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Kammermusik
(Bearbeiter Auszug aus der Novelle
"Kammermusik",
2001, Ferber Verlag/2004, Verlag die Scheune)
In der Lobby des Dresdner Nobelhotels, Kempinski, auf meinen Freund Bosel wartend, sah ich auf einmal einen Dresdner Bekannten, der eine Schar Gäste anführte, eine Gruppe Männer und Frauen, vielleicht sieben oder acht, die sich zuerst laut unterhielten, dann aber nach dem Betreten des fremdartig leuchtenden Raumes leiser geworden waren, und ich sah auf meinen Bekannten, wie auch der mich mit seinem Dresdner Konzertbesucherblick sofort erspäht hatte, und wir starrten uns an. Ich starrte ihn an und er mich, und ich sah ihn und seine Begleiter in teurer Landhausmode mit Hornknöpfen und gestickten Applikationen. Sie aber sehen mich in meinem alten schäbigen Anzug, einen östlichen Ureinwohner aus dieser Kunststadt, dachte ich, sehen mich armselig dastehen, diese Stadtbesucher aus dem Königreich Bayern und ich hörte ein deutliches „gema“, was von meinem Bekanntem kam, der sich also sprachlich seinen Gästen anpasste, eine typische mich immer wieder erregende Eigenart meiner Landsleute aus der Kunststadt, diese Sprachverschiebung, nämlich die Mundarten von Gästen und außersächsischen Bekannten und Verwandten nachzuahmen, sich sprachlich also zu degradieren und eine Hässlichkeit durch die andere auszugleichen. Dort, wo er als Dresdner doch einfach „kommt nor“ hätte sagen sollen, sagte er dieses „gema“ und er warf sich mundartlich in die Bayernkiste, biederte sich diesem gemeinen Bergvolk ekelerregend an. Und ich dachte, dass wir alle nur Anbiederer und Lakaienseelen hätten, dass wir in unserer sächsischen Gemietlichkeet und Freindlichkeet in Wahrheit nur Kriecher und Speichellecker wären, sprachlich instabil, mundartliche Nachäffer ohne Stolz; nur diese Dresdner Sachsen werfen ihre Muttersprache weg und heucheln in fremder Mundart, um sich gemein zu machen. Das ist die Wahrheit, sagte ich mir. Die Gruppe unter Führung meines Bekannten erreichte das Vestibül, sie durchschritten diese barocke Kulisse aus Gips, Farbe und hellem Sandstein, und ich dachte, ihnen verärgert nachsehend, dass man hier in dieser künstlichen Barockstadt nur noch den Barock kennt, nur diese Nymphchen und Satyrgestalten. Eine wahre Orgie in barocker Nachahmung hat um sich gegriffen, dachte ich. Als ahnungsloser Passant kommt man in das barocke Zentrum, die Königstraße, will nur die Straße entlang oder sich vielleicht an den überteuerten Preisen erregen, da plötzlich blinzelt einen so ein verkleideter Hausdiener an, lächelt mit seinem gepuderten, geschminkten Schwitzgesicht, wackelt mit dem Zöpfchen, das ihm artig nach hinten hängt, streckt das in einer bunten Theateruniform eingezwängte Bäuchlein vor, und überreicht einem dann einen Prospekt der Dresdner Bank oder irgendeinen gereimten mundartlichen Unsinn. Doch das Schlimmste ist, immer öfter reden diese Herrschaften bayrisch oder schwäbisch, jedenfalls nicht sächsisch. Nicht einmal die Barockfiguren lassen sie uns, dachte ich, nicht einmal unseren eigenen Kitsch dürfen wir mehr selber machen. Eine Schande! Also holte ich Luft, gerade im rechten Moment, denn ein grau rot Bediensteter war mit devoten, leisen Schritten an mich heran getreten, um sein Sprüchlein aufzusagen: er begrüße uns in einem Hause, welches vom Baumeister Pöppelmann im Auftrage Augusts des Starken erbaut worden wäre. Natürlich, dachte ich, wie kann es auch anders sein, wo jeder Pflasterstein in dieser barocken Kunststadt auf Weisung dieses gnädigen Herrschers in den Kies gehämmert wurde, wo alles an diesen Kleinkönig erinnern soll, wo die famosen Reiseführer ihre Reisegruppen neuerdings auf die Dresdner Nasen aufmerksam machen, diese sogenannten Entenschnabelnasen mit dem kleinen Höcker in der Mitte, denn der gnädige August hätte so viele Nachkommen hinterlassen, nicht nur einen Moritz von Sachsen aus der Liebelei mit