Krakowiak von Ruth Fruchtman, 2013, Klak

Ruth Fruchtman

Krakowiak
(Leseprobe aus: Krakowiak, Roman, 2013, KLAK Verlag).

Isaak Blaublat war gefangen. Zwischen der auseinanderbrechenden Habsburger Monarchie und der noch zerstückelten polnischen Republik, im Schatten des aufsteigenden Deutschen Reichs. Zwischen gestern und morgen. Weshalb auch später seine Mutter ins Landesinnere flüchten sollte, zwischen dem Krieg von gestern und den Unruhen von heute gefangen.

Auf dem Bild aus der Kleinstadt, wo er herkam, stehen auf der einen Straßenseite niedrige Häuser, schief aneinandergelehnt, unterbrochen durch einen einzigen, zweistöckigen Bau. Gegenüber der Markt; im Hintergrund erkennt man ein geräumiges Gebäude, wahrscheinlich das Rathaus. Die Aufnahme wurde für eine Ansichtskarte verwendet. Ein Jahr, nachdem die Karte verschickt wurde, marschierten die Deutschen ein, zwei Wochen später die Russen, und zwei Jahre danach, 1941, kehrten die deutsche Wehrmacht und die SS endgültig dorthin zurück.

Am Rande des Marktplatzes recken sich Telegraphenmasten und Pfosten, vor ihnen stehen mehrere Menschen. In jenem Augenblick – als sich der Fotograf das schwarze Tuch über den Kopf schiebt, den Hebel herunterzieht, auf den Auslöser drückt – hören sie auf, sich zu bewegen, sind für immer an den Rand des Bildes gebannt. Auch die Kutsche bleibt stehen. In diesem Ort wurde Isaak Blaublat geboren, hier ist er aufgewachsen.

Als das Foto aufgenommen, lebte er längst nicht mehr dort.

Wie alt er war, als er fortging, weiß Esther nicht. Sie hat keinen danach gefragt, und ihn selbst hat sie kaum noch gekannt. Blasse Erinnerungen aus frühen Kinderjahren. Selbst wenn sie ihn besser gekannt hätte, hätte sie ihn nicht gefragt, weil Einwanderergeschichten sie damals nicht interessierten. Angenommen, er wurde geboren, dort irgendwo, in einer Straße hinter dem Markt oder noch weiter weg, und besuchte die Grundschule, die jüdische. Hätte polnische und ruthenische Kinder gekannt, ging mit ihnen zur Schule, hätte sich mit ihnen gerauft. Sie hielt es für viel wahrscheinlicher, daß er eine jüdische Schule besucht hatte, und auch die Hebräischschule, den Cheder. Zu mehr als der Grundschule hätte es wohl nicht gereicht. Als großer Gelehrter galt Isaak Blaublat später nicht. Mit fünfzehn oder sechzehn, vielleicht schon mit vierzehn, ging er von der Schule ab und machte eine Lehre, lernte das Tischlerleben kennen, nebenbei ein wenig Schneiderei.

Weshalb er damals wegging? Das hatte sein Sohn Joschua, Esthers Vater, und auch sonst keiner jemals erwähnt. Sie hatte es zumindest

