Ein geschenkter Tag von Anna Gavalda, 2010, HanserAnna Gavalda

Ein geschenkter Tag
(Leseprobe aus: L'Échappée belle/Ein geschenkter Tag, Roman, 2009/2010, Hanser - Übertragung Ina Kronenberger).

Ich saß noch nicht richtig, eine Pobacke in der Luft, die Hand auf der Wagentür, da blaffte mich meine Schwägerin bereits an:

»Na, endlich. Hast du unser Hupen nicht gehört? Wir stehen hier schon seit zehn Minuten!«

»Hallo«, antworte ich.

Mein Bruder hatte sich umgedreht. Diskretes Augenzwinkern.

»Alles in Ordnung, Sweetheart?«

»Alles in Ordnung.«

»Soll ich deine Sachen in den Kofferraum pakken?«

»Nein, vielen Dank. Ich habe nur diese kleine Tasche und mein Kleid. Das lege ich hinten auf die Ablage.«

»Das hier ist dein Kleid?«, fragte sie stirnrunzelnd mit einem Blick zu der Stoffkugel auf meinem Schoß.

»Ja.«

»Was – was ist das?«

»Ein Sari.«

»Ah. Ich sehe schon …«

»Du siehst noch gar nichts«, bemerkte ich freundlich, »du wirst erst was sehen, wenn ich ihn anziehe.«

Kleine Grimasse.

»Können wir los?«, wirft mein Bruder ein.

»Ja. Das heißt, nein. Könntest du kurz beim Araber am Ende der Straße halten, ich muss noch was besorgen.«

Meine Schwägerin seufzt.

»Was brauchst du denn jetzt noch?«

»Eine Enthaarungscreme.«

»Und die kaufst du beim Araber?«

»Na klar, ich kaufe alles bei meinem geliebten Raschid! Alles, alles, alles!«

Sie glaubt mir nicht.

»Alles klar? Können wir los?«

»Ja.«

»Schnallst du dich nicht an?«

»Nein.«

»Warum schnallst du dich nicht an?«

»Klaustrophobie«, antworte ich.

Und bevor sie ihr Sprüchlein über abgestoßene Gliedmaßen infolge unfallbedingter Transplantation ablassen kann, füge ich hinzu:

»Außerdem will ich ein bisschen schlafen. Ich bin todmüde.«

Mein Bruder lächelt.

»Bist du gerade aufgestanden?«

»Ich war gar nicht erst im Bett«, stelle ich mit einem Gähnen klar. Was natürlich nicht stimmt. Ich habe ein paar Stunden geschlafen. Damit will ich nur meine Schwägerin
ärgern. Und es klappt. Das gefällt mir so gut an ihr:

Es klappt immer.

»Wo warst du denn schon wieder?«, knurrt sie und verdreht die Augen.

»Zu Hause.«

»Hast du eine Party gegeben?«

»Nein, ich habe Karten gespielt.«

»Karten?!«

»Ja. Poker.«

Sie schüttelt den Kopf. Nicht zu sehr. Die Frisur könnte leiden.

(...)

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