Das Zeitaltter des Doktor YArthur Schnitzler von Peter Gay, 2002, S.FischerPeter Gay

aus: Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler

Vorwort

Dieses Buch ist die Biographie einer Klasse, des Bürgertums, im langen neunzehnten Jahrhundert von 1815 bis 1914. Als Führer durch das Jahrhundert dient mir Arthur Schnitzler, der interessanteste österreichische Dramatiker, Romancier und Erzähler seiner Zeit. Warum Schnitzler? Er kann kaum als Inbegriff des Bürgers gelten. Zahllose, unbekannt gebliebene Angehörige seiner Klasse waren weniger wohlhabend, weniger begabt, weniger imstande, sich Gehör zu verschaffen - und weniger neurotisch: also repräsentativer als er. Hieße "repräsentativ" für mich einfach nur "durchschnittlich", dann hätte ich mit Schnitzler nichts anfangen können, denn "Mittelmaß" wäre wohl das Letzte, was man ihm als Attribut anheften würde. Er besaß jedoch, wie ich im Laufe der Arbeit entdeckte, Eigenschaften, dank deren er über die bürgerliche Welt, die ich in diesem Buch darstelle, glaubhaft und prägnant Zeugnis ablegen kann. In jedem der folgenden Kapitel wird er auftreten, mal eher kurz als Ausgangspunkt für breiter angelegte Untersuchungen, mal als direkt Beteiligter. Ich fand diesen Mann außergewöhnlich interessant (wenn auch keineswegs immer liebenswert); aber das wäre kein hinreichender Grund gewesen, ihn in dem allgemeineren Drama, dem ich nachgehe und das ich zu begreifen suche, gleichsam zum Zeremonienmeister zu erheben. Ich hatte bessere, objektivere Gründe.
Gewiss, Schnitzler war eingefleischter Wiener. Gereist ist er relativ wenig; in Wien kam er 1862 zur Welt, in Wien starb er 1931, und in Wien lebte er - den Städten London, Berlin und Paris stattete er nur Stippvisiten ab, und in Norditalien verbrachte er einen kurzen Urlaub. Aber mit seinen lebhaften, anspruchsvollen Neigungen gab er ein gewaltiges Stil- und Ideenspektrum wieder und hielt in dem Tagebuch, das er jahrelang gewissenhaft führte, seine Vorlieben und Empfindungen für die Nachwelt fest. An das bürgerliche Denken und Fühlen seiner Zeit, sowohl das seiner Zeitgenossen als auch sein eigenes, ging er von innen her und niemals unbefangen heran. Kurz, er verfügte über eine kosmopolitische Kultur, und mit seinem Leben und Werk liefert er den Beweis dafür, dass man keine ausgedehnten Reisen unternehmen muss, um weit herumzukommen. In Gedanken kann man - und Schnitzler tat es - Impulse aus fernen Gegenden und über Generationen hinweg aufnehmen und verarbeiten. Seinen Lesestoff bezog er aus der modernen französischen und englischen sowie der amerikanischen Literatur, ganz zu schweigen von den großen skandinavischen und russischen Romanciers und Dramatikern. Ebenso aufgeschlossen war er für Musik und Kunst aus vielen Ländern der Welt. Mit ihm bin ich, so möchte ich fast sagen, nach Norwegen und Italien, in die Vereinigten Staaten und nach Russland gereist. Und dabei erwies er sich, wie schon gesagt, als unterhaltsam, glaubwürdig und überaus informativ.
Schnitzler war ein Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, dessen Leben bis weit in das zwanzigste hineinreichte. Und da das Erstere gleichsam mit dem Letzteren schwanger ging, ist es integraler Bestandteil unserer eigenen Geschichte. Schnitzlers Brückenschlag über zwei Jahrhunderte bestand in mehr als bloßem physischen Weiterleben. Schon viele Historiker haben mit überzeugenden Argumenten die These vertreten, der Erste Weltkrieg bedeute einen unwiderruflichen Epochenbruch. Was jedoch auf dem Gebiet politischen Handelns zutraf - dass nämlich dieser Krieg mit seinen Folgen zwei Jahrzehnte später eine Zeit nie da gewesener Massenmobilisierung und Massenvernichtung heraufrief -, galt nicht für die Sphäre der gehobenen Kultur. Die sensationellen Umwälzungen in den Künsten, in der Literatur und im Denken, die wir als Moderne bezeichnen und mit dem zwanzigsten Jahrhundert assoziieren, entstanden allesamt - ja vollzogen sich in der Mehrzahl - schon weit vor 1914. Ein subversiver Denker wie Friedrich Nietzsche, der dem Philosophieren eine völlig neue Richtung gab und, obgleich er geisteskrank wurde und nach 1889 ganz verstummte, ein Vorbote jener Gedankenwelt war, in der wir heute noch leben, ist ein schlagendes Beispiel dafür, wie sehr wir nach wie vor von den Leistungen unserer viktorianischen Vorfahren zehren.
