Insel der Erinnerung von Astrid Gehlhoff-Claes, 2002, Grupello

Astrid Gehlhoff-Claes

RHEINALLEE
(aus: Insel der Erinnerung, 2002, Grupello)

Sie wissen nichts von mir. Aber ich sehe sie, in der Morgendämmerung, wenn ich das Fenster öffne, wenn ich das Haus verlasse zum frühen, stillen Weg: die Platanen, ihre lange Allee. Ihre Wurzeln, weitgreifend, noch im Sandboden gesund; ihre Stämme, schlank, mit den wechselnden hellen Rinden; ihre breiten, starkastigen Kronen; ihre von den Sternen und Laternen beleuchteten Blätter, glänzende grüne Fächer, die vor dem fahlen Himmel leise beben, sich schütteln, als ob sie erwachten, die Lieder des Windes aufnähmen, sängen.

Sie wissen nichts von mir. Sie, meine Vorbilder, wenn die Tage kürzer sind, sie lassen ihr Laub ohne Klagen, ohne einen Schrei. Ich höre sie, ihr Geheimnis von der Wiederkehr, vom Frühling. Sie wissen nicht, wie ich sie liebe. Wie ich diese Straße liebe am Fluß.

Mit den ersten Schritten des Lichts bricht Noah neben meinem Bett in ein heftiges Handlecken aus. Wie gut, dieses Signal des Erwachens. Ich, genauso taggierig, laufe schnell mit meinem Hund aus dem Haus.

Die Straße ist leer, auf der Wiese neben der Allee sitzen die Kaninchen. »Noah, hier in diese Straße habe ich mich immer gesehnt.« Die Häuser haben lange Balkone, von Sonnenschirmen und Markisen bunt garniert, Rosen blühen in vielen Vorgärten, fast in jedem Haus lebt ein Hund. Kühe wurden früher aus den Bauernhöfen über diese Straße auf die Wiesen am Fluß geführt. Wo ich jetzt hinlaufe mit Noah, am Heiligenhäuschen vorbei, einer winzigen alten Kapelle in der Querstraße. Eine alte Frau soll hier gewohnt haben, die fortzog, weil der Vollmond das Kreuz auf der Kapelle als Schatten immer wieder in ihr Zimmer warf. Man erzählt von Hund zu Hund hier solche Geschichten.

Die Krähen schrein. Nicht weil es Winter wäre und bald schneien wird. Sie sind hier immer morgens. Meine Lieblingsvögel, über einen von ihnen schrieb ich mein erstes Gedicht. Sie rufen, wenn wir kommen. Unter den Wolken stürzen sie von den Ästen der hohen Pappeln herab, lassen sie zitternd zurück, zittern selbst vor Glück, wenn sie die Krümel sichten, die ich mitgebracht; wenn sie aus einer Pfütze einen Schluck Himmel trinken; wenn sie den Fluß wittern und ihre Flügel entfalten, um sich aufzuschwingen dahin.

Über den Steg am Heiligenhäuschen blicken wir zum Deich. Wir sehen die Schiffe. Sechs nacheinander, lange Laster, tief ins Wasser gedrückt von der Schwere der Fracht. Manchmal ein Fährschiff, leicht, selten ein Segelboot. Selten ein Mensch an Deck, manchmal ein Hund im Käfig. Und schnell vorbei.

Ich lasse Noah frei, wenn er an der Hecke die Obdachlosen begrüßt. Er leckt ihre Stirnen, die Augen, was aus den Vermummungen lugt. Sie öffnen sie nicht, sie lächeln, sie heben eine Hand. Ich setze Tee hin mit Rum, eine Kanne. Ich lasse Noah frei, er schießt zum Deich. Schafe, der Schäfer winkt. Neue Bilder, friedlich, die Herde vor dem Fluß. Noah, wedelnd, vom Schäferhund geduldet, ein paar Schafe zurücktreibend vom Deich. Stare auffliegend, sie picken von den Rücken der Schafe die Zecken weg. Der Schäfer winkt, er weiß: Ich schütte den Schafen, die erst hier im April gebären, einen Sherry ins Wasser, damit sie sie nicht so spüren, die Wehen. Die Schmerzen der Schafschur, der Schlachtung nahm ich ihnen nicht; ich sah sie, auf Wagen getrieben, sehe es immer, auch wenn ich wie jetzt mich freue, die frühe Sonne fühle, den Wind.

