Jef
Geeraerts
Der
Generalstaatsanwalt
(Leseprobe aus: Der Generalstaatsanwalt, Roman,
2002, Unionsverlag - Übertragung Hans-Ulrich Jäckle)
Während der Generalstaatsanwalt in sein tägliches
Morgenritual vor dem Badezimmerspiegel vertieft war, wurde seine Zufriedenheit
wegen der äußerst günstigen Aussichten (er würde eine ganze Woche lang
allein zu Hause sein) noch beträchtlich durch die Feststellung gesteigert, dass
er für seine vierundsechzig Jahre alles andere als schlecht aussehe. Ein Meter
sechsundachtzig, neunzig Kilo nackt auf der Waage. Nach amerikanischer Norm
leicht overweight, was jedoch auf »Muskeln aus Eisen und Stahl, die mit
den Jahren unmerklich von Fett durchädert wurden«, zurückzuführen war. Die
pechschwarzen Haare wiesen nur sporadisch ein paar Sprenkel Grau an den
Schläfen auf, der Unterkiefer war kantig, ohne Doppelkinn, der Teint »basané«,
die Nase klassisch griechisch, die Augenbrauen sarazenisch; und die angeborene
Missbilligung der Menschheit im Allgemeinen zeigte er mit Vorliebe in einem
schiefen Lächeln und einem taxierenden Blick.
An diesem Dienstagmorgen des
25. Mai 1999, einem strahlenden Frühlingstag mit Mittagstemperaturen um die 23
Grad Celsius, war von letzterem jedoch nichts zu bemerken. Er fühlte sich cool
wie der Cowboy aus der Reklamewelt, der Marlboro-Zigaretten raucht.
»Im Wesentlichen ist alles
eine Frage der Gene«, behauptete sein Schulfreund Georges Weyler (Jokke), der
inzwischen ein renommierter Internist geworden war, zehnmal mehr verdiente als
er, aber auch bestialisch dafür arbeiten musste. »Mehr Sport treiben,
Alberto«, sagte Jokke jedes Mal bei den vierzehntäglichen Versammlungen im
Rotary Club, wobei er frech den Zeigefinger in den Bauch des
Generalstaatsanwalts bohrte. Außer Reiten und Jagen trieb er keinen Sport, aber
er liebte es, in guten Restaurants essen zu gehen, wo er den Ruf genoss, ein
Weinkenner zu sein.
Er konzentrierte sich auf die
Ringe unter seinen Augen, die seit einiger Zeit violette Äderchen hatten.
Vorsichtig nahm er die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger und zog daran wie an
einem Gummi. Guy Staas, ein anderer Schulfreund und plastischer Chirurg für
reiche Damen, hatte angeboten, ihn gegen einen Freundschaftspreis zu liften,
aber für einen richtigen Mann, meinte der Generalstaatsanwalt, wäre das
geradezu beschämend. Warum das so sein sollte, wusste er nicht, aber
wahrscheinlich lag es an seiner Macho-Überzeugung, ein Mann sei im Allgemeinen
präsentabel genug und habe derartige Eingriffe eben nicht nötig.
Und wieder, zum zweiten Mal an
diesem Morgen, spürte er dieses verfluchte Ziehen in der Blase. Waren das nicht
eindeutige Symptome? Schaudernd unterdrückte er seinen Abscheu und zwang sich
dazu, sie nicht zu beachten, denn er war davon überzeugt, dass Probleme
verschwinden würden, wenn man sie ignorierte. Er schob das Gesicht direkt vor
den Spiegel, spannte die Lippen und betrachtete sein Gebiss. Das Zahnfleisch
schrumpfte bereits seit einiger Zeit, sodass die Wurzelhaut frei lag. Für
jemanden mit seinem Status, fand er, waren makellose Zähne ein Muss. Zudem
meinte er, dass ein überaus großer Prozentsatz seiner Landsleute mit einem
Gebiss herumlief, das mehr aus Zahnstein als aus Elfenbein bestand. Vorläufig
brauchte er sich deswegen nicht zu sorgen. Er hatte die kräftigen Zähne seiner
Mutter, die sich erst im siebzigsten Lebensjahr den ersten Zahn hatte füllen
lassen.
Mit Genugtuung warf er einen
Blick auf seinen dunkel behaarten Torso, der mehr oder weniger noch immer mit
dem eines vierzigjährigen Athleten zu vergleichen war. Er betrachtete die
elektronische Waage, stieß einen Seufzer aus und beschloss, nicht darauf zu
steigen. Er streckte sich und massierte sich den Nacken, der wie jeden Morgen
knackte, wenn er den Hals drehte. Etwas allerdings übertraf alle Erwartungen.
