Im Wald der Metropolen von Karl-Markus Gauß, 2010, ZsolnayKarl-Markus Gauß

Im Wald der Metropolen
(Leseprobe aus: Im Wald der Metropolen, Reisebuch, aus dem 1. Kapitel, 2010, Zsolnay).

Der Grimassierer von Beaune

Den ärgsten Grimassierer meines Lebens habe ich in

Beaune gesehen. Der Ort sei von Touristen überlaufen,

hatte uns ein Tourist gewarnt, der glaubte, wir würden

seine Selbsttäuschung teilen und uns, bloß weil wir auf

eigenen Wegen und nicht nach dem Pauschalangebot eines

Reisebüros

unterwegs waren, für Nomaden der Moderne

halten. Der Hass des Touristen auf den Touristen

ähnelt dem des Provinzlers auf den Provinzler, er gebiert

kuriose Selbstentwürfe, von denen der Abenteurer mit

der Kreditkarte einer der apartesten ist. Man begegnet

ihm überall, in der Wüste und im Hochgebirge verursacht

er abenteuerliches Gedränge, und seine Flotte pflegt über

entlegene Inseln im Pazifik, die ihm alleine bekannt sind,

herzufallen. Wir hatten nicht vor, in Beaune, einem von

Touristen überlaufenen Ort, zu übernachten. Aber als wir

das berühmte Hôtel-Dieu besichtigt hatten, machten wir

uns doch auf die Suche nach einem Quartier in dieser

großen kleinen Stadt.

Was der burgundische Kanzler Nicolas Roulin und

seine Gemahlin Guilon de Salins beabsichtigten, als sie

1443 das Hôtel-Dieu errichten ließen, war nach den Worten

des Kanzlers nichts anderes, als ihre Seele mit einem

mildtätigen Werk für die Ewigkeit zu retten. Mehr als

sechshundert Jahre diente das Hôtel-Dieu, großzügig angelegt

über alles bekannte Maß hinaus, als Krankenhaus

der Armen, die hier medizinische Behandlung wie religiösen

Beistand erfuhren. Der gotische Krankensaal ist

fünfzig Meter lang und vierzehn Meter breit, an den beiden

Längsseiten stehen Betten, aus denen die Kranken

auf die Kapelle und den Altar, die die Stirnseite des Saales

beschließen, blicken konnten, sodass sie sich nicht vom

Krankenlager erheben mussten, um der Heiligen Messe

beizuwohnen.

Der Saal wird von einem prächtigen Spitzbogen überwölbt.

Das Interessanteste an der eleganten Deckenkonstruktion

sind die hölzernen Querbalken, die aus dem

Rachen speiender Drachen zu ragen scheinen und mit

possierlichen Gesichtern versehen sind, denen wiederum

groteske Tierköpfe gegenübergesetzt wurden. Die

Gesichter

waren bekannten Bürgern von Beaune nachempfunden,

und die Tierköpfe, von denen jeder einem

bestimmten der einfältig grinsenden Bürgergesichter zugeordnet

ist, sollten etwas über den Charakter derer verraten,

die hier wie für alle Zeiten in ihrer Lasterhaftigkeit

gezeichnet wurden. Wir staunten über die kluge Funktionalität,

mit der der Krankensaal seinem medizinischen

Zweck entsprechend ausgestattet wurde, über die spirituelle

Kraft, auf die er, der sich auf den Altar hin ausrichtet,

bezogen ist; doch am allermeisten staunten wir, in einem

Bauwerk, das doppelt ernstem Zweck gewidmet war,

der Heilung des Körpers, der Erlösung der Seele, solchen

Aberwitz zu finden, wie er sich über den Kranken in der

Holzkonstruktion des Gewölbes manifestierte, solchem

Spott, der den wohlhabenden Leuten von Beaune, die

das ihre zur Ausstattung und zum Unterhalt des Hospizes

beizusteuern hatten, zweifach zuteil wurde: in Form ihrer

zum Lachen, zum Verlachen dummen Gesichter – und in

jener der Tierköpfe, die ihren Geiz, ihre Gier, Beschränktheit

und Gemeinheit bloßstellten.

