aus: Maktub
(1. Kapitel)
Da es seit den frühen Morgenstunden regnete, liefen nur wenige Menschen über die dunklen Straßen, auf denen sich hie und da kleine Seen gebildet hatten. Das monotone Klangspiel wechselte in steter Regelmäßigkeit den Takt, verlor dabei aber nicht seine betäubende Wirkung. Nur selten störte ein vorbeifahrendes Auto diese eigenartige Idylle.
Nach dem Durchschreiten des eisernen Friedhoftors trat Adam in den Blumenladen ein. Als Herr Landgraf ihn erblickte, lächelte er kurz und zog dann zwei rote Rosen aus einem der Kübel hervor. Er kannte Adam und wusste von seinem immer gleichen Anliegen.
„Sie lieben ihre Mutter wohl sehr?“ fragte er mit ruhiger, einfühlsamer Stimme, in der auch etwas Väterliches mitschwang.
Adam reagierte überrascht, da er mit jenem Mann bisher nichts als die üblichen leeren Floskeln ausgetauscht hatte.
„Ja“, antwortete er schließlich, „seit ihrem Tod begreife ich es.“
Daraufhin ergriff der Blumenladenbesitzer, dessen lichtes graues, an verbleichte Jugend gemahnendes Haar von einigen verbliebenen dunklen Strähnen durchzogen war, die zahlende Hand Adams und umfasste sie behutsam zärtlich. Die weiche, überströmende Wärme ließ Adam einen kurzen, allzu vergänglichen Moment vergessen.
In der Zwischenzeit hatte es aufgehört vom Himmel herabzufallen, und der Sonne war es gelungen einen schmalen Spalt in die dichte, tiefgraue Wolkendecke zu reißen. Das milde, von dort oben niederströmende Licht tauchte den Friedhof in den Schein eines Traumes. Überall glitzerte nasses Totengestein. Nach dem Durchqueren einiger enger Wege erreichte Adam das Grab seiner Mutter, unter dessen Erde das Zurückgebliebene eines qualvollen Kampfes auf Verwesung wartete. Drei Monate war es nun her, als der Sieger dieses ungleichen Duells ihre Seele mit sich nahm. Auffallend an dieser Ruhestätte waren das kleine hölzerne Kreuz ohne Namen und Zahlen und das Fehlen der Bepflanzung.
„Bringe mir jeden Tag zwei rote Rosen und lege sie gekreuzt auf die Erde. Den Rest halte in der Schlichtheit meines Lebens.“
So sprach Adams Mutter, zwei Tage bevor es in ihrem Zimmer endgültig still wurde, alle medizinische Apparatur in ein Schweigen fiel. Adam entfernte die Rosen vom gestrigen Tage, deren Blütenblätter entkräftet hinabhingen, und legte die beiden Frischen sorgsam an gleicher Stelle nieder. Tränen füllten einmal mehr seine Augen, seit er erkennen musste, dass der Schmerz viel größer war als die Scham der Schwäche, schämte Adam sich ihrer auch nicht mehr. Manchmal redete er sogar laut mit Mutter, sprach mit ihr vom Wetter und anderen Alltäglichkeiten, oder sang eines ihrer Lieblingslieder. „Stairway to heaven“ und „Give peace a chance“, immer hatte sie an ein gutes Ende der Welt geglaubt, vom Endsieg der Liebe während des Bügelns geträumt. Von Tag zu Tag nahmen so die Empfindungen in Adam zu, immer deutlicher vernahm er ihre schmerzlich vermisste Stimme und zuweilen erschienen auch eigenartige Bilder vor seinem inneren, trauernden Auge. In rauschähnlicher Farbenpracht lag da ein einsamer, felsiger Strand vor ihm, aus einer der Felsspalten schaute eine unermesslich schöne Pflanze hervor, in ihrer Zartheit wirke sie unpassend zu der rauen Umgebung, und das beglückte Blütenlächeln neigte sich mit der Brandung von einer Seite vergnügt zur anderen hinüber. Was hatte dies zu bedeuten, war es ein Zeichen dafür, dass
Mutter sich in ihrem neuen Zuhause wohlfühlte? Jedenfalls war sie ihm in diesen Momenten so nahe wie damals, als Mutter und Sohn einander so fest umarmten, dass Beide anschließend nach Luft ringen mussten. Auch heute kehrte Adam lange in diese inneren Welten ein, ohne durch den wieder einsetzenden Regen gestört zu werden. Die grausame, erdrückende Leere, die sein Leben seit Mutters Tod diktierte, verschwand während seiner Versunkenheit. Hier auf dem Friedhof lebte er auf, danach musste er wieder in eine gestorbene Welt hinausziehen, deren Mittelpunkt entflohen war.