nie gehört. Der Pogrom, der als die Lemberger Unruhen, gar die „Ereignisse" oft genannt wird und die Urgroßmutter nach dem Tod ihres Mannes vermutlich zur Flucht bewegte – Esther setzt die Mosaik-steine zusammen, bildet daraus mit ihren Geschichtskenntnissen das passende Muster –, geschah erst später, nach Ende des Ersten Weltkriegs. Fest stand nur, daß Isaak Blaublat weg wollte, und Lemberg war ihm nicht weit genug. Das hat Esther mit ihm wohl gemein. Er wollte weg, ohne Wiederkehr. Alle Brücken abbrechen, alles hinter sich lassen. Das dichtet sie ihm an. Selbst als sein Vater starb, fuhr er wohl nicht wieder dorthin. Keiner konnte das mit Gewißheit sagen, es war niemand mehr da, den sie fragen konnte, ob der Großvater damals zur Beerdigung gefahren sei. Vielleicht hatte der Erste Weltkrieg bereits begonnen, und das war der Grund, weshalb er nicht hinfuhr, nicht einmal für die Schiwa, die Trauerwoche, die nach jüdischem Brauch unmittelbar nach der Beerdigung beginnt. Einen seiner beiden Söhne hatte er nach seinem Vater, Esthers Urgroßvater, genannt, Joschua, so daß sie wußte, wann dieser ungefähr gestorben war. Sonst hätte ihr Vater seinen Namen nicht erhalten, um ihn weiterzutragen. Mit dem Namen eines Verstorbenen erbt man auch seine Biographie.

Angenommen, daß er doch hinfuhr: Wie fühlte er sich, als er das kalte Haus wieder betrat, die nach dem Tod seines Vaters entseelten Räume wiedersah?

Seine ganze Kindheit, seine Jugend weggefegt. Wie seine Familie, die Hinterbliebenen, ihn damals wohl begrüßten?

Ob er weinte?

Vielleicht war das sein einziger Besuch gewesen. Oder er fuhr regelmäßig, alle paar Jahre hin, jedes Jahr wieder. Wie Menschen es manchmal tun, wenn sie „weg von zu Hause" sind. Esther allerdings nicht. Isaak Blaublat – später nannte er sich Blu – vermutlich auch nicht.

Briefe wurden bestimmt hin- und hergeschickt. Auch Fotos. Eine winzige Aufnahme, von einem größeren Familienfoto ausgeschnitten, zeigte ihre Urgroßmutter. Ein längliches, fast strenges Profil, das Esthers Vater Joschua geerbt und an sie weitergegeben hatte, üppige schwarze Haare hochgesteckt, ein schmales Lächeln.

Esther Blu hatte den Ort gesucht.

Nicht bewußt, doch immer wieder, stöberte sie in alten Büchern, Fotoalben, und jetzt weiß sie, daß sie ihn seit Jahren gesucht hat. Besonders hier in der Stadt K. ist sie auf einmal ganz nah.

Die Ansichtskarte mit dem Bild der Kleinstadt, fand sie zufällig. Sie sah die Händler im Café und ging auf sie zu. Da saßen sie mit ihren Sammlungen alter Postkarten und Fotografien, und Esther war einfach neugierig. Sie hätte nie gedacht, daß Menschen akribisch Postkarten suchen und sammeln. Ehe sie sich versah, stand sie bereits an einem Tisch. Glatzköpfig, bebrillt hockte der Händler da, unauffällig, ein sandfarbener Teint voller Sommersprossen, auch die paar übriggebliebenen Haare auf seiner Glatze waren sandfarben. Klein und gedrückt schaute er zu Esther auf.

Nein, danke, sie schüttelte den Kopf, seine farbigen Kitschkarten mit den Lilien, Windmühlen und Anemonen wollte sie nicht kaufen, auch nicht die seines Kollegen, der neben ihm saß. Sie wollte weitergehen, blieb aber stehen. Sollte sie fragen? Sie zögerte, fürchtete sich vor der Antwort. Endlich fragte sie ihn, ihr Blick gewollt unverbindlich, ihre Stimme gleichgültig. Er überlegte, und sie wartete. Der Händler, der links von ihm saß, winkte ab. Nein, er habe von dort keine Aufnahmen, das wisse er genau. Der sandige Herr, er war Esther eher unsympathisch, meinte plötzlich: Ja, er habe eine. Nur eine. Aber nicht hier bei sich, sondern zu Hause. Wieder Zögern. Esther überlegte, ob sie sich auf ein Treffen mit ihm am folgenden Tag einlassen sollte. Dann sagte sie zu, notierte sich die Anschrift eines nahegelegenen Cafés, hier im ehemaligen jüdischen Viertel.