Seine Gattin, Freifrau Marie-Amandine de Vreux d'Alembourg, war gestern mit
adligen Freundinnen für eine Woche verreist, um Englische Gärten zu besuchen,
sodass er ungeniert frühstücken konnte, was für ihn eine wichtige Facette
seines »elementaren männlichen Lebensraums« war, wie er sich
ausdrückte. So konnte er sich im Kimono und barfüßig an den Küchentisch
setzen, was Maria Landowska, das polnische Mädchen, ausgesprochen erfreute.
Amandine erschien auch zum Frühstück - selbstverständlich im Esszimmer -
immer so aufgedonnert, als wäre sie zum Fünfuhrtee bei Hofe eingeladen. Mit
abgespreiztem kleinem Finger löffelte sie pretiös ihr Porzellanschälchen
Jogurt aus und schaute durch alles hindurch, das heißt durch ihn und durch
Maria, die sie nur selten ansprach, außer um Befehle in geradebrechtem
Flämisch zu erteilen, in einer Sprache also, die Maria kaum verstand. »On ne
dit jamais merci au personnel«, war eines der geflügelten Worte, die ihre
Familie bereits seit sieben Generationen in Ehren hielt. Die Kommunikation mit
ihrem Ehemann bestritt sie seit der Geburt ihres jüngsten Sohnes (September
1965) nur noch mit sachlichen Mitteilungen, die sie auf Zettel schrieb. Bei
offiziellen Anlässen oder auf Feiern, denen er nicht ausweichen konnte,
sprachen sie sich mit »ma chère« und »mon ami« an, wie Figuren aus dem
französischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts.
»Bah!«, schnaubte der
Generalstaatsanwalt. Rasch zog er sich den grauen Kimono mit dem Samurai-Zeichen
auf dem Rücken über (Das Kurze Kraftvolle Leben Ohne Herz), den seine
Freundin, sein Schatz, seine große Leidenschaft Louise ihm letztes Jahr
geschenkt hatte, als sie ihm nach Kyoto nachgereist war, wo ein Kongress der
Koryphäen in Angelsächsischem Recht abgehalten wurde. Der Generalstaatsanwalt
war der Vertreter Belgiens, was er einerseits der Fürsprache seines
Schwiegervaters, Baron Pierre Philippe de Vreux d'Alembourg, emeritierter
Professor für Verfassungsrecht an der Katholischen Universität Leuven,
Ex-Ratsherr am Kassationsgerichtshof und Autor juristischer Standardwerke, zu
verdanken hatte, und andererseits der Tatsache, dass er einer der wenigen
belgischen Verwaltungsbeamten war, der den akademischen Grad eines DJS (Doctor
in Juridical Sciences) an der Rechtsfakultät der Harvard University erlangt
hatte.
»Bah!«, wiederholte er, als
er an seinen Schwiegervater dachte. Vierundneunzig und noch quicklebendig, aber
vollkommen gaga. Er wohnte allein mit einem Dienstmädchen und einem butler
in einem stattlichen Herrenhaus in der Marie-Josélaan in Berchem. Er war ein
Spross der vornehmen Familie de Vreux, die von Leopold I. wegen ihrer Verdienste
beim Entwurf des belgischen Grundgesetzes in den Adelsstand erhoben worden war.
Zum Glück hatte er nie erfahren, dass die eheliche Verbindung zwischen seiner
einzigen Tochter Amandine und seinem Zögling Albert Savelkoul wegen einer
jungen Liebhaberin nicht mehr als ideal zu bezeichnen war, eine Tatsache
übrigens, die von Amandine aufgrund der üblichen Traditionen derart listig
verschleiert wurde, dass selbst ihre Söhne Didier und Geoffroy nichts davon
ahnten. Didier, der Älteste, war Rechtsanwalt in Leuven und noch ledig.
Geoffroy, der eine großartige Frau und zwei goldige Töchter hatte, war
Botschaftsrat in Washington.
Während er entlang der
Sammlung echter handcoloured Aquatinten von Henry Alken, steife Herren
auf Fuchsjagd in Frack und Zylinder auf lächerlichen Pferden darstellend, die
Treppe zum ersten Stock hinunter lief, stieg ihm der grauenhafte Geruch von
ausfasernder Seide in die Nase. Amandine hatte letzte Woche traditionsgemäß
die Haute-Couture-Kleider in den Dachbodenschränken ausgelüftet. Das tat sie
einerseits aus Respekt vor den verschwundenen Alte-Frauen-Generationen, die sie
einst getragen hatten, andererseits brachte sie es auch nicht übers Herz,
Sachen wegzuwerfen. Er hasste diesen Geruch, der ihn an den abscheulichsten
Aspekt des Todes erinnerte: den fatalen Endpunkt von Verfall und Hässlichkeit.
