Der Ort der Heimat
(Leseprobe aus: Rachmaninow, Zeit der Musen, Zeit der Dämonen,
Roman, 2007)
Ein Prolog
Wenn Gott auf die Erde sehen will, dann schaut er durch das Auge des Falken herab.
Schwarzgelb ist dieses Auge, halbrund spiegelt sich die Welt darin und nichts kann ihm entgehen, nicht die geringste Kleinigkeit, keine noch so vorsichtige Bewegung bleibt ihm verborgen, nicht das Huschen der Maus, noch ihr Zittern, nicht der träge Lidschlag des kleinsten Reptils, noch der flinke Flug eines Sperlings im schützenden Strauch. Ausgebreitet die Schwingen im lautlos gleitenden Flug gleitet der Falke über das Land. Suchend und spähend kreist er, jederzeit bereit, herabzustürzen wie ein Stein und seine Beute mit den gelben, starken Fängen zu packen. Weithin und warnend gellt sein Ruf.
Ungeheuer weit, wie ein riesiger, bunt gewellter Teppich, breitet sich die Erde unter dem schwerelos Schwebenden aus, das Gelb der reifen Felder, das helle Grün der Wiesen, das Olivenfarbene der Wälder, das dunkelblaue Glitzern der Seen und Bäche, das Gelbgrau der staubigen Straßen und Wege, erhabene Ruhe ist überall, unbewohnt, menschenleer scheint die Landschaft, nur dort, wo die zwei mächtigen Linden ragen, steht wie verloren ein einzelnes Gehöft, und vom Horizont, wo weiße Wolken, aufeinander getürmt, dahintreiben, weht ein Lüftchen weich und sacht.
Da plötzlich, unter dem Raubvogel, klein, ein einzelner Mensch.
Der schmale Weg, auf dem der Mann geht, ist voller Staub und Spreu. Er nähert sich dem einsamen Gutshaus von den Feldern her und er läuft nicht schnell, eher bedächtig, zögernd, genussvoll; durch seine Hände, die er seitwärts ausstreckt, gleiten leise raschelnd die Rispen des hohen Grases. Er spürt ein angenehmes Kribbeln. Neben ihm, vor den Augen verborgen, zirpt eine Grille, hoch oben irgendwo über sich hört er den Schrei des Falken. Es riecht nach trockener Erde, nach wilden Blumen, trockenem Stroh und welkem Grün. Ein erhabenes Gefühl weitet die Brust des Mannes, noch niemals, so glaubt er jetzt beim langsamen Gehen, niemals zuvor, sei er so mit dieser Landschaft verbunden gewesen, niemals wie heute habe er sich wie ein Teil von ihr gefühlt, niemals habe er eine solch wilde Liebe zu aller Kreatur, sei es Pflanze, sei es Tier empfunden. Kräftigende Wärme hüllt ihn ein wie ein samtener, duftender Mantel. Die Mitte des Sommers ist gekommen. Die schönste, die üppigste Zeit des Jahres. Auf den meisten Wiesen ist die Heuernte bereits eingebracht, man hat gerade damit begonnen, den Roggen zu mähen.
Oh ja, wie reich zeigt sich um diese Jahreszeit die Natur. Überall diese prächtigen Blumen. Da ist das Weiß, das Rot und das Rosa der Kleeblüten; die wild wuchernden Margeriten mit ihrem goldgelben Auge in der Mitte und dem ihnen eigenen, würzigen Geruch; die nach Honig duftende Kresse, daneben die lieblichen Glockenblumen in Lila und Weiß; rankende Wicken und leuchtend blutroter Mohn, strahlend blaue, gegen Abend dunkler werdende Kornblumen und die nach bitteren Mandeln duftenden, schnell vergehenden Winden.
Und doch spürt der Mann in all diesem Reichtum zugleich auch die Wehmut des Abschieds. In manchen Gerüchen, die er wahrnimmt, auch in den Farben des Laubes, der Gräser, dem Kontrast von Sonnenlicht und Schatten, dem jäh auflebenden Wind, in all dem glaubt er schon die Zeichen des kommenden Herbstes zu erkennen. Ja, die stetig weiterrinnende Zeit ist doch die sonderbarste Erscheinung der Welt. Alles vergeht, nachdem es eben erst erschaffen, nichts ist von Dauer. Die Üppigkeit und die Vergänglichkeit sind Geschwister, wie Leben und Tod.