Unter diesem Gewölbe sah ich ihn zum ersten Mal. Er

hatte seinen Blick nicht nach oben gerichtet, er ahnte

nicht, dass es dort etwas, vielleicht sogar ihn selber zu entdecken

gab. Er ging im Tross, wie im Hôtel-Dieu jeder

im Tross zu gehen hat, er folgte den anderen, und ich

folgte ihm, aus dem Krankensaal in den Ehrenhof, von

dem sich uns der beste Blick auf das weitverzweigte Bauwerk

bot, auf die bunten Dachziegel, die mit Schnitzereien

verzierten Dachluken, die Schieferplatten, und an

dessen Rand ein Brunnen mit filigranem schmiedeeisernem

Zierrat steht; ich folgte ihm, der anderen folgte, vom

Ehrenhof in den kleineren Saal Saint-Hugues, in dem

einst die Kranken und Alten untergebracht waren, die

längerer Pflege bedurften, von dort in den Saal Saint-

Nicolas, in dem die Todkranken und Sterbenden ihrem

Ende entgegensahen, wir waren zusammen in der Apotheke,

der Küche, den Räumen, in denen die Alltagsgeräte

längst vergangener Tage ausgestellt werden.

Er war etwa so alt wie ich, drahtig, mit einem kantigen

Gesicht, hatte kurzgeschorenes Haar und einen kuriosen

Bart, der als dünner weißer Strich von der Unterlippe

zum Kinn herunterführte, wie eine schmerzende

Kerbe. Er schien aufmerksam bei der Sache, zeigte einer

neben ihm stehenden Frau mit ausgestrecktem Arm etwas

an der Fassade, verzog bald für ein paar darüber er

schreckende Kinder schmerzhaft das Gesicht, als sie vor

einer Amputationsschere, einem Ausstellungsstück des

achtzehnten Jahrhunderts, standen, gesellte sich dann einer

Gruppe von Männern zu, die sich im Hof ihre Zigaretten

angezündet hatten.

Abends sah ich ihn wieder. Wir waren, nachdem wir

das Hôtel-Dieu verlassen hatten, durch die Stadt flaniert

und aus dem Kreis geraten, den die alte, fast vollständig

erhaltene Stadtmauer um das Zentrum beschreibt. Die

Place Madeleine ist quadratisch und wird von Platanen

gesäumt, dort fanden wir die Auberge Bourguignonne,

die hinter einem unverputzten Mauerwerk, das Abertausende

helle Steine sehen lässt, ein kleines Hotel und ein

Restaurant birgt. Als wir kurz nach acht Uhr abends den

Speisesaal betraten, war er fast vollständig besetzt. Nach

französischer Sitte standen die Tischchen eng aneinander

gerückt, gerade dass ein schmaler Abstand zwischen ihnen

die symbolische Grenze markierte. Wer hier Platz

nimmt, grüßt die Leute nicht, die am Nebentisch sitzen,

er hört nicht, was sie, die nicht mehr als einen halben Meter

neben ihm sitzen, sprechen, nie würde er in ihr Gespräch,

in ihr Revier eindringen, wie sie wiederum ihn

nicht hören und gleichmütig bei ihrer Sache bleiben, was

immer er im Übrigen an seinem Tisch tut. Auf dieser

Übereinkunft gründet die Kultur der französischen Restaurants,

der Bistros, die mit Tischen und Stühlen vollgeräumt

und dennoch kein Ort der Intimität sind.

