Die Geschichte meiner Frau von Milán Füst, 2007, Eichborn

Milán Füst

Die Geschichte meiner Frau
(Leseprobe aus: Die Geschichte meiner Frau, Roman, 2007, Eichborn, Vorwort Péter Nádas - Übertragung Mirza von Schüching).

Daß mich meine Frau betrog, vermutete ich längst. Aber daß sie es mit dem trieb ... Ich bin sechs Fuß und einen Daumen groß und wiege zweihundertzehn Pfund, bin also, wie man zu sagen pflegt, ein regelrechter Riese, den Knirps brauch ich nur anzuspucken, dann kippt er um.
So dachte ich anfangs über Monsieur Dedin. Aber eigentlich sollte ich nicht damit beginnen. Nur packt mich noch jetzt die Wut, sowie ich an ihn denke.
Ich weiß, es war nicht richtig, daß ich überhaupt geheiratet habe. Schon allein, weil ich viel zuwenig mit Frauen zu tun hatte, ich war von Natur kalt. Wenn ich auf meine frühe Jugend zurückblicke, zeigt sich mir an Erlebnissen auf dem Gebiet der Liebe kaum mehr als folgendes: Ich war vielleicht dreizehn Jahre alt, als ich einmal in der holländischen Stadt Sneek, nicht weit von Friesland – dort wohnten wir damals –, in einem Park herumstand. In dem Park saß eine Erzieherin mit einem kleinen Kind, und sie fuhr das Kind an: »Veux-tu obéir, veux-tu obeir?«
Das gefiel mir sehr. Und sie sagte auch noch zu ihm: »Vite, vite, dépêche-toi donc.«
Auch das fand ich sehr schön. Möglich, daß ich schon damals den Entschluß faßte, eine Französin zu heiraten. Kurz und gut, ich hörte diese süße Melodie mit Vergnügen und ging dann, gleichsam einer göttlichen Eingebung folgend, an den Rand des Parks, riss ein Blatt aus meinem Notizbuch und schrieb auf holländisch (denn französisch schreiben konnte ich noch nicht, auch sprechen nur schlecht, ich verstand gerade, was man sagte): Greppel, greppel – diese zwei Wörter schrieb ich auf das Blatt. Sie bedeuteten: Gehen wir ein bißchen in den Graben. Dort in der Nähe war nämlich ein ziemlich großer grasbewachsener Graben. Das Blatt in der Hand, ging ich zu der Gouvernante zurück, stand, wie wenn man mich als kleinen Jungen zum Kaufmann etwas holen geschickt hatte, sanft vor ihr und sah sie freundlich an. Ich hielt ihr das Papier hin.
Sie dachte, ich sei verrückt geworden. Das Wort verstand sie, aber sie wurde nicht klug aus der Sache. Ich war sehr groß für mein Alter, man hätte mich für achtzehn Jahre halten können, aber ich trug kurze Hosen und Wadenstrümpfe, und ich hatte eine schöne blaue Matrosenbluse an, meine Mutter hatte mir am Morgen noch den Schlips gebunden. Damals hatte ich noch rote Wangen, allerdings waren auch meine Ohren rot; obendrein waren sie auch sehr groß, aber ich hatte weiße Zähne und mutige Augen – ich war ein Junge mit treuherzigem Blick. Und ich war auch gar nicht verdorben, wirklich nicht. Woher ich plötzlich den Mut genommen hatte, so etwas hinzuschreiben, weiß ich noch heute nicht.
Die Gouvernante starrte mich an und verschlang mich fast mit den Blicken.
Und ich schämte mich auch da nicht. Ich stand freundlich vor ihr, dann lief ich fort. Und so machte ich es am nächsten und auch am dritten Tag.
»Mon pauvre garçon«, bedauerte sie mich, noch immer lachend, und dabei war sie flammend rot. »Eh bien, tu ne sais pas ce qu’il te faut«, sagte sie mitleidig. Sie muß also eine erfahrene Frau gewesen sein. »Mein armer Junge«, wiederholte sie, »du weißt nicht, was dir fehlt, nicht wahr?« Und staunend strahlte sie mir in die Augen wie die heiße Sonne, und sie kniff mich sogar in die Backe. Da lief ich wieder weg.
Endlich nahm sie doch Vernunft an. Warum nicht? wird sie sich wohl gefragt haben. Das kann keine Klatschgeschichte und auch sonst nichts Schlimmes nach sich ziehen. Und sie klügelte sich folgendes aus:
Der Graben – dieser Gedanke gefiel auch ihr. Nun war dort eine kleine Brücke, unter der wuchs Gesträuch und so allerlei; und da sie erfahren hatte, daß der Parkwächter nur zweimal am Tag vorbeiging, morgens um fünf und abends nach sieben Uhr – im übrigen war diese Gegend bei der großen Hitze meist menschenleer –, kam sie frühmorgens mit einem Korb oder einer Milchkanne in die Nähe des Brückchens zu mir gelaufen; noch so zerzaust und schlaftrunken kam sie, daß ich fast den Verstand darüber verlor. Man muß sich das vorstellen, ich war ein junger Bengel, und man spürte noch die Bettwärme an ihr.
Über mein Frühaufstehen log ich zu Hause etwas – meiner Mutter ging ich ohnehin nach Möglichkeit aus dem Weg, und so wandelte ich den ganzen Tag in der starken Sonne wie im Traum. Das dauerte einen ganzen Sommer lang. Damals bekam ich die Frauen satt.
Und doch ließ mir ein Jahr darauf mein Onkel, mein einziger lieber und aus der Art geschlagener Onkel, bei dem ich zu Besuch war, eine Hakenleiter machen, damit ich von meinem Zimmer in ein anderes, ein Stockwerk höheres Haus klettern konnte, wo jeden Tag eine wunderschöne Frau badete. Es war wieder Sommer, und sie ließ der großen Hitze wegen die Fenster ihrer Wohnung offen. Eines Tages stieg ich, zwischen Himmel und Erde schwebend, zu ihr hinauf aufs Fenstersims, und um ihr keinen Schreck einzujagen, flüsterte ich: »Ein kleiner Junge ist da.«
Sie erschrak tatsächlich nicht, wurde nur sehr ernst in ihrem Bade. Sie kannte mich ja vom Sehen. Dann gab sie mir schweigend einen Wink, ich stieg vom Fensterbrett hinab, sie hatte verschleierte Augen und zog mich an sich.

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