtnis zurück: Daß am 12. und 13. März deutsche Truppen in Österreich
einmarschierten, Samstag und Sonntag, und daß am Wäschegeschäft von Almas
Eltern, dem Alma als Geschäftsführerin vorsteht, die dichtbestückte Auslage
von dem reichlichen Sonnenlicht an jenen Tagen verdorben wurde. Ein Mitarbeiter
der Wach- und Schließgesellschaft hatte es vorgezogen, an der Westeinfahrt
Fahnen zu schwingen und seine neue Staatsangehörigkeit zu feiern, anstatt
seiner Arbeit in der gebotenen Weise nachzukommen.
Er sagt:
– Es läßt sich nicht wegreden, daß der Wachmann nicht auf seinem Posten
war.
Und Crobath:
– Kann man es ihm vorwerfen, daß er die Bedeutung der historischen Stunde
erkannt hat, wie man es im übrigen nicht anders von jedem erwartet?
Richard blickt einen Moment lang hinter der gemächlich sich entfernenden Frieda
her, dann schräg zurück auf Crobath. Er ist der Meinung, dessen verdrechselter
Logik nicht folgen zu müssen.
– Daraus läßt sich hoffentlich nicht das Recht ableiten, seine Pflichten zu
vernachlässigen. Und wenn doch: Dann soll die Wach- und Schließgesellschaft
dem Mann seinen Sinn fürs Historische vergelten und den Schaden ausgleichen,
dem Anstand zuliebe.
Den Vertrag mit der Wach- und Schließgesellschaft hat Alma im vergangenen Jahr
erst nach viel Zögern und langem Hin und Her verlängert. Wiederholt waren
Nachlässigkeiten vorgekommen, und dann wurde der Schaden nicht gutgemacht. Den
höheren Preis für die Dienste seiner Firma im Verhältnis zu anderen Offerten
begründete der zuständige Inspektor damit, daß man im Schadensfall einer
Firma gegenüberstehe, die voll hafte und auch praktisch haftbar gehalten werden
könne. Besagter Inspektor, ein Herr Boldog, wußte über die Unstimmigkeiten
der Vergangenheit Bescheid, er versprach feierlich, daß sich Ähnliches nicht
wiederholen werde und daß man sich gegebenenfalls an ihn wenden solle. Man hat
sich darauf verlassen.
Die Pflichtvergessenheit des Wächters wurde mitgeteilt, ebenso die Tatsache, daß
an den betreffenden Tagen sommerlicher Sonnenschein herrschte, was aufgrund der
Zeitungsberichte und Wochenschauen nicht einmal die Wach- und Schließgesellschaft
zu bestreiten wagt. Allerdings wurde bereits in der ersten Reaktion behauptet,
daß es dem Sonnenlicht Mitte März an der nötigen Kraft fehle, um die
angezeigten Schäden anzurichten. Als ob den Herren nicht bekannt ist, daß bei
manchen Waren bereits eine Viertelstunde Sonnenlicht genügt, um die Farben zu
verderben. Dabei spielt es auch keine Rolle, wie stark die Ware gebleicht ist,
im Kassabuch bleibt der Verlust derselbe. All diese Argumente wurden mehrfach
vorgebracht, die strittigen Fragen jedoch durch einen Sachverständigen der
Wach- und Schließgesellschaft, also der interessierten Partei, zuungunsten
Almas beurteilt. Unabhängiges Gutachten wurde keines eingeholt, weil zu teuer,
wie man weismachen wollte, und so ist während bald eines halben Jahres nur Zeit
vergangen.
Aber wenigstens weiß Richard, daß die Erklärungen, die er anzubieten hat, vor
Crobaths politischen Argumenten nichts gelten, ob er auch hundertmal recht hat:
Die reine Unvernunft, auf die es nicht ankommt.
Richards Adamsapfel bewegt sich leer. Er sagt:
– Wohin soll man mit dem entstandenen Schaden?
– Darf ich? fragt Crobath nickend. Er zieht mit langem Arm den
Messingaschenbecher zu sich hinüber und zündet sich eine Zigarette an.
– Denken Sie an die eigenen Vorteile, an die wegfallende Konkurrenz bei
sprunghaft steigender Nachfrage durch das deutliche Mehr an Männern in der
Stadt und durch das Geld, das in Umlauf gebracht wird. Sie würden staunen, wenn
Sie wüßten, wie vieles möglich geworden ist, von dem man sich noch vor
wenigen Wochen nichts hätte träumen lassen. Wie schnell an der Zukunft
gearbeitet wird.
– Von der Zukunft wird ja jetzt nur noch voller Begeisterung geredet.
– Zu Recht, wie ich Ihnen sagen kann.
Die beiden Männer fixieren einander. Nach zwei langen Sekunden drückt Richard
das Kinn in den Kragen, beklommen horcht er Crobaths Worten hinterher, und dann,
er weiß auch nicht warum, muß er daran denken, daß er mit der Gründung einer
Familie die Zeit einleiten wollte, in der es kaum mehr Veränderungen geben würde.