Der Mann mit dem scharf gezogenen Bartstrich war

der einzige Alleinesser des Restaurants, das sah ich, noch

bevor wir selber Platz genommen hatten, und was es bedeutete,

wusste ich auf vegetative Weise bereits, ehe ich es

mir in seinen erschreckenden Möglichkeiten vorgestellt

hätte. Er saß vielleicht vier Meter schräg links von mir

entfernt, wenn ich an der rechten Schulter meiner Frau

vorbeisah, schaute ich ihm ins Gesicht, über das eine

unaufhörliche

Bewegung lief und in dem sich die verschiedensten,

nur schwer zu deutenden Gefühlsregungen

abbildeten. Er war, als wir mit der Vorspeise begannen,

schon mit dem Hauptgang beschäftigt, aber mehr

damit, irgendjemanden zu finden, der ihn aus dem Zwang,

alleine zu essen, befreien hätte können. Der Alleinesser

wusste nicht um die symbolische Grenze, die es in einem

Restaurant wie diesem zu wahren gilt, er meinte, die

räumliche Nähe als Aufforderung zur Kameraderie verstehen

zu dürfen. Anfangs probierte er es mit dem links

von ihm sitzenden Paar, offenbar Bewohnern von Beaune,

die wenig Neigung zeigten, sich von dem Fremden neue

Sitten weisen zu lassen. Unwirsch reagierten sie auf seinen

Versuch, mit ihnen über die aufgetragenen Gerichte

ins Gespräch zu kommen, gerade noch dass sie wenige

Worte erwiderten, dann brachen sie die Unterhaltung ab

und ließen es sich nicht verdrießen, neben ihm zu sitzen

und ihn nicht zu beachten. Der Mann kam, wie wir nach

und nach erschlossen, aus Holland, sein Französisch klang

passabel, sein Deutsch, mit dem er die Touristen rechts

von ihm ansprach, nicht minder. Die zwei Deutschen,

eine elegante Frau von vielleicht fünfzig Jahren und ein

großgewachsener, zur Fülligkeit neigender Mann, der

acht oder zehn Jahre jünger sein mochte, ließen sich von

ihm in einen Austausch der Urteile über Küche und Hotellerie

von Frankreich verlocken, wurden dann aber einsilbig,

nicht nur was das Gespräch mit dem Nachbarn,

sondern auch ihr eigenes betraf, von dem sie jetzt nicht

mehr sicher sein konnten, dass es nur das ihre war. Sie

verließen das Lokal vor allen anderen Gästen, ihr Gruß

an den Mann, der sich zu gerne als ihr Begleiter durch

den Abend im Restaurant bewährt hätte, fiel knapp aus,

wie es zwei Flüchtenden geziemt.

Jetzt sitzt er alleine, er sucht sich mit irgendetwas zu

beschäftigen, prüft zum wiederholten Male die Weinflasche,

fraternisiert mit dem Kellner, blickt hilfesuchend

im Raum herum, begierig, auf einen, einen einzigen Blick

zu treffen, der dem seinen nicht auswiche, doch er findet

keinen, er bleibt in der Öffentlichkeit dieses Restaurants

ganz mit sich alleine, und so oft er das in seinem Leben

schon gewesen sein mag, er scheint sich immer noch nicht

daran gewöhnt zu haben. Als ihm das Dessert aufgetragen

wird, spricht er bereits vor sich hin und in die dichte

Leere des Raumes hinaus, er reckt sich, mit ruckartigen

Bewegungen, bald auf die eine, bald auf die andere Seite,

dann nach vorne über den halben Tisch, von dem er wieder

zurückschnellt, dass die Lehne seines Sessels kracht.

Dann zieht eine ungeheuerliche Veränderung über sein

Gesicht, das bis jetzt alle paar Sekunden den Ausdruck

verändert hat und in dauernder Bewegung gewesen ist.

Mit einer gewaltigen Anstrengung spannt er schier alle

Muskeln seines Gesichtes an, dass es in einer erschütternden

Grimasse erstarrt. Das kantige Kinn ist auf die Brust

gedrückt, sodass unter ihm die Wülste des Halsansatzes

hervorquellen, die Lippen, wie im Krampf aufeinander

gepresst, verschließen fest den Mund, von der Oberlippe

führt zu beiden Seiten eine wie ins Fleisch geschnittene

Falte zum Kinn hinunter, das sich zu blähen scheint und

sondern auch ihr eigenes betraf, von dem sie jetzt nicht

mehr sicher sein konnten, dass es nur das ihre war. Sie

verließen das Lokal vor allen anderen Gästen, ihr Gruß

an den Mann, der sich zu gerne als ihr Begleiter durch

den Abend im Restaurant bewährt hätte, fiel knapp aus,

wie es zwei Flüchtenden geziemt.