Ich will diese These mit ein paar ausgewählten Künstlern belegen: Bühnenautoren wie Henrik Ibsen, George Bernard Shaw und später August Strindberg, die die Dramenkunst revolutionierten, waren weit vor der Jahrhundertwende berühmt - und berüchtigt - geworden, und Anton Cechov, der besondere Star unter ihnen, war 1904 bereits tot. Arnold Schönberg verzichtete schon in seinem zweiten Streichquartett von 1908 auf alle festen Tonarten und drang in Gebiete der Musik vor, die noch niemand betreten hatte. Die bleibenden Romanciers der Moderne - Proust und Joyce, Mann und Hamsun - begannen ihre Schriftstellerkarriere um die Jahrhundertwende. Und damals war der überragende Dramatiker Cechov auch zum überragenden Erzähler geworden. In der akademischen Malerei konnte weit vor 1900, unter dem jahrzehntelangen Druck unabhängiger Künstler, die Opposition Anhänger und Einfluss gewinnen; radikale Kunstrichtungen - Impressionisten, Postimpressionisten, Expressionisten sowie die deutschen und österreichischen Sezessionisten, die sich gegen das Kunstestablishment wandten - traten eine nach der anderen mit ihrer erbarmungslosen Kritik an der Salonmalerei auf den Plan; Wassily Kandinsky, der seit Jahren von der gegenständlichen Malerei abgerückt war, schuf 1910 sein erstes abstraktes Bild. Diese Aufzählung könnte ich beliebig fortsetzen; auch in Lyrik, Architektur und Städtebau entstand eine neue Kultur. Nicht zufällig gab sich eine der um die Jahrhundertwende aktiven Malerschulen, die Gruppe um Pierre Bonnard und Édouard Vuillard, den Namen Nabis, was auf Hebräisch Prophet heißt. Der Wind der Zukunft blähte ihnen die Segel.
Auch Schnitzler bewegte sich in seinem literarischen Werk an den Grenzen bürgerlicher Wohlanständigkeit und wagte sich mehr als einmal darüber hinaus. Im Jahr 1897 schrieb er unter dem Titel Reigen eine Komödie, in der er mit viel Witz einen glänzenden Einfall realisierte. Sie besteht aus zehn Dialogen zwischen Verliebten, wobei immer der eine der beiden Partner in der nächsten Szene mit einem anderen auftritt; so geht es einmal im Kreis herum, und jede Episode endet mit dem Geschlechtsverkehr - den freilich nicht einmal ein so kühner Nonkonformist wie Schnitzler auf der Bühne darzustellen wagte. Trotz dieser Konzession an die Klugheit erwies sich das Stück mehrere Jahre lang als unpublizierbar und noch viele weitere Jahre als unaufführbar. Im Jahr 1900 schrieb er dann eine nicht minder überraschende Novelle mit dem Titel Leutnant Gustl, in der er den inneren Monolog des jungen Leutnants rekonstruiert und dabei den Todesängsten eines prahlerischen österreichischen Offiziers nachspürt, der vor einem von ihm selbst provozierten Duell steht.
Diese Erzählung zeugt von Schnitzlers großer Belesenheit. Auf die schwierige avantgardistische Erzähltechnik, mit der er in Gustl arbeitet, stieß er nämlich in einem Roman des französischen Schriftstellers Édouard Dujardin, Les lauriers sont coupés. Er war stets bescheiden genug, seine Grenzen als kreativer Künstler einzuräumen, und erhob nie den Anspruch, neben unsterblichen Schriftstellern wie Tolstoi oder Cechov zu stehen; dennoch schnaubte er vor Zorn, als so genannte wohlmeinende Kritiker durchblicken ließen, er sei selbst in den Jahren seiner literarischen Produktivität im Wesentlichen auf konventionelle Art unkonventionell gewesen und habe seine ersten Bühnenstücke über rücksichtslose Junggesellen und ehebrecherische Liebesaffären einfach immer wieder verwendet. Mit einiger Empörung machte er geltend, er sei phantasievoller, einfallsreicher, kurz moderner, als man es behauptete.