Der Mann ist stehen geblieben. Nach kurzem Zögern ist er ein paar Schritte vom Wege ab zwischen die hüfthohen Gräser der ungemähten prachtvollen Sommerwiese getreten, hat einen Strauß Blumen gepflückt, zwei grell gelbe Schmetterling sind vor ihm aufgeflogen und in taumelndem Hochzeitsflug in die luftblaue Höhe gestiegen, Fliegen und Käfer, ein paar wollige Hummeln summen vorbei. Der Blumenduft ist so intensiv, dass er die Nase reizt. Der Mann will schon weitergehen, da sieht er im Graben, vom Gras und vertrockneten Pflanzenresten halb versteckt, einen jungen, mit graublauem Flaum bedeckten Vogel. Er hockt, die dunklen Knopfaugen mit dem gelben Saum ängstlich aufgerissen, im Gras, und man weiß nicht, ist es Drossel, Ammer oder Lerche. Vorsichtig legt der Mann den Blumenstrauß nieder, kniet sich hin, tastet nach dem sich an den Boden pressenden kleinen Wesen. Ein unbestimmtes Mitgefühl, das warm in ihm aufsteigt, erfüllt ihn. Schnell zieht er ein großes kariertes Taschentuch hervor, ergreift das Nestjunge behutsam. Es fühlt sich in seinen Händen warm an und das kleine Herz pocht wie wild. Der Mann birgt es in dem Tuch und dann an seiner Brust, erhebt sich langsam, um weiterzugehen. Oh, beinahe hätte er den Blumenstrauß vergessen. Rasch nimmt er ihn auf.
Die Blumen wird er seiner Frau geben, denkt er, das Vögelchen ist für die Kinder. Er lächelt.
Die letzten Hundert Meter zu dem Gehöft führen über frisch gepflügtes Ackerland. Er geht den staubigen, leicht ansteigenden Weg entlang, der sich durch dieses dem Gut am nächsten gelegene Feld zieht. Das Feld dehnt sich zu beiden Seiten und nach vorn so weit aus, dass man ringsum nichts anderes sieht, als nur die gleichmäßig durchfurchte, nackte, geeggte, braunschwarze Erde. Man hat gründlich gearbeitet in diesem Jahr, sagt der Mann zu sich, die neuen Maschinen zeigen ihre Wirkung, nicht die Spur eines falschen Hälmchens ist zu entdecken. Aber mit einem Mal erfüllt den Mann ein aufkommender Unwille, und er fühlt nach dem Vögelchen an seiner Brust: Was sind wir doch grausam, wir Menschen! Warum vernichten wir alles, jedes Hälmchen, jeden Keimling, dulden kein Grünes neben unserer Saat, zerstören vielleicht auch die Eier von bodenbrütenden Vögeln (wieder fühlt er nach dem Vögelchen), nur um unser Brot, unseren Wohlstand geht es uns, ungefährdet zu sichern, den Anbau von Anfang an, ohne Störungen, gegen den Rest der Natur. Der Mann ächzt leise, schüttelt den Kopf.
Zu Hause angekommen, wird der junge Vogel in einen Käfig gesetzt. Die Kinder, zwei Mädchen von sieben und drei Jahren, vor Freude ganz außer sich, füttern ihn alle Tage mit einer Pinzette, tränken ihn mit einem kleinen Röhrchen. Jede Made, jeder Wurm, den sie vor dem Haus oder im Garten finden, auch Käferlarven und Fliegen, alles wird ihm angeboten und in ihn hinein gestopft. Nach ein paar Wochen schon sind dem Vögelchen die richtigen Federn gewachsen, Flaum und die gelben Schnabelränder verschwunden. Der Schnabel selbst, schwarz und spitz, glänzt wie es sich für eine junge Drossel gehört. Ja, das Vögelchen ist eine Drossel, das hat man in einem Buch gelesen und an Bildern erkannt. Aber ach, das eine Beinchen scheint verletzt. Das Tierchen kann weder hüpfen, noch richtig auf der Stange sitzen - die Arme. Traurig hockt sie am Käfigboden. Man hat ihr den Namen „Elsa“ gegeben. Aber trotz ihres Malheurs ist Elsa ganz zahm und zutraulich, sie lässt sich anfassen, vorsichtig streicheln ihr die Kinder über das seidige Gefieder.
Der Mann steht nachdenklich daneben. Plötzlich bedauert er, das Tier vom Feld mitgenommen zu haben. Gehört es nicht in die freie Natur. Hier, bei ihnen, ist es eingesperrt, obwohl satt und behütet, bleibt sie eine Gefangene. Doch, da ist das gebrochene Beinchen. Wäre sie nicht draußen in der Natur schnell die Beute eines Räubers geworden. Man versucht das Bein zu schienen, es gelingt nicht vollständig. Das Hinken, die Unbeholfenheit bleibt. Da wird endgültig beschlossen, die Drossel im Hause zu behalten, den Käfig stellt man auf eine der blau gestrichenen Fensterbänke.