Jetzt sitzt er alleine, er sucht sich mit irgendetwas zu

beschäftigen, prüft zum wiederholten Male die Weinflasche,

fraternisiert mit dem Kellner, blickt hilfesuchend

im Raum herum, begierig, auf einen, einen einzigen Blick

zu treffen, der dem seinen nicht auswiche, doch er findet

keinen, er bleibt in der Öffentlichkeit dieses Restaurants

ganz mit sich alleine, und so oft er das in seinem Leben

schon gewesen sein mag, er scheint sich immer noch nicht

daran gewöhnt zu haben. Als ihm das Dessert aufgetragen

wird, spricht er bereits vor sich hin und in die dichte

Leere des Raumes hinaus, er reckt sich, mit ruckartigen

Bewegungen, bald auf die eine, bald auf die andere Seite,

dann nach vorne über den halben Tisch, von dem er wieder

zurückschnellt, dass die Lehne seines Sessels kracht.

Dann zieht eine ungeheuerliche Veränderung über sein

Gesicht, das bis jetzt alle paar Sekunden den Ausdruck

verändert hat und in dauernder Bewegung gewesen ist.

Mit einer gewaltigen Anstrengung spannt er schier alle

Muskeln seines Gesichtes an, dass es in einer erschütternden

Grimasse erstarrt. Das kantige Kinn ist auf die Brust

gedrückt, sodass unter ihm die Wülste des Halsansatzes

hervorquellen, die Lippen, wie im Krampf aufeinander

gepresst, verschließen fest den Mund, von der Oberlippe

führt zu beiden Seiten eine wie ins Fleisch geschnittene

Falte zum Kinn hinunter, das sich zu blähen scheint und

von dem weißen Strich des Bartes gespalten wird. Die

Nasolabialfalten ziehen von den aufgebogenen Nasenflügeln

wie zwei große geschwungene Schnitte zum Mund,

wo sie sich mit den zum Kinn führenden Schnitten vereinen.

Die Nase selbst ist auf so gewaltsame Weise gerümpft,

dass ihre Wurzel mit den schmerzhaft zusammengepressten

Augenlidern einen einzigen verformten

Wulst bildet, auf dem eine Unzahl von kleinen, krähenfußartigen

Falten geradezu hervortritt.

Ich bin Zeuge eines psychischen Elementarereignisses,

eines grandiosen Schauspiels der malträtierten Natur, es

ist völlig ruhig geworden im Raum, kein Scheppern von

Geschirr und Besteck, kein Lachen oder Gläsergeklirre,

und in dieser Stille glaube ich die Muskeln des Alleinessers

zu hören, wie sie an ihrer Verkrampfung arbeiten,

das Knirschen der Zähne, sein Keuchen der Anstrengung,

welche ihm das Theater, in dem er sich selbstvergessen

zur Schau stellt, bedeutet.

Ein derart dramatisches Gesichtsspiel habe ich noch

nicht gesehen, auch nicht als Kind, wenn wir an verregneten

Ferientagen unsere Weltmeisterschaft im Grimassenschneiden

veranstalteten und die Kinder der Gegend sich

abmühten, einander im Grimassieren zu übertreffen. Das

ganze Gesicht des Alleinessers scheint zugleich aufgebläht

und zusammengedrückt, von einer immensen Kraft

verformt zu werden. Der Ausdruck, zu dem er in dieser

Grimasse erstarrt, ist vieldeutig, es ist der Ausdruck namenloser

Verzweiflung, aber auch der eines in sich verschlossenen

Hochmuts, und obwohl er, der vorher so unruhig

war, jetzt reglos wie hingegossen sitzt und kein

Zucken mehr das versteinerte Gesicht belebt, kommt mir

vor, er würde alle paar Augenblicke die Miene verändern,

sodass ich einmal glaube, er grinse, dann wieder, er weine,

einmal glaube ich die Bösartigkeit selbst, dann wieder den

reinen Schmerz vor mir zu sehen.

Was grimassierst du so entsetzlich, fragte mich meine

Frau. Hört sie mich telefonieren, weiß sie wegen meines

charakterlosen Hanges zur Imitation meist, mit wem ich

spreche und wessen Tonfall, Redegeschwindigkeit, Dialekt

ich unbeabsichtigt angenommen habe. Obwohl ich

nie zuvor jemanden erlebt habe, der sich so hemmungslos

an eine Grimasse verloren hat, war ich mir doch sicher,

dass ich die Grimasse selbst bereits kannte. Ich kam aber

an diesem Abend so wenig wie an den folgenden dahinter,

was es damit für eine Bewandtnis hatte.

Rezension I Buchbestellung III10 LYRIKwelt © Zsolnay