Er hatte Recht, aber dürfen wir Schnitzlers Aussagen wirklich als brauchbares Belegmaterial für die viktorianische Bourgeoisie nehmen? Die Frage unterstellt, dass es eine einheitliche definierbare Größe, nämlich das Bürgertum, gibt. Diesem heiß umstrittenen Thema widme ich das folgende Kapitel. Seit Jahren setzen sich die Historiker mit dem Problem auseinander, und vielleicht kommt am Ende dabei heraus, dass alles hauptsächlich eine Frage der Gewichtung ist. Natürlich war Schnitzler der Ansicht, es gebe so etwas wie den Bürger. Wie wir sehen werden, bezeugte er ihm - oder ihr - wenig Respekt und neigte dazu, "bürgerlich" mit "langweilig" gleichzusetzen. Und mancher Bürger hätte Schnitzlers Lebensgefühl unzweifelhaft exzentrisch, wenn nicht gar bohemienhaft genannt. Dennoch war er, wie ich noch ausführlicher zeigen werde, in den Hauptpunkten auf die ihm eigene, höchst individualistische Weise ein gestandener Bürger. Gehorsam wählte er den Beruf, in dem sein Vater ihn gern sehen wollte: die Medizin. Verzweifelt wünschte er sich, seine Geliebten möchten noch Jungfrau sein. Wie Millionen anderer Bürger versuchte er das Bestreben der von ihm geliebten Frauen zu sabotieren, einen Beruf zu ergreifen. Für aristokratische Anachronismen wie das Duell hatte er nur Verachtung übrig. Auf kulturellem Gebiet hielt er sich für aufgeschlossen, doch mit Schönbergs atonalen Kompositionen konnte er, wie wir sehen werden, nichts anfangen, und den Joyce'schen Ulysses betrachtete er mit Skepsis. Er war süchtig nach Arbeit, schätzte aber durchaus seine Privatsphäre. Dennoch wird dieses Buch, das mit Schnitzler beginnt, nicht mit Schnitzler enden. Wie schon gesagt: Wenn wir überhaupt von einer Biographie sprechen können, dann ist es die einer sozialen Klasse.

Das vorliegende Buch ist eher als Synthese denn als Abriss geschrieben. Mein Interesse an der viktorianischen Bourgeoisie erwachte Anfang der siebziger Jahre, weil es ein von meiner Profession relativ vernachlässigter Gegenstand war. Natürlich gab es sachkundige Bücher über das Bürgertum im neunzehnten Jahrhundert, aber nicht viele Historiker, und schon gar nicht die interessantesten, schenkten ihm Beachtung. Andere Forschungsbereiche schienen verlockender: die Geschichte der Frauen, die Geschichte der Arbeiterbewegung, die Geschichte der Schwarzen und die (wie sie sich selbst etwas anmaßend nannte) "neue" Kulturgeschichte. Seit gut zweihundert Jahren, seit die philosophes des achtzehnten Jahrhunderts die historische Ursachenforschung säkularisierten, erleben die Historiker in regelmäßigen Abständen solche Augenblicke erfrischender Unzufriedenheit, in denen die etablierten Grenzen historischer Forschung als zu eng, ja erdrückend empfunden werden.
Oft hat diese Unzufriedenheit uns weitergebracht, weil sie zu Fragen führte, die bis dahin nicht gestellt wurden, und zu Antworten, mit denen niemand rechnete. Aber sie hat auch zur Verwirrung beigetragen, besonders als die postmodernen Vertreter des Subjektivismus auf den Markt der Ideen strömten; statt den Horizont der Historiker zu weiten, weckten sie unsinnige Zweifel an jener Suche nach einer die Vergangenheit betreffenden Wahrheit, der sich die Historiker seit langem verpflichtet fühlen. In diesem allgemeinen Taumel gewann ich den Eindruck, dass meine Art der Geschichtswissenschaft - die psychoanalytisch fundierte (nicht dominierte!) Kulturgeschichte - ein angemessener Weg und das Bürgertum des neunzehnten Jahrhunderts angesichts des weit verbreiteten Desinteresses ein äußerst viel versprechender Gegenstand sein könnte. Damals und durch Jahre hindurch ahnte ich nicht, dass meine Arbeit sich einmal als revisionistisch entpuppen würde; geplant war das jedenfalls nicht. Ich beschränkte mich darauf, meinen Weg zu gehen und den Hinweisen des Quellenmaterials zu folgen.
