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Neuerscheinung
(Leseprobe aus: Neuerscheinung, Roman,
2009, Scherz).
Ich und Bettina
Mein Leben bestand aus reiner Routine: keinerlei Aufregungen, keinerlei Herausforderungen, keinerlei Überraschungen. Aber das sollte sich ändern. Ich stand kurz davor, die Welt aus den Angeln zu heben. So was wie die Entdeckung Amerikas oder die Erfindung der Antibabypille. Nicht mehr und nicht weniger. Aber der Reihe nach.
»Paul Elmar?«
Bettinas Stimme donnerte aus der Küche, während ich mich vor dem Badezimmerspiegel rasierte.
»Paul Elmar?!!«
Am Anfang unserer Beziehung sprach sie mich nie mit meinem Namen an. Sie benutzte nur die üblichen Koseworte, mit denen Frischverliebte versuchen der Realität zu entfliehen, um sich den Hauch des Außergewöhnlichen zu geben. Ein neckisches Spielchen, mit wirbelnden Hormonen und kompletter Ausblendung der Wirklichkeit. Aber schon nach wenigen Wochen heftigsten Turtelns wich auch bei uns dem Schatzi, Hase, Bärchen, Schnuffel und Hörnchen (weiß der Teufel, wie sie auf Hörnchen kam), ein ganz und gar ernsthafter und ausgewachsener ›Paul‹. Es dauerte ein halbes Jahr, und Paul bekam den Zusatz, den auch mein Personalausweis als vollständigen Namen angab: Paul Elmar. Allerdings immer nur dann, wenn es ernst wurde. Sehr ernst.
»Paul Elmarrr!!!«
Bettina meinte es ernst, richtig ernst. So ernst, dass das Elmar-R über einen viel zu langen Zeitraum schnarrte, als müsste es sich bis ins Badezimmer frsen, um mich direkt vor dem Spiegel zu vierteilen.
An diesem Morgen schnarrte das Elmar-R heftiger als bei unseren routinemäßigen Auseinandersetzungen. Es war etwas Wertendes drin, es ging um Elementares, möglicherweise sogar Existenzielles.
Nicht im Sinne von lebensgefährdend, mehr im Sinne von ... – ach, was weiß ich, so genau kann selbst ich das Elmar-R über so weite Distanzen nicht exakt analysieren. Diese Stimme hatte in jedem Fall nichts, aber auch rein gar nichts Positives.
»Paul Elmarrrrrrrrrrrrrrrrr?!«
Die vergessenen Socken waren es nicht, die grüne Tonne auch nicht, die stand abholbereit vor der Tür, und irgendwelche verpassten, verdrängten oder einfach nur lästigen Termine waren es ebenfalls nicht. Da war ich mir sicher. Wegen solcher Lappalien schnarrt das Elmar-R nicht so dermaßen lange und unerbittlich.
Bettina hätte mich wenigstens anschauen können, als ich in die Küche kam. Stattdessen schlug ihre Hand auf die Zeitung.
»Da!«
Ich nickte, weil ich wusste, dass es nichts zu sagen gab und sie ein Nicken erst dann zur Kenntnis nehmen konnte, wenn sie mich ansah. Aber Bettina sah mich nicht an. Sie schlug. Die Zeitung hatte eine Menge auszuhalten an diesem Morgen.
»Da!«
»Wo?«
»Da!«
Ich hatte längst begriffen.
»Das gibt’s doch nicht, wie kann man ... wie, ich fass es nicht, das ist doch ... Paul Elmar?«
Bettina hatte diese unnachahmliche Fähigkeit, die Betroffenheit der ganzen Welt und ihre eigene Fassungslosigkeit in ein Konglomerat aus Satzbruchstücken zu packen, ohne dadurch auch nur ein klitzekleines bisschen an Aussagekraft zu verlieren. Ich wusste, was sie meinte, und sie wusste, dass ich es wusste. Wir waren inzwischen an dem Punkt angelangt, wo man sich versteht, ohne etwas zu sagen.
