aus: Ich habe sie geliebt
»Als ich
dich das erste Mal gesehen habe, warst du ganz blau. Ich weiß noch, wie
beeindruckt ich war. Ich sehe dich vor mir in diesem Türrahmen hier. Adrien stützte
dich, und du hast mir eine Hand hingestreckt, die vor Kälte gekrümmt war. Du
konntest mich nicht begrüßen, du brachtest kein Wort heraus, ich habe dir als
Willkommensgruß den Arm gedrückt, und ich sehe noch heute die weißen Flecken,
die meine Finger auf deinem Handgelenk hinterlassen haben. Zu Suzanne, die schon
ganz aufgelöst war, hatte Adrien lachend gesagt: ›Ich habe euch eine Schlümpfin
mitgebracht!‹ Dann hat er dich nach oben getragen und in ein heißes Bad
versenkt. Wie lange du darin geblieben bist? Ich weiß es nicht mehr, ich weiß
nur noch, daß Adrien ständig zu seiner Mutter sagte: ›Ganz ruhig, Mama, ganz
ruhig! Sobald sie gar ist, können wir essen.‹ Schließlich hatten wir Hunger,
ich jedenfalls. Und du kennst mich ja, du weißt ja, wie so ein alter
Kotzbrocken ist, wenn er Hunger hat … Ich wollte gerade den Befehl geben, ohne
euch zu Tisch zu gehen, als du herunter kamst, mit nassen Haaren und schüchternem
Lächeln in einem alten Bademantel von Suzanne.
Dieses Mal waren deine Wangen rot, rot, rot.
Beim Essen habt ihr uns dann erzählt, daß ihr euch in der Kinoschlange für
Ein Sonntag auf dem Lande getroffen habt und nicht mehr reingekommen seid und daß
dir Adrien, der Aufschneider – das liegt in der Familie –, genau das
vorgeschlagen hat, einen Sonntag auf dem Lande, dort vor seinem Motorrad. ›Das
ist ein einmaliges Angebot‹, hatte er gesagt und du hattest eingewilligt, was
deinen fortgeschrittenen Zustand der Erfrierung erklärte, da du in T-Shirt und
Regenjacke aus Paris weggefahren warst. Adrien verschlang dich mit den Augen,
was nicht ganz einfach für ihn gewesen sein muß, denn du hieltest die ganze
Zeit über den Kopf gesenkt. Ein Grübchen war zu sehen, wenn er von dir sprach,
wir stellten uns daher vor, daß du uns anlächelst. Ich erinnere mich auch
noch, daß du ausgefallene Turnschuhe anhattest …«
»Gelbe Converse, stimmt!«
»Natürlich stimmt’s. Darum – du kannst gerne über die Turnschuhe
schimpfen, die ich Lucie gekauft habe. Ach ja, das muß ich ihr noch erzählen.
Hör nicht auf sie, mein Schatz, als ich deine Mutter kennengelernt habe, trug
sie gelbe Turnschuhe mit roten Schnürsenkeln.«
»Du erinnerst dich noch an die Schnürsenkel?«
»Ich erinnere mich an alles, Chloé, an alles, hörst du? Die roten Schnürsenkel,
das Buch, das du am nächsten Tag unterm Kirschbaum gelesen hast, während
Adrien an seiner Maschine herumschraubte.«
»Wie hieß es?«
»Garp und wie er die Welt sah, stimmt’s?«
»Genau.«
»Ich weiß noch, daß du Suzanne angeboten hast, die Treppe zu dem alten Keller
vom Gestrüpp zu befreien. Ich erinnere mich noch an die begeisterten Blicke,
die sie dir zuwarf, als sie sah, wie du dich mit den Brombeersträuchern
abgerackert hast. Darin stand in blinkender Leuchtschrift ›Schwiegertochter?
Schwiegertochter?‹ zu lesen. Ich bin mit euch zum Markt von Saint-Amand
gefahren, du hast einen Ziegenkäse gekauft, und wir haben vor Ort einen Martini
getrunken. Du hast einen Artikel gelesen, ich glaube über Andy Warhol, während
wir uns am Flipper ausgetobt haben, Adrien und ich.«
»Nicht zu fassen, wie kommt es, daß du dich an das alles erinnerst?«
»Ähh – ich will mich damit nicht brüsten – es war eins der wenigen Male,
daß wir etwas gemeinsam hatten.«
»Du meinst, du und Adrien?«
»Ja.«
»Ja.«
Ich stand auf, um den Käse zu holen.
»Nein, nein, keine neuen Teller, das ist nicht nötig.«
»Doch doch, ich weiß, daß du es haßt, den Käse vom gleichen Teller zu
essen.«
»Daß ich es hasse? Ach ja – so ist es – noch so ein Spleen von diesem
alten Kotzbrocken, nicht wahr?«
»Äh, ich glaube schon.«
Mit einer Grimasse hielt er mir den Teller hin.
»Biest.«
Grübchen.
Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Hanser-Verlag