Das Ergebnis war eine umfangreiche fünfbändige Studie unter dem (in der deutschen Übersetzung nicht erhaltenen) Gesamttitel The Bourgeois Experience: Victoria to Freud (1984 bis 1998; dtsch.: 1986 bis 1999). Sie befasste sich mit fünf unkonventionellen Themen: Sexualität und Liebe, Aggression, Innenwelt und bürgerlicher Kunstgeschmack. Obgleich die Wahl meiner Themen unübersehbar zeigt, welchen Einfluss Freud auf mein Denken hat, war mir sehr daran gelegen, den Blick auf die Vergangenheit an jene "wirkliche" Welt zu binden, in der der Historiker zu Hause ist. Kurz, in meinen Büchern gab es viele Fakten. Einige davon tauchen in diesem Band wieder auf; ich fand sie so erhellend, so verlockend, dass ich auf sie nicht verzichten mochte. Wer meine fünfbändige Studie gelesen hat, erinnert sich vielleicht an die folgenden Glanzstücke: wie William Ewart Gladstone, der klassische Viktorianer, sanft und andächtig die Brüste seiner Frau streichelt, um einer Verstopfung der Milchdrüsen abzuhelfen, die sie hinderte, ihren Säugling zu stillen; wie die Amerikanerin Laura Lyman um die Jahrhundertmitte in aufreizenden Briefen ihren abwesenden Ehemann verführt und ihm ankündigt: "Nächsten Samstag werde ich Deine Schatztruhen plündern, das kann ich Dir versichern"; wie die Kunstliebhaber aus den unteren bürgerlichen Schichten als Erste die revolutionären Bilder Cézannes würdigen; wie Giuseppe Mazzini, Vorkämpfer der Einigung Italiens, im englischen Exil mit Wut und Empörung feststellt, dass die Behörden seine Post geöffnet haben; wie der Avantgardedichter Charles Baudelaire den Kunstgeschmack des Bürgertums lobt; wie der deutsche Stahlmagnat Alfred Krupp den Adelstitel ablehnt. Und natürlich gibt es noch etliche andere.
Das heißt jedoch nicht, dass dieses im Umfang, wenn auch nicht unbedingt in den Ergebnissen bescheidene Buch nichts anderes wäre als eine Reader's-Digest Kurzfassung der dicken Bände, die ihm vorausgegangen sind. Ich behandele hier eine Menge neues Material und neue Themen wie Arbeit und Religion, die in der großen Studie zwar auch vorkamen, aber mehr Beachtung verdient haben, als sie ihnen dort zuteil wurde. Was im vorliegenden Band erneut an prominenter Stelle stehen wird, ist die in The Bourgeois Experience so wichtige grundlegende Neubewertung der gängigen Ansichten über das viktorianische Bürgertum und insbesondere über die Einstellungen der Bürger zu Sexualität, Aggression, Kunstgeschmack und Privatsphäre. Aber selbst dies ist nicht einfach alter Wein in einem neuen, ansehnlichen Schlauch. Ich habe meine Interpretationen noch einmal durchdacht und sie, so scheint mir, weiter differenziert.

Eines muss gleich zu Beginn klargestellt werden: dass ich den Begriff "viktorianisch" in einem allgemeineren Sinn verwende. Seit langem wird dieses Wort auf britische, ja noch spezieller auf englische Geschmacksrichtungen, Moralauffassungen und Verhaltensweisen bezogen. Dabei umfasste es immer mehr als die Regierungszeit Königin Viktorias, denn generell gilt, dass es schon vor ihrer Thronbesteigung im Jahr 1837 und noch nach ihrem Tod im Jahr 1901 Viktorianer gab. Kurz, den Namen Viktorias benutzt man im weiteren Sinne zur Bezeichnung des langen neunzehnten Jahrhunderts, das grosso modo von Napoleons letzter Niederlage im Jahr 1815 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 reicht. Viktorianer gab es aber auch außerhalb Großbritanniens. In jüngerer Zeit haben Historiker, die sich mit amerikanischer Kulturgeschichte befassen, den Begriff auf die Vereinigten Staaten ausgedehnt, und mir scheint, man kann ihn problemlos noch weiter verallgemeinern. Das heißt natürlich nicht, dass französische oder deutsche oder italienische "Viktorianer" sich von ihren britischen Zeitgenossen nicht unterschieden hätten; obgleich dieses Buch ein Versuch der Verallgemeinerung ist, hält es die Fahne der Besonderheit hoch. Aber trotz aller Differenzen sehen sich die Bürger nach meiner Überzeugung auch sehr ähnlich, und ebendiese Ähnlichkeit will ich mit meiner Verwendung des Begriffs "viktorianisch" unterstreichen.
Und nun: Vorhang auf.

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