Der
Geschichtenverkäufer
(Leseprobe aus:
Der
Geschichtenverkäufer, Roman, 2002, Hanser - Übertragung
Gabriele Haefs).
Auf dem Weg durch
Aurlandsdalen kam mir ein Gedanke. Er war mir ganz neu und hing damit zusammen, daß ich
kurz zuvor im Club 7 einen jungen Autor kennengelernt hatte. Er war nur vier oder fünf
Jahre älter als ich. Ich hatte ihn zu einer Flasche Wein eingeladen, und wir hatten uns
einen ganzen Abend lang unterhalten. Er trug zwar eine fetzige John-Lennon-Brille, die
richtige Menge Haare und Bart und einen korrekt verschlissenen Cordanzug, aber er war noch
mindestens ebenso kindlich wie meine Altersgenossen, die Abiturienten. Ich zog eine Notiz
hervor, die ich mir früher an diesem Tag gemacht hatte, es handelte sich um drei oder
vier dicht beschriebene Seiten mit einem raffinierten Romansujet. Ich ließ ihn meinen
Text überfliegen, und er war begeistert. Er musterte mich neidisch, dann überschüttete
er meinen Entwurf mit wildem Lob. Was mich nicht überraschte: Ich wußte, daß die
Romanidee großartig war. Trotzdem machte es mir keine Freude, gelobt zu werden, schon gar
nicht von einem so jungen und unerfahrenen Autor; deshalb hatte ich ihm meine Notizen
nicht gezeigt. Wenn du den Wein bezahlst, kannst du die Idee haben, sagte ich. Er glotzte
mich an. Ich verspreche dir, niemandem zu erzählen, woher du sie hast, aber das kostet
dich den Wein und fünfzig Kronen. Er gab mir das Geld zurück, das ich bereits für den
Wein bezahlt hatte, und legte noch einen Hunderter dazu. Im Club 7 mußte der Wein bezahlt
werden, bevor die Flasche geöffnet wurde. Als ich das Geld einsteckte, entdeckte ich
Meter. Er stolzierte wütend zwischen den Tischen einher, fuhr vor unserem Tisch herum und
drohte mir mit dem Stock.
Heute ist der junge Mann mit der John-Lennon-Brille einer der führenden Autoren des
Landes, vor nicht allzu langer Zeit wurde sein fünfzigster Geburtstag gefeiert. Ich bin
ihm später noch viele Male begegnet, inzwischen fließen mir zehn Prozent der Honorare
aus seinen Buchverkäufen zu. Aber das wissen nur er und ich.
In Aurlandsdalen blieb ich lange vor einem großen Hexenkessel stehen, der Vetlahelvete
genannt wird, Kleine Hölle; hier ging mir zum ersten Mal auf, daß ich mir mit meinen
vielen Ideen vielleicht doch meinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Mit ihnen besaß
ich etwas, das vielen anderen nicht gerade zuflog. Ich war nicht eitel und wollte auch
nicht berühmt werden, aber ich brauchte Geld und hatte nicht vor, mir einen Sommerjob zu
suchen. Nach dem 15. September würde ich zudem über keinerlei Einkommen mehr verfügen,
das hatte mein Vater absolut klargestellt. Ich würde sicher studieren, hatte er gesagt,
und alle Studenten hätten Anspruch auf ein Studiendarlehen. Vater wußte nicht, daß ich
von einem Studiendarlehen niemals würde leben können, schon die Kosten für die
Mädchenbesuche sprengten den Rahmen dessen, was ich von der staatlichen Darlehenskasse
erwarten konnte. Wenn ich kein Geld hätte, könnte ich mich außerdem nicht mehr frei
bewegen. Diese Vorstellung sagte mir überhaupt nicht zu.
Meine plötzliche Eingebung streifte mich eigentlich nur kurz, so, wie Eingebungen eben
durch unser Bewußtsein jagen. Wenn ich es überhaupt erwähne, dann nur, weil ich so
genau Zeit und Ort des ersten Auftauchens meiner Idee nennen kann. Sie kam mir, als ich in
die Vetlahelvete hinunterstarrte. Ich weiß noch, daß ich sie gut fand, mehr noch: ich
hielt sie für eine Metaidee, eine Idee, die alle anderen Ideen, die ich je gehabt hatte,
umfaßte und ihnen den gebührenden Platz zuwies.
Heute läge es nahe, diese Wanderung durch Aurlandsdalen als Ausgangspunkt für meinen
Pakt mit dem Teufel zu betrachten.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Hanser