Er wird sie reinlegen, Esther wird sich reinlegen lassen, zu viel Geld ausgeben, unter dem Vorwand, immer gibt es einen Vorwand, daß es wirklich nötig sei und sie das Bild wirklich brauche. Sie geht hin. Ein Sonntagvormittag im Herbst, Nieselregen. Sie findet das Café, nicht im modischen Teil des Viertels, wie sie vermutete, sondern abseits. Man würde achtlos vorbeilaufen, wenn man es nicht kennte. Drinnen wie ein grelles Bühnenbild, eine offensive Modernität, den siebziger Jahren nachempfunden; Laternen aus Messing, karmesin-vergoldete Wandtapeten aus künstlichem Brokat. Eine Stimmung beinahe wie im Puff, schrill und diskret zugleich, nur ohne Frauen, außer der einen, geschminkten, dicklichen jungen Dame am Empfang.

Da sitzen schon die Händler, ihre Aufnahmen und Postkarten auf Tischchen ausgelegt. Auch der Sandmann ist da; er sitzt wieder im Nebenraum, offenbar mag er Nebenräume. Er sitzt allein und wartet auf sie. Er verliert keine Zeit, als Esther, die sich schon wie gefangen vorkommt, sich zu ihm an den Tisch setzt. Feierlich zieht er die Ansichtskarte aus seinem Baumwollbeutel heraus. Sie späht hin, gierig, weiß nicht, was sie erwartet. Esther in ihrem alten blauen Regenmantel. Wie zwei Verschwörer hocken sie nun zusammen. Auf ihre Bitte hin legt er ihr die Karte in die Hand, und sie sieht zum ersten Mal den Markt, die Telegraphenmasten, die schief ineinander gedrückten Häuser. Die Überschrift, der Name, stimmt. Sie dreht die Karte um. Die wilde Hoffnung, dort den ursprünglichen Namen ihrer Familie zu finden, Blaublat, schwindet. Ein fremder Herr schreibt an eine fremde Dame, die sich in einer der Kliniken der Stadt K. aufhält, wünscht gute Besserung und eine baldige Rückkehr. Beide wohnen in der Stadt ihres Großvaters.

„Eine Seltenheit, eine Rarität, dieser Ort", nickt der Händler, stolz darauf, daß er diese eine Aufnahme besitzt, die er ihr anbieten kann.

„Damals wohnte er nicht mehr dort, mein Großvater", versucht sie dem Händler zu erklären, als sie enttäuscht das Datum erkennt, „Es ist viel zu spät." Sie dreht die Karte um und nochmals um. „Auch die anderen Verwandten waren schon fort. Und seine Mutter lebte nicht mehr."

Halbherzig versucht sie ihn runterzuhandeln. Das muß man wohl irgendwie. Vom Preis, der ihr schwindelerregend hoch erscheint, zieht der Händler zehn Złoty ab.

„Noch zehn?" fragt sie.

Er lehnt ab. Bei einer Versteigerung würde er mehr bekommen, murmelt er.

Esther nickt verständnisvoll. Sie gibt nach und vergißt ihn zu fragen, wieso er die Postkarte nicht längst in eine Versteigerung gegeben habe. Er merkt an ihrer Miene, daß Handeln nicht gerade ihre Sache ist. Für Esther entwürdigend. Beim Handeln erkennt man den Juden. Esther überreicht ihm die Scheine, weiß, daß sie für diesen Schnappschuß zu viel Geld bezahlt, redet sich aber ein, daß sie nun ein interessantes Bild besitze, eine Rarität. Dieser Ort historisch wichtig, ihr wichtig.

Später, als sie die Ansichtskarte in der Hand hält, ihre Brille aufsetzt, fällt ihr auf, daß der eine Rand einen Riß hat, den hatte sie beim Kauf übersehen.

