Fenster auf, Fenster zu von Manuela Fuelle, 2011, Kloepfer&MeyerManuela Fuelle

Fenster auf, Fenster zu
(Leseprobe aus: Fenster auf, Fenster zu, Roman, Kapitel 1, 2011, Klöpfer & Meyer).

Gute Verbindungen und alte Brötchen

Es ist keine Jahreszeit. Es ist kein Wetter. Es ist irgend etwas dazwischen, und ich soll mich aufmachen, höchste Eisenbahn, also Koffer packen, Taxi rufen und los. Kein Wetter, das ist doch kein Einwand, höre ich eine meiner Schwestern sagen, früher, da wählten die Leute zwischen Pest und Cholera und kümmerten sich noch dazu um den Vater. Und unser Vater war doch immer ein guter Vater, ein Vater, der sich immer um seine Kinder gekümmert hat, der für sie da war, der mehr oder weniger alles allein schaffen musste, der Mutter und Vater in einem war, der seine besten Jahre nur für uns Kinder hingegeben hat, der. Wo bleibst du nur?

Und ich sage, nächstes Jahr, wie ich jedes Jahr sage, nächstes Jahr, aber sicher, ich komme, nächstes Jahr bin ich dabei. Natürlich freue ich mich auf ein Wiedersehen, ich bin ja schon  jetzt voller Vorfreude, am liebsten würde ich gleich losfahren zu einem unserer Familienfeste zum Beispiel, und ich hätte es schon vor Augen, alle zusammen an einem Tisch, wie früher. Ein gemeinsames Essen. Essen und Streiten. Oder Essen und Singen. Unser Vater macht diesen wunderbaren Kartoffelbrei aus der Tüte und singt seinen Hirtengesang, und wir sitzen im Kreis um den Elektrokocher. Und jede von uns wurde neu eingekleidet mit alten Sachen aus den alten Kleiderschränken, die obwohl wir jedes Mal etwas mitnehmen vollgestopft sind mit Kleiderspenden. Es ist lustig und warm. Wir haben rote Wangen, weil unser Väterchen diese kleine Stube gut geheizt hat. Gleich kommen noch grüne Bohnen, wird unser Vater rufen und Bouletten, Kinderchen nehmt. Wäre da nicht die Entfernung, die Fahrt nicht so teuer und ich kräftig genug, um zu reisen, ich würde mich tatsächlich sofort auf den Weg machen. Doch wie die Dinge liegen. Irgendwann natürlich, irgendwann müsste ich es schaffen, die Zeit vergeht schneller als wir meinen, irgendwie würde ich es sicher einrichten können, aber erst nächstes Jahr. Dieses Jahr ginge es auf keinen Fall.

Und trotzdem sagen sie, komm. Sie rufen an, einmal, zweimal am Tag, nur um zu sagen, komm.

- Nächstes Jahr, sage ich.

- Nein.

- Wieso, was sollte in diesem Jahr anders sein?

- Er ist verwirrt.

- Ich verstehe nicht.

- Wir glauben, er ist jetzt im Stadium der Verwirrung.

Und ich sage, was soll das, was meint ihr, solange ich denken kann, war unser Vater in diesem Stadium. Es knackt. Aufgelegt. Die Verbindung ist beendet. Es ist nicht fair, wenn sie
im Plural reden. Wir glauben. Wir glauben all’ an einen Gott. Kollektives Bewusstsein. Direkt aus dem Familienbewusstsein gesprochen. Ich auf der anderen Seite. Es ist nicht fair. Im Grunde ist es unfair. Sie verhalten sich aufdringlich und unfair und ganz sicher handeln sie nicht im Interesse unseres Vaters. Denn unser Vater lebt ganz für sich. Und wenn er redet, dann redet er von sich. Er muss nicht im Plural reden. Er redet von sich, und was er sagt, klingt nicht verwirrter als sonst.

Ich sehe aus dem Fenster, alles liegt da wie immer. Und wieder weiß ich nicht, was an diesem Jahr anders sein soll. Von meinem Zimmer aus kann ich die halbe Stadt überblicken, den Fluss sehen und die Berge. Seliges Land. Alles liegt schläfrig, wie hinter milchigem Glas, alles scheint geordnet und in einer unendlichen Ruhe geborgen. Warum sollte ausgerechnet mein Vater diese Ruhe stören? Ich sehe die alten Obstbäume, die kaum mehr Früchte hervorbringen, und Rauch von irgendwo, wie er über die kahlen Äste steigt. Höher  und höher.

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