Er sah auf seine Armbanduhr.
Halb acht. Sie schlief jetzt noch, seine Angebetete mit dem sinnlichen
Schlangenkörper, die er auch nach siebzehn Jahren noch wie verrückt liebte. In
einer Stunde würde er sie anrufen, um ihr zu sagen, er sei frei. Über das
Handy. Er verdächtigte seine Ehefrau, die Gespräche vom normalen Hausanschluss
abzuhören. Von der Staatsanwaltschaft aus zu telefonieren war ausgeschlossen:
sein Vorgänger hatte dort in der Telefonzentrale ein Abhörsystem installieren
lassen. Nur das Handy war sicher. Er genoss diese paranoide Sphäre, die er
notgedrungen hatte errichten müssen, das einzige Mittel, sein Privatleben zu
schützen, das ihm sehr wichtig war.
Auf dem Treppenabsatz hielt er
bei der mit drei frischen Lilien geschmückten Figur der Heiligen Jungfrau von
Fatima inne, die auf einer schlichten Konsole aus weißem Marmor stand.
Verächtlich schnaubte er durch die Nase. »Dämliche Betschwester!«, murmelte
er zwischen den Zähnen. Sie hatte Maria Landowska auferlegt, die Lilien vor der
Figur täglich zu erneuern. Ein polnisches Mädchen im Haus zu haben, war einer
ihrer Träume gewesen, der dank der Vermittlung eines Kanonikers der
Antwerpener Kathedrale in Erfüllung gegangen war. Diese »demoiselle de
réputation immaculée« verdiente sage und schreibe sechzehntausend Francs im
Monat plus »Kost und Logis« bei einem zwölfstündigen Arbeitstag. Maria war
eine vierunddreißigjährige Bauerntochter aus der Gegend von Kielce, stark wie
ein Pferd und katholisch ohne bigott zu sein. Der Generalstaatsanwalt hatte eine
Schwäche für sie. Wenn Amandine nicht da war, konversierten sie in einem
Mischmasch aus Deutsch und Flämisch, wobei sie ihm Polnisch und er ihr
umgangssprachliche Ausdrücke beibrachte, was durchaus zu vaudevillesken
Situationen führen konnte. Ihre Mutter war Dorfwahrsagerin und ging jeden Tag
mit ihrer Kuh spazieren, die Czowieka (Gänseblümchen) hieß.
»Salve Regina«, sagte er
feierlich mit geschlossenen Augen und gespitzten Lippen. Er ahmte Amandine nach,
die das immer tat, wenn sie an der Statue vorbeikam. Und wieder verspürte er
dieses Ziehen in der Blase. Er holte tief Luft und öffnete die Toilettentür.
Der Strahl, der für sein Empfinden ziemlich kräftig ins Wasser der
Toilettenschüssel schoss, erfüllte ihn mit Erleichterung. Also war es doch
nicht das, wovor er sich höllisch fürchtete. Jokke hatte ihm gesagt, die
ersten Symptome seien »Druck im Anusbereich plus schlapper Strahl«. Bevor er
die Wasserspülung betätigte, beugte er rasch die Knie, um den letzten Tropfen
mithilfe der Schwerkraft abfallen zu lassen, das hatte er einmal in einem
amerikanischen Film über Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg gesehen.
Plötzlich schoss ihm etwas in
den Sinn, das er auf der Stelle nachschlagen musste. »O, what a beautiful
morning... o, what a beautiful day...«, summte er vor sich hin und ging im
»Reiterschritt«, wie er das nannte, in sein Arbeitszimmer, machte das Licht an
und fand in der Bibliothek sofort, was er suchte. Ein in schwarzes Kunstleder
gebundenes Buch mit goldenem Aufdruck: The Teaching of Buddha. Das
Lesebändchen lag noch auf Seite 440. Er begann zu lesen:
The Life of Women
There are four types of women. Of the first type there are
those who become angry for slight causes, who have changeable minds, who are
greedy and jealous of others' happiness and who have no sympathy for the needs
of others.
Er schlug das Buch heftig zu. »Marie-Amandine de
Vreux d'Alembourg, geschissen«, sagte er laut und stellte das Buch wieder
zurück zwischen die südafrikanische und spanische Version des nuevo testamento.
