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aus: Mangelland in Frauenhand
In der Redaktion häuften sich die Beschwerden über
Gretas Arbeit. Die ihr übertragenen Themen nannte sie Themen ohne Inhalt. Sie
hatte über Stadtbezirksversammlungen zu berichten, über FDGB-Veranstaltungen,
den Aufmarsch zum russischen Ehrenmal in Treptow.
Greta stellte Worthäufungen fest, die nicht ihrem Sprachgebrauch entstammten,
aber meist gedankenlos aufgenommen wurden. Es war alles kämpferisch, oder mit
heiligem Ernst, natürlich war das Volk alles! In Volksfesten, volksnah,
Volkstheater, nur Volksgenosse hütete man sich zu sagen. Dann gab es natürlich
Staatsakte und Volksaufmärsche! Aufmärsche mit einem Fahnenmeer, mit
Girlanden, Winkelementen, Fanfaren, Fackeln, und über allem Redner als
Volksbeschwörer! Hetztiraden gegen den Westen! Stärkung der Kampfkraft!
Großkampftag, oder Großkundgebung waren ebenso geläufig. Dann der Sieg! Natürlich
der des Sozialismus.
Die Vermittlung von hehrem Gedankengut! Das trichterten sie den Kindern schon in
der Schule ein! Der tiefschürfende Genius Lenin, oder früher auch Stalin! Die
Verherrlichung des Staatsmannes und gütigen Vaters, der die Kinder liebte, und
seine eigenen Kampfgefährten ermorden ließ! Und natürlich war die DDR ein
Garant des Friedens! Die Worte träufelten auf das Volk. Die Sprache war
einfach, um nicht zu sagen arm. Die steten Wiederholungen glichen einem Einhämmern.
Greta verschloß sich davor. So fehlte auch den politischen Meldungen, die sie
formulieren sollte, dieses Vokabular.
Als Gretas Kadergespräch anstand, auf dem ihr weiterer Berufsweg entschieden
werden sollte, sagte Jellineck eines Tages zu ihr. »Was erhoffen Sie sich von
diesem Gespräch. Glauben Sie, daß man Sie zum Jounalisten-Studium zuläßt?«
»Nun, ich denke, ich habe meine Feuerprobe in der Redaktion bestanden und im
Großen und Ganzen zur Zufriedenheit gearbeitet. Ich glaube, daß ich in diesem
Herbst mit meinem Studium beginnen kann«, antwortete Greta selbstsicher
lachend.
Jellineck sah sie lange an. Dann meinte er leise: »Greta, es tut mir leid,
haben Sie nicht zu viele Hoffnungen.
Dies ist das einzige, was ich noch für Sie tun kann. So können Sie sich
innerlich darauf einstellen. Übrigens hat dieses Gespräch zwischen uns nie
stattgefunden.«
Greta war wie vom Donner gerührt. Hatte sie nicht Talent und Wendigkeit
bewiesen? Wurden ihre Artikel nicht immer besser? Was sollte sie tun? Aber
immerhin wußte sie dank Jellineck, was auf sie zukam.
Am nächsten Tag sollte das Gespräch stattfinden. Greta stand früh auf. Sie
schminkte sich sehr sorgfältig. Ihre langen aschblonden Haare steckte sie hoch.
Sie zog ihr rotes Kleid an. Sie schlüpfte in ihre hochhackigen Schuhe. Schmuck
hatte sie keinen. Sie betrachtete sich im Spiegel und war mit ihrem Aussehen
zufrieden.
Als sie in der Redaktion den Raum betrat, in dem ihr Schicksal besiegelt werden
sollte, waren alle Beteiligten schon anwesend. Greta nahm auf einem der Stühle
Platz. Neben ihr saß Bernd Jellineck, ihr gegenüber Helga Paul und
Flaumrich.Neben ihnen Kaderleiter Ebertin und ein Fremder, den Greta nicht
einordnen konnte.
Helga Paul, die Greta die meiste Zeit über in der Redaktion als Vorgesetzte
begleitet hatte, eröffnete die Zusammenkunft. Greta betrachtete sie. Ihr etwas
zu kurzer Rock rutschte beim Sitzen hoch und ließ dickliche Beine sehen. Wie
hatte Irmchen sie doch bezeichnet? »Kleine fette Wachtel«. Greta blickte zu
Flaumrich. Der sah vor sich hin. Ich werde ihnen nicht gestatten, mich zu demütigen,
dachte Greta.
Helga Paul erörterte den Beruf des Journalisten in seiner politischen
Wirkungsweise und bemängelte Gretas mangelnden gesellschaftlichen Einsatz. »Außerdem
mußten wir leider feststellen«, fuhr sie fort, »daß unsere Kollegin
mangelhaft oder falsch recherchiert hat, wie die Protestbriefe unserer Leser
zeigten. Aus ihrem persönlichen Umfeld mußten wir erfahren, daß sie sich auch
in der Hausgemeinschaft sehr reserviert verhalten hat und nicht einmal zu den
staatlichen Feiertagen flaggt. Möchten Sie dazu etwas sagen?«, wandte sie sich
an Greta.
Die lehnte sich betont langsam in ihrem Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander.
Mit einem charmanten Lächeln sah sie Helga Paul an und sagte: »Sie haben
Recht.«
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