Isaak Blaublat brach auf. Er fuhr nach Prag, wo sich bereits sein Cousin niedergelassen hatte. Dort blieb er mehrere Monate, vielleicht ein Jahr, kostete das Leben aus. Er war umtriebig, arbeitete, wollte auf Dauer jedoch nicht bleiben. Obwohl es angenehm war und um vieles besser als das ostpolnische Provinznest, das er verlassen hatte. Besser sogar als Lemberg, als ganz Galizien. Eine wunderschöne Stadt, soll er später gesagt haben, wenn von Prag die Rede war; seine Augen leuchteten. Ein kurzes Techtelmechtel mit einem Prager Mädchen, munkelte man, sei der Grund gewesen, weshalb er nicht bleiben wollte. Großvater Blu war ein gutaussehender junger Mann, der bei den Frauen Erfolg hatte, fabulierte man später. Auch das eine apokryphe Erzählung. In Esthers kindlicher Erinnerung trug er eine Hornbrille, hatte einen kümmerlichen schwarzen Schnurrbart und das hagere, melancholische Familiengesicht. Setzte bei Wind eine Schirmmütze auf. Seine schwarzen Augen funkelten humorvoll.

Das Techtelmechtel mit dem Mädchen wurde ihm zu heiß, und er reiste weiter, in die Welt hinaus. Vermutlich wollte er sich nicht so früh festlegen, es sei denn, er hätte etwas geahnt. Etwas, was sein Cousin mit der jungen Braut, seiner böhmischen Braut, wie er stolz zu sagen pflegte, damals nicht ahnte. Die Geschichte von der böhmischen Braut hatte Esther ebenfalls gehört; ein Witz ihres Vaters, der, sobald die Frau seines Cousins zweiten Grades erwähnt wurde, anfing, Smetana zu summen. Nur ein Witz konnte es aber nicht gewesen sein, und warum Esthers Vater die Taktlosigkeit besaß, ausgerechnet Die verkaufte Braut zum Besten zu geben – der Cousin und seine Braut von damals, seine langjährige Ehefrau, wurden dreißig Jahre später nach Auschwitz deportiert. Sie kamen nicht wieder. Der Großvater hatte zwar Visa für sie besorgt, aber es war zu spät, der Krieg brach aus, und sie saßen fest. Was den frühen Tod von Isaak Blaublat-Blu – er starb sieben Jahre nach dem Krieg an Krebs – möglicherweise zum Teil erklärte. Die Ermordung des Cousins und seiner böhmischen Braut saß ihm in den Knochen. Nistete sich ein. Nahm Geist und Seele gefangen.

Auf dem Weg nach Prag hatte Esthers Großvater in der Stadt K. haltgemacht. Damals wahrscheinlich eine Tagesreise mit der Eisenbahn oder einem Pferdefuhrwerk. Isaak Blaublat war arm, er hatte gespart, um überhaupt wegfahren zu können. Hatte wohl das Geld während der Lehre verdient oder gleich danach. Alles ist Dichtung. Auch war es möglich, daß seine Eltern ihm etwas mit auf den Weg gegeben hatten. Doch nie hatte Esther gehört, daß er aus einer wohlhabenden Familie stamme. Vielleicht hatten sie damals kaum genug zum Essen, Galizien war arm, man war froh, als er ging.

„Er kannte Lemberg", erklärte Esthers Vater einmal. „Vater kannte Lemberg." Hatte er bei dieser Gelegenheit auch die Stadt K. erwähnt?

Sie bildet sich ein, daß er damals gesagt habe: „Und die Stadt K." Sie, als Jugendliche, war dagesessen und hatte es gehört. Aber Joschua Blu lebte nun auch nicht mehr, und Esther konnte ihn nicht fragen, was es mit der Stadt K. auf sich gehabt habe. Allein hatte sie das Gefühl, daß jemand „K." gesagt habe, und es hätte mit dem Großvater zu tun gehabt.

