die horen, Ausgabe 241

Wolfgang Frühwald

In der Mitte Europas: Sándor Tatár deutsch
(Erstveröffentlichung in "die horen", 2012)

Die Krähenschar in Richtung Stadt … ist die Nachdichtung eines der Gedichte von Sándor Tatár überschrieben, die wie in einer Nuss-Schale alle Kennzeichen seiner sich seit den späten achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts entfaltenden Lyrik enthält. Es ist gedruckt in der zweisprachigen, ungarischdeutschen Sammlung A végesség kesernyés v … / Endlichkeit mit bittrem Trost, die Paul Alfred Kleinert 2006 in der »pernobilis edition« in Leipzig herausgegeben hat. Dabei ergeht es mir bei der Lektüre der Gedichte Sándor Tatárs, die mir seit den neunziger Jahren vertraut sind, ähnlich wie vor Jahrzehnten Franz Fühmann beim Umgang mit der ungarischen Lyrik seiner Zeit. Er schaue, meinte Fühmann, in diese Lyrik hinein, »wie ein tauber Ali Baba, dem man, da er den öffnenden Zauberspruch nicht mehr lernen kann, Fensterchen in den Sesamberg schlägt, hier eins und dorten noch eins, und durch diese Fensterchen sieht er dann Schätze funkeln, doch immer nur die, die das Fenster ihm zuweist, und nie die Gesamtheit, und nie den Zusammenhang«. Die für mich in den Sesamberg ungarischer Poesie geschlagenen Fenster sind die Nachdichtungen und Übertragungen ungarischer Lyrik ins Deutsche, die heute von einer staunenswert großen Schar prominenter und weniger prominenter Übersetzerinnen und Übersetzer, oftmals auf der Basis vorangehender Interlinearversionen, dem deutschsprachigen Publikum vermittelt werden. Noch haben sie nicht den Status erreicht, den die ungarische Prosa der Moderne, den zum Beispiel die Romane und die Tagebücher von Sándor Márai, Imre Kertész, Péter Nádas und Péter Esterházy (auch dank genialer Übersetzerinnen wie Terézia Mora und Christina Viragh) im deutschen Sprachraum erreicht haben. Aber wer sich auf die große Lyrik des unglücklichen Attila József beruft (und Sándor Tatár, der 2010 mit dem Attila József-Preis ausgezeichnet wurde, tut es oft, nicht nur im Motto der Endlichkeit mit bittrem Trost), der darf hoffen, inzwischen auch von deutschen Leserinnen und Lesern verstanden zu werden.

Die ungarischen Autoren, die einer kleinen Sprachfamilie angehören und rings umgeben sind von ihnen sehr fremden Sprachgruppen, sind häufig auch vielsprachige Übersetzer, Nachdichter, Kulturmittler. Sie transportieren den Reichtum der Weltliteratur nach Ungarn, aber, wohl auch durch die dabei gewonnenen Freunde und gleichsam auf dem Rückweg, ebenso ungarische Lyrik in die Länder der Erde. Sándor Tatár, dem ich zuerst 1986/87 als Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in München begegnet bin, studierte Germanistik und Hungarologie und hat früh mit anspruchsvollen Übersetzungen deutscher Literatur ins Ungarische begonnen. Unter seinen Übertragungen finden sich stilistisch und inhaltlich so schwierige Texte, wie solche des barocken Mystikers Angelus Silesius, des scharfsinnigen Logikers und Satirikers Georg Christoph Lichtenberg, des »Syntax-Artisten« Heinrich von Kleist, Texte von Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler sowie von Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur, Siegfried Lenz und anderen. Doch der große Kosmos der Literatur deutscher Sprache, in dem und mit dem Sándor Tatár lebt und arbeitet, wird erst deutlich, wenn es gelingt, die Anklänge und Zitate aus deutschen Dichtern in seiner Lyrik zu entschlüsseln. So ist Die Krähenschar in Richtung Stadt … wohl nur dann ganz verständlich, wenn Friedrich Nietzsches Abschiedsgedicht aus dem Jahr 1884 als darunter liegender Prätext mitgehört wird. Dort rahmen bekanntlich zwei düstere Landschaftsstrophen die bittere Klage darum, allein zu sein in den Wüsten der Welt, vereinsamt, heimatlos:

Endlichkeit mit bittrem Trost von Sándor Tatár, 2006, Pernobiles»Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat.
[...]
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg’, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck’, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Weh dem, der keine Heimat hat!«

Auch Sándor Tatárs Krähen-Gedicht beschreibt eine vorwinterliche Landschaft, kahle Baumalleen, überwölbt von einem schiefergrauen Himmel, die farblosen Felder nur bewegt von Krähen, die nickend schreitend Futter suchen und »die Regungslosigkeit der Äste mit dem Schaukeln / ihrer Landungen zuletzt doch störten«. Die von Heimweh durchwehte Kälte und die Einsamkeit von Nietzsches Gedicht ist in eine angsterfüllte Gegenwart übertragen. »Äußerst ernst« schreiten die Krähen, denn alle Bilder der kahlen, befleckten Natur deuten auf Bedrohung. Dort aber, wo Bedrohung lauert, kann keine Heimat sein, auch wenn dort scheinbar ein Zuhause ist und in einem warmen Haus der Schein einer Lampe auf Bücher fällt, die das Tor zur Welt sein könnten, doch – jetzt – das Gefühl, ohne Sicherheit zu leben, nur noch verstärken:

»Du stehst da, dieses Bild in deinem Rücken,
in einem geheizten, geschlossenen Kasten.
Das gelbe Licht deiner Lampe erhellt das Regal mit den Büchern.
Und du grübelst nach: sich sicher fühlen,
wie mag das wohl sein?
Hat man denn wirklich eine Heimat, wenn man, ach, eine Heimat hat!?«

Eine Heimat zu haben, ist etwas anderes als »Heimat« zu haben. So könnte man die letzte Zeile dieses (von Orsolya Kalász und Monika Rinck übertragenen) Gedichtes vielleicht auch wie folgt übersetzen: »Hat man denn wirklich Heimat, wenn man ach, ›eine Heimat‹ hat?«

Die Zitate aus der Literatur deutscher Sprache, die Sándor Tatárs Lyrik durchziehen, sind keine bloßen Bildungssignale, sondern so gestellt, dass sie, durch sogleich kenntliche Variationen des Originals, aus These und Befehl zurückkehren in die Form der Frage. Dadurch werden sie einer Lyrik integriert, die sich selbst vor »Pathosgefahr« und »Erlösungshoffen« warnt (Verband auf, gelöst). Paul Celans düsteres Bild vom Grab der vergasten und verbrannten Opfer der Shoa in den Lüften erscheint zum Beispiel bei Sándor Tatár als Bild der ersehnten und letztlich doch vergeblichen Liebeseinung von Mann und Frau (Das soll unsre Spende sein). Es verweist darauf, dass Celans Todesfuge nicht nur ein Gesang des Todes ist, sondern auch die bittere Liebesklage um »Sulamith«, die verbrannte Geliebte: »Dies ist fast, als würden wir / ein Grab in den Lüften graben. Ein weites, wie / Celan sagt.« Rilkes tiefes Erschrecken vor dem Archaischen Torso Apollos: »Du musst dein Leben ändern« wird konjunktivisch so überformt, dass die Vergeblichkeit dieses viel gebrauchten und missbrauchten, auch im ungarischen Gedicht auf Deutsch »zitierten« Imperativs der Kunst zu erkennen ist: »Du solltest eigentlich dein Leben ändern.« ( Also bitte! ...); Wittgensteins berühmte Schlussthese des Tractatus logico-philosophicus: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen«, wird verwandelt in: »Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man reden« (Worte für dich, als Chance), so dass sich der Unterschied zwischen Philosophie und Poesie in einer einzigen Zitatvariation ahnen lässt. Sándor Tatárs zweifelnde und oftmals selbstironisch verletzte Poetengestalten, ihr Ekel vor dem Ekel an sich selbst, Gestalten, die eingewickelt sind »in die eigene kainsmalartige Geruchlosigkeit«, beneiden sogar den genialen Mörder Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds Roman Das Parfum. Ihm nämlich ist –wenn auch unter dem finsteren Vorzeichen von Besessenheit und Verbrechen – gelungen, was dem Poeten nur selten gelingt, »wenigstens die Düfte seiner Opfer« einzusammeln und sie weitergebend zu bewahren (Auf- & Zugriff).