Die Abenddämmerung senkte sich gerade über die mittelgroße Stadt Heidelberg hinab, als es in kurzem Abstand zweimal an der Tür läutete. Adam war unschlüssig, ob er zur Sprechanlage gehen sollte, jeder Besuch störte ihn in der Einsamkeit, die ihn einzig zu verstehen schien. Zwar erkannte er, dass seine Bekannten ihm helfen wollten, doch waren ihm ihre wohlgemeinten Ratschläge oft unerträglich. So scheiterten die Versuche Adam zu einem Bierchen oder einem Kinofilm zu überreden, und die Worte von den anderen Gedanken verhallten wirkungslos. Vor allem Brutus, sein seit jeher bester Freund, versuchte sich in allen Formen rhetorischer Überredungskunst, redete lange auf Adam ein und verzweifelte doch immer stärker an der unverändert apathischen Miene, die ganz Anderem folgte. Auch bei der Beerdigung, als Adam starr und ohne eine Träne entrinnen zu lassen in das Erdloch blickte, stand ihm Brutus zur Seite und trachtete danach ihm einen kleinen Teil seines unendlichen Schmerzes abzunehmen.
Adam stand nun doch auf und drückte auf den Türöffner. Therese lächelte oben angekommen etwas verlegen. Vor zwei Wochen war sie aus Brasilien heimgekehrt, wo sie sich um Straßenkinder kümmerte und ihnen half den Wunsch von einem nächsten Tag zu ermöglichen. Die Nachricht vom Tode Adams Mutter hatte Therese gleich nach ihrer Ankunft in Heidelberg mit Bestürzen erreicht, über viele Jahre hatte sie mit Adam fast jeden Abend damit verbracht über den Sinn des Lebens zu rätseln, gemeinsam malten sie Träume von einer besseren Welt. Oft lagen sie so bis tief in die Nacht hinein nebeneinander, inhalierten den Rauch von Joints und Räucherstäbchen, um irgendwann ganz friedlich vom Schlaf überwältigt zu werden. Am nächsten Morgen quälten sich Beide dann aus dem wärmenden Nest und liefen zur Schule, oft passierte es dabei, dass ihre Hände einander fanden und jeder, der dies zufällig aus dem Bus heraus sah, dachte sie seien ein Paar, zu schüchtern ihre Liebe öffentlich zu machen. Auf Anspielungen von Klassenkameraden erröteten sie, und besonders Herr Funcano, ein Deutschlehrer aus Neapel, beendete jede Stunde mit einem ungestüm feinsinnigen Kommentar. Für ihn stellten Adam und Therese eine hingebungsvolle Liebe dar, die frei von Begierde als eine Art Urliebe bezeichnet werden könne. Die schmalen, hinter runden Gläsern liegenden Augen funkelten während dieser Worte auf und jede Faser seines kleinen Wuchses bebte vor Erhebung. In unzähligen Auftritten huldigte er so seinem Urgrund allen Seins.
Als Therese dann nach der zwölften Klasse die Schule abbrach und den Entschluss fasste nach Brasilien zu gehen, kam es zu einem späten ersten Kuss. Sehr früh am Morgen, noch bevor die Sonne aufzusteigen begann, fuhr der Zug zum Flughafen ab. So standen die Beiden ganz alleine am Gleis. Therese war sehr aufgeregt, da sie nicht wusste, was sie in dem fremden Land erwarten würde, und Adam fühlte mit ihr, versuchte zu beruhigen indem er sie immer wieder fest an sich drückte. Im Angesicht des bevorstehenden Abschieds wurde ihnen klar wie sehr sie einander mochten und wie groß schon jetzt die Sehnsucht war. Eine gelangweilt dröhnende Männerstimme forderte dann alle Reisenden zur Vorsicht auf, da der Zug bereits in der Ferne erkennbar wurde und in wenigen Minuten in den Bahnhof einrollen würde. Therese begann ganz plötzlich zu weinen, und auch Adam ließ seine Gefühle sichtbar werden. Keiner von Beiden brachte noch etwas Passendes über die Lippen, wahrscheinlich gab es dies auch gar nicht. Sie ließen ihre Herzen letzte Worte sprechen und blickten tief in die schimmernden Augen des Anderen. Schließlich ergriff sie dann jene unbekannte, höhere Macht, und als ihre Münder wieder voneinander getrennt atmeten, da fand sich auf ihren Gesichtern ein beglücktes Entsetzen. Adam schaute dem Zug noch lange nach, obwohl den schon längst das gähnende Nichts der Gleise verschluckt hatte. Ein Bahnhofsangestellter trat bald an ihn heran und bot seine Hilfe an, doch Adam nahm ihn erst wahr als der Mann eine Hand auf seine Schulter legte. Erschrocken drehte er sich zu dem Kostümierten.
„Kann ich Ihnen helfen?“ wiederholte der.
„ Nein, leider nicht“, antwortete Adam und ging.
Als Therese nun eintrat, brachte sie ein wenig Licht in das dunkle Zimmer. Das erste Mal seit Mutters Tod empfand Adam leise Freude einen Menschen zu sehen.
„Na, hast du doch geöffnet“, sagte sie und setzte sich im Schneidersitz auf das lederne Sofa.
„Hätte ich gewusst, dass du es bist, so wäre mein Zögern nicht gewesen.“, entgegnete Adam und war von sich selbst überrascht.
Therese strahlte nun ohne Zurückhaltung, der Charme war in Adams Worte zurückgekehrt. Einen ersten Schritt aus dem kargen Tal der Trauer war er gegangen, und schon sah sie in ihren Wünschen das phantastische Profil sinnlicher Höhen.Rezension I Buchbestellung I home IV03 © LYRIKwelt