Sie kommt schon ein wenig später, wir sind seit ein paar Tagen vor ihr auf. Wir und die Menschen meiner Straße, die joggen, turnen, mit dem Hund laufen vor Arbeitsbeginn. Ich kenne sie vom Sehen, vom sparsamen Sprechen: über die Hunde, übers Wetter, über die Jahreszeit. Die Namen der Hunde sind klar. Da ist Othello, ein Dalmatiner, vor dem Noah sich nicht fürchtet, weil er ihn kennt. »Er tut nichts«, hat sein Herr bei der ersten Begegnung zu mir gesagt, als Noah zuckte, sich duckte und den Schwanz einzog. Jetzt läuft er auf ihn zu, der kleine Kavalier King Charles, beige-weiß, mit dem langen weißen Schwanz wedelnd vor dem großen Dalmatiner, der freundlich niederblickt. Freundlich blickt auch sein Herr, er lächelt zu Noah; er fragt immer, wie es geht; ungeschwätzig, er hat mich anfangs vor gefährlichen Hunden gewarnt, die wir meiden. Er hebt kurz die Hand, er geht weiter, schlank, federnd, fast achtzig – ein Rentner, den die Welt wach hält.

Das gilt hier für viele Menschen. Da kommt Micki, ein Spaniel, mit seiner Herrin, die über achtzig ist: zart, elegant, nach Hüftoperation am Stock gehend, aber nur wegen des Hundes, sonst geht sie frei. Über achtzig, ihr Mann ist neunzig, geht mittags mit dem Hund. Das macht die Straße möglich, unsere Straße, wo man von den Häusern über den stillen Fahrdamm direkt zum Ufer geht. Ihr Dasein ist lebenswichtig. Wie das Kraftwerk, das am anderen Ufer aus Wiesen und Pappeln auftaucht, uns den Strom gibt, so gibt diese Straße den Mut zu laufen, zu leben, wenn es sonst nirgends mehr geht. Micki spielt mit Noah, die langen Ohren fliegen, auch Micki ist schon alt. Vielleicht nimmt sie einen kleinen King Charles, sagt die alte Dame, wenn Micki nicht mehr lebt. Zukunftspläne – ich liebe diese Straße, weil sie wie eine Blume durch ihren Anblick stärkt; ich hoffe, daß sie uns Tag für Tag diese Stärke vorblüht.

Florian bellt und bellt, wenn er andere rennen sieht, weil er nie von der Leine loskommt: Sein Herr geht an Krücken. Fünfundsiebzig Jahre, weit nach vorn gebeugt, unheilbar krank. Dennoch geht er viermal täglich hier. Und daß er nur hier den Dackel behalten kann, sieht er. Sieht es dankbar. Und schreibt es, schreibt sein ganzes reiches Leben auf. Da- zu habe ich ihn angeregt. Aber diese Straße macht, daß er es auch durchhält. Durch ihre Lage, durch ihr Wesen, fein und allein, so daß Lautes nie eindringt; Vögel und Falter nur, die der Duft der Straße anzieht, die sie schmücken, die sie wie einen Kelch füllen. Wie das Singen einer Sommerwolke, die verweht.