der Aurora von Königsmark, den Grafen Rutowski oder die Sprösslinge der Gräfin Cosel; nein, dieser August hat auch bei einfacheren Untertanen seinen wertvollen Samen eingesenkt, bei Zahllosen und Ungezählten und Ungenannten, die ausnahmslos nun seine Entenschnabelnase trügen, die er so grandios vererbt hätte, ohne den Anspruch einer Staatspension oder eines gutbezahlten Postens freilich, wie auch diese Nachkommen nun ihrerseits wieder Nachkommen mit diesen Nasen gezeugt hätten, selbstredend ohne irgendeinen Anspruch; und diese dann hätten weitere gezeugt und so fort. Also aufgepasst, liebe Reisegruppe, sagt der famose Reiseführer mit unverkennbar schwäbischem Akzent, sollten sie solchen Nasen begegnen, dann Augen auf, es könnten Nachkommen des lendenstarken Sachsenkönigs sein! Und solcher Art an der Nase geführt laufen die Touristen durch des Augusts steinernen Nachlass und schauen unsereinem auf die Entenschnabelnase! Mein Freund Bosel, der weltbekannte Pianist und ein Entenschnabelnasenträger wie ich, auf den ich hier im Nobelhotel wartete, hatte gesagt: Das drückende ewig feuchte Klima im Elbtal und hier in dieser Stadt schade nicht nur den Instrumenten, nein, es habe auch seiner Seele geschadet. So, wie sie aufweichen, diese Steinways, Bechsteins, und alle anderen Klaviere, selbst die aus dem Vogtland, wie auch die Violinen einem immerwährenden Vermodern preisgegeben seien, so werde auch er als Künstler aufgeweicht, verliere seine Elastizität und Spannung. In Dresden könne man als Künstler nicht bleiben. Wer als Dresdner Künstler etwas werden wolle, der müsse die Stadt verlassen. Und so haben alle Bedeutenden irgendwann ihre Heimatstadt verlassen. Seit über dreihundert Jahren eine Tradition des Verlassens. Die Stadt ertrüge man nur, wenn man sie im Rücken habe, denn, wer sie liebe, der müsse sie zugleich auch hassen. Später dann könne man sie aus der Ferne schwärmend anbeten. Auch das hätten immer alle Davongegangenen getan. Nein, Dresden sei keine Kunststadt, hatte mein Freund Bosel gesagt. Hier sei nichts als kleinbürgerlicher Mief und eingebildete Tradition. Seit ihrem August, dem Starken, diesem Sonnenköniganbeter, hätte sich die Stadt nicht mehr weiterentwickelt, alles wäre stehen geblieben. Am Schlimmsten aber wäre die Dresdner Luft, sagte er, sie würde ständig von diesen Stadtbewohnern eingeatmet und führe zur allmählichen Verblödung. Der durchschnittliche Dresdner ist dümmer, als der durchschnittliche Leipziger, und noch um einiges dümmer als der Berliner, Hamburger, Münchner oder Frankfurter. Die Dresdner sind von allen Großstadtbewohnern Deutschlands, wie Bosel zu mir gesagt hatte, wahrscheinlich die ungebildetsten und am wenigsten kunstinteressierten. In der Musik kennen sie nur Wagner, Weber und seinen Freischütz, den sie sich jedes Jahr in ihrer Felsenbühne anhören, und manche wissen wer Richard Strauß gewesen ist. Karl Böhm und Zimmermann und Mayer nenne man in einem Atemzug mit Handwerksmeistern und Wohnungsnachbarn; den barocken Hasse kennt schon kaum einer mehr und dass Rachmaninoff in Dresden drei seiner Hauptwerke komponiert hat, weiß niemand. Ja, die Dresdner sitzen im Sommer in den Biergärten entlang der Elbe und reden in ihrer breiten gemietlichen Sprache nicht etwa von der Kunst oder ihrer Kunststadt, sondern vom Wetter und vom Sonnenuntergang, den sie je nach ihrem Sitzpunkt als „Banuhrama“ erleben wollen, und die wenigen Kunstsinnigen prahlen mit der bekannten Stadtsilhouette, die sie ihren Gästen zeigen, welche alle Welt von den Postkarten kennt, jene Stadtsilhouette, die der italienische Maler Belotto gemalt hat, und die als Reproduktion in allen Dresdner Wohnzimmern und in mancher Dresdner Kneipe sogar auf der Toilette hängt. Nein, hatte mein Freund Bosel gesagt: Dresden ist keine Kunststadt! Dresden ist ein untergehende Stadt, die auf dem Schwemmsand der Elbe steht!
Rezension I Buchbestellung I home II09 LYRIKwelt © Klaus Funke