Die Mehrzahl der Freundinnen seiner Ehefrau gehörte zu dieser Kategorie. Louise
gehörte zu Kategorie 3, die der Klassefrauen. Kategorie 2 war nicht viel besser
als die erste. Kategorie 4 bestand aus einer Art selig gesprochener Zicken, bei
denen sich ein Mann zu Tode langweilte. Der Generalstaatsanwalt war nicht im
Mindesten an Philosophie und verwandten Wissenschaften interessiert, und er war
auch angenehm immun gegen die Kunst. Für ihn waren diese Bücher nur Kuriosa
mit pikanter Vergangenheit. Er hatte alle drei aus Hotelzimmern mitgehen lassen,
wo meistens eine Bibel in der Nachttisch- Schublade liegt. The Teaching of
Buddha kam aus Singapur, wo er an einem Juristenkongress teilgenommen hatte.
Und da der Text sowohl auf Englisch wie auch auf Chinesisch abgedruckt war,
hielt er es durchaus für nicht ganz unangebracht, es zu kassieren.
Zufrieden schaute er sich im
einzigen Zimmer des Hauses um, das ihm gehörte. Erbstücke und Souvenirs aus
entschwundenen Zeiten, deren Anblick einen Menschen in wenigen Sekunden in
Depression versetzen konnte, gab es hier definitiv nicht. An einer einzigen Wand
stand ein Regal aus solidem Kiefernholz, in dem seine Lieblingsautoren standen,
Ernest Hemingway, Vladimir Nabokov, Robert Ruark, Norman Mailer, V.S. Naipaul,
Anaïs Nin, Henry Miller, Georges Simenon, Bruce Chatwin, Frederick Forsyth,
Boris Vian, Gabriel García Márquez und eine umfangreiche Sammlung von
Biographien, die er »meine Heiligenleben« nannte. Sein Schreibtisch war ein
Art-déco-Esstisch aus geflammtem Tropenholz. Auf dem Parkettboden lag ein
abgetretener afghanischer Teppich. Das einzige Zierstück stand auf dem Tisch:
der abgeschlagene Sandstein-Kopf einer echten Khmerstatue aus Kambodscha, der
auf eine Spindel mit flachem eisernem Fußstück montiert war. Eine halbe Wand
wurde von einem Glasschrank eingenommen, in dem drei doppelläufige Jagdgewehre
und zwei Karabiner prangten, glänzend geölte Prachtexemplare. Über dem
Schrank hingen vier Geweihe von Rehböcken und darüber die beeindruckenden
Hauer eines Ebers.
Er warf einen kurzen Blick auf
seine geliebten Waffen und musste unweigerlich an das schottische Hochland
denken, wo er regelmäßig mit Freunden auf die Jagd ging. Er ging ans Fenster
und zog die Übergardinen mit einem Ruck zur Seite. Der Raum wurde groß, hell
und strahlend. Er machte das Licht aus, drehte sich um und lief nach einer Tasse
Kaffee verlangend gut gelaunt die Treppe hinunter. In der Küche war Maria
Landowska gerade dabei, den Tisch für das Frühstück zu decken. Sie war groß,
kräftig gebaut und bewegte sich sehr behutsam, als ob von irgendwoher Gefahr
drohe. Sie trug Jeans und einen grünen Pullover, strengstens verbotene
Kleidung, wenn »Madame« im Haus war. Als sie den Generalstaatsanwalt bemerkte,
glänzten in ihrem breiten Lächeln einige Kronen aus rostfreiem Stahl, eine
Erinnerung an den Kommunismus. Das glatte Gesicht, ohne jegliche Spur der
Verheerung, welche die Zivilisation hinterlässt, hatte einen blassen Teint mit
Sommersprossen und hohe slawische Wangenknochen. Ihr roter Pferdeschwanz glich
einem Strauß getrockneter Blumen.
»Gute Morgen, Meneer Albert«,
sagte sie mit gutturaler Jungenstimme und sah ihm mit hellen blauen Augen direkt
ins Gesicht.
»Guten Morgen, Maria.«
»Wat essen wir heute?«
»Drie Eier.«
»Pozadku.1 Braten oder
klopfen?«
»Klopfen, wie Regentropfen auf
das Fenster.«
Unwillkürlich machte sich ein
Lächeln auf ihrem Gesicht breit. Sie drehte die Thermoskanne auf und stellte
sie krachend auf den Tisch.
»Klopfen, wie die Bauer op
sein Weib?«, hakte sie nach.
Sie lachten verschwörerisch.
Während er sich hinsetzte und einen großen Becher randvoll mit Kaffee füllte,
schlug Maria unvergleichlich geschickt drei Eier in eine Schüssel, streute Salz
und Pfeffer darauf und begann heftig zu rühren, als würde sie zwei Sorten
Viehfutter in einem Eimer vermischen. Der Generalstaatsanwalt nahm den Becher
und trank, wie er es gerne tat: zuerst auf den Kaffee blasen und dann leicht
schlürfen. Wenn er das tat, sagte Louise früher immer: »Mein kleines
Wölfchen.«
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