Die zweifelnde, durch Wortspiele und ironische Zwischenrufe aufgebrochene, gelegentlich ins Experimentelle übergehende oder in formstrengen Sonetten gebändigte Melancholie von Sándor Tatárs Gedichten scheint mir im neuen Jahrhundert in einen offeneren Ton überzugehen, der einer sich weitenden Welt angehört. Auch wenn noch immer die Vermutung des Inseldaseins, der echolos bleibenden Verszeilen (Die leeren Verse klirren …) lauert, so hat dieser Autor inzwischen doch »Heimat« gefunden oder zumindest Anschluss an eine keineswegs kleine Freundesgruppe, die in Poesie, in Übersetzungen, Editionen und Nachdichtungen, jenes Mitteleuropa abbildet, das vom Reichtum gerade auch der kleineren Sprachen und Kulturen lebt. Natürlich gehört das Englische zu den großen Kultursprachen Europas, aber dem mächtigen Trend zur globalistischen Überformung der ästhetischen und mehr noch der wissenschaftlichen Kulturen der Welt durch das Englische, in seiner nordamerikanischen Variante, widersteht die um Paul Alfred Kleinert sich sammelnde Gruppe von Poeten und Nachdichtern, indem sie durch Übertragungen die kleinen Sprachen am Leben hält und zugleich ihren Echoraum um mehrere andere Sprachen erweitert. Dass sie sich mit diesem Bemühen einer breiten literarischen Strömung einfügt, versteht sich von selbst. Eigentümlich ist dieser Gruppe vielleicht, dass sie die Mitte (Europas) von den Rändern, auch von den Randsprachen her, zu erfassen sucht. In der poetisch-sprachlichen Rekonstruktion eines über lange Jahrzehnte hin durch den Eisernen Vorhang nicht nur geteilten, sondern aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängten, eigenständigen, mitteleuropäischen Kulturraums ist für das Deutsche eine bittere Wahrheit enthalten. In einer Welt nämlich, in der Tamil, Hindi und Mandarin die am schnellsten wachsenden Sprachen sind und in der Spitzengruppe solcher Sprachen aus Europa nur noch das Spanische mithalten kann, gehört auch die deutsche Sprache zu den kleinen und wenig einflussreichen Sprachen der Erde. So begegnen sich in der Künstlermappe Rabensaat / Hollóvetés (2009), in gegenseitigen Nachdichtungen von Sándor Tatár und Paul Alfred Kleinert, das Deutsche und das Ungarische freundschaftlich, auf Augenhöhe. Ihr Resonanzraum wird in Paul Alfred Kleinerts Gedichtband um die fünfzig – kolo piecdziesiatki – ötven felé (2010), wo Marek Jakubów für die polnischen, Sándor Tatár für die ungarischen Übertragungen zeichnen, um eine weitere mitteleuropäische Sprache ergänzt. Es ist vermutlich dieser poetische Freundeskreis, der (jenseits der Lebensmitte, um die fünfzig) von Sándor Tatárs Gedichten das Gefühl der Bedrohung genommen hat und den Ton schwarzer Melancholie leise, aber stetig verwandelt in die stille Trauer um so manches verlorene Jahr. Das von Paul Alfred Kleinert übertragene Sonett Múlt századi költö biztatja magát / Selbstermunterung eines Dichters aus dem vorigen Jahrhundert ist für mich deshalb eines der schönsten und anrührendsten Gedichte Tatárs, weil es die Lebenswende exemplarisch erfasst und von sich (in den Krisenjahren um fünfzig) mutig den neuen Aufbruch verlangt:

»Der Pusteblume gleich geht Zeit dich an,
zerstieben all’ die angehäuften Jahre –
vergebens rufst du Glaubenssätze an:
die Tage sind ein Baustein nur zur Bahre.

Durch dich geht alles ’durch und du bist müde,
obschon du dieses zu verdrängen suchst;
das Antlitz heiter doch der Himmel trübe –
und was nicht ist, du jetzt nicht mehr verbuchst.

Doch laß Vergangenes vergangen sein,
auf deine Zunge all’ das Neidvolk harren
– noch ist der Kopf der Pusteblume rein!

Du sollst dich nicht dem frühen Lärmen beugen;
sollst sprechen, bis die Lippen dir erstarren –
einst wird ein Hügel von der Stille zeugen.«

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