Sie war sicher, daß er hier gewesen war, vielleicht von dieser seltsam heruntergekommenen Schönheit ein wenig gespürt hatte. Etwas davon. Damals war die Stadt noch nicht so grau und schäbig. Noch nicht hatten Krieg und Mord gewütet. Nicht so, wie es später kam.

Wenn sie auf der Starowiślna läuft, sieht sie ihn, jetzt, vor über hundert Jahren, wie er vor dem Eingang der Kameralna stehenbleibt, weil er Sehnsucht nach Theater hat. Waren ihm die Preise damals zu hoch? Wahrscheinlich ging er lieber in verlockende Stoffläden, unterhielt sich mit der Verkäuferin über die Qualität der Baumwolle und des Leinens, berührte mit langen, geschickten Fingern die neuen Muster, befühlte mit seiner Seele die Farben. Schöne Schmattes, kopfnickend, feine Schmattes.

Er hatte gewiß in der Stadt K. seine Lieblinge. Nicht die Frauen, sondern die Plätze, Gassen; ein bestimmter Balkon in der Krakowska, eine Hausfassade in der Miodowa, der Honigstraße. Wunderte er sich, falls er immer wieder hierher kam, über die kleineren Veränderungen, wenn jemand in seiner Abwesenheit eine Fassade mit einer anderen Farbe, mag sein rosa oder aprikosengelb, gestrichen oder den Stuck aufgefrischt hatte? Aber zu Großvaters Zeiten waren die meisten Häuserfassaden im sogenannten „jüdischen" Viertel bereits verrußt, heruntergekommen, die Gassen wimmelten von bettelarmen Menschen, Verkäufern, Verkäuferinnen, die Kleidung und Haushaltsgegenstände anboten. Mag sein jedoch, daß Wilkowskis Laden und Liepmans Geschäft inzwischen in andere Stadtteile umgezogen waren, da sie nun bessere Zeiten hatten, und Isaak Blaublat nach ihnen auf die Suche gehen mußte.

Fielen ihm damals die Verwandlungen auf, die das Wetter herbeizauberte, ein unvermuteter Sonnenstrahl im Winter, der Frühjahrsregen? Die ersten, vom Wind heruntergejagten, klatschroten, safrangelben Herbstblätter, die kupfernen Kastanien? Oder sah er nur die Armut, das Gaslicht, fand das alles um kein Haar schöner als in Lemberg, einer viel großzügiger angelegten Stadt. Nicht wie in der Stadt K., Haus an Haus aneinandergedrückt, unter düsteren Arkaden, wie in den Märchen, von massigen Kirchen und Klöstern überschattet. „Noch eine Stadt in Galizien", hätte er gemurmelt. „Bin froh, daß ich weg kann."

Endlich weg, so schnell es ging. Mit dem Nachtzug nach Prag.

– ein Auswanderer, immer ein Auswanderer –

Oder er wandelte auf der Krakowska unter den Arkaden, hatte gewiß seine Adressen. Trat ein in die Hinterhöfe, besuchte die Hutläden. Setzte einen Hut nach dem andern auf. Wollte dieses Mal nicht vom Hutverkäufer auf der Straße irgendeinen Hut kaufen. Obwohl sie preiswerter waren, und er könnte handeln. Er wählte einen grauen Homburg – und handelte trotzdem. Obwohl der Hutmacher ihn ironisch ansah und ihm nur einen nichtssagenden Nachlaß gewährte. Nachlaß war immerhin Nachlaß. Er schlenderte weiter, bewunderte die Edelsteine in den Schaufenstern der Juweliergeschäfte, blätterte an den Ständen in Büchern und Zeitungen. Überquerte die Straße, bog links ab, und bevor er weiterfuhr, besuchte er eine Synagoge oder ein Bethaus, ein Stüberl. Sprach ein letztes Gebet vor der Weiterreise.

