aus: Der Flug der Brieftaube
- Mein lieber Eugenio, hatte Choisy-Legrand zu ihm gesagt, nachdem er zur Begrüßung hatte wissen wollen, ob er am Vorabend der letzten Aufführung von La Forza del Destino beigewohnt habe, worauf Eugenio, seines Entschlusses eingedenk, erwiderte, ihm gefielen nur einfache Lieder, und leitete zu einer langen Erklärung über, in der er auf die Begleitfunktion der einfachen, sich wiederholenden Melodien hinwies, auf ihre Rolle als Trostspender, wenn jemand weit weg von zu Hause war, auf ihre Macht, die bewirken konnte, daß man auch einmal Dinge sagte, die man sonst nicht zu gestehen wagte -, mein lieber Eugenio, ich möchte Sie bitten, wenn Sie nichts dagegen haben, Ende des Monats nach China zu fahren - auf Kosten der Zeitung, versteht sich. Panisch hatte Eugenio zunächst abgelehnt, weil China ihn Punkt a nicht im mindesten interessiere und ihm Punkt b die völlige Nutzlosigkeit jeder Reise aufgegangen sei, dies, sagte er zu Choisy-Legrand, gehöre zu seinen jüngsten Entscheidungen, wie auch diejenige, mit dem Schreiben aufzuhören übrigens, fügte er hinzu, möchte ich von nun an nach Möglichkeit nur noch Interviews machen und keinen einzigen Hintergrundartikel mehr schreiben. Das trifft sich ja ausgezeichnet, fuhr Choisy-Legrand fort, wie um ihn zu necken, ich möchte nämlich, daß Sie nach China reisen, um etwas zu schreiben. Allmählich wurde es ein wenig viel. In zwei Sätzen trug Choisy-Legrand ihm an, seinen zwei wesentlichen Entschlüssen untreu zu werden. Was würde er denn als nächstes von Eugenio verlangen? Zwölf Stunden am Tag Verdi und Puccini zu hören und nie wieder Eddy Mitchell und Jacques Dutronc? Keine Sorge, Sie sollen nur ein paar Artikel schreiben, sonst nichts, sagte Choisy-Legrand mit einem Lächeln. Bedauerlicherweise für Ihre jüngste Entscheidung allerdings eher Hintergrundartikel', wie Sie sie nennen, keine Interviews. Sehen Sie, fügte er hinzu, ich halte Sie für einen gewissenhaften Journalisten und einen sorgfältigen Schriftsteller doch, doch, leugnen Sie es nicht und hören Sie mir gut zu: denn zuerst will ich Ihnen den offiziellen Grund für Ihre Reise erläutern. Danach tat Choisy-Legrand einen kräftigen Zug an seinem Zigarillo und blies den Rauch wieder aus. Er quoll allseits über seinen Sessel, schwitzte reichlich und tupfte sich zwischendurch die Stirn mit einem Taschentuch aus feinem Batist. Sie sollen also, sprach er weiter, eine Handvoll Artikel über einige Hochburgen der Kultur in China schreiben, wir werden diese Artikel selbstverständlich in der Zeitung veröffentlichen schließlich müssen wir ja Ihr Gehalt rechtfertigen, nicht wahr? So nimmt auch Ihre Entscheidung, mit dem Schreiben aufzuhören, nicht wirklich Schaden: Sagen Sie sich einfach, Sie tun nur Ihre Arbeit, und Schluß. (Er hatte das in einem endgültigen Ton gesagt.) Und nun zum eigentlichen Grund Ihrer Reise: Sie werden in China vier Personen aufsuchen, drei in Peking und eine in Xian, deren Namen und Adressen ich Ihnen gleich gebe. Diese vier Personen sprechen alle französisch; da sie Ihnen aber bestimmt andere Kontakte vermitteln werden, müssen Sie sich während Ihres Aufenthalts mit Sicherheit auch auf englisch verständigen was doch kein Problem für Sie darstellt, oder? Ehrlich gesagt, es handelt sich um eine kleine Ermittlung. Sie werden also die Städte Peking und Xian besuchen und sich zu einigen der berühmten historischen und kulturellen Stätten Chinas begeben. Vor allem aber werden Sie fragen und forschen. Die Personen, die ich Ihnen nennen werde, sind vertrauenswürdig. Sprechen Sie, soweit es sich machen läßt, mit niemand sonst, man kann nie wissen. Eugenio hatte schweigend zugehört. Ablehnen konnte er nicht, das ging aus Choisy-Legrands Tonfall zur Genüge hervor. Er wartete, was weiter käme, doch es kam nichts. So war er es, der fragte: Viel haben Sie mir nicht verraten. Um welche Art von Ermittlung handelt es sich denn? Und warum fahren Sie nicht selbst? Choisy-Legrand atmete tief durch und erwiderte: Es geht um meine Tochter, sie ist verschwunden. Hier ist ein Photo von ihr. Zwischen ihr und mir hat es oft Spannungen gegeben. Unvereinbarkeit der Charaktere sozusagen. Sie lebt seit zwei Jahren in China. Ich habe nicht einmal ihre Anschrift, ich schicke meine Briefe an eine Postfachadresse. Unser Verhältnis ist also sowohl ein gespanntes als auch ein entspanntes, wenn Sie verstehen, was ich meine. Deshalb kann ich auch unmöglich die Botschaft einschalten, denn vielleicht ist ihr ja gar nichts Außergewöhnliches zugestoßen, vielleicht mag sie nur nicht mehr auf meine Briefe antworten. Dies herauszufinden, wird Ihre Aufgabe sein. Ich selbst kann nicht fahren, erstens, weil wir denselben Namen tragen, was sich als Nachteil erweisen könnte, falls ihr Verschwinden doch kein freiwilliges ist, und zweitens wegen meiner gesundheitlichen Probleme. Aber Achtung, fügte er hinzu, Sie sind weder Philip Marlowe noch Clark Kent. Ich habe Vertrauen zu Ihnen, das ist alles. Seien Sie vorsichtig. Vielleicht gelingt es Ihnen, an einige Informationen zu kommen, es müßte für Sie etwas leichter sein als für meine chinesischen Freunde. Die meisten von ihnen werden seit einigen Jahren weitgehend überwacht.
Rezension I Buchbestellung 0I02 LYRIKwelt © Manholt-Verlag