Wir nähern uns der Schleife des Flusses, – Kraniche, Reiher habe ich im Frühling hier gesehn. Eine große Schar im Flug und ganz hoch. Aber der Himmel war höher, dieser geliebte weite Himmel über dem Fluß. Ein unermeßlicher Himmel – und über meiner Straße der Kranichzug! Die Kraniche flogen sanft gleitend, große Kreise beschreibend, so daß alles deutlich zu sehen war: ihre gereckten Hälse, die an den Leib gewinkelten Beine; die weißen Kanten der Schwungfedern blitzten im Flug. Dann sah ich, daß der Schwarm niederging. Immer näher kamen die Vögel der Erde, kreisend, bald einzeln, bald vielstimmig rufend. Noch nie hatte ich Kraniche aus der Nähe gesehn. Und nun auf den Rheinwiesen an meiner Traumstraße der Traum.

Erinnerungen. Ich bleibe hoch hinauf in der Allee vor einem Backsteinhaus stehn. Zwei Fenster unten, ein kleines Dachgeschoß oben, dazwischen ein hübscher ovaler Balkon. Ich besuchte dieses Haus, seinen Bewohner, als ich zum ersten Mal in diese Straße kam. Vor bald fünfzig Jahren, es hat sich verändert, es ist in anderen Händen. Aber ich weiß, was ich damals dachte: Daß ich hier wohnen will. In dieser Straße, wo er wohnte. Wo er in den Rhein ging und schwamm, bis ans andere Ufer! Wo er am Fenster saß, auf den Strom blickte und malte und schrieb. Ich kenne seine Arbeit über die Minnesinger, aus der er mir vorlas und mit der er sich habilitierte, manche seiner Bilder hängen seit Jahrzehnten bei mir. Er war unvergleichlich; geistvoll, unterhaltsam, er malte mich; er schwamm im Rhein, er war groß und schön. Aber ich weiß heute: Ich habe mich in ihn verliebt, weil er hier lebte.

Nun bin ich hier. Und wann immer ich anderswo weile –  zu Lesungen aus meinen Büchern, auf Reisen nach Rhodos, nach Rom –, kehre ich zurück in diese Straße, diese lange Allee. Sie ist der Leuchtturm in dem bewegten Meer meiner Träume; der verläßliche Hafen, in dem das Schiff meines Lebens glücklich landen kann.

Wie stark fühlte ich mich immer, wenn ich in der Ferne an sie dachte. Sie ist das einzige, das niemals, während ich weg war, aufhörte da zu sein; das einzige, das, wenn ich wiederkam, von Mal zu Mal vertrauter gewesen ist. Wenn das Hochwasser sie bedrohte, in jedem zweiten Haus die Keller füllte, wenn ich die Pumpenschläuche auf der Straße sah, war es, als hätte man mir die Schläuche angelegt.

Wenn ich mich an meinen Tisch setze vor ein weißes Blatt; wenn ich meinen Einfällen freien Lauf lasse und die eigenmächtigen Bilder einer Sintflut an diesem Ufer auftauchen; in den Momenten, wo es Dinge gibt, die einer sieht wie mit einem zweiten Gesicht, abseits der Wirklichkeit, erscheint mir meine Straße als Arche, noch bergender, noch schützender für Mensch und Tier.

Mit Mandy naht Borsalino, der einzige Mensch, der hier einen Namen hat. Doch es ist nicht sein echter. Wir nennen ihn so nach seinen vielen Hüten, die er mit der Kleidung wechselt. Man denkt, daß er einmal Opernsänger war. Heute trägt er Grün mit Gamsbart am Hut. Er führt Mandy zweimal täglich aus, weil ihre Herrin krank ist. Zur Zeit ist sie in dem großen Krankenhaus, das am Ende der Straße ragt; aber auch danach wird Borsalino für die alte Dame gehn. Abends kommt sie noch selbst, ich begegne ihr manchmal, sie geht aufrecht, sie spricht nie von sich. Nur von Mandy, einer Cocker- Hündin, sehr alt, sehr still, halb blind. Noah wagt nicht, sie zu fordern; er weiß, er leckt sanft ihr Gesicht.

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