Von der Pferdekutsche in die Eisenbahn. Oder vom ersten Zug in den zweiten. Zwischen den Zügen und der Pferdekutsche, wenn auch nur kurz, war er damals in der Stadt gewesen. Um Abschied zu nehmen, lief er vom Bahnhof zur Stadtmitte. Oder fuhr mit der Straßenbahn, noch von Pferden gezogen, oder, wer weiß, mit der ersten Elektrischen.

– ein Auswanderer, immer ein Auswanderer –

Weil er ein Auswanderer war, ist auch sie einer.

Von ihm geerbt, die Unfähigkeit da zu bleiben, wo sie ist. Eine Zeitlang fuhr Isaak Blaublat immer wieder nach Prag, oder nach Wien. Später hielt ihn die Familie fest, seine beiden Söhne und seine Frau, Tochter von Einwanderern, die nur ihre Kindheitserinnerungen aus ihrer Geburtsstadt mitgebracht hatte, ein paar hundert Kilometer tiefer im Landesinneren als die seinige. Sie muß selten davon gesprochen haben, und wenn, dann nur zu ihm. Ob sie jemals von der Kindheit träumten, oder sich der Vergangenheit nur schämten? Auch die beiden Söhne klammerten sich an das neue Land, das sie Heimat nannten; sie lebten und starben am gleichen Fleck.

Nur Esther konnte nicht ruhen.

Nur sie machte sich auf.

Ging auf die Suche nach einer abgebrochenen Vergangenheit, die ihr nicht gehörte. Wäre er damals nicht weggegangen, wäre Esther Blu nicht geboren worden.

Es zieht sie hierher zurück. Stellvertretend.

Für eine Geschichte, die nicht geschrieben wurde.

Wäre er hier geblieben, und hätte es den Holocaust nicht gegeben, hätte sie eine andere Geschichte gehabt.

Nicht nur eine von Weggehen und Wiederkommen. Sie wäre hier geboren worden, wäre zur Schule gegangen und aufgewachsen. Sie hätte schon in der Kindheit Maria gekannt. Ja, warum nicht? Und was wäre mit der kommunistischen Zeit gewesen? Fällt der Kommunismus ganz weg? Das eine hängt mit dem anderen zu-sammen. Die zweite Geschichte wird von der ersten geschrieben. Esther kann keine Märchen erfinden. Sie hat nur ihre Zeit, diese zerbrochene Zeit.

„Ich liebe das jüdische Viertel", flüstert Jolanta. „Ich fühle mich dort zu Hause."

Wie kann man diesen Ort lieben. Wie kann man diese Leere lieben. Wenn Esther durch die Straßen geht, die hinter den touristischen Plätzen und Gassen liegen, sieht sie noch rechts oben an den Türpfosten nackte, muschelförmige Mulden, einen Finger breit, aus denen sie damals die Mesusa herausgekrallt haben. Hier wohnten einst Juden. Die gierigen Finger der Deutschen, die das letzte Stück jüdischen Lebens herausreißen mußten. Wie konnten diese Übermenschen hierher kommen und das Leben auslöschen!

Diesen Alltag ermorden.

Esther Blu hat das nicht erlitten. Esther war nicht dabei. Noch war sie nicht geboren. Du Heuchlerin. Du nimmst den anderen ihr Leiden und wühlst darin herum.

Der Schmerz verbindet sie mit diesem Ort.

Jolanta spürt den Schmerz nicht. Sie bewegt sich wie in Trance, findet das alles wunderschön, die neuen Cafés, die restaurierten Synagogen, die heute als Museen gelten. Sie schätzt es irgendwie, obwohl dies nicht zu ihrer Welt gehört, der Welt des guten katholischen Mädchens, das liebevoll die Hostie aus der Hand des Priesters mit ihren Lippen berührt und verzehrt. Dann leuchtet ihr Gesicht vor sinnlicher Freude. Wie ein hungriger Säugling schluckt sie das heilige Stück hinunter.

[...]

Rezension I Buchbestellung I home IV13 LYRIKwelt © Mit freundlicher Genehmigung KLAK Verlag