Eine schnelle Rückschau: Die Bestandsaufnahme fällt nüchtern aus. Unruhe und
Umstürze schon sein ganzes unberechenbares Leben lang, alle fünf Jahre eine
neue Staats- und Regierungsform, neues Geld, neue Straßennamen, neue Grußformeln.
Fortwährendes Chaos. Ruhigere Perioden hat es nach seiner Kindheit eher nie als
selten gegeben, und er könnte nicht bestimmen, bis wohin er die Zeit, wenn er dürfte,
zurückdrehen würde, so verworren ist alles.
Er hört Crobath sagen:
– Vergessen Sie die Wäsche.
Vergessen Sie die Wäsche, ganz schmerzlos, wie manchmal Wasser vergißt zu
gefrieren. Ob auch die Zeit vergessen kann zu vergehen?
Einen Moment lang sieht Richard das Gerüst der Welt wie bei einem mageren
Menschen die Knochen. Er spürt, wie sinnlos, wie unmöglich alles ist und daß
er irgendwann sterben wird. Ein Gedanke wie ein Spreißel im Kopf.
Am meisten deprimiert ihn, daß er nicht als Österreicher sterben wird.
– Wenn ich Sie richtig verstehe, soll ich angesichts der Zukunft, an der Sie
und Ihre Parteikollegen arbeiten, meine eigenen Interessen in die zweite Reihe rücken.
– Sie könnten sich auch dazu entschließen, Ihre Ansichten zu korrigieren.
Sie sind ein talentierter Mann. Mit Hinblick auf Ihre Begabung hätten Sie guten
Grund dazu.
– Gute Gründe sind momentan leicht zu finden für nahezu alles, sagt Richard.
Crobath räuspert sich, rückt den Stuhl näher zum Tisch heran und bedient sich
an den Brombeeren.
– Man wird so schnell kein Haus finden, das mit allen vier Seiten nach Süden
liegt.
Das Gras wächst, die Fensterläden bleichen aus, die Dachziegel an der
Wetterseite setzen Schorf an.
– Doch sollte Ihre Gattin das Bedürfnis verspüren, mit ihrem Geschäft
zumindest in ein Ecklokal umzusiedeln, ließe sich das ohne großen Aufwand
bewerkstelligen. Selbst der äußere Anschein bei Arisierungen kümmert
niemanden mehr.
Richard sucht in der verlangten Schnelligkeit nach einer Entgegnung, die ihn zu
nichts verpflichtet und dennoch ein bißchen interessiert klingt. Er sagt:
– Das würde bedeuten, ein Schaufenster mehr –.
Er kratzt etwas Hartes von der Tischplatte, führt es mechanisch zum Mund. Zu spät
besinnt er sich darauf, daß es Fliegendreck sein könnte. Er beißt auf die Zähne,
greift ruckhaft nach der Kaffeetasse und spült mit einem kräftigen Schluck. Er
kann sich nicht helfen, seine Sorgen wachsen ihm allmählich über den Kopf.
Von drinnen die gemessenen Töne aus Almas Querflöte, die sich einzeln und in
dichten Gruppen in dem gelbgrünen Licht ausbreiten. Dazu das Klicken der
Schaukelketten und das Knarzen des Birnbaums unter der Last Ottos, der sich
durch die Luft schwingt.
Während Crobath wieder von der Zukunft zu reden beginnt und mit hochgeworfenem
Kinn davon schwärmt, daß Kraftakte geleistet werden, lehnt Richard sich zurück,
als biete sich ihm so der bessere Überblick, um alles noch mal zu überdenken.
Er überdenkt seine guten Gründe, er versucht sich darin, Crobaths Argumente
mit seinem Dilemma abzugleichen und auf diesem Weg zu einer Lösung zu gelangen:
Daß wenig Aussicht bestehe, die tückische Regelmäßigkeit der Umstürze werde
auch in Zukunft anhalten und Crobaths Parteigenossen nur einige Wochen bleiben,
und daß es insofern angebracht wäre, sich mit den neuen Herren gut zu stellen,
das wäre nur natürlich. Er, Dr. Richard Sterk, ist keiner, der sein Zeitalter
überragt, er hätte ein bißchen Ruhe verdient, findet er.
Crobath, als halte er mit Richards Gedanken Schritt (wie bei einem Aufmarsch,
Schritt für Schritt), appelliert ebenfalls an Richards Einsicht, Richard werde
sich andernfalls in etwas hineintheatern.
– Sie täten gut daran, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
– Das tue ich keinesfalls.
– Sie wären gut beraten.
Aber weil er ja nie das richtige Gespür hat, weiß Richard trotzdem nicht. Er würde
was drum geben, sich mit Alma besprechen zu können. Wenn man es richtig
anfassen würde. Wenn man wüßte, in welche Richtung das alles gehen, was
geschehen wird. Es ist nicht ganz einfach, die Wirklichkeit einschätzen und
sich festlegen zu müssen, obwohl die Umstände, die man sich wünscht, im
Angebot nicht geführt werden.
Crobath warnt:
– Sonst kommt eines Tages die Reue, und nicht vielleicht, sondern bestimmt.
– Gut, ich will es mir zu Herzen nehmen, räumt Richard ein im normalsten
Tonfall, zu dem er noch fähig ist.
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