Im Buddhismus bekommt man da schon die ersten Treuepunkte. In einer Ehe ist das anders, jedenfalls solange man sich noch etwas zu sagen hat.
»Was soll ich sagen?«, entgegnete ich. Wohl wissend, dass Bettina mir gleich sagen würde, was ich zu sagen hätte. Auch das ergibt sich, wenn man es lange genug miteinander aushält.
»Deine Zeitung!«
Es war nicht meine Zeitung. Ich arbeitete für diese Zeitung. Ich war ihr Lokalredakteur.
»Wie kann man so einen Mist ... ihr seid doch sonst ... das ist doch ... da muss doch einer ...«
Bettinas Wangen glühten fast so, wie bei unserem allerersten Treffen. Nur dass diesmal keinerlei erotische Vorfreude hinter ihrem Glühen stand.
»Tja«, murmelte ich und versuchte einen interessierten Blick auf die Zeitung zu simulieren.
»Tja?«
»hm...«
»Tja? Weißt du, was das ist?«
Mein Gesicht war ein perfekt inszeniertes Fragezeichen.
»Das ist ...«
»Scheiße?«
»h ... genau!« Endlich schaute Bettina mich an, verwundert, irritiert, aber höchst konzentriert.
»Wie ist dieses ... Zeug in euer Blatt gekommen?«
»Du, h ...«
»Da muss man sich doch mal vorher Gedanken machen. Liest das keiner vorm Druck?«
»Ich, h ...«
»Man hat doch Verantwortung. Für die Leser. Und überhaupt!«
»Puh, h, was genau meinst du eigentlich?«
»Was ich meine?« Bettinas Blick machte Platz für das gesamte Spektrum an Fassungslosigkeit, das einer Mitarbeiterin der Katholischen Weiterbildungsstätte östliches Westfalen widerfahren kann. Und das ist eine ganze Menge Fassungslosigkeit.
»Was ich meine?«
Die Wiederholung eines Satzes ist nicht gerade souverän, aber das darf man keinem sagen, den man mag.
»Ich meine diesen ... Schrott hier: Die Messias! Geht’s noch?!«
Eben noch hatte ich es nur geahnt. Jetzt wusste ich es. Bettinas Wut richtete sich gegen unsere neue Fortsetzungsgeschichte, die im überregionalen Teil »meiner« Zeitung von nun an erscheinen sollte.
»Was soll das sein, Paul? Sakrileg für Arme? Geht es euch schon so schlecht, dass ihr so was ... in deiner Zeitung ...«
»Ich weiß nicht, so schlimm finde ich das jetzt eigentlich ...«
»Wenn das fortgesetzt wird, dann kündige ich deine Zeitung. Echt!«
»Wir kriegen sie doch umsonst«, erklärte ich sehr vorsichtig.
»Na und, das ist noch zu teuer! Ich abonnier deine Konkurrenz!«
»Das Käseblatt?«
»Ja, das Käseblatt! So was würden die mir nie zumuten! Echt! Ich bin katholisch!«
»Ich doch auch.«
»Aber mich trifft so was.«
Mich nicht, dachte ich.
»Damit hat deine Zeitung anscheinend kein Problem!«
Ich auch nicht, streng genommen. Aber es war noch immer nicht meine Zeitung, es war nur meine Geschichte. Ich hatte Die Messias in die Welt gesetzt. Ich war ihr Vater. Paul Elmar Litten, 34 und leicht übergewichtig, Ex-Leistungsschwimmer und Ex-Single, Schriftsteller und Geheimnisträger. Denn wer diese Geschichte geschrieben hatte, wussten zu diesem Zeitpunkt nur zwei Menschen.
Bettina gehörte nicht dazu.
»Mensch, Paul, wer will denn so was beim Frühstück lesen: ›Der erste Geburtsabschnitt, die sogenannte Eröffnungsperiode kann bei Zwillingsgeburten etwas länger dauern als bei einer normalen Geburt ...‹«
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