Dort hockt sie nun, ein wenig schief auf ihrer Stange, starrt unverwandt in den Garten, und manchmal, am frühen Abend hört man sie schluchzende Töne singen. Sieht sie andere Vögel, hüpft sie aufgeregt hin und her. Das arme Vögelchen, unsere Elsa, ist sie nicht eine Fremde, denkt der Mann an solchen Abenden, ist sie nicht bei uns fremd, sehnt sie sich nicht nach draußen, zurück in die Freiheit, beschützt und genährt nur von der Gnade Gottes; aber ist sie nicht dennoch zugleich auch hier zu Haus, denkt er weiter, gehört sie nicht zu uns, die wir sie gepflegt und gefüttert haben, wäre sie nicht ohne uns verhungert und elend gestorben ...
Dieser Mann, der solches ein wenig wehmütig denkt, heißt Sergej Rachmaninow und wir schreiben den Sommer 1912.
Und er weiß nicht, wie er jetzt am Fenster seines Landhauses in Iwanowka steht, dass er in ein paar Jahren an diese Geschichte von der Drossel Elsa wieder und wieder denken wird, dann, wenn er selbst, älter, ja sogar alt geworden, fern seiner Heimat in der Fremde, hinter einem modernen New Yorker Klappfenster, das weite, herrliche Land, wo er aufgewachsen, wo er sich zu Hause gefühlt, wo er am glücklichsten und zufriedensten gewesen, sich nur noch aus dem Gedächtnis vorstellen kann ...
Wo ist man daheim? Kann es der Ort sein, wo man geboren wurde, oder ist es der, wo man sterben möchte. Oder gibt es ein Dazwischen? Ist es vielleicht jener Platz auf der Erde, den man mit geschlossenen Augen auf dem Globus zeigen kann? Wenn ihn ein Fremder fragte, wo denn dieses Paradies gelegen sei, so würde er ohne Zögern antworten: In Russland, 500 km südöstlich von Moskau, du musst abends um sieben Uhr Moskauer Zeit vom Pawelezker Bahnhof abfahren, dann umsteigen nach Rshaksa oder Koslow oder Tambow, das ist ganz gleich! Der Zug nach Kamyschin fährt ab Koslow über Tambow. In Rshaksa bist du dann um zwei Uhr, zehn Minuten Petersburger Zeit. Von dort geht es mit dem Pferdewagen oder einer robusten Droschke noch zwei Stunden über gewundene, unebne Wege - hier in Iwanowka gibt es keine besonderen Naturschönheiten wie auf den Postkarten, keine Berge, Schluchten oder gar ein Meer. Es gibt nur die Steppe und Wälder, aber diese Steppe - das ist wie ein grenzenloses Meer, ohne Anfang und ohne Ende, mit endlosen Feldern bestanden voller Weizen, Hafer, von einem Horizont bis zum anderen. Was ist die viel gepriesene Seeluft gegen die herrliche Steppenluft mit ihrem Aroma von Erde und allem, was hier wächst. Und dann das Landgut! Umgeben von seinem alten beinahe hundertjährigen Park. Wie ein Märchenschloss. Mit bunt bemaltem Holz verkleidet. Und die Obstgärten und der romantische kleine See mit seinem Schilf und der Insel darin. Ja, nur hier fließen ihm immer wieder die schöpferischsten Kräfte zu, hier nur kann er mit wahrer Lust und der Freude arbeiten, ob an seinen musikalischen Werken oder in der Wirtschaft des Gutes. Nein, es ist keine Stätte der Wunschlosigkeit, aber sie birgt für ihn den Kern des Glücks – denn, die einzig wahre Form irdischer Glückseligkeit liegt im tätigen Leben, liegt im Bewusstsein von Produktivität und Kraft. Und wenn man ihn einmal, nachdem er alt und fern dieses Ortes, fragte, wo er zu sterben wünscht, so müsste er sagen: „Ich weiß es nicht!“ Er weiß nur, wird er dann sagen, er hat einmal vor langer, gemessener Zeit im Paradies gelebt, und es wäre gleichgültig, ob dieser Augenblick 27 Jahre gewährt habe oder nur solange, wie man braucht, um die Lungen mit Luft zu füllen.
Rezension I Buchbestellung I home 0112 LYRIKwelt © Klaus Funke